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Die Wahrheit · 1908-05-15 · Heft 19 (15.5.1908) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 19 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seile 8. Die Wahrheit Nr. 19. zweier Judenfamilien in Budweis gestattet hatte. Als die Zahl der. Juden ‘ in Budweis im Verlaufe des 15. Jahrhunderts sich mehrte, kauften die jüdischen Zuwanderer mehrere Häuser, so daß nach dem Lofungsbuche von 1482 zu dieser Zeit schon 12 Häuser am oberen Ende der Judengasse (heute Sterneckgaffe) und in der rechts einmündenden Schanzgasse in jüdischem Besitze waren. Die Gemeinde hatte auch einen eigenen Rabbiner. Da kam das Jahr 1505 (nach Krones 1506), in welchem die Juden aus der Stadt vertrieben wurden. Zahlreiche Juden wurden bei dieser Gelegenheit verbrannt. Die Chroniken wissen von zwei solchen Untaten zu berichten, vom 12. Dezember 1505 unh 6. Jänner 1506.; Kinder wurden getauft und dann ertränkt. Die Bürger beraubten die Juden ihrer Habe; die Judenhäuser wurden konfisziert und die Synagoge in eine Kapelle umgewandelt, die aber später in Bergesienheit geriet. Die Synagoge war, nach den soeben aufgesundenen Ucberresten, ein quadratischer Bau mit einem Flächenraum von 25 Quadratmetern, die für die damaligen Verhältnisie offenbar ansreichte. Krones sagt in seiner „Geschichte Oesterreichs" (HL, S. 101), die Judengemeinde in Budweis sei ein Beispiel der raschen und starken Vermehrung der Juden in Böhmen gewesen. 1341 erhielt Budweis die königliche Erlaubnis, drei Judenfamilien aufzunehmen, und ein paar Jahre später wuchs die Gemeinde derart an, daß sie eine Synagoge errichtete. König Johaim, der oft der finanziellen Dienste der Juden bedurfte, gewährte ihnen Schutz. Unter Wenzel IV. begannen aber die Judenverfolgungen und 1506 wurden sie aus Budweis verbannt. Ueber diese archäologische Entdeckung wird weiters berichtet: Von den Ueberresten der in der Sterneckgasse beim Niederieißen des Hauses Nr. 219 entdeckten Synagoge wurden genaue Aufnahmen gemacht und werden die aufgefundenen Konsolen u. s. w. im Budweiser Museum aufbewahrt werden. Die Wände der Synagoge waren 6 5 Meter lang, 5 Meter breit und 7 Dieter hoch. Die am besten erhaltene Ostseite zeigt eine auf Konsolen im gotischen Stile aufsleigendes Spitzbogengewölbe sowie Sgraffitomalereien, ein Band mit gelben Rosetten und die bereits erwähnte hebräische Inschrift. Das Verdienst der Entdeckung der Synagoge gebührt vor allem dem Budweiser Poftosfizial Herrn Franz M. Capek. Dieser befaßt sich schon lange mit historischen Studien und machte beim Demolieren des Hauses Nr. 219 sofort darauf aufmerksam, daß man vorsichtig sein möge, da wahrscheinlich intereffante Funde gemacht werden dürften. Wie man sieht, hatte Herr Capek recht behalten. — Den Anlaß zur Vertreibung der Juden im Jahre 1505 bis 1506 bildete ein Ritnalmordmärchen. Im Budweiser Stadtarchiv liegt auch noch die Rechnung, welche die der Stadt- . Verwaltung für die Verbrennung der Juden erwachsenen Kosten aufweist. „Züchtinger" (Henker) und Schergen erhielten für ihr blutiges Handwerk „und umb holez wegen der jüden" 40 Schock 10 Groschen 3 Denare ausbezahlt. Ebenso ist im Stadtrechiiungsauszuge vom Jahre 1507 von einer „taufften cristin" Susanna und im Haussteuerbuche nach 1506 von einem „Johannes Baptisatus die Rede. Der Rat konfiszierte damals die Häuser der Inden und übergab sie neu aufgenommenen Bürgern. Wenigstens weist die Stadtrechnung vom Jahre 1506 eine Einnahme von 21 Schock 14 Groschen für „Pnrgerrecht" aus, und in den folgenden Jahren, bis gegen 1520, wurden regelmäßig „Mehrungen" (Jahresraten) für die „Judenhänser" ausgewiesen. Ganz straflos ging die vom König Wladislav gebilligte Gewalttat der Budweiser nicht vorüber, denn der Rat mußte den nach Pisek und Prag geflüchteten Inden die abgenommenen Wertgegenstände und Häuser wenigstens teilweise ersetzen. Wie bereits berichtet wurde, ist die Synagoge in die St. Margareten-Kapelle umgewandelt worden, deren Name jedoch im Jahre 1559 zum letztenmal erwähnt wird. Am 10. Juli 1568 begehrt der Messerschmied Czobl Herberge in der Synagoge, in welcher sich also auch eine Wohnung befunden hat. Chrzauow (Galizien. Bei der jüngst hier stattgehabten Kultnswahl würden folgende Herren in den Kultusvorstand gewählt: L. Perlberger. I. Bochner, L. K ü h n r e i ch, I. W a s s e r t e i l, L. Wiener, H. Wiener, D. S. S ch ä n k e r, M. L a m m, R. Groß, S.. La über, P. Seif mann, S. Luftig O-Buda. Wie wir seiner Zeit berichteten, hat der Vorstand der hiesigen Jsraelitengemeinde zur Besetzung ihres durch die erfolgte Wahl des Dr. Elias Adler zum Rabbiner der Pester israel. Religionsgemeinde vakant gewordeneu Rabbinerpoftens mehrere Kandidaten-zur Absolvierung von Gastrcsp. Probepredigten eiugeladen. Was die Qualifikation der Berufenen in puncto ihres rabbinischen Wiffens und ihres Predigertalentes betrifft, wäre jeder einzelne von ihnen würdig gewesen, das Amt eines geistlichen Führers dieser altehrwürdigen Gemeinde zu erhalten. Und doch konnte es nur Einem zufallen. In die engere Wahl kamen: der Oberrabbiner von Veszprem Dr. Armin H o f f e r, welcher als vorzüglicher Talmudist gerühmt wird, dann Rabbiner Dr. Julius W e l l e s z aus Nagy-Bittse, welcher mit seinen trefflichen Kanzelreden unter allen Kandidaten die größte Wirkung erzielte und endlich der Preßburger Rabbiner Dr. Samuel Funk, dem es beschieden war, aus dem dreifachen Wahlkampfe als Sieger hervorzugehen. Laut dem Gemeindestatut muß der zu wählende Rabbiner zwei Drittel der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen, was weder bei Dr. Ho ff er noch bei Dr. Wellesz der Fall gewesen. Letzten Sonntag ging unter dem Vorsitze des Präsidenten Samuel Ehrlich der dritte und letzte Wahlakt vor sich. Von den abgegebenen 370 Stimmen erhielt Dr. Funk 260, er würde daher mit absoluter Majorität gewählt. Ein hnnderrgliedriges Komitee verständigre Dr. Samuel Funk vom Resultate der Wahl und beglückwünschte ihn als den neugewählten Oberrabbiner von O-Bud a. Er ist zwar nicht Oberrabbiner von Budapest, jedoch immerhin Obcrrabbiner in Budapest geworden. Wir zweifeln nicht, daß Dr. Funk sich auch in seiner neuen, ehrenvollen Stellung voll und ganz bewähren wird. Der angesehenen Altofner Jsraelitengemeinde gratulieren wir zu ihrer glücklich getroffenen Wahl, die ihr einen vorzüglichen Oberrabbiner zugesührt hat. D. H. S. Berlin. Die Mitglieder der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft den Alliance Jsraelite Universelle haben an Stelle des Heimgegangenen Charles L. Hallgarten einstimmig Herrn Philipp Schiff in Frankfurt a. M. zum stellvertretenden Präsidenten der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft gewählt. Hamburg. (H a m b u r g - A m e r i k a - L i n i e.) Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach N e wyork: Schnellposthampfer Deutschland 14./5., die Postdampfer: President Lincoln 16./5., Amerika 21./5., President Grant 23./5., Blücher 28./5., Pennsylvania 30./5. Nach Boston: Die Postdampfer : Bosnia 27./5., Bethania 11.jß. Nach Baltimore: Die Postdampfer: Bosnia 27./5., Bethania 11.jß. Nach Philadelphia: Die Postdampfer: Albano 15./5. Armenia 2./6. Nach Montreal-Quebek: Postdampfer Nordvmerika 15./5. Nach Neworleans: Postdampfer Hohenfelde 9./5. Nach W e st i n d i e n : Die Postdampfer: Croatia 15./5., Assyria 23./5., Schwarzbnrg 25./5. Nach Mexiko: Die Postdampfer: Kronprinzessin Cecilie 14./5., Bavaria 18./5. Nach O st a s i e n: Die Postdampfer: Silvia 20./5., Slavonia 30./5., Spezia 30./5. Nach W l a d i w o st o k und Nicolajewsk a. Amur: Postdampfer Dunearn ca. 23./5. von Hamburg, ein Dampfer ca. 10./6. von Hamburg. A r a b i s ch - P c r s i s ch e r D i e n st: Postdampfer Nassovia 6./6. Kiteratnr. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. Herausgegeben von Leo Winz. Verlag von O st n n d W e st. Berlin 8. 42. Organ der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance Jjraelite Universelle". 8. Jahrgang. Heft 5. Mai 1908. Inhalt: Charles L. Hallgarten. Nachruf. Abschiedswort des Präsidenten der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft Ludwig Max Goldberger an der Bahre. Die Totenfeier. Charles L. Hallgarten. Von Friedrich N a n m a n n. Hallgartens Lebenslauf (mit Portrait). — Siegfried Wagner (mit 15 Illustrationen). Von A. Donath. Ein Buch der Erinnerungen. Von Dr. Th. Z l o c i st i. Sabbatweihe (Gedicht) mit 1 Illustration. Von Grete M a f s 6. Der Seder in der Fremde. Von Binjamin Segel. Literarische Rundschau. Von Dr. Max Jung mann. Hartwig Dörenbonrg. Ein Gruß aus Sibirien. (Jüdisches Volkslied.) Noten. — Mitteilungen ans dem Deutschen Bureau der „Alliance Jsraelite Universelle": I. Rumänische Vertragstreue. II. Das Hilfswerk in Marokko. III. Die Schule der Alliance Jsraslite Universelle in Seneh (mit 3 Illustrationen). IV. Der Brand von Hasköy. V. Notizen, a) Sitzung des Bezirkskoniitecs Nürnberg. 5) Neues Lokalkomitee in Myslowitz, O.-Schl. c) Lokalkomitee München, d) Ehrendamen in den Lokalkomitees, s) Die neue Mädchenschule der Alliance in Konstankinopel. f) Ein Brief des Geh. Regierungsrates Prof. Dr. H. Cohen. — Inserate. . ' Grab- und Gedenkreden, von Rabbiner Dr. I. T a g l i ch t. Verlag I. Kauffmann. Frankfurt a. M. 141 S. — Der Verfasser setzte in den 27 Reden, die er hier veröffentlicht hat, ebensoviel bekannten Persönlichkeiten ein würdiges Denkmal, für das wir ihm nur Dank wissen. Die Reden sind würdig gehalten, kurz und bündig, aber inhaltsreich und zeigen der: Meister, der mit wenigen Pinselstrichen das lebensgetrene Bild nach dem Originale wiedergibt. Diese Reden erwärmen und werden darum gerne und oft gelesen werden. II. A. Phönikische Sprachlehre und Epigraphik, von I. Rose nb e r g. A. Harlleben. Wien und Leipzig. — Der Verfasser, von dem in Hartlebens Bibliothek der Sprachenknnde eine sehr interessante und leichtfaßliche hebräische Konversations-Grammatik und eine ebensolche über das Samaritanische erschienen ist, hat in seiner „Phönikische::^ Sprachlehre" ein Werk geschaffen, das jeden Bibelkundigen und Historiographen sehr interessieren aber auch vollkonlmcn befriedigen wird. Phönizien, das „England im Altertum", dessen Schiffe alle Meere der alten Welt durchfuhren und das überall Kulturzentren bildete, wird uns durch Professor Rofenbergs phönikische Grammatik, durch die Schriftproben und last not Isast durch die spannend geschriebene historische Beigabe näher gerückt. Die Anklänge an das Althebräische und die Beziehungen des dem jüdischen Reiche angrenzenden Phönizien zu unserer Geschichte werden des Verfassers neuester Arbeit in jeder, auch in der bescheidensten Bibliothek einen würdigen Platz einnehmen lassen und rufen wir der nächsten wissenschaftlichen Arbeit unseres Autors ein Vivat seguous aus vollem Herzen zu. M. A. Die Grundprobleme Rußlands, von Professor Marian Zdziechomski. Wien 1908. Akademischer Verlag. — Die Geschichte des tönernen Kolosses auf ehernen Füßen, des heiligen Rußland, mit ihren vielfachen Rätseln und Schauerlichkeiten begegnen insbesondere in den intelligenten jüdischen Kreisen lebhaftem Interesse. Dieses dürfte Befriedigung finden in dem vorliegenden Werke, darin nicht nur aus den Ereignissen heraus, Art und Wesen des Russentums dargelegt und die moderne Lüge von der Europäisierung des Moskowiterreiches durch den großen Peter und seine Nachfolger auf dem Zarenthron überzeugend widerlegt wird, sondern auch, wo das Verhältnis zwischen Nussentum und Judentuni in e:nem glänzenden philosophischen Exkurse,, als eines der wichtigsten Probleme Rußlands bewiesen erscheint. Heine und Herzen werden da als Repräsentanten des Russentums und Jndentnn:s porträtiert und die Verwandtschaft der roinantischen Neigungen in den Beziehungen Heines zum Sozialisnius und Herzens zum Anarchismus aufgedeckt. Auch die- Polemik des Autors gegen die Slawophilen und den christlichen Anarchismus Tolstois wird melfach ansprechen. Das Werk als Ganzes ist ein bedeutsamer Beitrag znm Eindringen in die Wirrnisse der russischen Frage, die für jeden gebildeten Menschen unserer Zeit eine der wichtigsten aus den: Stück Geschichte sein muß, das wir mitleben.

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