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Die Wahrheit · 1908-05-08 · Heft 18 (8.5.1908) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 18 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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'Jir. 18. Die Wahrheit Auch der folgende Fall gewährt.einen tiefen Einblick in die Provinzverhältnisse: In einer kleinen Stadt bat ein Beamter um Erhöhung der Taxen, da erhielt er zur Antwort: ..Zwölf Kronen bekommen Sie für ein Joscliew besesser und das ist Ihnen noch zu wenig? Ich mackst es wirklich billiger! . ■ macht es billiger! Das ist die engherzige Ansicht eines Kleinstädters, der vielleicht gar den armen Beamten um diesen „Verdienst" beneidet. Er würde es billiger tun! Darin liegt der ganze Jammer des jüdischen Kultus! Jeder maßt sich an, Priester sein zu können, ein ganzes Volk von Priestern! Jeder fühlt sich berechtigt, Ratschläge in Religionssachen zu geben. Wozu ist dann oer Rabbiner nötig? Jeder ist fähig, Lehrer und Inspektor zu sein; jeder kann singen und ist Musikkritiker; jeder fühlt sich kompetent, etwas 31t verbieten oder zu erlauben — und so ist es nur natürlich, daß der g e i stliche Beamte nicht der Erste, sondern fast der Letzte in einer solchen kleinen G r 0 ßm a ch t ist! Man muß sich nur einmal der Mühe unterziehen, die Konkurse solcher Kleingemeinden auzusehen. Da soll es einen Menscheit geben, der um 800—1000 Kronen vorbeten, schlachten, unterrichten, aus der Thora vorlesen, Schofarblasen muß, dazu gehören tioch Zeugnisse von anerkannten Autoritäten. Er darf nur. kommen, wenn man ihn beruft, die Reiseanslagen aber bekommt er nicht — es sei denn, daß er das Glück hat, akzeptiert zu werden. Dadurch wird der edle Stand des jüdischen Priesters verunglimpft. Intelligente Lente, die vielleicht einmal bessere Tage gesehen, werden gezwungen, um nur einen Posten 31t bekommen, das Schlächterhandwerk' zu lernen und müssen von diversen Fleischerknechten Grobheiten einstecken. Von der blutigen Schlagbrücke wegsollen sie dann vielleicht in die Schitle oder ins Gotteshaus gehen! Ganz unvereinbare Funktionen werden von einer P ers 0 n versehe n. Sv kommt es, daß der jüdische Knltusbeamte an Ansehen verliert, daß er infolge der anstrengenden Arbeit derart abgestumpft wird, daß er froh ist, seine persönliche Ruhe behalten zu können. Und so läßt er alles über sich ergehen, bis er in jene Jahre kommt, wo eine Veränderung des Postens unmöglich ist. — Denn mit 85, und wenns hoch geht, mit 40 Jahren wird der jüdische Beamte lebendig begraben! Wenn solche Spießbürger, die sich die Fähigkeit anmaßen, eine Knltusgemeinde zu leiten, um eine Gehaltserhöhung gebeten werden, so haben sie nur eine Antwort: Wo Geld hernehmen? Die Steuern seien schon aus dem Höchstpunkte! Merkwürdig Für eine pompöse Votivtasel, die weder schön noch nötig ist und eine Nachäffung christlicher Bräuche ist, für Unterhaltungsabende, für alles Mögliche und Unmögliche ist Geld da — für die Beamten aber nicht! Ja es gibt Lente, die ganz erbost darüber sind, wenn bei der Thora für die Beamten gespendet wird, denn die Gemeinde komme dadurch zu kurz! So denkt die „Elite" Israels? Als mir ein Beamter seine Lage schilderte und ich ihm sagte, er solle doch um einen höheren Gehalt einkommen, erwiderte er: „Das habe ich schon tun wollen, aber der Herr- Vorsteher sagte mir: „Wenn es Ihnen nicht paßt, dann suchen Sie sich etwas Besseres." Was kann man da tun? Armer Mensch! So spricht das „jüdische" Herz? Ich glanbe, ein Henkersknecht ist auch nicht grausamer. Ueberhaupt ist der Ton, .der den Beamten gegenüber angeschlagen wird, sehr bezeichnend. Der Vorbeter ist doch Gesandter vor Gott, der scheliach zibbur, und der klei n st e Staat wird doch, wenn er ans sich und seine Ehre etwas hält, seinen Gesandten die größte Achtung zollen, geschweige denn einen Gesandten vor dem König aller Könige, der als Fürbitter der ganzen Gemeinde erscheint! Aber das hindert nicht, selbst am Jom Kippur dem Vorbeter zuzurnsen, er solle sich beeilen. Führt doch elektrische Gebetmühlen ein! Auch Gottes M ü h l e n m a h l e n langsam, aber t r e s s l i ch s i ch e r! Für die Behandlung der Beamten in der Provinz ist auch folgender Fall charakteristisch: Ein Beamter suchte nach drei Jahren um desinitive Anstellung an, da meinte einer der weisen Räte: „Wenn er definitiv ist, kann man ihn ja nicht „wegschicken" (sie!) Da kam einem anderen plötzlich ein glücklicher Gedanke: „Wer sagt Ihnen denn das? Stellen wir ihn nur an, wenn wir ihn nicht brauchen können, werden wir ihm schon den Boden heiß machen!" Ost ist der Religionslehrer gezwungen bessere Noten einzuschreiben, denn eine wohlverdiente schlechte Religionsnote, die das Kind eines Allgewaltigen erhält, bildet einen Grund zur Sekkatur. Auch das „Jomrowgeld", das oft coram publico in hochehrender Weise in die Hand gedrückt wird, spielt in den Kleingemeinden eine große Rolle. Ost wird dieses „Ehrengeschenk", das als Nebeneinkommen gerechnet wird, dem Beamten entzogen, wenn einer eine höhere Knltnsstener zahlen muß. Dafür soll der Beamte büßen! Ich könnte noch die vielen Fälle ganz ungerechtfertigter Kündigung ansühren, aber das würde zu weit führen. Es ist nur traurig, daß der Beamte fast rechtlos gegen alle Chikanen ist, denn es gibt keine Instanz, an die er sich wenden könnte. Betritt er den Klageweg. so wird er seines Postens verlustig und auch die anderen Gemeinden bleiben ihm unzugänglich. Für sie gilt: Lsnipsr aliquid liaeret! — — — E i n st a r k e r S ch u tz w ä r e n n r d i e s e l s e n s e st e Solidarität der Beamtenschaft selb st. W ü r d e n die Beamten ohne Unterschied w i e ein M a n n d a st e h e n, l i e b e r h n n g e r n. a l s e i n e n i h r e r K 0 l l e g e n fallen lassen, tv ü r d e 11 d i e K n! l n s b e a m t e n di e ungerechten Gemeinden boykottieren und ihr gute s R e ch t mit M a n n e s in nt v e r t e i d i g e n, d a n n könnte keine Gemeinde willkürlich in l t den ieite 7. umspringen! Aber dies Rechten der B e a m r e u bleibt leider ein eitler Traum. So bliebe noch die einzige Hoffnung, daß sich der O berste I u d e n r a t, dessen Begründung aus dem Gemeindetage vorgeschlagen wurde, auch der schwergeplagten Provinzbeamten annehmen werde. Ihm sollte das Ernennungsrecht ans einem Ternavorschlag. die Gehalts- und Pensionsregnliernng übertragen werden; er sollte auch fähigere Beamte in größere Gemeinden versetzen können und ein geneigtes Ohr für gerechte Beschwerden haben; überhaupt die oberste Instanz in Streitsachen bilden, so würde diese geplante Zentralstelle eine wahrhaft segensreiche Institution auch für die jüdischen Beamten bilden. Möge das I n b i l ä n m s j a h r 11 n s e res e r h ab enen Monarchen, das so vielen Kreiseii b leibe 11 ö e W 0 h l sa h r ts e i n r i ch tn n g e n bringe n wird, a n ch d e n vielen verdienstvollen K n l r n s b e a m l e u‘, d i e sich bitter um das tägliche Brot plagen und auch i h r e n F a m i l i e n ei n e n Freud e n s ch i m m e r bringen, damit ihnen endlich eine s ch w e r drückende Last v 0 m Herzen falle! Aerschiedene Aachrichten. Wien. Aach längerem Leiden ist liier das angesehenste Mitglied der türkisch-israel. Gemeinde in Wien, der Großindustrielle Herr Abraham M. Elias, im 70. Lebensjahre gestorben. Mit ibm ist eine seltene Erscheilmiig von hinnen gegangen, ein Mann, der durch seine gewinnende Persönlichkeit und durch seine große Ovferwilligkeit hervorragenden Einfluß in der Gemeinde besaß und andererseits durch seinen vielgeüören. edel angelegten Wohltätigkeitssinn sich für ewige Zeiten ein ehrendes Andenken gesichert hat. Tiefe Trauer erfüllt die gesamte Gemeinde und deren Beamtenschaft, der er jederzeit ein warmer Fürsorger und edler Reiter in der Not gewesen ist. Unzählig sind die Wohllätigkeitsakre, die der Dahingeschiedene geübt hat, und er folgte dabei dem Beispiele seines frommen, edlen Baters, mir dessen Namen zahlreiche rituelle und humäniräre Institutionen für ewige Zeiten verknüpft sind. Das Leichenbegängnis fand Sonntag, den 3. Mai, unter überaus zahlreicher Teilnahme vom Trauerhause, II.. Praterstraße 12, nach dem Zentralfriedhose statt. Außer den Familienangehörigen waren anwesend: der Generalsekretär der österr.-ung. Bank Hofrat v. Pranger, der Vizepräsident des Administrationsrates des Wiener Bankvereines S t ö g e r m a y e r, die Großindustriellen Baron L a c z i und Alfred v. G u t m a n n - G e l s e, der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern mit den Kulmsvorstehern Baurat S t i a ß n y, Dr. Spitzer, Emil Horner. S. Steiner, der gesamte Vorstand der türkischen Gemeinde und Chewra Kadischa mit dem Präsidenten Licco A d u t t an der Spitze, die kaiferl. Räte Max D u s ch n i tz und Arnold F r ö h l i ch. die Theaterdirektoren E i b e n s ch i tz und Leopold Müller, Regisseur P a h l, die Vertreter der Jndustriegesellschaften, denen der Verblichene angehört hatte rc. Die Trauerfunktionen im Hause und auf dem Friedhofe versahen Rabbiner P a p o und Oberkantor Bauer, letzterer unter Assistenz des Kantors L ö w i t und des gesamten Chores. *r;. r '••V v Ufa

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