Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 17 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 8. Die Wahrheit Nr. 17. die Organisation die Autonomie der Gemeinden nicht beschränken dürfe. In die Kompetenz der Delegierten-Versammlung sollen fallen: а) die Vertretung der Gesamtinteressen der Juden Oesterreichs gegenüber den Reichs- und Landesbehörden, d) die Bildung eines Beirates bei dem Kultusministerium und dem Ministerium des Innern in Angelegenheiten der jüdischen Konfession, c) die Aufsicht über die Erfüllung der beii Knltnsgemeinden kraft bestehender oder künftiger Gesetze übertragenen Pflichten. б) die Verwaltung gemeinsamer, von mehreren Kultusgemeinden oder sonstigen jüdischen Korporationen errichteten religiösen, wohltätigen oder gemeinnützigen Instituten, insoweit die Gründer derselben kein anderes Verwaltungsorgan hiesür bestimmt haben. e) die schiedsrichterliche Entscheidung von Konflikten zwischen Knltnsgemeinden, (insoweit sich die streitenden Parteien dieser Entscheidung unterworfen haben). Dr. Czeszer (Lemberg), bemerkt, daß gerade mit Rücksicht auf die galizischen Verhältnisse die Schaffung eines Zentralorganes eine zwingende, ja unaufschiebbare Notwendigkeit sei, da die weitgehende Autonomie, die den kleinsten, wie den größten Gemeinden im gleichen Maße eingeränmt sei, eine Isolierung derselben in kultureller Beziehllng herbeiführe. Redner verweise nur auf die tristen Zustände des Religionsunterrichtes in Galizien, deren Sanierung eine der ersten Aufgaben des zu gründenden Verbandes sein solle. Er bespricht eingehend die Wirksamkeit, welcher dieser noch hinsichtlich der rituellen Eheschließungen, ferner auf dem Gebiete der Armen- und Krankenpflege, sowie der Wohltätigkeit überhaupt entfalten könnte. Redner empfiehlt den Antrag des Referenten zur Annahme, damit das Judentum in Galizien nicht verknöchere. Moser (Karlsbad) weist darauf hin, daß es auch der Regierung willkommen sein werde, ein Organ zu finden, das berufen ist. die Interessen des Jndentmns zu vertreten und ihnen autoritativen Ausdruck zu geben und wünscht die Zuziehung eines Vertreters der kleinen Gemeinden Böhmens in das Komitee. (Beifall.) Dr. La mb erg (Mislitz) stellt den Antrag, daß das Komitee ans den hier anwesenden Vertretern der Knltnsgemeinden gewählt werden solle. Rabb. Dr. F e u ch t w a n g (Wien) bemerkt, daß die Stunde, in der die Versammlung heute über ein außerordentlich wichtiges Organ entscheiden soll, geeignet sei, in allen Gefühle zu erwecken, die sich in einem herzlichen Dank für die Einbernfer der Versammlung auslösen. Im Gegensätze zu den Ausführungen des Referenten, daß der zu bildende Verband vorwiegend als Rechtskörperschüft gedacht werden soll, die der Regierung gegenüber verantwortlich ist und die mit .Rat und Tat den Juden Oesterreichs zur Seite gestellt werden solle, sei Redner der Ansicht, daß man die Seelsorger und Rabbiner nicht als Schmnckgegenstände betrachtet! und nicht aus dem öffentlichen Leben ausschalten dni-fe. Die Juden dürfen nicht auf die Kraft ihrer Lehrer lind sittlichen Erzieher verzichten und deshalb sei es notwendig auch aus ihrer Mitte Vertreter in das Komitee anfzunehmen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Frei m a n n schließt sich in seinen Ausführungen dem Wunsche des Dr. Fenchtwang an. Dr. Brande (Przemysl) ergreift als Delegierter mehrerer kleiner galizifcher Gemeindeil und außerdem als Präsident der zionistischen Landesorganisation in Galizien das Wort. Wir Zionisten, sagt Redner, sind hiehergekommen, um alles Trennende auszuschalten und einen Boden für die gemeinsame Verständigung und gemeinsame Arbeit zu suchen. (Beifall.) Er stelle die entschiedene Bitte, den Schwerpunkt der Organisation in die kleinen Gemeinden zu verlegen und wendet sich daher gegen den Antrag des Präsidiums betreffend die Konstituierung des Komitees, der nur den großen Gemeinden eine entsprechende Vertretung im Verbände verbürge. Abg. Stand bemerkt, es sei die höchste Zeit gewesen, daß die Inden von ganz Oesterreich zusammenkvmmen, um über jüdische Fragen zu beraten. Wenn im Staatsbudget für den jüdischen Kultus im Gegensatz zu den anderen Religionsgesellschasten ein unverhältnismäßig geringer Betrag ausgesetzi ist, so sei der Grund darin zu suchen, daß das Judentum seine Interessen in der Oeffentlichkeit ilicht nachdrücklich genug ver treten habe. Redner bespricht unter Hinweis ans die bevorstehende Volkszählung in eingehender Weise die Frage der Anerkennung der jüdischen Sprache und bemerkt, daß auch ans deni Gebiete der Emigration, sowie bezüglich der Sonntagsruhe, des Hausiergewerbes und der jeweiligen aktuellen Tagessragen, wie die der Resolution Schmidt, durch die Organisation viel geschehen könne. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen polemisiert Redner gegen das Vorgehen einzelner galizischer Kultusgemeinden, welche die hebräischen Schulen in keiner Weise unterstützen und so deren Auflösung herbeiführen. Hier Wandel zu schaffen, wird Sache des Verbandes sein, indem alle Parteien und Strömungen repräsentiert sein sollen lind bei dessen Bildung vor allem auf die Vertreter der galizischen Bevölkerung Rücksicht zii nehmen sei. Redner wünscht, daß im Titel des Bundes das Wort „Israelitisch" durch „Jüdisch" ersetzt werde. Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n: Vergessen Sie nicht Herr Abg. Stand, daß das Christentum sich seit je das eigentliche Israel nennt. Sie können das in christlichen Kirchen von der Kanzel hören, daß die Christen das Volk Israel sind und wenn Sie einmal nicht in der Kirche, sondern ilur bei den „Hugenotten" gewesen sind, dann haben Sie das Lied des Marcel singen hören, der sich „einen Israeliten" nennt. Ich bin ein Jude und habe garnichts dagegen, wenn sich der Bund „Jüdischer Bund" nennt. Wenn wir aber auf den 'Namen Israel verzichten, dann sind sie, die Christen, die rechtmäßige Fortsetzung des Alten Testamentes und wir sind nur der Stumpf, der eigentlich ausgerodet werden soll. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Abg. Stand schließt seine Rede mit dem Wunsche, daß sich der Bund zu einer echt jüdischen Körperschaft im modernsten Sinne ausbauen möge. (Lebhafter Beifall.) Dr. Kisch hebt hervor, daß hier eine Körperschaft gegründet werden foll, die einig für die Inden in deren Namen sprechen solle. Gegenüber diesem Ziele müßten alle Parteinnterschiede in den Hintergrund treten, nur dann werde eine gedeihliche Arbeit geleistet werden. Abg. Dr. S t r a u ch e r dankt zunächst der verehrlichen Leitung, die endlich Gelegeitheit gegeben, über jüdische Angelegenheiten zil beraten und erklärt, daß er allerdings den nationalen und zionistischen Standpunkt seiner Partei vollauf teile, daß er aber hierher gekommen sei, alles Trennende beiseite zn legen, in der Hoffnung, daß die Versammlung, die sich formell zusammengefunden habe auch materiell zum Ziele kommen werde. Mit Bezugnahme ans die jetzige politische Lage, vor allem die jüngst gefaßte Nesolution Schund, die nur' mit Hilfe der Deutschen zustande kommen konnte, sagte Redner, daß die jüdisch-nationale Partei im Gegensatz zu jenen Juden, welche „deutsch" wählen, nicht die Absicht haben, die ganze Menschheit glücklich zu machen, sondern nur das eine Ziel im Auge haben, die berechtigten Interessen des jüdischen Volkes zu wahren. Da der „Bund" in diesen Intentionen gegründet sei, sei es naturnotwendig, daß er mit der Zeit jüdischnational werde. Was die Mißstände in den jüdischen Schulen und namentlich die mangelnde religiöse Erziehung der jüdischen Jugend anbelangt, so erklärt Redner, daß seiner Ansicht nach, nur eine jüdischnational erzogene Jtlgend jüdisch religiös sein könnte und gerade jetzt sei der richtige Zeitpunkt hiezu gekommen, woselbst nach Aussprüchen verschiedener anderer Parteimänner eine Renaissance des jüdischen Geisteslebens angebrochen sei. Gegenüber dem Dr. Brande meint Redner, daß die Rabbiner in den Kultusgemeinden Platz genug haben ihre segensreiche Tätigkeit zu entfalten, beklagt aber den Mangel an Kenntnis der jüdischen Geschichte beim größten Teile der jüdischen Bevölkerung. Der demokratische Gedanke des Jndentums muß sich bei der Zusammensetzung des Komitees darin zeigen, daß es hier ans den: Plenttm der Versammlung gewählt wird. Kämpfen wir als ein einig Volk von Brüdern, schließt der Redner, gegen die großen Gefahren, um ztt zeigen, daß sich Männer finden, welche in den jetzigen schwierigen Zeiten die