Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 23 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akt-heil »Ifbnftion ». Sldiiiniist, nuoii: Wien, il/, Siinuiragnfje 27. TflfDDi'ii brv Ttiirffici 15.10S K. f. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 100.918. ÄNlLVlliL Die viermal gefvalteile Nonvareille-Zeile 3b Heller. ridouneiiicillSu. Jliici lionsbelrägc ünb in S9ieii zahlbai iiiib klagbar. Unabhängige Heiifchnft für jübifche Jirieresserw Erscheint jeden Kreitng. Motto I „Das Siegel (tottes ist, Wahrheit!“ Kerntr»r«»ieio: | i«iiiizl"tliig ...» >4.! Halbjätzrig . If 7 -! i ftiir (Snltii^brumte: 'V'niMlilDi Itj 5f lll. i\-iir NuZhnid: 'iWHtnativivi 8 'Utuif 6!Unt)ft oder irt Uv. 23 Wien. 12 Jnni 1908 Anhalt. Aus der Woche. — Die Seele von Wien. — Das Leben und Wirken der Inden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Berjchiedene Nachrichten. — Austritte aus dem Judeiltum. — Feuilleton: Eine Reise vor 70 Jahren. — Jubiläuins-Kantvrentag. — Meyerbeer als Synagogenkomponist. Ans der Woche. „Gemeinbürgschaft" ist das Schlagwort, das alle deutschen Abgeordneten in Oesterreich unter Führung der Christlichsozialen den klerikalen Zielen dienstbar machen soll. Weil aber manchem Volksboten und manchen Wählerkreisen wenigstens noch eine Erinnerung an den einstigen Freisinn geblieben ist und die schwarze Bundesgenossenschaft besonders bei der akademischen Jugend ans harten Widerstand stoßt, wurde bei der im Zuge bebefindlichen Budgetdebatte von seiten der christlichsozialen Redner die Gemeinbürgschaft gegen eine beliebte Angriffsfront, gegen die Juden, gerichtet. Und so hörte man den Prinzen Liechtenstein, einen der gegenwärtig einstußreichsten Männer in Oesterreich, gegen den übermächtigen jüdischen Einstuß wettern, und auch der Abgeordnete Schmid suchte seinem reaktionären Anträge auf Beschränkung der jüdischen Mittelschüler ein nationales Mäntelchen umznhängen. „Die ärmere arische Bevölkerung," sagte er, „vermag überhaupt nicht ihren Kindern eine höhere Bildung zuteil werden zu lassen, während die Juden es sehr gut zu Wege bringen, ihre Kinder an den Wiener Mittelschulen unterzubringen. Dazu kommen noch jüdische Mittelschüler aus Böhmen, Mähren und Galizien in solchen Massen, daß man schon von einer Verjndung der Wiener Mittelschulen sprechen muß. Die Folge davon ist derselbe Zustand an den Hochschulen. Während der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich etwas über 4-7 ist, ist jener der jüdischen Hörer an den österreichischen Hochschulen 15-4. An der Wiener medizinischen Fakultät waren vor einigen Jahren bei 60 Prozent Juden. Es wäre für die arischen Studenten bedeutend besser, wenn sie, anstatt auf die katholischen Studenten loszuschlagen, sich zusammenscharten, um der Invasion der Juden an den Hochschulen einigermaßen entgegenzntreten. Es müssen Mitttel und Wege gefunden werden, um dem übermäßigen Anwachsen der Zahl der jüdischen Mittelschüler entgegenzutreten. Die Juden sollten bestrebt sein,.ihre Nationsangehörigen dazu zu bringen, sich auch anderen Berufen zuzuwenden, die schwere körperliche Arbeit erfordern?" Bei der bekannten Tatsache, daß gerade die Christlichsozialen die Juden überall vom Handwerk und Gewerbe abzusperren suchen, gehört wohl die srechdreiste Stirn eines Antisemiten dazu, sie auf den Weg der Arbeit zu weisen. Die Lockrufe des Abgeordneten Schmid sind also nur für den Gimpelfang berechnet, und wenn die Deutschen den Klerikalen auch diesmal auf den Leim gehen, dann verdienen sie das Schicksal, das ihnen von der Reaktion bereitet werden wird. * * » i In den Kreisen der offiziellen Vertretung des ungarischen j Judentums, welche seit Jahren bestrebt ist, dabin zu wirken, daß! die volle Gleichberechtigung der jüdischen Konfession auch in! einer entsprechenden Dotierung ihrer kultuellen Einrichtungen i durch den Staat Ausdruck finde, hat die jüngste Rede des! Kultusministers einige Enttäuschnng hervorgerufen. Die §§ 2 j und 3 des Gesetzartikels XX vom Jahre 1848 besagen nämlich, j daß alle anerkannten Glaubenssekten vollkommene Gleichheit und! Reziprozität genießen und der Kirchen- und Schnlgebrauch aus l allgemeinen Staatsmitteln bestritten werden soll, worüber unter! Anwendung dieses Prinzips auf die einzelnen Glaubensriteu die! Regierung einen Gesetzesvorschlag zu unterbreiten hat. > Die Verfügungen dieser Paragraphe find bis zum heutigen - Tage noch nicht vollstreckt worden. Dessenungeachtet gelangt das j in diesem Gesetze niedergelegte Prinzip insofern zur praktischen Geltung, als einzelne Konfessionen für Kirchen- und Schulzwecke i im Nahmen der budgelarifch festgesetzten Summe ll n t e r-! stützungen erhalten, ferner daß der Staat zur Ergänzung I der Seelsorger- (Kongrua) und Lehrergehülier Beiträge leistet. j Seit Jahren ist nun eine Bewegung im Zuge, insbesouders! von Seiten der Protestanten, daß das in Rede stehende Gesetz! zur Durchführung gelange. Die Bemühungen der Protestanten! sind auch von Erfolg begleitet, denn Kultusminister Graf; Apponyi hat am 20. d. M. anläßlich der im Abgeordnetetlhanse! abgehaltenen Verhandlung des Budgets für Kultus und Unter-! richt die Erklärung abgegeben, daß er demnächst dem Abge-! ordnetenhanse eine Gesetzesvorlage über die stufenweise Durchi führung des Gesetzartikels XX vom Jahre 1848 unterbreiten! wird. Der Gesetzentwurf wird sich nicht nur darauf beschränken, daß er die Durchführung des § 3 des Gesetzes um einen großen Schritt näher bringt, sondern er wird die vollständige und? genaue Durchführung des § 2 auf der ganzen Linie sichern.! In jüdischen Kreisen hat man den Erklärungen des Kultus-! Ministers mit großer Spannung entgegengesehen, da man eine! Enunziation hinsichtlich der Dotation für jüdische Zwecke er- : wartete. Die großangelegte Rede des Kultusministers hat jedoch! große Enttäuschung verrtrsacht. Der Minister erwähnte einigemal : die Frage der Dotation, sprach aber kontinuierlich ausschließlich von den protestantischen Konfessionen, obwohl man auch an den; Minister herangetreten war, daß er die Rechtsvorteile des : 1848er Gesetzes auch auf die rezipierte Judenheit ausdehnen : möge. Allgemein wird daher gefolgert, daß der augekündigte! Gesetzentwurf sich nicht auf die jüdische Koufession erstrecken I wird. Dieser Umstand hat in jüdischen Kreisen große Beun-