Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 22 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nl. 21. Die Wahrhett Seite 9. ichneidungsmahl „Seuda", wie bei allen jüdischen Angelegenheiten. Man gedachte während des Festmahles der Ortsarmen und vergaß auch nicht, zugunsten des Talmud-Thora-Vereines eine Kollekte zu veranstalten. Nach beendeter Mahlzeit wurde das übliche Tischgebet, dem zu Ehren der Beschueidungsfeier ein bekannter Lobgesang voranging, verrichtet. Am ersten oder zweiten Sabbath nach der Beschneidung des Kindes wurde der Vater desselben zur Thora gerufen, wo er, nachdem er die üblichen Benediktionen rezitiert hatte, vom Vorbeter für die Wöchnerin und das neugeborene Kind Segen „Mischeberach" sprechen und die Spendung der zu verabreichenden Gaben ..Matonot" für die Armen und Wohltätigkeitsvereine „Chewrot" laut verkünden ließ. Beim Morgengottesdienste dieses Sabbath mußte sogar der Vorbeter zu Ehren der Wöchnerin das bekannte „Lsinsoliiiii bezetom“ mit einer besonderen Melodie singen, wofür er (der Chasan) auch zumeist unständig honoriert wurde. Bei . der Geburt eines Mädchens wurde bloß am zweiten Sabbath nach der Entbindung ein Schmaus vor dem Mussafgebet für die Frauen veranstaltet und der Vater des Kindes mußte zur Thora gerufen werden, wo er dem neugeborenen Mädchen den Namen erteilen ließ. Da die Wöchnerin an diesem Tage in der Regel das Wochenbett verließ, so nannte man dieses kleine Fest „den Aufstand". Bri einem erstgeborenen Sohne „Bechor", dessen Vater weder ein Ahronide noch ein Levite, und dessen Mutter weder eines Ahroniden noch eines Leviten Tochter war, fand einen Monat nach seiner Geburt auch die Zeremonie der Auslösung „Pidjon" statt. Es wurde nämlich nach dem Morgengottesdienste eine Mahlzeit, bei der zehn Personen anwesend sein mußten, veranstaltet, und ein „Kohen" Ahronide bestellt, der den Auslösungsakt. nachdem der Vater die üblichen Beuediktionen gesprochen, vollzogen hatte. Sechs volle Wochen wurde die Mutter des neugeborenen .Kindes als Wöchnerin betrachtet. Während' dieses Zeitraumes mußte sie sorgfältig gepflegt werden. Erst nach Verlauf von sechs Wochen wurden die Amulette, „Kindbett-Briefchen", von den Türen un.d Fenstern entfernt. Jede jüdische Mutter war in der Regel selbst die Amme ihres Kindes. Ja sie mußte es umsomehr sein, als es in Oesterreich den Juden nicht erlaubt war, christliche Ammen und Dienstboten zu halten. (Vgl. Hermann, Geschichte der Israeliten in Böhmen. S. 9.)*) Erst ein Hof- Dekret vom 30. September 1825,, Z. 29508 gestattete den Inden in Schlesien, „im Falle der Unvermögenheit einer jüdischen Mutter, ihre Kinder selbst zu säugen, und wo keine jüdische Säugeamme aufgebracht werden kann, eine christliche Säugeamme zu halten". (Scari. System. Darstellung, S. 172.) Zum ersten Geburtstage erhielt der jüdische Knabe von seinem Gevatter, resp. Gevatterin einen schönen Anzug, den man das „Jahrkleid" nannte, nebst einem Geschenke von Gold- oder Silbermünzen. II. Erziehung und U n t e r r i ch t. Die der Verbreitung der Kenntnis der Thora gewidmete Institution, die Schule, ist ebenso alt wie das Judentum. Ein Volk, das berufen wurde, ein Mamlechet kohanim, ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk zu sein, als Träger einer großen, ja der größten Idee in der Geschichte, als Lehrer der Völker der Erde eine hervorragende Rolle zu spielen, mußte selbstverständlich frühzeitig schon darauf Bedacht nehmen, daß vor allem in der Familie, wie in der Gemeinde für die Verbreitung und Förderung der religiösen Wissenschaft Sorge getragen wird, und dieses geschah dadurch, daß ursprünglich, nämlich in der biblischen Zeit, jeder Vater als solcher verpflichtet war, seinen .Kindern selbst den Religionsunterricht zu erteilen und die Erziehung derselben zu leiten. „Und du sollst die Lehren der *) Die jüdischen Frauen des Mittelalters empfanden den Druck dieses intoleranten Gesetzes umsoweniger, als eine hervorragende rabbinische Autorität aus Furcht, die fremde Milch würde auf die ethischen und geistigen Eigenschaften des Kindes einen nachteiligen Einfluß üben, es nicht für ratsam hielt, die Kinder von nichtjüdischen Ammen „stillen" zu lasien. .(Bgl. Jsserls I. Dea 81. 7.) Religion deinen Kindern einschärsen und von ihnen (den Lehren) reden, wenn du in deinem Hause sitzest, aus dem Wege gehest, wenn du dich niederlegst und wenn du ausftehst." (5. B. M., 6, 7.) „Und sollt sie eueren Kindern lehren, um von ihnen zu reden, wenn du sitzest in deinem Hause" u. s. w. (5. B. M., 11. 19.) „Uud mache sie bekannt deinen Kindern und Enkeln" (ibid. 4, 9). „Versammle das Volk, die Männer, die Frauen und die Kinder, damit sie hören rc. Und die Kinder, die nichts verstehen, sollen hören und lernen" (ibid. 31, 13). Und da jeder Vater es als seine erste und heiligste Pflicht betrachten mußte, seine Kinder selbst in der Lehre Gottes zu unterrichten, so wird man es auch leicht begreiflich finden, warum es während des ersten Sraatslebeus keine öffentlichen Kinderschulen gegeben hatte. Hochschulen zur Heranbildung von Volkslehrern, Volksrednern, Propheten existierten auch damals schon. (Sam. 1. 10, 6.) Erst während des zweiten Staatslebens wurde das Bedürfnis lebhaft fühlbar, öffentliche Kinderschulen ins Leben zu rufen. Simon b. Schetach,*) ein Syuhedrialpräsident, der zu Anfang des letzten Jahrhunderts v. Ehr. gewirkt, war es. der sich um die Gründung öffentlicher Kinderschulen hohe Verdienste erworben. Im Jeruschalmi (Ketnboth) wird erzählt, daß Simon b, Schetach. nachdem er die Ueberzengung gewonnen, daß der Jugendnnterricht durch die Eltern ein höchst mangelhafter sei, und verwaiste Kinder denselben gänzlich entbehren mußten, die Bestimmung getroffen habe, daß die Kinder gemeinsam in öffentlichen Schulen den Unterricht genießen sollen". Man darf daher mit Fug und Recht Simon b. Schetach. der vor ungefähr 2000 Jahren lebte, den Schöpfer und Begründer der öffentlichen Schulen nennen. Erneuert und erweitert wurde diese Verordnung später durch den berühmten hochverdienten Hohepriester Josua b. Gamla, der ungefähr 70 Jahre n. Ehr. an allen Orten, wo Inden wohnten, Kinderschulen errichten ließ. Es wird im Talmud hierüber folgendes berichtet: „Dieses Mannes möge nur zum Guten gedacht werden, er heißt Josua b. Gamla. Die Thora wäre in Israel vergessen worden, wenn er nicht für die Verbreitung ihrer Kenntnis Sorge getragen hätte. Bis dahin war es üblich, daß jeder Vater seinen Kindern selbst den Religionsunterricht erteilt hatte, nun kam es aber oft vor, daß die Verwaisten ohne jeden Unterricht, ohne Kenntnis der Religionslehre aufwuchsen, daher die Anordnung getroffen wurde, daß in Jerusalem öffentliche Kinderschulen kreiert worden sind. (Forschung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Zentralstelle für das jüdische Armenw e f e n.) Am Dienstag, den 9. Juni l. I., präzise 6 Uhr abends, findet im Sitzungssaale der ifrael. Knltusgemeinde, I., Seitenstettengasse Nr. 4, II. Stock, die konstituierende Versammlung der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen statt. Tagesordnung: 1. Mitteilung der Beitrittse r k l ä r n n g e n. 2. G e n e h m i g u n g d e s R e g u l a t i v s. 3. W a h l des Kuratoriums. 4. Beschlußfassung über den Zeitpunkt des Beginnes der Tätigkeit der Zentralstelle. Die verehrlichen israelitischen Wohltätigkeits- und Humauitätsinstitute werden ersucht, ihre Delegierten zuverlässig zu entsenden. Dauer der Versammlung zirka eine Stunde. Wien. (Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizieu.) Am 31. Mai d. I., vormittags 10 Uhr, fand unter dem Vorsitze des I. Vizepräsidenten, Herrn Adolf P i ck, in den Räumen der B'nai B'rith-Bereinignngen, IX.. Universitärsstraße 4, eine außerordentliche Generalversammlung des Hilfsvereiues für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien statt, bei welcher folgende Herren mit Stimmeneinhelligkeit in die B e r e i n sl e i t n n g gewählt wurden: Armin B e h r, Exporteur; Karl B o n d y. Spediteur; Arnold v. Goldberger. Direktor der Teppich-Aktieugejell- *) Während der grausamen Verfolgungen, denen die Pharisäer unter Hirkan und Alexander Jannäus preisgegeben waren, entstand dem Rabbinismus in der Person des Simon b. Schetach sein Redemptor und Begründer, der, wie es im Talmud heißt, durch seine überaus segensreiche Tätigkeit der Krone des Gesetzes ihren früheren Glanz wieder zu verleihen verstanden hatte. (Kidd. 66.) Er soll, wie der Talmud (Ber. 48) mitteilt, der Bruder der Königin Alexandra Salona, Gattin des vom Pharisäismus l abgefallenen Königs Alexander Jannäus, gewesen sein; daher er auch am I königlichen Hofe als einflußreiche Dignität figuriert hatte.