Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 21 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrben Nr. 21. Redner dies vorzubringen für notwendig befunden, um eventuellen Mißverständnissen vorzubeugen. Präsident Dr. Stern konstatiert, daß der Zuschuß für das Spital znla 22U.000 L beträgt. Dies sei ein Zwölftel der gesamten Ausgabeir und ein Sechstel der Kultussteuern. Dr. Markus Spitzer will nicht die Meinung anskommen lassen, daß mit den Steuergeldern schlecht gewirtschastet werde. Alljährlich wiederholt sich dasselbe Schauspiel. Der Voranschlag wird in den düstersten Farben geschildert, der Rechnungsabschluß hingegen weist einen Ueberschuß auf, und der Referent erklärt immer, mau brauche sich über diesen Ueberschuß nicht zu freuen, denn das nächste Jahr werde unbedingt ein Defizit bringen. Die Steuerträger sind ohnehin stark belastet, und da wäre es wohl besser, ihnen zu sagen, daß es nicht so schlecht steht, denn man bringt lieber Opfer für eine gute als für eine schlechte Verwaltung. Und faktisch können die ordentlichen Ausgaben vom Gemeindebudget leicht bestritten werden und die Mehrausgaben betreffen zumeist außerordentliche Ausgaben. Der Referent habe unter anderem den Wunsch ausgesprochen, daß ein neues Repräsentationshaus der Gemeinde und ein neuer Tempel im I. Bezirke gebaut werde. Derlei Ausgaben könne man nicht aus den ordentlichen Einnahmen decken, sondern es müsse zu diesem Behnfe an den Edelmut unserer reichen Glaubensgenossen appelliert werden. Uebrigens datiere die Größe der Gemeinde -aus einer Zeit, in der die äußere Repräsentation wenig ansehnlich mar. Gegenwärtig leide die Gemeinde an einer Hypertrophie auf allen Gebieten. Im weiteren Verlaufe feiner Ausführungen kommt Redner auf den letzten Gemeindetag zu sprechen, der vom Präsidenten so ausgezeichnet geleitet wurde und auf alle Teilnehmer einen wirklich erhebenden Eindruck gemacht hat. Er bedauert aber, daß die Gemeinde zu demselben, gleich den übrigen Proviuzgemeinden, keine eigentlichen Delegierten entsendet hat. und auch bisher kein offizieller Bericht über den Verlauf desselben an den Vorstand erstattet wurde. Es wurden eine Reihe großer Fragen angeregt, mit denen' sich der Kultusvorstand naturgemäß werde beschäftigen müssen. Bezüglich der Errichtung einer neuen Mikmah spricht Dr. Spitzer den Wunsch aus. daß dieselbe nicht zum Zankapfel in der Gemeinde werde. Notwendig fei auch eine neue Gemeindestatistik. Diese werde auch den Beweis erbringen, daß in der Gemeinde wirklich Außerordentliches geleistet wird, und die Opferivilligkeil der Gemeindemitglieder erhöhen. Vorsitzender Dr. Stern konstatiert, daß die Wiener Kultusgemeinde auf dem Gemeindetage durch die Mitglieder de.r Bundesleitung, u. zw. durch den Präsidenten, den I., Vizepräsidenten und den Oberrabbiner der Kultusgemeiude offiziell vertreten war. Dem Wunsche Dr. Spitzers bezüglich des Berichtes werde er baldigst Nachkommen. Hingegen müsse er entgegen den Ausführungen dieses Redners richtigstellen, daß Ausgaben, wie Renovierungen, Subventionen an die Tempelvereine und ähnliche Posten, die das Budget pro 1907 stärker belastet haben, in die ordentlichen Ausgaben und nicht in die außerordentlichen gehören Vizepräsident Dr. K o h n weist nach, daß der Rechnuugsabschluß nur aus dem Grunde einen Ueberschuß ausgewiesen hat, weil einzelne Posten des Voranschlages faktisch nicht zur Ausgabe gelangten, sonst Hütte er mit einem Pafsivum abschließen müssen. Die Besteuerungen seien im allgemeinen nicht zu hoch, jedenfalls verhältnismäßig geringer, als in vielen kleineren Gemeinden. Für Soireen gebe man leicht viele Taufende aus, aber über Kultussteuern schimpfe man immer. Betreffs der Mikwah fei der Vorstand gewiß gerne bereit, den Frieden zu halten, aber nur dann, wenn auch die anderen ihn nicht stören. Hofrat Dr. Rappaport glaubt, daß Dr. Spitzer vieles vorgebracht habe, was gar nichts mit dem Rechnungsabschlüsse zu tun habe, und seine Ausführungen 'hätten sich eher wie ein Wahlprogramm angehört. Die Gemeinde geht, da das odiose Mittel einer Steuererhöhung für die nächste Zukunft als ausgeschlossen gilt, unbedingt einem Defizit entgegen, wenn nicht überall in möglichster Weise gespart wird. Was den Rechnungsabschluß selbst betrifft, so fei derselbe in der äußeren Anlage sehr schön und übersichtlich, was dem Referenten als besonderes Verdienst zuerkannt, werden müsse. Im übrigen fei bei den meisten Posten das Bestreben zu erkennen, innerhalb des Budgets zu bleiben. Kaiser!. Rat Sigm. Kauders befürchtet, daß die Mikwah ein Defizit bringen werde, und er appelliert mt das Rabbinat, refp. an den Oberrabbiner, daß derselbe in dieser Angelegenheit Ordnung schaffen möge. Wenn es wirklich dazu käme, daß. die Orthodoxen eine eigene Mikwah bauen, dann werde die Gemeinde-Mikwah durch diese diskreditiert werden. Kaiserl. Rat Leopold Sachs dankt dem Referenten, daß er ohne Schönfärberei ein getreues Bild von den Gemeindefinanzen entworfen hat. Emanuel H o f m a n n und Professor Dr. P o l l a k verteidigen die Verwaltung des Spitals gegen den Vorwurf der hohen Budgetüberschreitungen. Das Spital, erklärt letzterer, ist eine der schönsten Schöpfungen der Gemeinde und steht heute mustergiltig da. Die Mehrausgaben des Spitals beziehen sich zum größten Teile auf die Verköstigung, und das ist durch die allgemeine Teuerung begründet. Die Wirtschaft im Spital ist aber keineswegs so arg, als sie geschildert wurde. Düs Svital ist so gut geleitet, daß es leider eine ganze Attraktion bildet. Im abgelaufenen Jahre hatte es ein Plus von 3800 Verpflegstagen, aber auch eine Mehreinuahme von K 24.000 von zahlenden Patienten, und schon dieser letztere Umstand spricht dafür, daß die Patienten eine ausgezeichnete Pflege erhalten. Referent Max Frank sagt in seinem Schlußworte, daß der Kaufmann, wenn er nichts auflege, die Ueberzeugung habe, daß es mit ihm abwärts gehe. Der Rechnungsabschluß der Gemeinde weise wohl einen Ueberschuß von 67.000 K ans, aber wenn mau die 60.000 K Darlehen an den Tempelverein im IV. utid V. Bezirke zum Bane des neuen Tempels, die bereits ausgegeben sind, aber gegenwärtig buchhalterisch noch als Aktivpost eingestellt sind, in Abzug bringt, schwindet schon der Ueberfchuß fast ganz und nähert sich dem Defizit. Nebst Ersparungen werde es daher auch notwendig sein, auf neue Einnahmsquellen zu sinneu, die er bereits im Voranschläge augedeutet habe. Betreffs des Spitals lag es ihm vollkommen ferne, die Verwaltung desselben zu diskreditieren oder von Inkorrektheiten zu sprechen, aber Ersparungen seien dennoch, wenn auch in kleineren Posten, möglich und keineswegs könne es schaden, .hievon öffentlich zu sprechen und die Verwaltung daran zu erinnern, daß sie innerhalb der Grenzen des Voranschlages bleiben müsse. Dr. Leopold K o h n beantragt mit Rücksicht darauf, daß der Rechnungsabschluß in der Generaldebatte nach allen Richtungen genügend beleuchtet wurde, von einer Spezialdebatte abzufehen und den Abschluß en bloc anzunehmeu. Bei der hierauf eingeleiteten Abstimmung wird der Rechnungsabschluß pro 1907 einstimmig angenommen und sodann nach Abstattung des Dankes an den Referenten die öffentliche Sitzung vom Vorsitzenden geschlossen. Israelitische Allianz zn Wien. Der soeben erschienene Bericht über die Wirksamkeit der „Israelitischen Allianz zu Wien" im Verwaltungsjahr 1907, erstattet an die 35. ordentliche Generalversammlung am 27. Mai 1908, ist wieder einmal ein ehrenvolles Zeugnis für die umfassende humanitäre Tätigkeit dieser in Reih und Glied mit den anderen großen jüdischen Organisationen in Europa wirkenden Vereinigung. Er zeigt auch in erfreulicher Weise, daß die österreichische Jndenheit bei den großen Hilfsmerken für die verfolgten Glaubensgenossen^ nicht nur nicht zurücklteht sondern manchmal auch den ersten Platz einnimmt. Dies war in vorigen Jahre der Fall mit Bezug auf die internationale Aktion zu .Gunsten, der Opfer der Judenexzesfe in Rumänien. Die Wiener Allianz hat da, wie erinnerlich, sofort mit großer Energie und Umsicht helfend eingegriffen und schon im März 1907, als die Ansammlung der Flüchtlinge an der österreichischen Grenze begann, war der Sekretär