Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-06-05 · Heft 22 (5.6.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 22 (5.6.1908)
Date
1908-06-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063440--05485-3072411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

aßrßeii Redaktion u. Sldmiiuil, auoii: Wien. ]]/, Siouaraflafis 27. Telrlibmi der D> iickere: 152(>£ K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 100.918. Inleraif Die viermal geivnlten- Nonvareille-Zeite 25 Heller. Rdoiuiemcill»- u. ^itlcilluii«- belräae iinb in Atrien zahlbar und klagbar. «abhängige Aeitschrifl für jnöische Inierejfeu^' Erscheint jeden Areitag. Motto : „Das Siegel Gotte« ist Wahrheit!“ I Kerngs>r>nei»: | >u»n,jäv»ig . . ir >».- 1 Holdiähria' » 7 — Für iLiiltiiSdriutttr: <V>.• ii^|iiDilti 5f in - j Für Vln?lmib: |j 'Mmiiiannvi . . . s 'iliini l! rt »tlltiet oder ><t °,sc». Nr. 22. Wien, 5. Juni Inhalt: Der „Judenpunkt." — Emanuel Baumgarten. — Israelitische Allianz zu Wien. — D. H. Spitzer. — Die Erforschung der Falaschas. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vorinärzlichen Zeiten. — Verschiedene Nachrichten. — Austritte aus dem Judentum. — Jubiläums-Kantorentag. — Jubiläums-Versammlung des mährischen Kantoreu-Bereines. — Feuilleton: Eine Reise vor 7t) Jahren. — Der „Judenpunkt". Bon Adolf Heinrich Landau, Wiener-Neustadt. Wie ein roter Faden durch ein weißes Gewebe, so zieht sich durch das ganze öffentliche und private Leben in Oesterreich — die leidige Judenfrage. Es ist dies der sogenannte „Inden- Punkt", um den sich alles dreht, an den sich alles stößt. Obwohl nur ein winziges Pünktchen, das man überall mit Absicht präteriert, möchte böswillige Entstellung daraus eine Staatsaktion machen, um mit diesem „Punkt" eigene Unfähigkeit und Dünkelhaftigkeit decken zu können. Stets war der Jude in Oesterreich der Spielball der Parteien, stets mußte der Jude überall den Kürzeren ziehen. Traurig ist es nur, daß er niemals den richtigen Mut fand, seinen „guten Freunden" die lügenhafte Maske vom Gesichte zu reißen, damit auch sie sich als hinterlistige Feinde entpuppten. Glaubt ja nicht, daß der Kampf der „Freisinnigen" auch den Juden einen neuen Lichtschimmer bringen wird. Immer dichter ballen sich die schwarzen Wolken am düsteren Himmel zusammen, immer enger scharen sich die Völker Oesterreichs um die Fahne der Intoleranz, und wenn sie der Zufall einmal zwingt, nach verschiedenen Zielen zu schießen — der „Judenpunk t" ist es, der bald wieder alle Geschosse auf sich vereinigt. Noch gibt man sich resigniert der Hoffnung hin, daß die Gleichberechtigung auf dem Papiere steht, aber behüte uns Gott vor einer Zeit, wo auch dies nicht mehr der Fall ist. Wer da glaubt, daß dies unmöglich sei, der weiß nicht, daß wir im Lande der „unbegrenzten Möglichkeiten" leben. Was ist's aber mit diesem „Judenpunkt"? Was will man eigentlich von uns? Da hört man von einer jüdischen Macht und einem jüdischen Einfluß auf allen Gebieten; jüdisches Gut und Geld sticht ihnen in die Augen; sie wissen von Juden in Amt und Würden zu erzählen; an Mittel- und Hochschulen irritieren sie die Juden — kurz, die Juden tragen an allem schuld. Merkwürdig! Nur sie, die überall Juden wittern, hören und sehen dies alles, nur sie allein kennen dieses Uebel. Ist denn der Staat mit Blindheit geschlagen? Ist denn die ganze Regierung samt den schwarzen Ministern gar von diesen „Schädlingen" bestochen? Wir kämpfen bitter um das tägliche Brot, wir bekommen nicht einmal einen Brosamen an der reichbesetzten Tafel der Parteien und Nationen und sie fabeln von jüdischer Macht und jüdischem Einfluß! Sie wissen das ganz gut. Aber ein unbestimmbares Gefühl des Hasses beherrscht diese Leute gegen alles, was jüdisch ist. Sie haben das so mitererbt, ohne das Gehirn damit zu plagen, ob es denn so ganz recht sei. Das Judenweib würden sie noch hinnehmen; aber daß diese Juden ein so schönes, solides Familienleben haben müssen, daß diese Juden sich durch Jahrtausende trotz a ller B edrängnis so kernig und gesund erhalten ko nn ten. d aß sie so g laub ens treu, so aus d anernd, so vernünftig ihr Leben fristen und eine erträgliche Stufe erklimmen wollen, daß diese Verfolgten, Gepeitschten und Gemarterten ihren Kopf nicht im Straßenkot wälzen lassen, sondern mit klugen: Geiste und mutigem Herzen mit so zahllosen Massen den Kampf um» Dasein anfz un e h m e n wagen — darum der unauslöschliche Haß, deshalb Hieb auf Hieb, deshalb Tod und Vernichtung. Nein, nicht Vernichtung. Am liebsten Qual und Marter; langsames Abzapfen eines jeden Blutstropfens, Brennen, Stechen, Schinden. Ah! Das würde ihrem Herzen wohltun! So denken die Verkünder der Liebe zum Nächsten und zum Feinde! Das sind die Bekenner der christlichen Heilslehre! Das ist die christliche Liebe! Wird ein Einzelner beleidigt, so wird der Beleidiger vom Gesetze bestraft. Aber die systematische Verunglimpfung eines ganzen Volkes kann in der Presse, in der Kirche, in der Schule, im Gemeinderat, Landtag und Parlament straflos geschehen! Schon in der Volksschule hat das kleine Kind unter diesem rohen Menschenhaß zu leiden. Die Kleinen machen es den Großen nach. Ueberall tönen den jüdischen Kindern böhnende Spottworte entgegen, überall werden sie verdrängt und zurückgesetzt. Auch die Lehrer suchen das jüdische Schulkind, wo es nur geht, von Festlichkeiten, Deklamationen u. dergl. auszuschließen und sie können dafür sicher auf Belobung und Beförderung rechnen. Muß schon hier imzarten, kindlichenHerzen der Haß und der Unfriede gesät werden? Muß die Erbitterung gegen die Menschen schon hier Wurzel fassen? Doch, nur Mut, Kleiner! Perfer et obdnra! Der Beruf des Juden ist es, zu leiden und zu dulden. Aber der einzige Gott gibt uns Mut und Kraft! Sie sollen nur schimpfen. Die Kleinen und Großen sollen uns nicht aus unserer Ruhe bringen. Die schlechtesten Früchte sind.es nicht, Daran die Wespen nagen!-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.