Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 22 (5.6.1908)
- Date
- 1908-06-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 22. Israelitische Allianz zn Wien. Die 35. ordentliche Generalversammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" fand am 27. Mai, abends um 6 Uhr, im Saale der israelitischen Kultusgemeinde statt. Den Vorsitz sührte in Vertretung des von Wien abwesenden Präsidenten, Herrn David Ritter v. Gutmann, Herr Vizepräsident Dr. Alfred Stern. Unter den Anwesenden befanden sich die Herren Vorstandsmitglieder Dr. S. W a h r m a n n. Dr. A. Kura n d a, Dr. F. K atz au, W. Pappen heim, D. Ziffe rer. F. Singer, Direktor M. Koritschoner, kais. RatL. Sachs, ferner vom Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde die Herren Vizepräsident Landesschulrat Dr. G. Kohn, M. B. Eißler, Dr. M. Spitzer und kais. Rat I. Weil. Der Vorsitzende, Herr Dr. Alfred Stern, eröffnet die Versammlung mit einer Begrüßung der erschienenen Mitglieder und gedenkt im Anschluß an den im Jahresbericht enthaltenen Nachruf in warmen Worten der während des verflossenen Verwaltungsjahres verstorbenen Freunde und Förderer der Allianz. Er hebt inerster Reihe die großen Verdienste des erst vor kurzem dahingeschiedenen Präsidenten des Frankfurter Hilfskomitees, Herrn Charles L. Hallgarten, hervor, der die großen internationalen Hilfsaktionen zugunsten unserer bedrängten Glaubensgenossen mit unvergleichlicher Hochherzigkeit, mit seltener persönlicher Hingebung gefördert und dessen Hinscheiden für die gesamte Judenheit einen unersetzlichen Verlust bedeutet. Er erwähnt ferner den verstorbenen Ehrenpräsidenten der Filiale in Triest, Herrn Oberrabbiner S. R. Melli, sowie das erst vor wenigen Tagen durch den Tod entrissene Vorstandsmitglied Herrn Emanuel B a u m g a r t e n, der der Leitung der Allianz seit ihrer Gründung angehört hat. Die Versammlung erhebt sich zur Kundgebung der Trauer von den Sitzen. Zum ersten Punkt der Tagesordnung: „Bericht über die Tätigkeit des Vereines", stellen mehrere Mitglieder den Antrag, von einer Verlesung des Jahresberichtes abzusehen, da derselbe, wie alljährlich, einige Tage vorher den Mitgliedern zugegangen ist. Der Antrag wird genehmigt und der Bericht zur Diskussion gestellt. Herr Fuchs interpelliert den Vorstand wegen der unter den Schulsubventionen erwähnten Subvention der Haushaltungsschule „Lumina" in Galatz, da Haushaltungsschnlen meist Schulen für Töchter aus besser situierten Bürgerkreisen seien, die eine Förderung durch die Allianz nicht benötigten. Herr Sekretär Dr. K a m i n k a erklärt, daß dem Vorstand jedes Jahr ein detailliertes Budget, sowie eine Bilanz dieser Schule, wie jeder anderen von der Allianz subventionierten Anstalt, vorgelegt wird, und die in Rede stehende Schule nach zuverlässigen Berichten gerade für die arme jüdische Bevölkerung eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet; mehrere Damen unterrichten an ihr unentgeltlich und die Anstalt ist der Uttterstützung durchaus würdig. Sie wird auch, außer von der Wiener Allianz, von Paris und von Berlin subventioniert. Herr Rabbiner Dr. Funk (Preßburg) fragt, warum im Kapitel „Rumänien" nicht auf die hervorragende Tätigkeit des Sekretärs. Herrn Rabbiner Dr. K a m i n k a, bei der Organisierung des Hilfswerkes und der Durchführung desselben hingewiesen ist. Der Vorsitzende erklärt, daß es nicht die Gewohnheit der Allianz ist, einzelne Funktionäre, sei es Mitglieder des Präsidiums oder den Sekretär, in Berichten und Kundgebungen besonders hervorzuheben. Es ist selbstverständlich, daß in der Leitung des Vereines jeder nach bestem Können seine Pflicht tue. Herr Baum kommt auf seinen in früheren General- Versammlungen gestellten Antrag zurück, daß die Propagattda sowohl in Wien wie in den Provinzen viel eifriger betrieben werde. Er findet ein im Verhältnis zu der umfassenden Hilfstätigkeit der Allianz, welche der gesamten österreichischen Judenheit zur Ehre gereicht, ein viel zu geringes Interesse in der jüdischen Bevölkerung für den Verein ausgedrückt. Dies zeige sich z. B. darin, daß die Tempelspenden zugunsten der Allianz io spärlich fließen und mit Ausnahme der Inneren Stadt und des Leopoldstädter Tempels, sowie des Großen Musikvereinsiaales, wo offenbar infolge des Umstandes, daß Herr Dr. K a m i n k a dort in den Feiertagen predigt, manches gespendet wird, beinahe aits keinem anderen Bethause in Oesterreich dem Vereine etwas zufließe. Es sei auch bezeichnend,- daß von den 16 Wiener Rabbinern kein einziger anwesend und manche nicht einmal Mitglieder seien. (In diesem Augenblicke erscheint Herr Rabbiner Dr. Gelb haus und wird vom Präsidium begrüßt.) Der Beirat sei auf die statutarische Anzahl von 15 Personen zu erweitern. Die Einladung zur Generalversammlung möge auch an die auswärtigen Mitglieder immer gesandt werden und im Berichte jedesmal ein statistischer Ausweis über den Zuwachs an Mitgliedern gegeben werden. Das Sekretariat möge im ganzen Reiche eine energische Propaganda entfalten und nicht zum wenigsten auch in Ungarn, wo z. B. Budapest mit einer verschwindend geringen Anzahl von Mitgliedern bis jetzt figuriert. Präsident Dr. Stern dankt den Vorrednern für das aus ihrer Kritik hervorleuchtende warme Interesse für die „Israel. Allianz„. Was die Spenden betrifft, so bestehen in Wien eine große Anzahl von humanitären Vereinen, wodurch die Wohltätigkeit zersplittert wird. Die statutarische Ergänzung des Beirates stoße auf die Schwierigkeit, daß in denselben nur stiftende und gründende oder lebenslängliche Mitglieder gewählt werden können (d. h. die den einmaligen Betrag von 4000 L, bezw. 1000 oder 200 K geleistet haben). Es würde aber von der Leitung warm begrüßt werden, wenn sich Propagandakomitees in den Wiener Bezirken, sowie in den Provinzstädten bilden würden. Der Sekretär stellt sich mit Vergnügen jeder Ortsgruppe, soweit seine freie Zeit reicht, zur Verfügung, um Vorträge und Referate über unsere Wirksamkeit zu halten. Leider aber ist es schwer, an auswärtigen Orten Propaganda-Versammlungen zu veranstalten, wenn nicht die betreffenden Herren Kultusvorsteher oder Rabbiner, bei denen man doch ein warmes Interesse für die Allianz voraussetzen müßte, die Sache in die Hand nehmen. Glücklicherweise bilden die Eingänge von Mitgliedsbeiträgen, wie aus der Bilanz ersichtlich, nur einen verschwindenden Bruchteil des Budgets, das eine Höhe von 1,080.482 Kronen pro 1907 erreicht hat, und die Stärke der Wiener Organisation, sowie das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung zu ihr zeigt sich hauptsächlich in der Höhe der Sammlungen für besondere Hilfszwecke. So hat der Verein während der letzten Jahre weit über eine Million Kronen für die russischen und erst in diesem Jahre 176.000 K für die rumänischen Juden aufgebracht. In B u d a p e st fönite eine Propaganda seitens der Wiener Allianz systematisch nicht betrieben werden, da dort eine Filiale der Pariser Allianz bestehe und die ungarischen Juden, infolge der bekannten politischen Stimmung gegen Oesterreich, ihre Beiträge lieber nach Paris senden. Rabbiner Dr. Funk bemerkt mit Bezug darauf, daß einige. hervorragende ungarisch-jüdische Persönlichkeiten, infolge seiner Anregung, die Absicht haben, ein ungarisch-jüdische Allianz nach dem Muster der Wiener Organisation zu gründen. Der Jahresbericht und die Rechnungsabschlüsse werden hierauf einstimmig genehmigt. Die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder: Herr Generalrat Adolf Klein, Direktor Moriz Koritschoner, Rabbiner Dr. Adolf S ch m i e d l, Fritz Singer und Hofrat Sigmund T a u s s i g werden per Akklamation wiedergewählt. Herr kais. Rat Jonas W e i l dankt hierauf namens der Mitglieder dem Vorstande und dem Sekretariate für 'die aufopfernde und segensreiche Tätigkeit, Herr Dr. Markus Spitzer dankt in einer lvarmen Ansprache der Leitung der Allianz namens des Kultusvorstandes. Die Wiener israelitische Kultusgemeinde könne auf diese große, die gesamt-jüdischen Interessen vertretende Organisation besonders stolz sein. Man verknüpfe mit dem Namen der Allianz den Begriff der Macht des Judentumes. Diese Macht, welche von unseren Feinden so sehr überschätzt wird, liege darin, daß die Allianz die Solidarität "und die großzügige Wohltätigkeit, die Barmherzigkeit und die brüderliche Zusammengehörigkeit der Juden zum Ausdrucke bringe. Präsident Dr. Ster n dankt für die Vertrauenskundgebung und teilt mit, daß gerade in diesem Augenblicke die Hilfstätigkeit der Allianz sich bis ins innerste Afrika erstrecke. Erst vor drei Tagen sei ein Brief von dem Leiter der mit