Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 22 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 8. Die Wahrheit Nr. 22. Ras Mangascha, Gouverneur von Godscham, Agumeder und von Kuarä, einen an den Neffen der Kaiserin, Ras Guxa, Gouverneur von Begemender, Simen und Gondar, einen an Ras Uolie-^Bruder der Kaiserin, Gouverneur von Lasta, und endlich an Dedschasamtsch Gabru Sellassi, Gouverneur von Adua. Ich glaube, daß alle diese Briefe mir von großem Nutzen fein werden. Gegen den 1. April werden wir uns auf den Weg machen, um zu den Falaschas Beziehungen zu gewinnen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich nichts vernachlässigen werde, um einen Erfolg unserer Mission zu sichern, und daß ich gleichzeitig jede Vorsicht anwenden werde. In den Provinzen, durch die wir kommen werden, gibt es zwei ungesunde Bezirke: Die Westküste des Tanasees (Kuara) und Maröb an der italienisch-abessinischen Grenze. Den erstgenannten Ort werde ich möglichst schnell durchschreiten, soweit das geschehen kann, ohne meiner Aufgabe znwiderzuhandeln. An dem anderen Platze werde ich mich nicht aufhalten und zu dem Zwecke einen 16stündigen Gewaltmarsch machen. Ich glaube, daß unsere Falascha-Reise drei Monate dauern wird, während deren Sie keine Nachricht von uns haben werden. In ganz Amhara gibt es weder Posten noch Telegraphen. Sollten wir aber unterwegs einen Reisenden kreuzen, so werden wir ihm Briefe mitgeben. Auf diese Weise können Sie vielleicht erfahren, wo wir sind und wie es uns geht. Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß unsere nächsten Briefe mit uns zugleich in Europa ankommen werden. Uebersetzung des Geleitbriefes für die Alliance-Mission. (Siegel.) „Der Löwe des Stammes Juda, der Sieger Menelik II., von Gottes Gnaden, König der Könige von Aethiopien. Die Träger dieses Briefes, die Herren Nahum und Eberlin, sind nach Aethiopien gekommen, um die Falaschas zu sehen. Sie mögen überall hingehen, in alle Lande — hindert sie nicht daran. Ihr, Oberhäupter der Provinzen, bringt ihnen alles, was sie zu kaufen nötig haben, geleitet sie in guter Sicherheit, damit sie das Land in ungestörter Gesundheit durchschreiten. Ich befehle, daß es also sei. Geschrieben und gegeben in der Stadt Addis-Abeba am 9. Maggabit im Jahre der Gnade 1908." Addis-Abeba, den 3. April 1908. Ich habe die Ehre, mein Telegramm von heute früh zu bestätigen, das folgenden Wortlaut hatte: „Warme Abschiedsaudienz, wir brechen nach Godscham aus." Letzten Samstag, gegen 4*4 Uhr Nachmittag, als wir uns eben zum Ausgehen bereiteten, um einige Abschiedsbesuche zu machen, kam Ato Haile Mariam eilends zu uns, um uns zu sagen, daß der Kaiser die Gnade gehabt habe, uns eine Abschiedsaudienz um 5 Uhr zu bewilligen. Wir begaben uns auf der Stelle nach dem in dem vorigen Schreiben geschilderten Saal, wo man uns zur bestimmten Stunde zu Seiner Majestät führte. Dieser Empfang war überaus herzlich. Zunächst ließ der Kaiser mich wissen, daß er mir Titel und Insignien eines Kommandeurs des Ordens vom Siegel Salomos verliehen habe. In einer kleinen Ansprache dankte ich dem Kaiser im Namen der Alliance für alle Ehrungen, die uns bereitet worden seien, und sprach Gebete aus für das Gedeihen seiner Regierung. Kaiser Menelik erwiderte: „Bringen Sie meine kaiserlichen Grüße allen Mitgliedern der Alliance Jsraelite Universelle und sagen Sie ihnen, daß ich ihnen für die Gebete danke, die sie für mich sprechen. In der Tat, das Gebet ist die Kraft der Könige. Besuchen Sie die Falaschas und die archäologischen Denkmäler, und schicken Sie mir durch den französischen Herrn Minister' ausführliche Berichte. Ich wünsche Ihnen gute Reise und bitte Sie, mir telegraphisch von Ihrer gesunden Ankunft daheim Kenntnis zu geben." Morgen früh reisen wir ab, und vor unserer Heimkehr haben Sie keine Briefe mehr von uns. Der französische Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Herr Pichon, hat der Alliance in Paris verschiedene Depeschen mitgeteilt, die er über die Mission von dem Vertreter Frankreichs in Addis-Abeba erhalten.hat. Folgendes ist der Bericht, den Herr Brice über den der Mission vom Negus bereiteten Empfang dem Ministerium erstattet hat: „Addis-Abeba, den 10. März 1908. Ich habe die Ehre, zur Kenntnis Eurer Exzellenz zu bringen^ daß auf mein Gesuch Seine Majestät Menelik am 6. d. M. die Herren Nahum und Eberlin empfangen hat. Nach der Verlesung und Ueberreichung der Adresse der Alliance Jsravlite Universelle hat Herr Nahum sehr geschickt den Zweck der philologischen und ethnographischen Forschung auseinandergesetzt, die er in diesem Lande anstellen will. Indem er Aethiopien mit einer lange Zeit der Sonne beraubten Blume verglich, die zum Aufblühen nur einen Lichtstrahl erwartete — hat er Menelik zu diesem Lichtstrahl gemacht, dank dem die Blume sich geöffnet und das bis zu seiner Thronbesteigung in Finsternis getauchte Land ans der Isolierung hervorgetreten ist, um mit der übrigen Welt in Beziehungen zu sein. . . . Sehr eingenommen durch diese blumenreiche Sprache, hat der Kaiser Herrn Nahum zngesagt, daß er ihm alle erforderlichen Ermächtigungen geben werde, in seinem Reich sich zu bewegen und in aller Freiheit seinen Studien nachzngehen. Er bezeichnet ihm selbst gewisse Inschriften in der Umgegend von Addis-Abeba, deren Sinn er gern kennen lernen möchte. Anderen Tags ließ Kaiserin Taitu Herrn Nahum sagen, daß fie seinen Arbeiten mit Aufmerksamkeit folgen werde, und daß sie ihn wie seine Gefährten im Thronsaal zum Frühstück eiulade. Gestern haben diese Herren hier im Namen der Alliance Jsraslite Universelle für den freundlichen Empfang gedankt, den ihnen auf Empfehlung der Gesandtschaft der Republik Seine Majestät Menelik bereitet hat." _ Das Leben »mb Wirken der Inden in Oesterreich in vormarsiichrn Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Forsetzung.) Während der. Mahlzeit pflegte in der Regel der Rabbiner oder sonst ein anwesender Talmudgelehrter eine homiletische Tischrede zu halten, die, besonders wenn sie mit geistreichen Witzen gewürzt war, die Gäste in hohem Maße entzückte. Es haben sogar, sei gelegentlich bemerkt, berühmte Prediger, wie Azania di Figo in Venedig und Josias Pinto in Damask, es für angemessen gefunden, derartige Reden ihren homiletischen Sammlungen einzuverleiben. Besondere Sensation erregte die „Rede an der Wiege eines achttägigen Kindes", welche Ignaz Jeiteles 1817 in der „Abend-Zeitung" veröffentlichte. Er ries dem neugeborenen Kinde zu: „Unglückliches Geschöpft Sei tapfer wie Curtius, gerecht wie Aristid, ein Weltweiser wie Mendelssohn, du bist nicht komplett, mein Söhnlein. Du mußt — rechnen! Zahlen sind deine Bestimmung, und über die Null erhebst du dich selbst nicht. Viel wirst du hören von Humanität und Philanthropie, überall wirst du sie vermissen; nicht achten wird man deine Menschenwürde, dein Recht in der bürgerlichen Gesellschaft dir verweigern, nie das Unglück dir verzeihen, das dir heute widerfuhr, und sich noch edel und menschlich bedünken, wenn man dich — nicht schlachtet." „Unglückliches Geschöpf! Gehemmt in jedem Wirkungskreise, gestört in allen Beziehungen, schuldlos geächtet, in deiner Heimat Fremdling, wird man nur allzusehr vergessen, daß du, aus gleichem Stoffe geformt, gleichen Anteil an der Schöpfung hast, wird man dich zertreten, und es dir dann zum Verbrechen rechnen, daß du zertreten bist." „"Unglückliches Geschöpf! Noch unglücklicher, wenn du, über deiner Unglücksgenossen Sphäre heraustretend, deinen Zustand fühlst." (Vgl. Sulamit V, 1, 237—241.) Ob diese Art Festrede geeignet war, die Festfreude zu erhöhen, ob sie überhaupt am Platze war, ist sehr fraglich. . Der jüdische Wohltätigkeitssinn und die sprichwörtlich gewordene jüdische Munifizenz manifestierten sich bei dem Be-