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Die Wahrheit · 1908-05-29 · Heft 21 (29.5.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 21 (29.5.1908)
Date
1908-05-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion u. Vlbimiiiftrcutou: Wien. 11/, jäiouaraflflfie 27. T.rlfl>buu dev Dviickevel 1580S K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 100.818. tlnlcvatr: Tie viermal geivntteu- Nonvareille-Zeite Ld Heller. rldoiiiicmciilS« ». Zuierlion»- belrägc und in Wien zahlbar und kla^dar. Unabhängige Heiischrifi für jüöische Iriiere^eu.. Erscheint jeden Areitag. Notill: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" jj («iiiuiäQrirt . . . If 14.- j! i Fiu Ü>)ilt>i3l>fuiiitr: >^.>»,i»v>>>, jr ui.- | ~ i i Fii> NnSInitd: jj j iS'uiMiaOiit) ...» UJJiitf | | n iliiiOtt obre i» ifc*. I Ar. 21. Mir», 29. Mai 11)08 Inhalt: Emanuel Baumgarten. — Rechinuigsabschluß der Wiener Kultusgemeinde. — Israelitische Allianz zn Wien. — Berictnedene Aachrichten. — Feuilleton: Eine Reise vor 70 Jahren. Gmannel Kanmgarteu. Geboren am 15. Jänner 1826, gestorben am 20. Mai 1908. Ein Gedenkblatt. Von Kustos Dr. Frankfurter. In pietätvoller Beachtung eines wiederholt geäußerten Wunsches des Mittwoch am 20. d. M. nach längerem Leiden Dahingeschiedenen unterblieben alle von mehreren Seiten beabsichtigten Grabreden, die das Wirken des seltenen Mannes von verschiedenen Richtungen belerrchtet und denen, die seinen Sarg trauernd umstanden, zwar nicht erst gesagt — denn das wußten sie — aber neuerdings in Erinnerung gebracht Hütten, was die Menschheit, die jüdische Allgemeinheit und die Wiener Kultusgemeinde im besonderen, in erster Linie die Familie und die große Zahl persönlicher Freunde an Emanuel Baumgarten besessen und was sie mit ihm verloren haben. Auch in diesen Blättern ist ja gelegentlich des 70. und wiederum vor kurzem aus Anlaß des 80. Geburtstages sein Wirken und Wesen gewürdigt worden, so daß dem längst feststehenden Bilde kaum neue Züge eingefügt werden können. Wenn ich gleichwohl, dem Wunsche der Redaktion Folge gebend, es versuche, einen Rückblick aus dieses nunmehr abgeschlossene Leben zn werfen, so entspreche ich damit auch einem Herzensbedürfnisse, das mich dazu drängt, einem Manne, dem ich seit mehr als einem Menschenalter nahegestanden, dessen innerstes Wesen ich kennen und schätzen zn lernen Gelegenheit gehabt und in dem ich einen väterlichen Freund in des Wortes schönster Bedeutung verehrt habe, ein Gedenkblatt auf das frische Grab zn legen. Hochbetagt und lebenssatt, hat Emanuel Baumgarten am 20. d. M. das Zeitliche gesegnet. Die letzten Jahre seines Lebens waren nicht ungetrübt, da ein schweres organisches Leiden manche Heimsuchung brachte und seine Familie und die vielen Freunde und Verehrer in bange Sorge versetzten. Aber ein gütiges Geschick ließ ihn nicht nur in voller körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische den siebzigsten, sondern auch bei verhältnismäßigem Wohlbefinden den achtzigsten Geburtstag erreichen, die beide ihm die stille Freude bereiteten, zu sehen, daß seinem Wirken die verdiente Anerkennung nicht versagt geblieben. So konnte er denn bei einer Rückschau auf sein eigenes Leben,-zu dem ja die Erreichung so seltener Etappen den ernsten Menschen 'anffordert, sich selbst sagen, daß sein Leben reich an i Mühen, aber auch reich an Erfolgen gewesen, daß ihm nich! die Anerkennung der Besten seiner Zeit gefehlt, aber daß ihm auch ' die Begleiterscheinungen eines in der Öffentlichkeit und zum! Wohle der Gesamtheit und der Einzelnen sich betätigenden! Lebens nicht erspart geblieben: die kleinliche Scheelsucht, der Neid 1 und die Mißgunst, die sich, und das ist allerdings das Traurige. ' auch von Verdächtigungen eines darüber erhabenen, lauteren Charakters nicht fernhielten. Das Hervorstechende in Emanuel Banmgartens Wesen war I ein edler, vornehmer und selbstloser Sinn. Dabei war er von einer Tiefe und Reinheit der Empfindung und von einer! Empfänglichkeit für alles Schöne und Gnte, die alles Gemeine; und Niedrige von ihm fernhielt. Ohne der edlen Heiterkeit; abhold zu sein, war er ein Feind aller lärmenden imb lockeren Unterhaltung. Die edlen Grundsätze unserer alten Weisen waren ihm nicht nur als wahrem Kenner unseres Schrifttums vertraut, sondern in ihm auch verkörpert. Wie er jeden mit freundlicher Miene empfing, auch für den Armen ttnd Bedrückten ein jederzeit geneigtes Ohr und einen hilfsbereiten Sinn, ja auch eine offene Hand; hatte, so haßte er jede üble Nachrede und beurteilte die Menschen nach der guten Seite. Bezeichnend für sein Wesen war auch seine Liebe zu Kindern und sein Zarlsinn Frauen gegenüber. Was aber am meisten für die Vornehmheit seiner Natur zeugt,! ist der Umstand, daß er, der so vielen geholfen hat und dem so Vieles bekannt getvorden war, auch im vertrauten Kreis seiner Familie davon nie Gebrauch gemacht hat. Dennoch muß dieser Seite seiner Wirksamkeit besonders gedacht werden. Ohne die Bedeutung seiner Betätigung auf anderen Gebieten, von denen noch die Rede sein soll, irgendwie verkleinern zu wollen, darf ich doch sagen, daß sich seine Haupt-; stärke auf dem Gebiete der Humanität bekundete. Allerdings j muß ststgehallen werden, daß der in jungen Jahren erworbene j Ruf als Schriftsteller und Gelehrter, seine Vertrauensstellntig in I verschiedenen Körperschaften und Vereinen, nicht zuletzt seine im i kaufmännischen Berufe begründete und durch seine äußere Erl fcheinung unterstützte achtunggebietende Persönlichkeit! ihm dabei sehr zustatten kamen. Allein ausschlaggebend war doch : sein mildtätiger, menschenfreundlicher Sinn, der es ihn als! innersten Herzenswunsch empfinden ließ, zu helfen, wo er konnte, j Und darin war er unermüdlich bis in sein hohes Alter. Er! scheute keinen Weg vom frühen Morgen bis zum späten Abend, j wenn es sich darum handelte, für einen seiner Schützlinge, sei! es eine Unterstützng, sei es eine andere Förderung zu erreichen.

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