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Die Wahrheit · 1908-06-12 · Heft 23 (12.6.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 23 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 23 ruhigung hervorgerufeu und wird wahrscheinlich noch zu vielen Erörterungen Anlaß geben. * * * Die jüngsten Ausweise der internationalen jüdischen Hilfsorganisationen haben sich sämtliche mit der traurigen Lage der Juden in Rumänien beschäftigt und wie sehr die daselbst gegebenen Schilderungen den Tatsachen entsprechen, beweist unter anderem nachstehender Bericht aus Jassy: Noch leiden Hunderte von jüdischen Familien an den Nachwehen der Maßregeln, welche infolge der vorjährigen Agrarunruhen gegen die auf dem flachen Lande wohnenden Juden ergriffen wurden. Man hatte die Auflehnung der unter schwerem Drucke seufzenden Bauern gegen die Großgrundbesitzer, die Bojaren, auf den antisemitischen Draht geleitet. Und die jüdischen Pächter, deren Bedienstete und Tausende armer Inden, die auf dem Lande in den Dörfern ihr kümmerliches Dasein fristeten, wurden mißhandelt, ihrer Habe beraubt, von Haus und Hof vertrieben. Man nennt dies in rumänischem Jargon: „Fremdengesetzgebung." Man kennt ja den Tric, die Jnterpretationsknnst, die an dem Berliner Vertrage geübt wird, welcher die Gleichberechtigung aller Einheimischen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses sanktionierte. Die 200.000 einheimischen Juden! Ja, die Gut- und Blutstenern haben sie zu tragen. Insoweit sind sie Einheimische. Aber bezüglich ihrer Rechte, in ihrer bürgerlichen Existenz, ihrer Erwerbstätigkeit, der Anfenthaltsberechtigung, re. re. sind sie „Fremde" und als „Fremde" allen gesetzlichen Beschränkungen und ungesetzlichen willkürlichen Quälereien der Verwaltungsorgane preisgegeben. So hat vor kurzem der Präfekt von Jassy an die Bürgermeister seines Distrikts ein Rundschreiben gerichtet, in welchem er diese anweist, „die wider jene ,Fremdeill erlassenen Beschlüsse zur Vertreibitng aus der Gemeinde sofort zum Vollzüge zu bringen;" er, der Präfekt, habe nämlich in Erfahrung gebracht, daß „durch eine unverzeihliche Gleichgiltigkeit" in der und jener Gemeinde „mehrere Fremde" geduldet werden. Das ist auf dem Lande. Und nun sollen die Juden, die in den Städten wohnen oder dort Hineingetrieben wurden, auch en masse ans kleinen Städten ausgetrieben werden. Nachrichten aus Jassy, Falcin, Bakau lassen keinen Zweifel, daß von Regierungs wegen solche Austreibungen inszeniert werden. „Wir Bürgermeister der Kommune . . . (so lamen die uns vorliegenden Dekrete) richten infolge der Ordre des Präfekten unseres Distriktes an £ und seine Familie die Aufforderung, die Kommntte zu verlassen, da er nicht unter den Artikel 5 des Gesetzes über die Organisation der Landgemeinden gehört, und wir geben ihm bekannt, daß, wenn er sich dieser Aufforderung nicht fügt, wir Polizeigewalt anwenden werden. . ." Mit derartig sormnlierten Ausweisungsdekreten sollen nunmehr Hunderte jüdischer Familien, das sind tausende Personen, die in kleinen Städten wohnen, au die Luft gesetzt werden. Ein oppositionelles Blatt „Opinia" in Jassy brachte vor 14 Tagen einen Artikel gegen diese Ausweisungsmaßregeln der Präfektur vom politischen Gesichtspunkte. Das Blatt hebt hervor, das; derartige in die wirtschaftlichen Verhältnisse tief eingreifende Verordnungen mindestens erst vom Parlamente genehmigt werden müßten. Es wäre an der Zeit, daß das „europäische Gewissen," wenn so etwas überhaupt noch existiert, sich rege, um die rumänischen Machthaber vor derartigen Brutalitäten zu warnen nnd ihnen nahczulegen, daß es doch nicht angehe, in Europa, in einem mit den mittel- und westeuropäischen Staaten durch seine wirtschaftlichen Interessen enge verbundenen Blkanstaate eine ganze Bevölkerungsklasse außerhalb der Gesetze zu stellen und einen völkerrechtlichen Vertrag, auf welchem die Unabhängigkeit und Selbständigkeit des eigenen Landes beruht, mit Füßen zu treten. Zu den verschiedenen Mitteln, die die russische Regierung für ihre programmäßig langsame Lösung der Agrarfrage anwendet, gehört die Gründung von provinziellen Agrarkommissionen, Diese Agrarkommissionen sollen im Aufträge der Regierung größere Grundstücke ankaufeu und sie nach entsprechender Parzellierung unter die Bauern verteilen. Die Agrarkommisfion geht nun in denjenigen Plätzen, in denen jüdische Kolonien vorhanden sind, in einer Weise vor, die geeignet ist, früher oder später die jüdischen Kolonisten zu ruinieren. Als diese jüdischen Kolonien in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw begründet wurden, hat die Regierung einem jüdischen Kolonisten einen bestimmten Bodenteil zur Bearbeitung zugewiesen. Die Regierung hat damals aber vorausgesehen, daß bei der normalen Bevölkerungs- Vermehrung es dazu kommen würde, daß der einerbestimmtenKolonie zugeteilte Boden nicht mehr ausreicht. Für diesen Fall hat die Regiermig von vornherein eine größere Bodenfläche in Bereitschaft gehalten, die heute 36^ Desjatinen beträgt. Nach einer offiziellen Verordnung von 1847, die in späteren Verordnungen bestätigt wurde, ist ausdrücklich bestimmt, daß dieser Boden nur für die jüdische Bevölkerung verwendet werden darf, in dem Falle, daß der sonst verfügbare Boden nicht mehr für alle jüdischen Kolonisten ausreicht. Im Jahre 1900 hat sich tatsächlich bei den Juden ein großer Mangel an Boden herausgestellt. Die Negierung hat sich damals veranlaßt gesehen, 20.000 Desjatinen entsprechend den früheren Verordnungen znznweisen. Der übrige Boden wurde von den Kolonisten gepachtet, da dieser Boden nicht ttnter das Gesetz vom 2. Mai 1882 fällt, nach welchem Juden keinen Boden pachten dürfen. Die Pachtbedingungen waren sehrgünstig, so daß es den Juden gelungen ist, sich als Erdarbeiter und Bewirtschafter eine erträgliche Existenz zn begründen. Die jetzt von der Regierung eingesetzten Agrarkommissionen haben ungeachtet aller erwähnten Verordnungen den ganzen Erdfonds, den die Regierung ausdrücklich für die Inden bestimmt hat, eingezogen. Den Juden soll der Boden nicht verpachtet werden. Die jüdischen Kolonisten haben nun die Ungesetzlichkeit dieser neuesten Anordnung nachgewiesen und haben schließlich bewirkt, daß sie den Boden noch für ein Jahr in Pacht behalten dürfen. Im folgenden Jahre soll der ganze Boden laut desinitivem Beschluß der Agrarkommission an nichtjüdische Landbaner verkauft werden. Sogar der Preis des Bodens ist von der Agrarkommission bekannt gegeben worden. Wie die Dinge jetzt liegen, werden wohl die Inden des ihnen zngeteilten Bodens für immer verlustig gehen. So müssen die Juden zahlen für die Unfähigkeit der Regierung, die Agrarfrage zn einer befriedigenden Lösung zn bringen. * * * Im Hinblick auf die Agitation gegen den Militärdienst der russischen Juden und den Vorschlag, sie überhaupt davon auszuschließen, erinnert die „Bess. Shisnj" an den Befehl des General Zerpizli vom 24. Juni 1905 snd Nr. 262, in welchem der Heldenmut eines Inden hervorgehoben wird. Es heißt darin: Am 16. Januar zur Zeit der Kämpfe bei Mnkden wurde während des Artilleriekampfes der 31. Artilleriebrigade mit den japanischen Brisautbatterien dem Bombardier der 2. Batterie der 31. Artilleriebrigade Lasar Lichtmacher, einem Inden, durch ein feindliches Geschoß der Arm abgerissen. Am 17. besuchte ich das Lazarett und bemerkte auch den Lichtmacher, dem soeben der Arm amputiert war. Er machte trotz seiner Leiden einen so kühnen und heldenmütigen Eindruck, daß ich ihn anredete. Ich war erstaunt über seine Willenskraft, Fassung nnd Kühnheit. Er bat, sofort nach seiner Genesung, wieder bei der Batterie eintreteu zn dürfen, denn er fürchte, die Batterie werde ohne ihn nicht so gut arbeiten. Wie ich später erfuhr, war er wirklich der leitende Charakter der Batterie und sein Fortbleibeu wurde schwer empfunden. Kalim war er entlassen, so reichte er eine flehende Bitte ein, wieder in den Dienst gestellt zn werden. Indem ich seine Bitte erfülle, hebe ich sein Betragen als musterhaft und der Nachahmung wert hervor.- Ich danke dem Lasar Lichtmacher für seine Ergebenheit gegen den Zaren, und das Vaterland, in deren Dienste alle — Russen, Polen, Tataren, Deutsche, Inden — gleich sein müssen." — Unter den Akten, der Dnmaredner zn Gunsten des antisemitischen Vorschlages befand sich leider der Tagesbefehl snd 262 nicht. Die Seele von Wien. Diese Ueberschrift trug eine der jüngsten Literatnrbeilagen der „Neuen Freie:: Presse" an ihrer Spitze und die einbegleitenden Worte lauteten: mBiää

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