Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 18 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 18. Des Kindes Grlölimg. Der Säuglinge und Kinder Lallen Befestiget Dein Reich, beschämt den Sünder, Und stürzt den Feind, der Rache schnaubt. Psalm VIII, 3. Mama: Lothar! Welch' trauriges Gesicht machst Du heute wieder? Was hats denn in der Schule gegeben? Bist Du geprüft worden und hast Du dabei vielleicht schlecht geantwortet? Lothar: Nein, liebe Mama, Du machst Dir ganz unnötige Sorge, ich habe sogar aus „deutscher Sprachlehre" eine recht gute Note bekommen. Mama: Das freut mich! Aber weshalb dann diese ernste Miene? Fehlt Dir etwas? Lothar: Mir fehlt nichts! Ich fühle mich ganz gesund! Mama: So komm doch her, ich will Dir beim Auskleiden behilflich sein. (Lothar geht zur Mama, die ihm Handschuhe und Ueberrock abnimmt.) Mama: Ach! Großer Gott! Lothar? Was hast Du da? Wer hat Dir die Hände so zerkratzt? Lothar: Wieder diese böse Knaben! (Lothar bricht in Tränen aus, weint bitterlich und sagt:) Diese schlechten Buben schimpfen und schlagen mich immer beim Nachhausegehen von der Schule, ohne daß ich ihnen etwas zuleide tue. Auch in der Schule quälen sie mich immer mit Schimpsreden und spotten meiner, weil ich ein Jude bin. Mama: Was sollen wir machen? Es ist halt so, dagegen läßt sich nichts tun. „Dagegen läßt sich nichts tun." Mit diesen Worten, mit diesett niederdrückenden Beschwichtigungen und mit ähnlichen unerbaulichen Tröstungen schicken wir unsere armen Schäslein immer und immer wieder in die Schule, in eine Schule, in welcher an dem Selbstbewußtsei,l dieser Bedauernswerten mit aller Gewalt genagt wird. Die Schule, dieses vielsagende, bedeutungsvolle, ja heilige Wort soll heißen: eine Anstalt, in der unsere zarte Jugend zu tugendhaften, liebevollen, braven, wackeren Menschen, zu tätigen, steißigen Burgern und zu ehrlichen, treuen Untertanen angeleitet, herangezogen und. ausgebildet werden soll. Erfüllen die hiesigen Schulen diese ihre Pflicht? Zur Schande und zur Schmach unseres Zeitalters, müssen wir gestehen, daß es leider nicht so ist, sondern sich ganz gegenteilig verhält. In der Schule, wo das junge Gemüt besser, feiner, edler gebildet werden soll, gerade dort, an dieser geweihten Stelle, lernt es Haß, Gehässigkeit und Feindseligkeit und wir sehen die Kinder in den Schulen der „Stadt Wien" von Boshaftigkeit erfüllt, in Grobheit und Roheit auswachsen. Der Keim des Schlechten und Bösen wird schon in frühester Kindeszeit in ihr Innerstes gelegt, schon diese Unmündigen zeigen Abscheu gegen unsere Religion, unser Stamm ist bei ihnen verhaßt und wird von ihnen verspottet, und mit Groll und Erbitterung, oder mit Hohn und Spott sprechen sie den Namen „Jude" aus. Woher haben die Kleinen dieses Benehmen, wer lehrt es sie, oder wer gebietet ihnen gar, so zu handeln? . Die Antwort daraus ist schlicht und einfach. Sie klingt wohl überraschend, vielleicht gar etwas befremdend, aber sie ist wahr imd lautet: Das Haus, die Schule und die Kirche sind es, denen wir diese zähen Gehässigkeiten verdanken. Sie bringen uns diese unbegründeten Verfolgungen, unter denen wir und unsere Kinder zu leiden haben. Das Elternhaus und die Kirche will ich nicht angreiseu. Vor allem, weil wir keinen Anteil an denselben haben, und dann, weil hier nicht der'Platz dazu ist. Doch die Schulen Wiens' die Lehrstätten der gesamten Jugend! Die Schule, die nicht nur christliche, sondern auch jüdische Zöglinge ausbildet, die sollte anders Vorgehen. In einer Schule, wo auch jüdische Kinder unterrichtet werden, soll man beim Unterrichte Redensarten hören müssen, die direkt aus Hast und Zaick hinzielen? Religion der Liebe! wo ist deine Liebe? Würden wir Inden gar Feinde sein — was wir doch keinesfalls sind — wo ist die Liebe zu eueren Feinden?! Tiere schützt man auch, Tierschntzvereine werden gegründet und gebildet, aber wir Juden mit unserer jüdischen Jngend sind bei diesen Leuten bitterer verachtet als das Tier. Hat denn unsere Jngend kein Gefühl, kein Gemüt, keine Seele, kein Leben - in sich, haben diese Kleinen keine Empfindungen und darf man sie ungestraft quälen? Obwohl der Stifter des Christentums selbst Jude war, dennoch sind wir verhaßt, weil wir Juden sind. Besonders in den Schulräumen der Stadt Wien, in welchen so manch einschüchterndes, das Gemüt und Herz unserer Kinder zerknirschendes Sätzchen vorgetragen wird, hören wir Worte, welche den Judenhaß geradezu einprägen. Wir hören sagen: „Die Juden hassen die Christen" lt. dgl., viele Sätze, die znm Unterrichtsstoffe genommen werden, sind üppig gefüllt mit katechetischen Gehässigkeiten. Kein Wunder also, wenn sich die Kinder verschiedener Religionen in die Haare fallen, wenn Unfriede und Bissigkeit schon so früh in ihnen wach wird, und wir brauchen uns durchaus nicht zu wundern, daß jüdische Gesichter schon frühzeitig etwas Melancholisches an sich hüben. Darum Inden! rettet Euere Jugend! Eltern! rettet Euere Kinder! Helfet ihnen uäd erlöset sie von den Banden der Bedrückung! . Die dazu Bernsenen mögen eintreten, für die Notwendigkeit der Sache. Wir wollen Anstalten gründen für das kranke Kind, zur Huldigung und Verehrung Seiner Majestät des Kaisers? Errichten wir vorerst Anstalten für unsere gesunden Kinder, daß sie nicht vor Kränkung erkranken sollen, daß nicht ihr Selbstbewnßtsein schon im Werden zerschlagen werde. Rabbiner Michael L. Goldstein. Die triste Kage der Knltnsbeamten. Bevor ich in die Erörterung dieser hochwichtigen Frage eingehe, möchte ich mir zu bemerken erlauben, daß ich glücklicherweise niemals bei einer jüdischen Gemeinde angestellt war und es auch jetzt nicht bin. Es liegt also von allem Anfänge jeder Verdacht ferne, daß ich hier pro domo sprechen will. Wer jemals Gelegenheit hatte, mit Knltnsbeamten zu verkehren, die nicht in einer benedeiten Großstadt sind, sondern durch den „Haß der Götter" in ein Provinznest verschlagen wurden, der wird ihre berechtigten Klagen kennen. Viele dieser braven Leute fürchten sogar eine Veröffentlichung ihrer Schilderungen und man muß ihnen oft die Hand geben, Dinge zu verschweigen, die förmlich nach Oeffentlichkeit schreien. Sie fürchten aber — denn so ein Vorsteher fühlt sich als zehnte Großmacht. Es ist aber hoch an der Zeit, die Oeffentlichkeit für die triste Lage der Knltnsbeamten besonders in den Provinzstäd-ten zu interessieren, zumal der 'erste große Judentag in Oesterrreich sich nur höchst flüchtig mit der Lage der Kultnsbeamten beschäftigte und-ich fürchte mit Absicht an diese traurige Frage nicht herangetreten ist. Der Beamte der Großgemeinden hat wenigstens nur eine Funktion zu versehen, er wird, wie es sich gebührt, standesgemäß belohnt und behandelt, er darf krank sein und kann auch Urlaub erhalten, er genießt allgemeine Achtung — und was ja selbstverständlich sein sollte — man begegnet ihm mit der ausgesuchtesten Höflichkeit. Der Provinzbeamte muß auf diese Privilegien verzichten. Weshalb? wird man fragen. Mag sein, daß die Leute, die in der Großstadt das Gemeinwesen leiten, zumeist reiche Erfahrung im Leben gesammelt haben und einen anderen Horizont für die Beurteilung der geistlichen Funktionäre besitzen. Infolge der Ausdehnung ihres Geschäftsunternehmens oder vermöge ihrer hohen Bildung haben sie einen ganz anderen Begriff von „Leben und Lebenlassen". ^Jhr weiter Gesichtskreis läßt sie gar nie auf kleinliche Gedanken kommen. Sie wissen wohl, daß die allgemein über.handnehmende Teuerung, die sie auch in i h r e m Haushalt spüren, eine Erhöhung der Beamtengehalte erfordert; sie werden nie Taxen oder Beheizungsbeiträge verweigern, sondernstets aus eigener Initiative die Lage der Beamten verbessern. Niemals kann es einem intelligenten Großstädter in den Sinn kommen, z. B. bei zwei Trauungen die Taxe nur für eine Trauung zu bezahlen, weil diese zufällig hintereinander stattfanden!