Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 19 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Leite 6. Die Wahrheit -Jcv. 19. weniger wurde ihm draußen im Geräusche der Welt, im Tumulte des Lebens, der Kampf um das Dasein so schwer als möglich gemacht. Er ertrug aber sein Geschick geduldig, resigniert, gottergeben, und tröstete sich damit, daß er für all die Leiden, Qualen und Widerwärtigkeiten, die ihm da draußen bereitet wurden, au Sabbatheu und Festen im Kreise seiner Familie und der Gemeinde reichen Ersatz und Entschädigung finden werde. Und in der Tat war der wahrhast sromme Jude in vormärzlicher Zeit an Sabbath und an den Festen der glücklichste Mensch der Welt. Das Bewußtsein. den Gesetzen und Vorschristen der Religion entsprochen, nicht nur für die Seinen, sondern auch für die Armen und Unglücklichen nach Kräften gesorgt zn haben, wirkte beseeligend, erfreuend, erquickend auf sein Gemüt und trug zur Erhöhung der „Festfreude" wesentlich bei. Die Generation der Jetztzeit, die sich von den pharaonischen Ausnahmsgesetzen, die unsere Büter in vormärzlichen Zeiten tief zu Boden drückten, kaum einen Begriff machen kann, möge aus dieser Schrift erkennen, daß dieselben trotz des unsäglichen Druckes, unter dem sie lange geschmachtet, sich stets als treue, opferwillige Anhänger des Glaubens ihrer Väter bewährt und ein höchst musterhaftes, sittlich-remes Familienleben, Israels heiligstes Palladium, zu jeder Zeit geführt und die Sabbathe und Festtage immer heiteren Sinnes und frohen Mutes gefeiert haben. Daß neben den wahrhaft religiösen Gebräuchen bei den Juden in Oesterreich auch so manche Observanzen statthatten, die von der Religion Israels, die den reinen geläuterten Gotlesglauben mit strenger Ausschließung allen Aberglaubens bei ihren Bekennern zn erzielen und zu erhalten strebt, verpönt werden, konnte und durfte ich nicht unerwähnt lassen; es muß jedoch hiebei fest im Auge behalten werden, daß derlei Auswüchse die herbe Frucht Jahrhunderte andauernden schweren Druckes und Ausschließung von aller sozialer Berührung vorurteilsfreier und urbanerer Kreise gewesen sei, indem nur unbeschränkte freie Regung und Bewegung, wie ebenbürtige Behandlung aller Bürger eines Staates auch bei der M a s s e des Volkes ein aufgeklärtes sittlich-religiöses Leben zu fördern imstande sei. Zum Schlüsse muß ich noch bemerken, daß einige im I. und II. Kapitel hier erwähnten Observanzen und Bräuche, wie behördliche Erlässe und „Tekanot“, die ausschließlich auf das Leben der Juden in Mähren Bezug haben, ich bereits in meiner im Jahre 1878 erschienenen Schrift „Tiferet Jisrael“' — die schon vor Jahren gänzlich vergriffen war — gewürdigt habe, allein auch diese zwei Kapitel wurden hier vollständig umgearbeitet. Möge oaher auch diese Schrift eine freundliche Aufnahme finden. (Fortsetzung folgt.) Die Grforschnug der Falaschas. Vom deutschen Bureau der „Alliance Jsraölite Universelle" wird uns ein Bericht, den die zur Erforschung des Falaschaltammes in Abessinien ausgesandte Expedition aus Addis-Abeba an die Alliance geschickt hat, zur Verfügung gestellt, tind in Anbetracht des hervorragenden Interesses, das in den weitesten Kreisen dieser Expedition entgegeugebracht werden dürfte, geben wir denselben im Nachstehenden wieder: Von Herrn Nahum ist über den Empfang und die weitere Tätigkeit der Expedition nachstehender Bericht eingegangeu: Addis-Abeba, 12. März 1908. Ich bestätige ergebenst meinen Brief vom 6. d. M.', in dem ich Ihnen in der Eile den wohlwollenden Empfang gemeldet habe, den S. M. Menelik der Mission der Alliance an diesem Tage gewährt hat. (Dieser Bericht ist nicht an seine Adresse gelangt, somit wahrscheinlich verloren gegangen.) Anderen Tags, am Sonnabend, kam der Zeremonienmeister und erste Höfdolmetsch Ato Halle Mariam zu uns ins Hotel. „Ich komme," sagte er, „im Aufträge Ihrer Majestät der Kaiserin, deren kaiserliche Grüße zu überbringen, Ihnen für das schöne Geschenk zu danken, das Sie Ihrer Majestät gebracht haben, und Sie herzlich zu Ihrer gestrige Rede vor dem Kaiser zu beglückwünschen. Ihre Majestät die Kaiserin würde sich freuen, wollten Sie Ihr eine genaue Niederschrift schicken. Zugleich überbringe ich Ihnen die Einladung zur Teilnahme an dem kaiserlichen Frühstück am Sonntag." Das sind wörtlich die Aeußerungen des Zeremonieumeisters. Am Montag, 9. März, erkundigte sich der nämliche Würdenträger im Aufträge des Kaiserpaares nach unserem Befindeil. Ich behielt ihn zu Tisch. Er wiederholte, daß Se. Majestät viel von meiner Rede spricht, von der ich hier einen kurzen Auszug gebe: Vor einem orthodoxen Kaiser sprechend, der ein glühender Verehrer der Bibel und namentlich der Psalmen ist, ging ich von dem Bibelspruch (1. Mos. 12, 3) aus: „Durch dich werden alle Völker der Erde gesegnet werden." Ich zeigte einerseits die moralische Größe der Mission Israels, andererseits die hohe Macht des alten Aethiopien; wie jenes durch Jahrhunderte der Unwissenheit und durch die Verfolgungen des Mittelalters hindurch seine Glaubenseinheit bewahren, wie dieses trotz zahlreicher Uebersälle seine Unabhängigkeit ungeteilt erhalten konnte; kam dann auf die Renaissance Israels und auf die neue Blüte Aethiopiens. Die Israeliten und die jüdische Wissenschaft schreiten immer weiter voran, dank ihrer lebendigen Organisation in der Alliance Jsraslite Universelle, die für die ganze Menschheit arbeitet, indem sie für die Israeliten sich einsetzt. Aethiopien wiederum hat den Weg zur Zivilisation beschritten, dank der hohen Einsicht, der Duldsamkeit, der Güte Ihrer Majestäten, die Gerechtigkeit, Eintracht, Frieden zur Herrschaft bringen wollen, nach dem Wort des Psalmisten: „Güte und Wahrheit begegnen sich, Gerechtigkeit und Friede umarmen sich." (Ps. 85, 11.) Dieses Zitat gefiel dem Kaiser so sehr, daß er es sofort nachschlagen ließ. Der ausgezeichnete französische Bevollmächtigte Brice, von dem uns bereiteten Empfang ditrch unseren Begleiter, den französischen Konsul Herrn Roux, und vom Palais ans benachrichtigt, beglückwünschte uns zu den Sympathiekundgebungen, mit denen die Kaiserin uns beehrt hatte. Die Kaiserin verläßt nur sehr selten und immer nur verschleiert den Harem. Fast nie sieht sie Fremde. Die zu unseren Gunsten gemachte Ausnahme war für uns von hoher Bedeutung, weil die Provinzen, die wir besuchen wollen, in „ihrem Lande" liegen (Schon und Ambara sind hier, was Aragonien und Castilien für die katholischen Köitige sind) und von ihrent Bruder und ihrem Neffen verwaltet werden. Gestern verlangte die französische Gesandtschaft vom Palastsekretariat den Schittzbrief für unsere weitere Reise. Es wurde geantwortet, Se. Majestät wünsche zunächst, daß ich die Ruinen und Inschriften besichtige, die sich drei Tagereisen weit von der Hauptstadt befinden, auch die mit Inschriften versehenen antiken Gegenstände, die in dem Schatz von Gebbi verwahrt sind. Ich werde mich morgen in das Palais begeben, um die eben erwähnten Antiquitäten zn besichtigen und um den genauen Platz der Ruinen zu erfragen. Bevor ich Ihnen den Weg augebe, den ich mir vorgezeichnet habe, gestatte ich mir, Ihnen die Plätze zu nennen, die nach Abbadie und I, Halävy vermutlich von Falaschas bewohnt sind: Abbadie nennt Damot im Westen von Godscham, Kuara, Adschafar,.. Tagessa, westlich vom Tanasee, Ermatschoko, Simen und Ualka'it, Dembya im Norden von Tana (Revue de l'Orient, 1845, p. 223). Halövy fügt noch, hinzu: Schira (im Norden), Tamban, Endarta, Lasta und Begemender (siehe den Bericht Halchvys in der Sitzung vom 30. Juli 1868, veröffentlicht im zweiten. Halbjahrsbericht 1868). Es ist sehr bedauerlich, daß Abbadie nicht ans eigener Anschauung, die Anwesenheit von Falaschas in den von ihm genannten, aber .nicht von ihm besuchten Provinzen hat feststellen können. Er sagt selbst, daß er seine Angaben „nach dem Diktat eines Priesters von Kayla-Meda bei Gondar" niedergeschrieben habe (Revue de ^Orient, p. 222). Halövy hat nur . Uakkäit, die Stadt Kabta, Dschanfeniara, Wobei und Tscholga '(oberhalb Dembya) besucht. Das geht wenigstens aus dem Reiseweg hervor, dem er gefolgt ist: Masfaua-Keren-Kasfala (aus