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Die Wahrheit · 1908-05-29 · Heft 21 (29.5.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 21 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheu Nr. 21 Und wer wandte sich nicht an Emanuel Baumgarten? Als ihm zuletzt das Gehen beschwerlich war — denn das Vertrauen der Bedürftigen und derjenigen, die in der Lage sind zn helfen, blieb ihm getreu bis ans Ende — wählte er den brieflichen Weg, denn seine Hilfe versagte er auch dann nicht. Und diesen für die Not jeder Art empfänglichen Sinn hatte seine, fromme, edle Mutter in ihn gepflanzt, der er im Vorwort seiner mit 17 Jahren verfaßten hebräischen Dichtung „Ruth" ein schönes Denkmal gesetzt hat und deren Lehren ihm die Bitte eiugaben, Gott möge ihm einen barmherzigen Sinn verleihen, daß er stets im Stande sei, die Gebote der Mutter zu erfiillen. Er hatte nicht nur diesen barmherzigeit Sinn, sondern war auch im wahren Sinne des Wortes ein P vu Insbesondere galt sein Interesse der Unterstützung von Gelehrten und Künstlern, von Studierenden und Jüngern der Wissenschaft. Daß er, der selbst so erfolgreich ans dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft und Literatur tätig war. der dem Talmndstudium mit Eifer und Erfolg in Holleschan, Eibenschitz und in Preßbnrg, hier unter dem "ib*.d ans, obgelegen hat, insbesondere die j ü d i s cd e Wissenschaft und ihre Vertreter geehrt und gefördert hat; daß er zeitlebens ein e-ayn -obr. rrr.K war, braucht kaum erst gesagt zu werden. Eine große Anzahl von Werken ist nur durch seine werktätige Unterstützung ermöglicht worden, die er den Verfassern in mannigfacher Hinsicht angedeihen ließ. Voll tiefer Anhänglichkeit an das Judentum und seine altererbten Güter, durchdrungen von jener wahren und echten Religiosität, die im Innern des Herzens ihre Wurzeln hat und auf umfassendem Wissen begründet ist, war Emanuel Baumgarten ebenso frei von starrem Konservatismus wie von allem Stürmen und Drängen der Reformer um jeden Preis. Er wußte das Alte mit dem Neuen in kluger Besonnenheit zu verbinden. Deshalb genoß er ebensosehr die Freundschaft und große Achtung von Männern wie Ignatz K u raub a, Leopold K ompe r t, Adolf I e l l i n e k. wie der Vertreter der strengsten Orthodoxie, wie R. Salomon Spitzer. Dr. Israel. Hildesheimer, um nur einige zu nennen; deshalb war er geachtet und geschützt im Osten nicht minder wie im Westen und besaß treue Freunde und Verehrer weit über die -Grenzen unseres Vaterlandes hinaus. Emanuel Baumgarteu gehörte der Gruppe jener Männer an, die stets eine besondere Eigentümlichkeit und Zierde des Judentums waren und die in sich den Grundsatz min -nabn ns1 p« pn cy verkörperten. Seinem bürgerlichen Berufe tiach Kaufmann, wie fein Vater, war er nicht nur wie dieser talmudisch gelehrt, sondern auch von reichem profanen Wissen — er hatte in Wien am Schottengymnasium und an der Universität seine Studien gemacht — und zeitlebens erfolgreich schriftstellerisch tätig. Er zählt zu jenen Vertretern des wiedererwachenden Studiums des hebräischen Schrifttums, die mit gründlicher Gelehrsamkeit feines stilistisches Gefühl verbanden und die hebräische Literatur durch eine Reihe trefflicher poetischer und prosaischer Schriften bereicherten: er war ein Meister der hebräischen Sprache, aber auch der deutschen. Seiner Dichtung „Ruth" wurde bereits gedacht, hieher gehört auch die Uebersetznng von Bachjas „Buch der Herzeuspflichten", die er in jugendlichem Alter von 25 Jahren unternahm und für die Michael Sachs die Einleitung und S. D. Luzzatto, die bis dahin nur handschriftlich erhaltene „Ermahnung", beistellte. Im Jahre 1854 erschienen, ist das Buch längst im Buchhandel vergriffen. Eine Neuausgabe, die er beabsichtigte, jedoch nicht in Angriff nahm, haben seine Kinder zum Angebinde zu seinem 80. Geburtstage veranlaßt. Als Probedruck konnten die ersten sechs Bogen ihm und seinen Freunden überreicht werden, utid es gereicht mir zur Freude, dabei Hülfe geleistet zu haben. Eine Fülle von Aufsätzen erschienen von Baumgarteus Hand in Sterns „Kochbhe Jizchaq" und in anderen hebräischen Zeitschriften, und noch im hohen Alter bereicherte er die Quellenliteratur für die Geschichte der Juden in Oesterreich durch einige wertvolle Gaben, die Muster sorgfältiger Editionen darstellen; erwähnt sei hier nur die „Megilath Sedarim“ für die Geschichte von Auffee in Mähren mit Bemerkungen von David Kaufmann. Auf Grund eingehender historischer Studien veröffentlichte er eine Geschichte der „Juden in Steiermark", für die ich auf gelegentlichen epigraphischen Reisen, vornehmlich auf seinen Wunsch, auch die vorhandenen aus dem Mittelaster stammenden hebräischen Grabinschriften sammelte, und auch einige die Geschichte der Juden in Wien betreffende Fragen hat er auszuhellen gesucht. Damit erschöpft sich seine literarische Tätigkeit nicht. Denn allen Tagesfragen mit lebhaftem Interesse Angewandt, stellte er seine gewandte Feder, seinen klugen Sinn und seine scharfe Beobachtungsgabe auch in ihren Dienst. Sv hat er eine wertvolle Studie über den „Weinhaudel in Oesterreich", ein großes Expose über die Zentralisirung der Sparkassen geschrieben und damit Anregungen gegeben, die erst viel später verwirklicht wurden. Ganz besonders waren es aber die Juden und das Judentum betreffenden Fragen, die sein volles Interesse in Anspruch nahmen. So veröffentlichte er 1883 anläßlich des Tisza-Eszlarer Prozesses, angeregt durch die von ihm im Vereine mit Dr. Jellinek aus (diesem Anlasse veranstaltete Sammlung von Materialien, die Schrift „Die Blutbeschnldigung gegen die Inden, von Christen beurteilt", ferner die ..Gntmeinung über den Talmud der Hebräer" des Prager Zensors Karl F i s ch e r aus dem Jahre 1802. Durch seine schriftstellerische. Tätigkeit stand er in regem persönlichen und brieflichen Verkehr mit hervorragenden Gelehrten und Förderern der jüdischen Wissenschaft, wie I. H. W e i ß, M. Fried m a n u, David K a u f m a u n, Ad. N e n b a u e r, Salomon Bube r, Ch. D. H a l b e r st a m m, um auch hier nur wieder einige zu nennen. Seine öffentliche Wirksamkeit begann damit, daß er, bezeichnend genug, in den Gemeindeausschuß der damals selbstständigen Wiener Vorortegemeinde Sechshans, wo er damals wohnte — einer der ersten in Oesterreich überhaupt in eine Gemeindevertretung gewählten Inden — durch das Vertrauen seiner Mitbürger entsendet wurde. Bald darauf wurde er aufgefordert (es war im Jahre 1860), in den Bethausvorstand der Wiener israelitischen Knltnsgemeinde einzutrelen. wo er nicht lange darauf zum Obmann gewählt wurde. Er erhielt dann auch ein Mandat in den Vorstand, wurde Mitglied des Vertreter-Kollegiums und Obmanit der Bethaus- und Schulsektion. Auf sein über zwei Dezennien sich erstreckendes Wirken im! Vorstand unserer Kultusgemeinde braucht wohl hier nicht näher eingegangen zn werden. Seine verdienstvolle Tätigkeit — er war auch durch viele Jahre Mitglied des Bezirks- und des Landesschulrates — ist, das darf heute unbestritten behauptet werden, trotzdem seit seinem Ausscheiden aus dem Vorstände fast zwei Dezennien verstrichen sind, itod) in lebhafter Erinnerung. Sein Wirken hat ein vorzeitiges Ende gefunden, und auch das darf fjeute' gesagt werden, nicht zum Vorteil der Knltusgemeinde. Denn Emanuel Baumgarten war wie selten einer berufen, an die Spitze der Gemeinde gestellt zn werden. Die Tatsache seines Ausscheidens hat er nicht als Kränkung empfunden, denn er war nie ein N22N in« -syrn wol aber die häßlichen Formen der gegen seine Wiederwahl 1899 eingeleiteten Agitation. Umsomehr muß anerkannt rverden, daß die offizielle Vertretung der Gemeinde, Präsidium und Vorstand, keine Gelegenheit vorüber gehen ließ, ohne in der wärmsten Weise ihm die gebührende Ehrung für sein selbstloses, hilfsbereites und erfolgreiches Wirken zu erweisen, so anläßlich seines 70., seines 80. Geburtstages und nun auch ans Anlaß seines Hinscheidens. Eine Reihe von Institutionen und Einrichtungen zeugen von seiner dem Gemeinwol gewidmeten Tätigkeit, es sei hier nur erwähnt das Alters-Versorgnngshaus, der Jugendgottesdienst, seine Mitwirkung bei Schaffung des Gesetzes über die äußeren Rechtsverhältnisse der Juden (er wurde zur Expertise im Jahre 1890 bereits nach seinem Ausscheiden von der Regierung berufen, ein Beweis des Vertrauens, das er genoß). Lebhaften Anteil hatte er auch an der Begründung der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien. Hervorgehoben sei hier auch, daß er einer der Begründer dev Wiener israelitischen Allianz war, deren Vorstandsmitglied er bis zuletzt blieb.

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