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Die Wahrheit · 1908-06-05 · Heft 22 (5.6.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Leite 5. Nr. 22. Baumgartens Sohn, der nun zu seinen Vätern eingegangene Emannel (Mendel) Ban mg arten. Ich erinnere mich noch, wie ihn unser Lehrer Red Gadol (G e d a l j a h) Schwarz, Verfasser einer hebräischen Grammatik „Ese-le- Moreh“ und einer Psalmenübersetzung, und unser Religionslehrer Isaak Werne r, ein wohlhabender Geschäftsmann, trefflicher Hebraist und frommer Jude, uns als Muster und Vorbild hinstellten. Von seinen hebräischen Kenntnissen, die er sich in Holleschau, Eibenschitz, Boskowitz und Preßburg erworben, wurde viel gesprochen. Dieser reichbegabte Knabe hätte schon als Sechsjähriger das Gymnasium beziehen können. Frühzeitig kam er nach Wien, das ihm eine zweite Vaterstadt wurde, in der er mit den hervorragendsten Persönlichkeiten und nicht allein der jüdischen Gesellschaft, infolge seiner Tätigkeit im geschäftlichen Leben nicht nur, sondern auch auf literarischem Gebiete, in lebhaften und regen Verkehr trat. Politische Blätter und jüdische Organe der Sechziger- und Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts brachten eine Fälle von Artikeln aus seiner Feder. Seine vortrefflichen hebräischen Gedichte und wissenschaftlichen Aufsätze verdienten es, gesammelt zu werden, um zu zeigen, mit welcher Eleganz, Formschönheit und Geläufigkeit er die alte, heilige Sprache handhabte. Ein Prachtgedicht, „Ruth", das Wilhelm Ritter v. G u t m a n n gewidmet war, zeigt uns diesen Hebraisten auf der Höhe seiner dichterischen Veranlagung. Man wird wohl in unserer Zeit wenige Männer finden, denen die materielle und weltliche Beschäftigung soviel Zeit gönnt, sich in den Garten der hebräischen Poesie zu stüchten, wie Banmgarten. . . . Das war noch einer von jenen Idealisten, wie sie uns in vergangenen Tagen häufig im Judentum begegnen, aber ihre Art stirbt heute aus. ... In Teelöffeln gleichsam wird, nach unseren heutigen Lehrplänen für den Religionsunterricht, den Kindern das wenige Hebräisch in den Mittelschulen mit viel Mühe und wenig Erfolg beigebracht; die Bibelverse und Gebete werden nach fein säuberlich abgemessener Zahl den Kindern eingepfropft. Wie ganz anders war es! Ich erinnere mich, daß uns Gymnasiasten Reb Isaak Werner die „Chowoth-li a-Lewowoth“ - des Bachja ibn P a k u d a, Dajans von Saragossa, vortrug. Wir wußten allerdings nicht, daß dieses ethische Werk im 11. Jahrhundert entstanden war, aber mit einer gewissen Ehrfurcht hörten wir, daß es verschiedene Uebersetzungen dieses Buches gebe, z. B. die von Stern („Kochbe Jizchak“), aber auch, und jetzt paßten wir auf. eine ältere von unserem Landsmann Emannel Baumgarten. dem Freunde Josef W e i s s e s aus Kremsier, der einen hebräischen Kommentar zu der Chronik geschrieben. Schon im Jahre 1854 war diese Uebersetzung der „Herzenspflichten" erschienen, jenes Werkes, um dessen Herausgabe sich auch Jellinek und Fürstental verdient gemacht hatten.-Kein Geringerer als Abraham Geiger hatte die Einleitung zu jener Uebersetzung abgefaßt. Als ich in der Mitte der Siebzigerjahre die Wiener Universität bezog, stattete ich Baumgarten einen Besuch ab. Er wohnte damals in der Gonzagagasse. Zu jener Zeit wirkte er im Vorstande der Wiener Kultusgemeinde. Noch lebten K u r a n d a, der ehrwürdige Achtundvierziger, Leopold K o m P e r t, der unübertroffene Ghettoschilderer, und Baron K ö n i g s w a r t e r, mit denen Baumgarten im vertrauten Verkehre stand. Es war vor den hohen Feiertagen und ich hätte gerne dem Gottesdienste im Stadttempel beigewohnt; da ich mir aber wegen geringen Besitzes keinen Sitz anschaffen konnte, trug ich mein Anliegen Baumgarten vor, dem es keine Mühe kostete, meine Bitte zu gewähren und mir Einlaß in den Tempel zu verschaffen. Seitdem förderte er meine Studien in moralischer und materieller Weise. Mit dem Herzen war er ein Kremsierer geblieben, und dieser altehrwürdigen Gemeinde stand er immer mit Rat und Tat zur Seite. Alljährlich besuchte er die Stätte, wo seine Eltern ruhten, stiftete Stipendien für Gymnasiasten und die Talmud-Thora- Schule seiner Heimat. Im Gespräche mit ihm erkannte ich erst die tiefe und umfassende Bildung des Mannes, seine staunenswerte Kenntnis der jüdischen Literatur, aber auch seinen weitausschauenden Blick auf die kommenden Ereignisse. Er hat die Entwickelung der Verhältnisse in unserem Oesterreich vorausgesehen und gar manche seiner Aussprüche könnten geradezu als Vorhersagungen jener Ereignisse bezeichnet werden, welche das Grab des alten Liberalismus und die Vorbereitung und Verbreitung des Antisemitismus in Oesterreich bedeuten. Damals erschien die Broschüre eines Universitütsfreundes Isidor Singer: „Bismarck und der Antisemitismus", der viel Aufsehen erregte und dem Redakteur der „Jüdischen Enzyklopädie" einen Prozeß eintrug, der viel von sich reden machte. Wie mir Baumgarten sagte, sei zwischen ihm und dem Verfasser dieser Broschüre über deren Inhalt viel gesprochen worden. Man siebt daraus, wie richtig Baumgarten, der noch in den Zeiten des Liberalismus gewirkt hatte, beurteilte, was sich Dunkles für das Judentum in den Anfängen der Achtzigerjahre, vorbereitete. Er, dessen Tätigkeit ein Giskra anerkannt hatte, der sich den Tank des ehemaligen Wiener Bürgermeisters Uhl verdiente, hat, wie dies ans manchen seiner Gespräche hervorging, erkaum, daß trübe Zeiten für das Judentum Oesterreichs heranbrechen, und er hat Recht behalten. Ich will hier nicht wiederholen, was dieser Mann für das Judentum geleistet, wie er das Beth-ha-Midrasch in Wien gefördert, gemeinsam mit dem Lektor I. H. Weiß die den Namen „B e t h - h a - M i d r a s ch" führende Zeitschrift herausgegeben, 1873 mit anderen verdienten Männern die „Israelitische Allianz" in Wien gegründet; ich will von seinen Verdiensten als Bezirks- und Landesschulrat nicht sprechen, von seiner Humanitären und gemeinnützigen Tätigkeit, die er schon im Jahre 1866 in der Pflege verwundeter Krieger entfaltete, von seiner nie rastenden literarischen Arbeit, die sich auf die verschiedensten Gebiete erstreckte, von seinen Artikeln über den Talmud, die Blutbeschnldiguug, ebenso wie von seinen nationalökonomischen Aufsätzen, von seiner Tätigkeit als Vertrauensmann der Regierung bei der Beratung eines Statutes für die Wienerisraelitische Kultusgemeinde. Und doch eines möchte ich hier herhorheben: dieser Mann, dem nichts Menschliches, nichts Jüdisches fremd war, hat auch das Geschick erfahren müssen, Undank zu erben und angeseindet zu werden. Dies mochte ihn bewogen haben, sich in den letzten Jahren ganz vom öffentlichen Leben zurückzuziehen. „Viel Feind, viel Ehr", das alte Wort gilt auch für Emannel B a u m g a r t e n, den sie jetzt auf dem großen Leichenfelde draußen bestattet haben, fern von der Heimat, wo Reb Meirem Baumgarlen ruht ... Man hat sich B a u m g a r t e n s allerdings noch an seinem 80. Geburtstage erinnert, aber sein Leben gehörte doch der Vergangenheit an, er war ein Halbvergessener. Unsere Zeit ist der Geschichte nicht hold und sie vergißt rasch. Aber alle Anfeindungen hielten Baumgarten nicht ab, weiter Gutes zu tun, still und geräuschlos. So war die Art dieses Mannes ... Wir sehen den ehrwürdigen Manu vor uns, mit dem ehrfurchtgebietenden Haupte, dem milden sanften Antlitz, ans dem aber Energie und Tatkraft sprach. Er war ein Weltmann und ein großer jüdischer Gelehrter. Die jüdische Schule aber war ihm besonders ans Herz gewachsen, in ihr lagen ihm — nach dem Titel einer seiner literarischen Arbeiten — die „Jeschuoth Israel“. So nahm er auch an der Gründung einer israelitischtheologischen Lehranstalt in Wien lebhaften Anteil, wie er schon frühzeitig, besonders infolge seiner Beziehungen zu M a n ritz e i m e r, zu allen Beratungen über den Religionsunterricht herangezogen worden war. Baumgarten mochte sich über seine Verkennung trösten. Er hat das Beste gewollt und wahrhaft Gutes getan. Sein Name wird genannt werden, wenn man die Besten nennt im Judentum Oesterreichs und insbesondere Wiens. Dieser Sprößling einer uralten Familie, von welcher ein Mitglied einst nach dem heiligen Lande auswanderte. dieser Urenkel von A. Proßnitz, der einen Kommentar zu dem Traktate „Aboth" geschrieben, er, dessen glänzender hebräischer Stil und umfassende Kenntnis unserer Literatur von wenigen nur erreicht werden, der es aber auch als „Herzenspflicht" betrachtete, stets und überall für Juden und Judentum einzustehen, verdient es, daß man seiner stets gedenke, und von ihm sage: „Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem." Dr. Max Grünfeld, Brünn.

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