Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8. Die Wahrheit Nr. 21. den Demütigungen und Kränkungen, welche die Juden zu ertragen haben. Miljukow versprach mir, daß die Partei Mir die Rede gestatten würde. Nachträglich aber wurde dies unter nichtigen Vorwänden wieder Hintertrieben. Bei der Generaldebatte, wo Gelegenheit gewesen wäre, den Gegenstand von höherem Gesichtspunkte zu beleuchten, durfte ich ben Mund nicht auftun. . . Ich gelangte nnn zur Ueberzeugung, daß wir Juden ans eigener Kraft eine Aktion zu unseren Gunsten einleiten müßten, und unsere Freunde außerhalb der Duma bestärkten mich darin, daß, wenn man Vereinbarungen erwirken könnte, wonach ein die Juden betreffender Gesetzesantrag durch Majoritätsbeschluß wenigstens einer Kommission überwiesen werden würde, wir unter allen Umständen einen selbständigen Antrag riskieren müssen. Ich begab mich nun in die Höhle des Löwen und verhandelte zunächst mit den Führern der äußersten Rechten. Der Führer dieser Partei, A. B o b r i n s k i, erklärte mir zu meiner angenehmen Ueberraschung, daß, wenn er auch ein Gegner der Gleichberechtigung der Juden sei, er doch gegen die Aushebung einiger besonders harter Beschränkungen keinen 6 i h li) ü u b erheben werde, da ihm auch bekannt sei, daß diese zu einem unhaltbaren Zustand der Willkür geführt haben. Auch andere Mitglieder der Rechten haben merkwürdiger Weise wohlwollendes Verständnis meinen Bestrebungen entgegengebracht. Dagegen hat schon der der gemäßigteren Richtung angehörende Abgeordnete Gutschkow mit Entsetzen von meinem Vorhaben Kenntnis genommen. Er fragte mich: „Sind Sie von Sinnen? Wollen Sie neue Pogrome gegen die Juden durch Ihren Antrag heraufbeschwöre n?" Nachdem ich ihm erklärte, daß es schlimmer für uns nicht werden könne, und ich infolge meines Antrages Pogrome, wenn sie nicht sonst veranlaßt werden, nicht befürchte, gab er mir den charakteristischen Rat, mich zunächst an Stolyp i n zu wenden, um seine Meinung zu hören. Den Ministerpräsidenten Stolypin aufzusuchen, hatte ich nun auch besondere Veranlassung. Wir erhielten in der letzten Zeit hunderte von Briefen von jüdischen Gemeinden des Ansiedlungsrayons, namentlich ans Südrnßland, worin uns angezeigt wurde, daß anläßlich der O st e r f e i e r t a g e wieder eine heftige Agitation zur V e r a n st a l t u n g von Krawallen sich bemerkbar mache. Wir wurden mit flehentlichen Bitten bestürmt, uns an Stolypin zu wenden und um Schutz anzusuchen. Ich brachte diese Briefe dem Minister und schilderte ihm die herrschende Panik. Stolypin versicherte mir mit der größten Bestimmtheit, daß kein einziger Pogrom stattfinden würde, da er die striktesten Befehle an die Gouverneure erteilt habe, unter keinen Umständen Unruhen zuzulassen. Ich fragte ihn nun um seine Ansicht mit Bezug auf meine parlamentarische Aktion. Er erklärte mir darauf, es sei nach seiner Meinung noch verfrüht, eine Gesetzcsvor.lage wegen Gleichberechtigung der Inden einznbringen. Wenn a b e r i n d e r D n m a sich h i e f ü r eine günstige Stimmung h e r b e i f ü h r e n ließe (!) ivürde die Regierung allen denjenigen Bestrebungen entgegenkommeu, welche darauf Hinzielen, die Situation namentlich der armen Juden innerhalb und außerhalb des Rayons zu verbessern. Verschiedene Nachrichten. Wien. (Jüdisches Musen m.) Die Sammlungen dieser Gesellschaft wurden in das neue Museumslokale, H., Praterstraße 28,1. Stock, übertragen. Nunmehr werden die Objekte geordnet und neu aufgestellt und wird der Zeitpunkt der Wiedereröffnung der Sammlungen rechtzeitig bekauntgegeben werden. Wien. (K a i s e r h u l d i g u u g s f e i e r im „I s r. B e t h a u s e T a l m u d - T o r a h", II.. Malzgaffe 16.) Anläßlich des 60jährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät unseres glorreichen Kaisers wird unser Oberkantor Herr Schabse W e i s z einen von ihm komponierten Festgesang, sowie die Volkshymne mit verstärktem Chor an: ersten Schewuotfesttage, d. i. am Freitag, den 5. Juni a. c., um 10x/2 Uhr vormittags, zum Vorträge bringen. Hierauf folgt eine Festrede vom Herrn Rabbiner H. Schenk. Um zahreichen Besuch wird höstichst ersucht. Wien. Unter imposanter Beteiligung fand Freitag den 22. d. M. Uhr nachmittags das Leichenbegängnis Emamtels Baumgartens statt. Die im IX. Bezirk Servitengasse 19 befindliche Wohnung des Verblichenen konnte die ungewöhnlich große Zahl der Trauergäste nicht fassen und Stiegenhans, Hausflur und ein Teil der Straße waren mir Teilnehmern gefüllt. Zur festgesetzten Stunde stimmte Oberkantor Singer unter Assistenz des ersten Kantors Iurbe rg er und: des Chorpersonales den üblichen Trauerchoral an, worauf der Sarg ' gehoben und unter Vorantritt des Knltnsgemeindepräsidiums und zahlreicher Kultusvvrsteher, sowie des Prüsidiumsnnd Vorstandes der Chewra Kadischa, zu dem - bereitstehenden Leichenwagen getragen wurde. Ein langer Zug Leidtragender bewegte sich nach dem Zentralfriedhofe, wo nach Vortrag der Trauerpsalmeu durch Oderkantor Singer und einem kurzen Gebete des Rabbiners Dr. Bach — der Verblichene hatte sich jede Grabrede verbeten — die irdischen Ueberreste dieses seltenen Mannes in dem von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Ehrengrabe bestattet wurden. Von der großen Wertschätzung, die Emannel Baumgartner in den weitesten Kreisen genoß, zeugt die ungewöhnliche Anzahl von Kondolenzen, die an die Familie gelangt sind. Wien. Aus Budapest erhalten wir die telegraphische Mitteilung, daß daselbst unser langjährigen Mitarbeiter, der in weitesten Kreisen bekannte und hochgeschätzte Herr D. H. Spitzer gestorben ist. Dem Verblichenen, der mit Leib und Seele am Judeniume hieng, der seinem. Glauben und seinem Volke alle seine Kräfte widmete und trotz seiner angestrengten geschäftlichen Wirksamkeit, noch im Dienste der Allgemeinheit eine reiche und fruchtbringende gemeinnützige und literarische Tätigkeit entfaltete, werden wir und gewiß auch die Leser unseres Blattes, sowie die vielen Tausende, die ihn in seiner mannigfachen Lebensbetätigung, achten und schätzen gelernt haben, ein treues Andenken bewahren. Wien. Ueber mehrfache Anfragen teilen wir mit, daß der Artikel: „Die triste Lage der Kultusbeamten" in Nr. 18 d. Bl., der in beteiligten Kreisen mit so vielem Interesse ausgenommen wurde, unseren geschätzten Mitarbeiter Herrn A. H. Landau- Wr.-Nenstadt zum Antor hat. Wien. (Die Zulassung u n g a r i s ch e r H a u s i e r e r n a ch Oesterreich.) Der „Erste österr. Rechtsschntzverein für Hausierer" in Wien ersucht alle jene ungarischen Hausierer ohne Unterschied der Konfession und des Geschlechtes, welche mehr als 10 Jahre in Oesterreich ansässig sind und gemäß dem ungarischen Heimatsgesetze ihre Zugehörigkeit bereits verloren haben, diesem Vereine behufs Feststellung ihrer Zugehörigkeit ihre genauen Adressen zukommen zu lassen. Diese Zuschriften sind bis längstens 1. Juni l. I. an den Sekretär dieses Vereines, Herrn S. A. F r e u n d, Wien, IL, Taborstraße 66, zu richten, welcher umgehend und unentgeltlich einen „Fragebogen" einsenden wird. Wien. Am Mittwoch, den 20. d. M. wurde auf dem Zentralfriedhofe der einer. Kantor und Religionslehrer Chain: M a i s e l, welcher' die letzten 15 Jahre sich hier bei seinem Schwiegersöhne Herrn I. L. Tauber aufhielt, im hohen Alter von 97 Jahren zu Grabe getragen. Der Verblichene stand durch viele Jahre im Dienste einer kleinen Gemeinde in Böhmen, welcher er durch nahezu fünf Dezennien ersprießliche Dienste leistete. Bei der Beerdigung fungierte Kantor Roman vom Brigittenauer Tempelverein, welcher das Üa^urDImolsraaftarnim-Gebet ergreifend vortrng. Stadt Kanitz. Anläßlich der Anwesenheit des Herrn k. k. Statthalters Dr. v. H e i u o l d in unserer Stadt, entsandte auch unsere Gemeinde eine Deputation zur Begrüßung desselben. Dem Führer der Deputation, Herrn Rabbiner Dr. Fl e sch, erwiderte der Herr k. k. Statthalter auf seine Ansprache, daß er von dem Patriotismus und der Bürger-' treue der Juden überzeugt sei. Trotzdem der Herr Statthalter nur Ix/2 Stunden ui unserer Stadt weilte, besuchte er auch unser altehrwürdiges, im Jahre 1652 erbautes Gotteshaus. Rabbiner Tr. Flesch hielt eine kurze, begeisterte Ansprache und verrichtete vor offener Bundeslade . das Kaisergeber. Sichtlich gerührt dankten Herr Statthalter Dr. v. H e i n o l d und Herr Stattyaltereirat Schön unseren Herrn Rabbiner, sowie Herren Kultusvorsteher und Bürgermeister Friedrich Fischer, Emil Brunner, Knltusrat Sig. Haas und den Herren Gemeindevertretern für den schönen Emvfang und die gelungene Feier. Berlin. Aus dein Deutschen Bureau der Alliance Jsraölite Universelle erhalten wir folgende Mitteilung: Nach zuverlässigen Nachrichten aus Rumänien fährt die dortige Regierung fort, die Juden besonders in der Moldau zu bedrängen. Infolge der systematischen, auf den Ruin der jüdischen Bevölkerung gerichteten Weisungen des Ministers Br atianu werden zahlreiche jüdische Familien aus dem Distrikt Jassy vertrieben. In Bivolari erhielten fast alle Juden, die keine Immobilien besitzen, Answeisungsdekrete und befinden sich in verzweifeller Lage. Einfiußreicher Intervention ist es vorläufig gelungen, kurzen Aufschub zugunsten der Ansgewiesenen zu erlangen. - Wenn aber nicht alsbald von autoritativer Seite nachdrücklichste Vorstellungen an maßgebender Stelle erfolgen, sind unzählige Familien iit ihren Existenzbedingungen bedroht. ' ' Aus der gleichen Quelle wird nns weiters gemeldet: Die Alliance Jsraslite.Universelle hat für die Feuerbeschädigten in Kurais eine Unterstützung von 1000 Francs bewilligt und dem Israel. Asyl für arme und obdachlose Kinder der Stadt Odessa eine Zuwendung von 5000 Francs gemacht.