Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 17 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14. Die Wahrheit Nr. 17. evangelische Pfarrer Herr Fritz W e h r e n f e n n i g; von fast allen israelitischen Kultusgemeiudeu Mährens und Schlesiens gingen dem Vorstande Glückwunsch- und Begrüßungstelegramme zu. Am Vormittage des Festes wurde an die Kabinettskauzlei Sr. k. u. k. Apostol. Majestät das nachstehende Huldiguugstelegramm abgesaudt: „Die bei der Weihe des Kaiser-Franz-Josef-Jubiläums-Tempels versammelte israelitische Kultusgemeiude Neutitschein huldigt in treuer Ergebenheit und angestammter Liebe ihrem erlauchten Monarchen und erfleht des Allmächtigen reichen Segen auf das teure Haupt des Landesvaters". auf welches noch im Laufe des Festtages von der Kabinettskanzlei der kaiserliche Dank herablangte: „Seine kaiferl. und königl. Apostolische Majestät danken allergnädigst für die anläßlich der Weihe des Kaiser-Franz-Josef-Jubiläumstempels zum Ausdrucke gebrachte Huldigung". Die w e l t l i ch e Feier erstreckte sich nur auf die Uebergabe des Hauses, und die Ueberreichuug des Schlüssels vom Architekten an den Kultusvorsteher Herrn Dr. Theodor Fischer. Eingelette? wurde dieser Teil der Feier durch einen von dem Realschüler Leo Körner schwungvoll gesprochenen Prolog, worauf nach einer Ansprache des Herrn Architekten Ernst L i n d n e r der auf einem Kisten von der kleiiien Schülerin Frida Fischer überreichte Schlüflcl, das Sinnbild der Uebergabe, vom Vorsteher in Empfang genommen wurde. Dieser richtete hierauf an den Architekten eine Ansprache, die in folgende Worte ausklang: „Geehrte Festversammlung! Wir feiern auch heute ein p a triotisch es Fest. Den Wunsch unseres erlauchten Monarchen, für das Kind zu sorgen, sehen Sie hier erfüllt. Für unsere Kinder, für welche jüdische Eltern stets ihr Letztes opfern, haben wir diesen Tempel gebaut! Unsere Jugend wird in diesen heiligen Hallen religiöse Erziehung, sittliche Heranbildung erhalten. Der Kaiser-Franz-Joief-Jubiläums-Tempel rage empor als dauerndes Audenken au das 60 jährige Jubiläum unseres erlauchten Monarchen: er bilde einen friedlichen Einigungspunkt für alle unsere Mitglieder! Möge dieses Gotteshaus alle Jahrhunderte überdauern als Wahrzeichen für die Lebenskraft des Judentums, als eine Stätte der Erhebung und des Gottesfriedens für kommende Geschlechter und als eine Zierde der Stadt, der wir stets treue Bürger fein wollen. Und so übergebe ich denn dieses Hans der heiligen Weihe!" Zum ersten Male schwebten feierliche Orgelklänge durch den Raum; ein ..Ha towu“ von unserem Oberkantor A r i ch mit seinen glänzenden Stimmitteln, unter Assistenz des Chores, herrlich gesungen, leitete den Weiheakt ein. Mit Worten aus der heiligen Schrift nahm nun Rabbiner Dr. Simon M a n d l zuerst die Weihe des Gotteshauses vor und entzündete das „heilige Licht", das Symbol des Friedens inmitten der Menschheit. Unter den altehrwürdigen Klängen des „Schema Israel“, mit dem das Judentum die Ewigkeit und Einheit Gottes preist, wurde die Bundeslade geöffnet und zwei der kleineren Thorarollen wurden um den heiligen Tisch in feierlicher Weise getragen. Ein Sopranfolo ans dem „Elias“ von Mendelssohn, mit Innigkeit von Fräulein Cäcilie Herz sehr schön vorgetragen und der. jubilierende Choral „Hallelujah!“ prägten in glücklicher Weise die Andachts- und Feststimmung aus, von der die beteiligten Gemeindemitglieder ergriffen wurden. Die Festrede des Rabbiners Tr. Mandl bewegte sich im Rahmen des Textwortes, zugleich der Ueberschrift im Vestibül und über dem.Allerheiligsten, das da lautet: „Fürwahr, dies ist nichts anderes als ein Gotteshaus und dies ist die Pforte des Himmels" (Genesis 28, 17). Seine Ausführungen einleitend, deutete der Redner die dreifache Bezeichnung des Tempels als Haus Gottes, des Gebetes, des Friedens. Den Schluß der Rede bildete der Segen für alle, die bei dem Aufbau dieses schönen Werkes mitgewirkt. An die Festrede schloß sich das Segenlied, eine volkstümlich gewordene chorale Komposition voll Innigkeit an, bei der die herrliche, wohlgeschulte Stimme des Oberkantors S. Ulrich, wie überhaupt bei dem gesanglichen Teile der Feier, zur schönsten Geltung kam, wie denn bei dieser Gelegenheit gesagt werden möge, daß der.in so kurzer Zeit gebildete Sängerchor zur Verschönerung des Weihefestes sehr viel beitrug. — Das sodann folgende Gebet für das Allerhöchste Kaiserhaus erhielt sein besonderes Gepräge durch das, vor offener Bundeslade abgelegte feierliche Treugelöbnis: dem erhabenen Monarchen, dessen Allerdurchlauchtigsten Namen dieses neue Gotteshausziert, in patriotischer Hingebung zu dienen, bereitwillig für Thron und Vaterland zu leben und zu sterben. — Das Kaisergebet schloß mit dem Segen für die Heimatstadt, für ihre Gotteshäuser, ihre Gerichtsstätten, ihre Behörden, ihre Beamten mid Unternehmungen, in welchen der rechtschaffene Bürger-fleiß sich regt. . . Mit dem Absingen der zwei ersten Strophen der Volkshymne schloß die erhebende Feier, ein denkwürdiger Tag der Kultusgemeinde; möge der Herr das der Andacht gewidmete Haus in seinen Schutz nehmen für und für! Verschiedene Nachrichten. Wien. Seine Majestät der Kaiser hat dem Vizepräsidenten der israel. Kultusgemeinde, Gemeinderat Theodor Ritter v. G o l d s ch m i d t, das Offlzierskreuz des Franz-Joiephs-Ordens verliehen. Wien. Seine Majestät der Kaiser hat dem ordentlichen Professor des Handels- und Wechselrechtes an der Universität in Wien. Hofrate Dr. Karl Samuel G r ü n h u t das Kommandeurkreuz des Leopolds- Ordens verliehen. Wien. (Prediger Mann hei mer-Berei n.) Am 17. Oktober jedes Jahres gelangen die Zinsen des „Prediger Mannheimer-Vereines" zur Verteilung. Anspruch auf diese Unterstützung haben bedürftige Rabbinen, Prediger und Lehrer in Oesterreich-Ungarn, welche dienstunfähig geworden sind, oder deren Witwen und Waisen. Die Bewerber müssen in einer Gemeinde, welche mindestens fünfzig Mitglieder zählt, wenigstens durch zehn Jahre das Amt in würdiger Weise verwaltet haben. Beamte großer,, notorisch reicher Gemeinden sind ausgeschlossen. Die Würdigkeit der Bewerber, sowie die Dienstunfähigkeit sind nachzuweisen. Unbelegte oder mir Urkunden in fremden Sprachen belegte Gesuche werden nicht berücksichtigte Ungestempelte Gesuche sind längstens bis am 30. Juni jedes Jahres unter der Adresse: „Vorstand des Prediger Mannheimer-Vereines" in Wien, I., Eßlinggasse 7, zu übersenden. Wien. Am 1. Mai feiert der Amtsleiter und Matrikenführer der israel. Kultusgemeinde in Wien, Herr Michael B r ö s l e r, sein 25jähriges Amtsjubiläum. Herr B r ö s l e r hat sich während seiner langjährigen Amtstätigkeit nicht nur die Anerkennung seiner Vorgesetzten und die Liebe seiner Kollegen zu erwerben verstanden, sondern auch das Matrikelamt der Wiener Kultusgemeinde zu einem Musterinstitut umgestaltet, dessen Präzision und Verläßlichkeit von kommunalen und staatlichen Behörden wiederholt gewürdigt wurde. Wien. Die unermüdliche „L a n d e i s", wie die populäre Präsidentin des Vereines zur Ausspeisung armer Schulkinder in den westlichen Bezirken kurzweg aber mit dem Empfinden wohlverdienter Verehrung genannt wird, Frau Regine Landeis, hatte abermals einen großen Erfolg, zu verzeichnen, den Erfolg, einem Hundert der armen Kinder wieder einen genußreichen Nachmittag verschafft zu haben. Hiezu hatte sie sich auch die richtige Mitwirkung Zu sichern verstanden. Frau Dora Roth.wein, die Gattin des Herrn Kantors Rothwein, hatte am letzten Sonntags-Nachmittage im Saale des „Kinderhortes" stuildenlang durch Märchenvvrlefungen zu feffeln gewußt. Frau Rothwein verstand es in geradezu künstlerischer Art die schlichten Märchen vorzutragen, und die Freude in den Angen der kleinen Zuhörer mögen ihr ein reicher Dank für ihr Bemühen gewesen sein. Daß es auch an Musik nicht fehle, unternahmen' es die jungen Herren Marcell Rothwein (Violine) und Erich S i m o n (Klavier), einige Piecen znm Vortrage zu bringen, die auch von den anwesenden Kindern mit gespannter Aufmerksamkeit und lautem Beifall ausgenommen wurden. Den Schluß des schönen Nachmittages bildete eine patriotische Huldigung für unseren Kaiser durch Vortrag eines Gedichtchens der kleinen Elly Rothwein und der darauffolgenden von allen Anwesenden, Kindern und Erwachsenen, gesungenen Volkshymne. Möge es der rührigen Präsidentin Frau Land eis gegönnt sein, ihre rastlose Tätigkeit um den .Kinderhort der Bezirke XIV und XV stets so reichlich gelohnt zu sehen. Wien. (V e r e i n z u r B e kl e i d n n g armer a l t er Männer israelitischer K o n f e s s i o n.) Vor kurzem wurde in einer Festsitzung dieses Vereines dem um den Aufschwung des Vereines hochverdienten Vizepräsidenten Herrn Karl Fuchs das Ehrendiplom überreicht und gleichzeitig das von Küilstlerhand gemalte Bildnis des wackeren Obmannes Herrn Isidor Schwarz enthüllt. So erfüllt der Verein den Tribut der Dankbarkeit den beiden hochverdienten Männern gegenüber, die unentwegt im Mittelpunkte der Vereinsbestrebungen stehen. Austerlitz. Am 24. April ist hier Herr Heinrich Preis nach kurzem aber schwerem Leiden zu Grabe getragen worden. Er stammte aus Zawaschitz und war ein wahrer Jude, ein isch tom wejoscher, der auch bei Andersgläubigen, die sich auch an dem Leichenbegängnisse zahlreich beteiligten, wegen seiner Biederkeit in hoher Achtung stand. Die Trauerzeremonien versah Kantor Stern mit dem Chore in würdiger Weise. Neu-Raustnitz. Am 3. Mai l. I. feiert unser allgemein beliebter und hochgeachteter Oberkantor und Sekretär. Herr Leopold S t ö ß l e r, sein 40jähriges Amtsjnbiläum in der hiesigen Gemeinde. Nyiregyhaza. (Der W u n d e r r a b b i von Nagy - Kallö.) Seit mehr als 60 Jahren wird im alten jüdischen Friedhof von Nagy- Kallü keine Beerdigung vorgenommen. Verfallen sind die alten Grabstätten und niemand denkt mehr an die Pflege derselben. Bloß ein mausoleumartiges Gebäude — „Ohel" (Zelt) genannt — wird von der Nagy-Kä,lloer Gemeinde in Stand gehalten. Es ist dies die Ruhestätte des im Jahre 1821 verstorbenen berühmten Nagy-Küllöer Wunderrabbis „Reb Eisig". Alljährlich an seinem Sterbetage versammeln sich jüdische Gläubige aus Nah und Fern, um in dem von zahllosen Kerzen beleuchteten „Ohel" Gebete zu verrichten. Dieser Tag — Heuer der 10. März — ist von jeher unter der Bezeichnung „Kalloer Jahrzeit" bekannt. Nach althergebrachter Sitte finden an diesem Tage in Nagy-Kalloer israelitischen Familien Festgelage statt. Der Wnnderrabbi galt als großer Kabbalist und stand als solcher mit dem gleichfalls berühmten Wunderrabbi von Nikolsburg, „Modche Benet", in ständigem Verkehr. Frankfurt a. M. Sonntag, den 19. April, starb hier, nahezu 70 Jahre alt, Herr Charles Hall garten, ein Mann, der weit über Frankfurts Grenzen hinaus als Philanthrop großen Stils, als Organisator und Propagandist eine umfassende Tätigkeit entfaltete und den Künsten und Wissenschaften ein eifriger Förderer war. Unter anderem süßer auch in der Verwaltung der Alliance Jsraelite Universelle, war Vorstandsmitglied des Zentralausschnsses des israelitischen Hilfsvereines in Berlin, widmete sich der Jewish Colonisation Association, dem Verein zur Abwehr des Antisemitisnius, in dem er schon vor Jahren eine umfassende Tätigkeit entfaltete, und der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Altertümer. In Frankfurt existiert kaum eine größere Stiftung, deren Förderung er nicht betrieben, fast kein gemeinnütziger Verein, den er nicht mit reichlichen Mitteln bedacht hätte. In ganz besonders hochherziger Weise nahm er sich seiner bedrückten und vertriebenen Glaubensgenossen in Rußland an. War Hallgartens Arbeit für seine Glaubensgenossen auch besonders intensiv, so kannte er doch als Wohltäter keine Konfession. Persönlich war Hallgarten von größter Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit, dazu ein Mann von großem Wissen und reicher, auf vielen Reisen gewonnener Erfahrungen. Offiziellen Auszeichnungen ging er, der sich politisch zum Liberalismus bekannte, aus dem Wege. Er hat Ordensangebote ansge- I schlagen und auch auf Titel und Würden verzichtet. ■:{