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Die Wahrheit · 1908-05-29 · Heft 21 (29.5.1908) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 21 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nt. 21. Die Wahrheit Teile 9. Ausstellung in Karlsbad. Anläßlich des Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I. rüstet man sich anch in Karlsbad, dieses seltene Jubeljahr durch Abhaltung einer, dem Anlässe würdigen, großangelegten Ausstellung feierlichst zu begehen. Es hat sich bereits ans den dortigen Kreisen ein Komitee gebildet, welches vom 25. Juli bis ZV. August die besagte Veranstaltung zugunsten unbemittelter Kurbedürstiger abhalten wird. Die Ausstellung führt den Titel: „Erste internationale Ausstellung für Handel, Gewerbe und soziale Hygiene ui Karlsbad". Programmgemäß sollen den zahlreichen internationalen Badegästen nicht nur die derzeitigen Vorzüge und mustergiltigen Einrichtungen der Stadt Karlsbad als Weltkurort veranschaulicht werden, sondern auch die der übrigen Badeorte und Nachkurstationen, Sanatorien ini In- und Auslande, dezw. auch die Methoden der unterschiedlichen Heil- und Spezialärzte u. s. w. Dem Handel und Gewerbe wird ganz besondere Gelegenheit geboten sein, Produkte und Erzeugnisse, insoweit sie mit Hygiene und Wohlfahrt im Zusammenhänge stehen, einem vornehmen und zugleich kaufkräftigen Publikum vorzuführen; auch die Erzeugnisse der arg bedrängten Hausindustrien des Erzgebirges sollen im Rahmen der Aus-' stelllmg Unterkunft finden. Das Komitee ist in konstanter Erweiterung begriffen und bemüht, alle offiziellen Kreise für die Mitwirkung zu gewinnen, um der mit der Abhaltung dieser Veranstaltung in Verbindung gebrachten K a i s e r h n l d i g u n g den Charakter einer allgemeinen, imposanten Kundgebung zu verleihen. Die Ausstellung wird auf einem landschaftlich reizvoll gelegenen Platze, unweit des Zenrralbahnhofes, in einem neuerrichteten slusstellungsgebäude mit einem gedeckten Belegraume von ungefähr 3000 Quadratmetern und einer ungedeckten Flüche im gleichen Ausmaße abgehalten. Das gesamte Ausstellungsgebäude wird daher über 6000 Quadratmeter umfassen. Die Baulichkeiten werden nicht nur zweckentsprechend, sondern auch ut architektonisch gediegener Ausstattung ausgeführt. Durch Zubauten wie durch Ausgestaltung und Adaptierung weiterer Objekte und Räume können Belegflächen im jeweilig nötigen Ausmaße geschaffen werden. Während der Tagung der Ausstellung ist die Abhaltung großer Wohltätigkeitssestivitäten historischen und sportlichen Charakters geplant, die mit 18. August, der G'eburtsfeier Sr. Majestät Kaiser Franz Josef I., ihren Kulininationspnnkt erreichen sollen. Die Pläne sind bis in das kleinste Detail fertiggestellt und wird mit dem Bau schon in der allernächsten Zeit begonnen, um diesen rechtzeitig zu vollenden. Die Veranstaltung erfreut sich der tatkräftigsten Förderung seitens der hohen Negierung, der Landesbehörden und der k. k. Bezirkshauptmaunschaft in Karlsbad. Tie Eisenbahn-Direktoren-Konferenz hat die seitens des Ministeriums für die Ausstellung konzedierten Frachtbegünstigungen, den frachtfreien Rücktransport für Ansstellungsgüter, sowie die Zollfreiheit für dieselben bewilligt. Die Vorbedingungen zum Gelingen der Ausstellung sind somit gegeben und dürfte die Ausstellung nicht nur die gestellten Erwartungen vollkommen erfüllen, sondern auch bald den Sammelpunkt der vornehmsten Karlsbader Gesellschaft bilden. Eine Neuerung wird der offizielle Ausstellungskatalog bilden, der, mit einem Reiseführer versehen, eine bleibende Erinnerung an Karlsbad und an die Ausstellung in sich schließt. — Zur Erleichterung für kommerzielle Interessenten wurde eine Geschäftsstelle in Wien. VI., Stumpergasse 47, (Generalsekretariat), eingerichtet, wohin alle diesbezüglichen Zuschriften, Anfragen und Anmeldungen zu richten sind. Feuilleton. Hine Meise vor 70 Jahren. Episode aus meinem Leben. Von Adolf Steinschneider. An der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts steht inan und überblickt staunend die Errnngenschaften des menschlichen Geistes im verflossenen halben Jahrhundert. Welche riesigen Fortschritte in allen Zweigen der Natnrwlssenschafr und der Technik, welche reiche Entdeckung neuer Natnrkräfte, welche wunderbaren Erstndnngen. die das soziale Leben gänzlich umgestaltet haben. Alle Erfindungen jedoch werden überflügelt von denen, die im Kommnnikations- und Verkehrswesen gemacht werden, die unsere Vorfahren nicht geahnt und als Zauberei angesehen hätten. Als die Dampfkrast zu Eisenbahnen verwendet wurde, als man zu Entfernungen, die zu durchfahren man früher viele Tage bedurfte, jetzt nur Stunden brauchte, dachte man, jetzt sei das Maximum der Geschwindigkeit erreicht. Doch da führte man die Schnell- und Blitzzüge ein. mit welchen man viermal so rasch das Ziel erreichte. Ungerechnet sind die Automobile und Motoren. Aber weiter hastet man nach schnelleren Bewegnngskräften, man entdeckte die Elektrizität. Auch da bleibt man nicht stehen. Rastlos strebt man weiter, und die Lnftschissahrt, die Luftballons, die Flugmaschinen, die Drachenflieger sind es, die von Erforschern und - Entdeckern zur Verwirklichung und Vervollkommnung zu bringen gesucht werden und es scheint die Zeit nicht ferne zu sein, wo auch diese im Dienste des Verkehrs werden gestellt werden können und man durch die Luft seine Reisen machen wird. Da dürfte es denn nicht ohne Interesse sein, einen Rückblick auf jene Zeit zu werfen, in welcher, wie die Schnecken schleichend, man in schweren Reisewagen die staubigen Straßen dahinzog, wo man zu einer Fahrt von 30 bis 40 Meilen zwei bis drei Tage brauchte, und wo Leute, die in größere Fernen reisten, vor ihrer Abreise ihr Testament zu machen pflegten. Als Illustration diene denn die Beschreibung einer solchen Reise aus meiner Jugendzeit vor 70 Jahren und die dabei erlebten Abenteuer. Ich bin in Proßnitz in Mähren geboren. Meine Mutter starb in meiner frühesten Kindheit. Mein Vater, ein orthodox frommer Mann von strengster Observanz, widmete mich dem Talmudstndium, worin er selbst mich unterwies. So eifrig ich anch diesem Studium oblag, verlegte ich mich doch im Geheimen auf die Lektüre deutscher Klassiker, die mir durch günstigen Zufall in die Hände kamen, was mein Vater niemals geduldet hätte. Das Lesen deutscher Bücher war früher im höchsten Grade verpönt, und wer bei derselben'betroffen wurde, galt als Abtrünniger. Jedoch seit Mendelssohn die Bibel' ins Deutsche übersetzte, schwand das strenge Verbot und die ängstliche Scheu davon, und bald verbreitete sich bei der jüngeren Generation eine wahre Leidenschaft für das Lesen deutscher Bücher. Es entstanden Leihbibliotheken, aber leider trafen diese keine gute Auswahl und brachten eine Schundliteratur. Alle die Ritterromane, Geistergeschichten, Ränbererzählnngen von Specht, Spindler, Klingemann und andere, die zur Zeit des ersten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts im Schwünge waren, wurden von der jungen Welt verschlungen. Nur ich war durch besonders glücklichen Zufall zu den Klassikern Goethe, Schiller, Lessing, Herder, Wieland gekommen, die ans mich einen überwältigenden Eindruck machten, daher ich vor jenen erwähnten Machwerken beinahe Abscheu empfand. Als ich 16 Jahre alt war, beschloß mein Vater, mich nach Preßburg ans die dortige Talmudschule zu schicken. So wie heute Eltern ihre Söhne auf die Universität senden, so schickte man damals die jungen jüdischen Leute ans die Talmndschulen und in Preßburg war eine der hervorragendsten und renommiertesten. Mein Vater batte damals einen verheirateten Jugendfreund, einen gelehrten Talmndisten, zu welchem er mich in Kost und Pflege zu geben beabsichtigte. Da entstand nun die große Schwierigkeit, wie mich hinüberbefördern. Damals im Jahre 1840 hatte man noch von Eisenbahnen keine Ahnung, es gab keine Kommunikationen, keine einzige regelmäßige Fahrverbindung. Mein Heimatsort war beinahe 40 Meilen von Preßburg entfernt. Wie sollte ich als so ganz unerfahrener, nnbehilflicher, junger Manu die Reise dahin unternehmen? Doch es traf sich glücklicherweise ein Ausweg. Eine Familie hatte einen Sohn in Preßburg, der demnächst dort heiraten sollte. Zur Hochzeitsfeier fuhr sie nun hin und erbat sich, mich unter ihren Fittigeu mitznnehmen. Der Tag der Abfahrt kam heran. Ein riesig schwerfälliger Wagen, eine sogenannte Landkutsche fuhr herbei, uns auszunehmen. Er wurde bepackt mit einer Unzahl von Kisten und Koffern der .reisenden Familie. Auch ich mit meinem kleinen Reisegepäck kroch in die Arche und das Ungetüm setzte sich in Bewegung. Ans den engen Mauern, die ich noch nie verlassen hatte, fuhr ich nun hinaus in die weite, in die schöne freie Gottesnaiur. Schon sah ich im Geiste die Gegenden sich vor mir entrollen, sah in der Phantasie die Berge, die Taler, Flüsse, Wälder, Städte, Dörfer und Fluren an mir vorüberziehen und Frohsinn schwellte mein jugendliches Gemüt. Sehnsüchtig blickte ich zum Fenster hinaus. Bald jedoch wurde ich bitter enttäuscht. Wir durchzogen die südöstlichen Gegenden Mährens. Keine Felsen, Wälder und Flüsse zeigten sich, sondern eine reizlose Ebene, Kartoffelfelder, Hntweiden mit grasenden Viehherden, keine Abwechslung, kein Punkt bot sich dar, an dem mein nach Naturschönheit lechzendes Auge haften konnte. (Forts, folgt.)

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