Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 18 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die offenbaren Schwierigkeiten, die seit einer Reihe von Jahren den jüdischen militärärztlichen Eleven bei der Aufnahme ins militürärztliche Offizierskorps seitens der österreichischen Militärverwaltung in den Weg gelegt werden, und die nicht minder bekannte Thatsache, daß bei Verleihung von Stipendien, entgegen den Bestimmungen des Staatsgrunögesetzes, aus die Confession der Petenten Rücksicht genommen wird, hat den Abgeordneten Dr. Gabel zu einer diesbezüglichen Interpellation an den Landesverteidigungsminister veranlaßt, die derselbe in der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 5. d. M. dahin beantwortete, daß bei der Auswahl der mit Stipendien zu beteilenden Hörer der Medizin zur Erzielung eines geeigneten Nachwuchses für das militärärztliche Offizierskorps konfessionelle Rücksichten nicht maßgebend sind, und daß auch jederzeit Stipendien au Vertreter aller Konfessionen verliehen wurden. So wurden seit dem Jahre 1888 neben 1534 Christen 108 Israeliten, das ist 6'6 Prozent, mit Stipendien beteilt. In welch' geringem Maße aber auch die von den Interpellanten ausgestellte Behauptung, daß Israeliten seit der Wirksamkeit des derzeitigen Chefs des militärärztlichen Offizierskorps in das letztere überhaupt nicht anfgenommeu wurden, mit den Tatsachen übereinstimme, gehe daraus hervor, daß nach dem Stande vom 15. Dezember 1907 nicht nur unter den Oberärzten die Israeliten mit 5-6 Prozent vertreten sind, sondern unter sämtlichen 1042 Angehörigen des militärärztlichen Offizierskorps 18 Prozent der mosaischen Konfession angehören, während die jüdischen Staatsbürger in beiden Gebieten der Monarchie nur 4-7 Prozent der gesammten Bevölkerung ansmachen und in der gesamten Mannschaft des Heeres die Israeliten mit 3-6 Prozent vertreten sind. Nach den tatsächlich bestehenden Verhältnissen und den vorerivühnten Daten kann von einer Verletzung der Staatsgrundgesetze durch die Militärverwaltung in der bezeichneten Weise nicht die Rede sein. So weit die Erklärungen des Ministers, deren Aufrichtigkeit wir nicht anzweiseln wollen, aber aus seinen eigenen Ausführungen geht zur Evidenz die Tatsache hervor, daß die Militärverwaltung sich von einem ähnlichen Bestreben wie der bekannte Antrag des Professor Schmid im Bndgetansschnsse leiten läßt, nämlich den Status der jüdischen Militärärzte mit der Bevölkernngsziffer in Einklang zu bringen, und wenn der Chef des militärärztlichen Offizierskorps, Herr Generalstabsarzt Uriel bei der bisherigen Uebnng bleibt, dann werden wol die 18 Prozent Juden unter den Militärärzten sehr bald aus das richtige Maß reduziert sein. Der Vorfall in der Sixtinischen Kapelle, der in allen jüdischen Kreisen die entschiedenste Verurteilung erfahren hat und den die gewiß kirchlich und religiös denkenden offiziellen Kreise im Vatikan als erledigt betrachten, kann die antisemitische Presse noch immer nicht zur Ruhe kommen lassen, und so tischt das „Deutsche Volksblatt", dem die Affaire Feilbogen ein willkommenes Hetzmittel bot, seinen Lesern die Nachricht ans, daß unter den Wiener Inden eine Geldsammlung im Zuge sei, um den Professor Feilbogeu für den Verlust seiner Professur an der Wiener Exportakademie materiell zu entschädigen. Daß dies eine plumpe und bewußte Lüge ist, liegt ans der Hand, und das Judentum wird gewiß ausatmen an dem Tage, an dem durch den bevorstehenden oder vielleicht schon vollzogenen Uebertritt Dr. Feilbogens zur katholischen Kirche auch die letzten j konfessionellen Bande, die es mit diesem zur traurigen Berühmti heit gewordenen Manne verknüpften, gelöst sein werden, j Zur Charakteristik Dr. Feilbogens wird uns übrigens von > glaubwürdiger Seite folgende Mitteilung gemacht: Am Tage; vor dem letzten Versöbnungsseste wurde an Herrn Professor! Feilbogen von einigen jüdischen Hörern der Exportakademie das; Ersuchen gestellt, er möge, da sie am Jom-Kippur den Vor- . lesnngen sernbleibeu und ihren religiösen Pflichten Nachkommen j wollten, an diesem Tage keinen neuen Lehrstoff vortragen.! Professor Feilbogen lehnte jedoch diese Bitte entschieden ab und I fügte hinzu, er werde gerade am Veriöhnnngsseste ein besonders j wichtiges Thema behandeln und wer von der Vorlesung sernj bleibe, der werde sich die Konsequenzen selbst zuzuschreiben haben. j Als bemerkenswerte Episode in dem vor einigen Tagen! zu Ende geführten Prozeß P o l o n h contra Lengyel wird | aus Budapest folgendes gemeldet: Es ist kein Wunder, daß hierzulande bei Behörden wie; beim Volke die Meinung besteht, den Juden müsse man nur gehörig drohen, dann könne man von ihnen alles erhalten. Die; schon oft genug in den Witzblättern verspottete Würdelosigkeit der ungarischen Inden, die in ihrer Mehrzahl keinen höheren Ehrgeiz kennen, als einen schönen, echt magyarischen Namen zu erhalten, hat diese Ansicht anflommen lassen und gibt ihr danernd neue Berechtigung. Bis zu welcher Kühnheit man sich gelegentlich den Juden gegenüber versteigt, davon gab eine Szene Kenntnis, die : sich in dem Prozesse ereignete, den der ehemalige ungarische s Justizminister (!) P o l o n y i gegen den Abgeordneten L e n g y e l wegen Verleumdung anstrengle. Der Abgeordnete Paul Sand o der speziell zur Vernehmung von Wiesbaden, wo er sich zur Kur aushält, hierhergekommen war, sagte unter Eid folgendes ans: Der damals noch im Amte befindliche Justizminister Polony