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Die Wahrheit · 1908-06-05 · Heft 22 (5.6.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit iU-r. 22 In den Mittelschulen wird es noch ärger; da beginnen die Jungen schon „Heil" zu ruseu und betrachteu deu Juden als minderwertig. Aber schnell steigt sein Wert, wenn es gilt, von ihm Vokabel, Präparationen und Schularbeiten abzuschreiben. Auch hier schon der verpestende Hauch verderbender Fäulnis. Keine Kollegialität, kein Gemeinsinn, nur Neid, Haß, Verachtung, nicht selten von den Professoren begünstigt! Schon geht der geifernde Jesnitismus auf die Mittelschulen los. Schon sind die jüdischen Mittelschüler zu zahlreich. Natürlich wäre es den Herren lieber, wenn die zahlreichen intelligenten, geistreichen Jünglinge Hausierer und Krämer würden. Aber sie lassen ja auch da den Juden nicht ruhig atmen. Sie verbieten ja das Hausieren; sie rufen ja: Kauft nicht bei Juden; sie können ja die Juden nirgends vertragen. Was wollen sie von den jüdischen Mittelschülern? Mögen sie noch so zahlreich fein, es gibt ja doch keinen jüdischen Landesschulinfpektor, keinen jüdischen Direktor! Die jüdischen Professoren der siebenten Rangsklasse sind äußerst selten vertreten und die der achten an den Fingern abzuzählen. Habt keine Angst, ihr Herren der christlichen Liebe. Eine große Schülerzahl kann höchstens noch eine Parallelklasse und damit noch eine Stelle für einen eurer Leute schaffen. Laßt die jüdischen Mittel- und Hochschüler ruhig studieren, sie können euch nicht schaden, denn, wenn sie einmal fertig sind, bleiben ihnen ohnehin sämtliche Berufe unzugänglich! Zeigt mir doch die vielen Inden in den Statthaltereien, Ministerien und Hofstellen, zeigt mir die vielen jüdischen Generale und Stabsofsiziere, wo sind die vielen jüdischen Richter und Gesandte, wo sind sie alle, die den jüdischen „Einfluß" und die jüdische „Macht" repräsentieren? Ist irgendwo ein Jude da, daun' wird es sein Nachfolger sicherlich nicht mehr sein. Aber warum kämpft ihr gegen die braven, ehrlichen Leute, die ihr leneres Erbe, ihre Stammesreligion, nicht von sich werfen wollen? Hat sich einer — wenn auch wider Willen — taufen lassen, dann ist er euer schon „würdig"? Was ist dies für ein Charakter? Mit welcher Treue soll so ein Ueberlänser — meist tut es ja bittere Not — seinen Dienst versehen, wenn er die Treue zu Gott, die Treue z u m Glauben und zum Volke in schnöder Weise brechen konnte? Aber auch diese Leute machen den „Judenpunkt" aus; auch sie werden, obwohl sie vom Judentum nichts wissen wollen, den Inden zugezählt. Diese machen vielleicht den „Prozentsatz" der Inden aus? Will man schon nach Prozenten messen, dann darf aber ja nicht die Bevölkernngsziffer allein gelten. Auch bei der Einführung des allgemeiueu Stimmrechtes war für die Wahlkreise nicht die Bevölkerung maßgebend; es hätte sonst Galizien fast ein Drittel aller Mandate bekommen müssen. Ins Kalkül wurden aber Großgrundbesitz, Betrieb von Handel und Industrie, S t e n e r l e i st u n g und Intelligenz, gezogen. Nach dieser prozentuellen Berechnung wollen wir Juden an allen Stellen partizipieren: bei den Hof- und Staatsbeamten, in der Generalität, im Heer und in der Diplomatie. Das paßt aber den Herren Antisemiten nicht in den Kram. Sie wollen mit ihren 96 Mann im Parlament einen solchen Terror auf die Regierung ausübeu, daß sie ihnen alles zu Gefallen tut, oder am liebsten ganz die Zügel in die Hände gibt. Aber dann sei uns Gott gnädig! So soll denn all die Mühe, all die Plage, die der jüdische F a m i l i e n v a t e r für seine Kinder v e r w e n d e t, umsonst sein? Sollen all die schlaflosen und kummervollen Nächte, die die jüdischeMutter der Sorge um ihre geliebten Kinder widmet, keinen anderen Erfolg haben, als daß dem jüdischen Kinde die Türen zu allen Berufen versperrt bleiben? Soll der jüdische Jüngling, der nach jahrelangen, m ü h e v o l l e n S t u d i e n mit t a u s e n d H o f s n n n g e n st o l z und freudig d i e H o ch s ch n l e v e r l ä ß t, keine andere. Carriare haben als die Taufe? Anderthalb Millionen Menschen sollen in O e st e r r e i ch rechtlos sein? Auf, Juden! Nicht Parteiung und kleinliche Dinge sollen uns entzweien, wo wir allenthalben angefeindet werden; der gemeinsame Feind muß uns zur g e m e i n s a m e n Abwehr vereinen. Hat uns unser Vater aus dem Joch der Sklaverei, von den Greueln in Rom, in Spanien, in Deutschland und Rußland errettet, so dürfen wir auch jetzt nicht verzagen. Lina Io jonum welo jischon schomer Israel! Nur unser Gott ist unser Schutz und Schirm und auf die Gerechtigkeitsliebe unseres erhabenen Kaisers wollen wir bauen. Aber auch eigene Hilfe tut not. Wir dürfen nicht ruhen und nicht rasten, sondern selbst tätig sein. Help your seif, and god will help yon! Innere Festigkeit, eigeneMacht wird uns Mut und Zuversicht verleihen! Auch wir sind ein Faktor im Staate, auch iu ir tun unsere Pflicht, auch wir leisten Geld opfer und auch jüdische Soldaten haben die Schlachtfelder O e st e r r e i ch s mit i h r e m Blute getränkt! * * * Das arge Treiben der Judenfeinde wird schließlich auch ein Ende nehmen müssen. Jede Macht, sei sie noch so gewaltig, muß endlich einer anderen unterliegen. Im Wechsel der Zeiten wechseln Menschen, wechseln Prinzipien, wechseln Parteien. Es kann der Tag nicht mehr ferne sein, wo auch uns die Sonne der wahren Freiheit ihre lichten w a r m cit Strahl e n spend e n w i r d. In dem regen Getriebe der Welt der großen Entdeckungen und Ersindnngen kann der mittelalterliche Geist der Volksverdummung imt> des Menschenhasses nicht dauernd wieder erwachen. Gmamiel Kamugarten. (Geboren 15. Jänner 1828, gestorben 20. Mai 1908.) (Ein Blatt der Erinn ernu g.) Die alte Bischofsstadt K r e m s i e r, an der March, in der fruchtbaren Hanna-Ebene gelegen, wo auf der schwarzen Erdscholle üppig die Frucht gedeiht und behäbiger Wohlstand selbst in der niedrigen Bauernhütte herrscht, war immer eine Stadt der Schulen. Schon in der Zeit, als die Markgrafschaft Mähren nur wenige Mittelschulen aufznweisen hatte. Der unvergeßliche Schriftsteller I. I. D a v i d, selbst ein Verwandter des nun Heimgegangenen, greisen B a n m g a r t e n, hat in einigen seiner Werke, welche die Heimat schildern, ein treffliches Bild des hannakischen Jerusalem, wie man diese Schulstadt zu ueuneit beliebte, uns vor Augen geführt, ein Bild, in dem die trefflichen alten Piaristen, unsere Professoren am Gymnasium, eine gar wichtige Stelle einnehmen. Tüchtige Männer sind aus diesem Gymnasium hervorgegangen, und gestehen wir es nur, die alte Judengemeinde K r e m s i e r s, die seit dem 14. Jahrhunderte, den Zeiten Karl IV., besteht, hat ein stattliches Kontingent zu der Schülerzahl des Gymnasiums, aber auch der Realschule, geliefert. Diese Jndengemeinde rühmte sich mit Recht ihrer Bildung und ihres vornehmen Wesens. Wohlstand und Kultur zeichneten sie vor anderen Gemeinden Mährens aus, und die humanistischen Studien, die von den Kindern der Gemeinde mit besonderem Eifer gepflegt wurden, trugen nicht am wenigsten dazu bei, daß ein gewisser moderner Zug durch dieses alte Gemeinwesen, schon in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, ging. Mit einem gerechten Stolze zeigten uns unsere Eltern, die nun freilich alle auf dem „guten Orte" ruhen, die Männxr, welche einstens auf dem Gymnasium „Prämianten" gewesen und deren Zeugnisse nur durch „Eminenzen" geziert waren. Sie hatten es alle zu hervorragenden Stellungen in der Reichshauptstadt gebracht.' Manche von ihnen waren nach Brünn, Prag und anderen Städten gezogen und hatten auch hier ihrer Vaterstadt keine Unehre bereitet. Einer von diesen, der als eine Art Wunderkind uns von unseren Eltern und Lehrern gepriesen wurde, war Reb M e irem

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