Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 17 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Leite 12. Die Wahrheit Nr. 17. dem Jugendgottesdienst beiwohnt. Hier wäre es eine erwünschte Abhilfe, wenn ein. Heim für verlassene jüdische Kinder errichtet werden würde, und ich richte die große Bitte an die edlen Damen und Herren, zur Verwirklichung dieser Idee ihr Möglichstes beizutragen. Zu diesem Zwecke stehen Legate und große Stiftungen zur Verfügung, wie dies wiederholt durch den hochherzigen Anwalt der verlassenen Kinder, Herrn Dr. Maximilian- Steiner, schriftlich und mündlich hervorgehoben wurde. Es wäre ein sehr segensreiches und dankenswertes Unternehmen, durch Zuwendung größerer Spenden und Stiftungen das feil Jahren fruchtbringend angelegte Kapital zur Errichtung eines Asyles für verlassene Kinder, genannt „Mannheimer Kinder-Asyl", dessen verfügbare Fonds dermalen noch ungenügend sind, der Aktivierung näher zu bringen. In die Kategorie der verlassenen Kinder gehören auch solche, die durch Schicksalsfügung teilweise der elterlichen Fürsorge entbehren müssen. In der heutigen, den Inden gar so erschwerten Zeit, verläßt so mancher Ernährer gezwungener Weise feine Familie mit dem ehrlichen Vorsatze, falls er auswärtig einen Verdienst gefunden hat, Geld zur Erhaltung der Familie zu sendeil, aber es gelingt ihm nicht, die Familie bekommt keine Gelder und darbt. Hier hilft die Kultusgemeinde mit monatlichen Beiträgen für die Erziehung der Kinder. Es kommt auch vor, daß der Ernährer nicht imstande ist, für feine Familie zu sorgen; die arme Familienmutter berichtet, ihr Gatte ist unheilbar krank, er befindet sich in einer Heilanstalt, in der Irrenanstalt, oder er ist leichtsinnig, kümmert sich nicht um seine Familie, er hat sich gegen das Gesetz vergangen und verbüßt eine längere Strafe. In diesen verschiedenen Fället! gibt die Kultusgemeinde nach genauester Prüfung jedes einzelnen Falles aus dem Konto für die Verpflegung der verlassenen Kinder monatliche Erziehuugsbeitrüge. Im Einvernehmen mit. der Behörde, d. i. der n.-ö. Landes-Findelaustalt oder dem Wiener- Magistrate, und weniger oft mit Wohltätigkeitsvereineri gemeinsam sorgt die Kültusgemeinde für diese verlassenen Kinder, indem sie Verpslegs- und Bekleidungsbeiträge gibt, schwachen Kindern in einer Ferienkolonie Aufnahme erwirkt und sie nach Möglichkeit durch freiwillige Pfleger sowie durch honorierte Lehrpersoneti inspizieren, resp. unterrichten läßt. Den geehrten Damen und Herren dürfte es kaum bekannt sein, wie schwer es ist, geeignete Pflegeparteien für diese verlassenen Kinder der Behörde zu nominieren. Es melden sich zwar viele Leute, zumeist Frauen, die sich mit der geringen Bezahlung bescheiden würden, jedoch nicht in der Lage find, sich die erforderlichen Wohnungs- und andere von Pstegeparteieu zu fordernden Bedingungen zu verschaffen. Der Kultusvorstand hat es auch versucht, zart gebaute Kinder außerhalb Wiens in Pflege zu geben. Einige Jahre waren einzelne Kinder bei dem Leiter der jüdischen Schule in Austerlitz mit bestem Erfolge untergebracht. Der Mann hat aber aus Altersrücksichteu dieses Amt wegen der vielen Mühe, die es mit sich führt, aufgegeben. Seit zirka zwei Jahren befinden sich auch einige Kinder als Pfleglinge der Kültusgemeinde Wien in der Obhut jüdischer Familien in Schaffa und will man versuchen, auch fernerhiu Kinder in gesunden Gegenden Mährens und Niederösterreichs in Pflege zu geben. Der Leiter der u.-ö. Landes-Gebär- und Findelanttalt, Herr Direktor Dr. Riether, gibt sich in nicht genug * anerkennenswerter Weise die größte Mühe, dem ^Wunsche der Kültusgemeinde nachkommend, die jüdischen Kinder zu jüdischen Parteien in Pflege zu geben. Neuerlich ist er an der Arbeit, eine andere Kategorie von Pflegeparteien zu suchen, und zwar Familien, welche die ledige Mittler mit ihrem eigenen Kinde sofort nach Austritt aus der Gebärklinik in Pflege nehmen und durch mindest 4 Monate bei sich belassen. Dafür soll die Pflegepartei für Kost und Quartier eine noch zu bestimmende Verpflegsgebühr erhalten, hingegen diese, zumeist ledigen Mütter verpflichtet fein, ihr Kind zn beaufsichtigen und zu säugen, sowie bei den häuslichen Arbeiten der Haltefranen mitzuhelfeu. Solche jüdische Pflegeparteien für jüdische Mütter und deren Kinder zu nominieren, wäre gewiß eine Wohltat und eine wichtige Aufgabe der Frauenvereine. ■ Der in der vorwöchentlichen Nummer der „Dr. Blochs Oesterreichischen Wochenschrift" von dem geehrten Herrn Dr. S. Krenberger gebrachte Artikel: „Das Kind", welchen wohl die meisten der hier versammelten Damen und Herren gelesen haben dürften, enthielt in ausgezeichneter und fein durchdachter Weise manche wichtige und beherzigenswerte Mahnung und Lehre eines warm fühlenden jüdischen Pädagogen, in welcher Form dem jüdischen Kinderelende gesteuert werden könnte und sollte. Es wäre wünschenswert, wenn diese schönen Anregungen im Jubilänmsjahre unseres erhabenen gütigen Monarchen verwirklicht werden würden. In einer Ansprache, die der greise ehrwürdige Rabbiner Dr. Schmiedl hielt, verglich er die edlen Damen und Herren, die sich mit Wohltätigkeit befassen, mit den Engeln, welche auf der berühmten Jakobsleiter auf- und niedersteigen, sich in das mühevoll zu erklimmende Mansardenstübchen hinauf-, wie auch in den dumpfen Kellerranm der Armenwohnungen hinab begeben, um Not zn lindern und dem Elende zu steuern. Auf der höchsten Sprosse dieser Leiter sah unser Erzvater Jakob Gott selbst. Und darin, sagte der ehrwürdige Rabbitier, liegt die höchste Anerkennung, das ist der göttliche Segen für diejenigen hochherzigen Menschenfreunde, die sich persönlich mit Armenpflege befassen. Au dieses Bild erinnere ich mich stets, wenn ich an die edelmütige Tätigkeit unserer jüdischen Frauenvereine denke, tlnd wenn ich Ihnen, meine sehr geehrten Dameit und Herren, als Dank für die Ehre, die Sie mir erwiesen, einen Wunsch aussprechen darf, so ist es derjenige: möge das herrliche Bild, das der ehrwürdige Seelsorger uns so geistreich gemalt, in Ihrem geschätzten Vereine zur unverwischbaren Wahrheit werden. Gin GneUenbnch für die Geschichte der Inden in Deutschland. Jeder, der die „Sichronoth"*) der Glücket von Hameln gelesen hat, dieser Bekenntnisse einer wahrhaft schönen, edlen jüdischen Seele, wird das Verlangen, nicht unterdrücken können, etwas mehr über die Geschichte der Inden Hamburgs, oder der, bis vor kaum einem Jahrhunderte, vereinigten drei Gemeinden Altona, Hamburg und Wandsbek zn vernehmen. Ist doch die Zahl der Persönlichkeiten, die hier für die Religion und Literatur des Judentums wirkten und deren Namen weit über die Grenzen dieser Städte bekannt geworden sind, eine so große, daß unser Interesse für diese bedeutenden Männer erklärlich wird. Mit gutem Grunde können wir sagen, die Geschichte der Inden der drei genannten Gemeinden ist ein Stück Geschichte der deutschen Inden überhaupt. Wir sind deshalb Eduard D u ck e s z zn Danke verpflichtet, daß er uns mit einem ungemein fleißig gearbeiteten Quellenwerke^) beschenkt hat, aus dem wir die hervorragendsten Männer Hamburgs, A l t o n a s und Wandsbeks kennen lernen, die dort gelebt, gewirkt und ihre R n h e st ä t t e gefunden haben. Wir heben die letzteren Worte besonders hervor, weil in einer Besprechung von D u ck e s i’ Werken, die gerade nicht sehr freundlich gehalten ist, getadelt wird, er habe Personen genannt, die gar nicht in den „Dreigemeinden" gelebt haben?) In trefflichem, fließendem Hebräisch lernen wir in diesem Nekrologium Männer kennen, deren Namen einen guten Klang im Judentum haben. Es sind manche Geistesgrößen, mit deren Werken wir bekannt gemacht werden. Mit einem bewunderungswürdigen Fleiße hat Dnckesz das ganze, große, weitschichtige Material gesammelt ans Gemeindebüchern und Archiven. Aber *) Memoiren der Glücket von Hameln, herausgegeben von Prof. Dr. D. Kauf m a u u f. A., 1896. 3) ,^Ch a ch m e AUW", Biographie» und Grabsteiuinschriften der Dojauim, Autoren und sonstigen hervorragenden Männer der drei Gemeinden Altona, Hamburg, Wandsbek, von Eduard Dnckesz, Klausrabbincr in Altona, ins. Deutsche übertragen von Salvnwn G o l df ch m i d r. Hamburg, 1906. A. Goldschmidts Verlag. (226 S.) 3) Daher bringt er die Namen: R.'Mei'c Randnitz (S. 18 hebr., S. 7 deutsch). N. Mireles (S. 90 hebr., S. 31) uiid den Löbauer Rabbiner Zebi Cora. lieber R. Mcir Randnitz vgl. auch die Memoiren Glückels (Si 147). Er war nachmals in .Wesel.