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Die Wahrheit · 1908-05-01 · Heft 17 (1.5.1908) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 17 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 17. Die Wahrheu Sette 11 -einstimmig angenommen, worauf Herr Mayer lief gerührt für Liese unerwartete Ehrung seinen imtigsten Dank abstattete. An der Diskussion über den Rechenschaftsbericht beteiligten -sich die Herren kaiserl. Rat P o l l a k (Bielitz), Kultusvorsteher G e i st (Wr. Neustadt), Max Markus, Lucian B r u n u e r, Steine r (Kolin), B ergman n, Dr. W e i f e n g r ü n mib laiferl. Rat A n n inge r. . Der Rechenschaftsbericht und der Kasfabericht wurden einstimmig gelte h migt und dem Vorstände das Absolutorium erteilt. In den Vorstand wurden die Herren kaiserlicher Rat Anninger und Sigmund Mayer wleder-, die Herren Dr. Felix H ö n i g s m a n n und Dr, I. S a m u e l y neltgewählt. Uever das Armenmeleu der Wiener israelitische» Knltnsgemeinde. Vortrag, gehalten anläßlich der Generalversammlnng des israelitischen Franenvereines Wien-Hietzing, am 5. April 1008 von Rudolf Kraus, äüS (Schluß.) leitender Beamter im Wohltätigkeasamte der israel. Kultusgemeinde Daher sollte diese wiederholt angeregte Umgestaltung im Armenwesen von den maßgebenden Anwälten der Armen in 'Erwägung gezogen werden. Hier wäre Nützliches zu leisten. Nach einer gewissen und dem Materiale nach zu bestimmendenen Vereinbarung sollten die Vertreter (Beamten) der verschiedenen Wohltütigkeitsvereine zu gemeinsamen Besprechungen sich vereinen, um die eingelangten Einläufe, den Beschluß des Vorstandes vorbehalteud, zu behandeln. Unter Beachtung der derzeitigen Bezirkseinteilnng wären die Mitglieder der Bezirkskommissionen, sowie die Vorstandsmitglieder der verschiedenen Wohltätigkeitsvereine zu ersnchen, den mit einer Legitimationskarte versehenen Recherche-Beamten im Bedarfsfälle mit ihren Lokalkenntnisfen in diskretester Weise mit Auskünften behilflich zu sein. Auch der Einlauf der Gesuche, sowie die Auszahlung der bestimmten Aushilfen, mit Benützung diesbezüglicher Drucksorten, könnten dadurch vereinfacht werden, daß die Vorsteher der Bethaus- oder Wohltätigkeilsvereine in den äußeren Bezirken diese beiden Agenden durch ihre Beamten während der bestehenden Bnreanzeit kostenlos durchführen ließen, um den oft alten und kränklichen oder im Taglohne stehenden, von der Inneren Stadt zu entfernt wohnenden Armen Porto-, Fahrt¬ oder Lohnspesen zu ersparen. All dies hat aber zur unbedingten Voraussetzung, daß die Kultusgemeinde baldmöglichst das Erforderliche zur Anlage eines Zentral-Zettelkatasters veranlasse, dessen Genauigkeit eben dadurch gesichert wäre, daß tüchtige und pflichttreue Beamte und nicht freiwillige Rechercheure die ersten oder Grund-Erhebungen pflegen würden. Die Vereine des Zentralverbandes haben nach jeder Erledigung in kürzester Frist das Resultat in Ziffern dem Bureau mitznteilen, dieses notiert die Erledigungen auf dem .Katasterzettel und ist so in der Lage, ein vollständiges Referat dem neu anfragenden Vereine zu geben. Auf diese Weise könnte auch dem, meiner Ansicht nach, in etwas übertriebener Weise dargestellten Protektionsweseu mit -Erfolg entgegengetreten werden und das Bettelunwesen würde nicht weiter gezüchtet werden. Dann würden gewiß auch Privatpersonen, welche, wenn sie, ohne Recherchen zn pflegen, Wohltaten ansüben, zumeist die unverschämte Armut unterstützen, an diese Auskunftsstelle sich wenden. So wäre, wenngleich das ideale Ziel nicht erreicht, doch ein bedeutender Fortschritt für die unbedingt reformbedürftige Aendernng in der Ausübung der Wohltätigkeit getan, ohne einem Vereine oder seinem Vorstande auch nur das geringste von seiner bisherigen Wirksamkeit weggenommeit zu haben, ohne der Knltusgemeiude oder einem Vereine nennenswerte Spesen zu verursachen, durch welche Arme verkürzt werden würden. Jeder Verein wahrt sein bisher ausgeübtes selbständiges Recht, hat nach wie vor seinen Vorstand, seine Mitglieder, jeine eigenen Einnahmen (Mitgltedsbeitrüge, Spenden, Subventionen, Legate rc.), seine eigene Meinung und wäre dieser Verband attsschließlich nttr als Reformator und Informator in der Ausübung der Wohltätigkeit zu betrachten. Ich stelle mir die Durchführung der von mir angeregten Reform in der Praxis so vor, daß die Vereine des Verbandes ihre Gesuche, oder auch nur von den Petenten, Namen, Adressen und etwa den Grund der Eingabe der Zentralstelle für das Armeuwesen übersenden; dieses Bureau läßt durch einen Beamten recherchieren und berichtet über die Erhebungen, sowie all das, was der Petent in einem gewissen Zeiträume von den verschiedensten Seiten erhalten hat, dem anfragenden Vereine, defsem Vorstand es nunmehr vollständig frei steht, sich an diesen Bericht zu halten oder nicht, d. h. diese Erhebungen als genügend für die Erledigung zu betrachten, oder durch weitere eigene Recherchen zn ergänzen, so auch durch weitere Fürsorge und Inspektion diesen einen Fall gemeinsam mit anderen Vereinen, mit denen der Verbattd doch in Beziehungen steht, rationell zu behandeln. So bleibt ein großes Feld für die freiwilligen Armenpfleger, die jedoch erst nach der durch den Beamten der Zentralstelle gepflogenen Grundrecherche sich mit den einzelnen Fällen befassen sollen. Geehrte Damen mib Herren! Das freudigste und ich möchte sagen, das herzerquickendste Gefühl für Eltern ist der Anblick ihres gut gearteten, körperlich und seelisch gesunden Kindes, und kein Opfer, keine Mühe, kein Weg ist den Eltern zu schwer, wenn es gilt, das Gedeihen des Kindes zn fördern. Rührend ist es, wenn man betrachtet, wie der arme Vater, die notleidende Mutter sich die größten Entbehrungen anferlegen, um dem Kinde das möglichste zu seinem Fortkommen zu bieten, seine Studien zn fördern, es zn kleiden und ihm auch Vergnügnngeil mancher Art zn schaffen. Doch gar manches Kind, und es sind leider viele, hat das Unglück, schon in seinem frühesten Alter der fürsorglichen Hand und des herzlichen Mitgefühles der Eltern enbehren zu müssen. Des Waisenkindes nimmt sich der Waisenverein in Vertretung der verstorbenen Eltern an. Durch die Hochherzigkeit der Familien Baron Springer. Ritter von Gnttmaun und der edlen Frau Merores-Jtzeles, entstanden drei Waisenhäuser für eine beschränkte Anzahl jüdischer Knaben und Mädchen. Der größte Teil der Waisenkinder jedoch ist nicht in Waisenhäusern nntergebracht, sondern bei eigenen Familienangehörigen; einige befinden sich in fremder Pflege. Aber nicht alle Kinder, die der elterlichen Fürsorge entbehren, sind Waisenkinder. Die sogenannten ..verlassenen minder" bilden ein eigenes Kapitel im Armeuwesen. Das uneheliche Kind, das zumeist von der Mutter als Last angesehen wird und verstoßen und verlassen gegen das geringste Entgelt bei Haltefrauen sein elendes Dasein fristet und die traurigsten Kinderjahre verlebt, ist es nicht ärger daran als das Waisenkind? Der Staat und die Kommune, sie sorgen für das Kind, sie bezahlen eine Verpflegsgebühr und lasten die Erziehung des Pfleglings überwachen. Die Knltnsgemeinde nimmt sich dieser Kinder, die seitens des Magistrates oder der Findelanstalt bei Pflegeparteien nnrergebracht sind, in der Weise an. daß sie die Verpflegsgebühr der Behörde von monatlich 8 K resp. 12 K oder 16 K aus Wohltätigkeit auf 25 K bis 30 K ergänzt und auf diese Art in den meisten Füllen den Kindern eine bessere Verpflegung verschafft. Außerdem erhalten die uieisten dieser Kinder die Bekleidung durch die Knltnsgemeinde und werden von den Mitgliedern der Bezirkskommissionen allmonatlich inspiziert. Wiederholt hat der Knltnsvorstand veranlaßt, daß die bei katholischen Parteien untergebrachlen Kinder zu jüdischen Familien in Pflege gebracht werden. Jedoch werden dem Amte bei Durchführung der Abnahme eines m katholischer Pflege befindlichen jüdischen Kindes dadurch Schwierigkeiten bereitet, daß z. B. der christliche Vormund seine Zustimmung verweigert, oder daß sich das Kind au die Partei durch die besonders gute Behandlung und auch umgekehrt, die Partei sich an das Kind gewöhnt hat. Für in christlicher Pflege untergebrachte Kinder leistet die Knltnsgemeinde den Parteien eine monatliche Prämie von 4 K bis 10 K gegen den Nachweis, daß das Kostkind den jüdischen Religionsunterricht regelmäßig besticht und auch

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