Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 16 (16.4.1908)
- Date
- 1908-04-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Die Wahrheit -Leite 9. Sogenannte Gnadengaben erhalten nur erwerbsunfähig gewordene Bedienstete der Knltusgemeinde, die, nicht pensionsberechtigt waren, oder deren Witwen, auch deren Waisen als Erziehungsbeitrag. Diese Gnadegabe ist nicht identisch mit einem nach dem bestehenden Statute berechneten Pensionsbetrage oder mit der vorhin erwähnten periodischen Unterstützung. Ich kann es nicht unterlassen, auch aus die großen Ausgaben hinznweisen, welche der Knltusgemeinde durch die vollständige Versorgung und Verpflegung von 244 Insassen der Versorgungsanstalt und deren Abteilung für Sieche erwachsen. Durch die Hochherzigkeit einer Dame wird es in einigen Tagen möglich sein, den heuer ausgesührlen Zubau der Versorgungsanstalt durch 40 neue Plätze zu belegen. Das Spital der Kultusgemeinde hat 170 Betten, außerdem werden dort täglich Hunderte Kranke ambulatorisch behandelt. Es dürfte nicht uninteressant sein, einige Ziffern zu hören, um so sich ein kleines Bild von den Beträgen zu machen, welche seitens der Knltusgemeinde für Armenzwecke verausgabt werden. Für einmalige Unterstützungen.K 94.000 „ periodische „ über.„ 60.000 „ Unterstützungen an Wöchnerinnen, inklusive Subvention für den Wöchuerinnen-Verband .. 9.400 „ verlassene Kinder. 16.400 „ Subventionen an Wohltätigkeits-Vereine . „ 52.100 rituelle Verköstigung für Kranke, Soldaten und Sträflinge.. . . . „ 11.100 „ Beiträge für Armenschnlzwecke.., t8.000 „ Aushilfskassa des Spitales. 14.000 „ Spital ein Zuschuß von (zu K 410.000-—) „ 228.000 „ Versorgungsanstalt ein Zuschuß von (zil K 228 500- - ). 106.000 „ Gnadengaben.„ 40.000 In einer Großstadt, wie Wien, bilden sich zumeist aus einer Gesellschaft Gleichgesinnter entstehende Wohltätigkeitsvereine, die auf Grund ihrer Bestimmungen, nach Maßgabe ihrer Mittel, einzelne Zweige der Armenpflege ausführen. Beinahe die meisten dieser jüdisch-konfessionellen, sowie eine Anzahl interkonfessioneller Vereine erhalten als A n e r k e n n u n g ihrer ersprießlichen Wirksamkeit seitens des Knltusvorstandes eine Subvention. Ich habe hier ausdrücklich das Wort „Anerkennung" gewählt, da der oft geringfügige Betrag der Subvention in den seltensten Fällen ein ausschlaggebender Beitrag für die Ausführung des Vereinszweckes bildet. Es verdient hier ehrend hervorgehoben zu werden, daß sich so viele edle Damen und Herren finden, die die große Mühe und das Opfer ihrer kostbaren Zeit nicht scheuen, um das Los der Armen zu verbessern; einerlei ob es Kinder und Greise sind,- die sie bekleiden, Schüler, die sie in Horten unterrichten, oder sie in einen Landaufenthalt schicken, Kranken und Rekonvaleszenten eine Kur ermöglichen, Frauen zur Zeit des Wochenbettes in verschiedener Weise unterstützen, Kranke besuchen, Arbeit vermitteln, Darlehen verabfolgen, Blinde, Taubstumme, geistig Zurückgebliebene und Krüppelhafte ausbilden und wie die verschiedenen Agenden der vielen Vereine heißen mögen. Bei diesem Anlasse ivill ich mir erlauben, auf die Zeutralisirungsbestrebungen für das Armenwesen hinznweisen, deren notwendige Aktivierung in Vorträgen und Schriften durch Herrn kais. Rat Dr. Krüger wiederholt behandelt wurde. Auch ich habe im Herbst 1906 in einem Zeitungsartikel meine auf Grund der langjährigen Praxis gesammelten Erfahrungen niedergeschrieben, in welchem ich die Norwendigkeit einer Zentralisierung des Armenwesens klarlegte; jedoch bisher ohne jeden Erfolg. Die Gelegenheit benützend, die mich vor so ehrenwerte Damen und Herren heute führt, will ich mir gestatten, die wichtigsten Durchführungsmodalitäten anzusuhren, wie i ch mir eine Zentralisierung des Armenwesens vorstelle. Die Reform des Armenwesens, d. h. die Formänderung der Grundlagen einer Organisation zur Linderung der Armut ist seit Jahr und Tag eine Frage, au deren Lösung Praktiker sowie Laien mit mehr oder minder Erfolg gearbeitet haben und als Ehrenzeugnisse einzelner hervorragender Praktiker in Armensachen stehen die verschiedenen von Philanthropen errichteten Hnmauitätsanstalten da, den mannigfachen Arten des Elends hochherzig gewidmet. Hat jedoch jede Institution, jeder einzelne Verein seine Existenzberechtigung? Kann jeder, der sich einem solchen freiwilligen Amte widmet, dieses so anssühren, wie es den Zielen und Zwecken seiner Institution nützlich wäre, und ist es bei manchem nicht oft und oft nur Ehrgeiz und Eitelkeit, die ihn zur Gründung eines Vereines veranlassen? Die Ueberwucheruug von Vereinen einer und derselben Tendenz schwächt diesen ganzen Zweig des Armenwesens, und die Answahl der Armen wird dadurch erschwert. Hier wäre durch das Zusammengehen der die gleichen Ziele erstrebenden Vereine in einem Verbände die Reform angebahnc unb vielem Unfug, sowie scheinbar uuausweichbaren Unregelmäßigkeiten tu der Behandlung der Agenden wäre zum größten Teile gesteuert. Wer mit Armenwesen sich befaßt hat, wird die verschiedenen Spezies von Bewerbern kennen, von dem wahrhaft verschämt Armen, der durch die Ungunst der Verhältnisse, geschäftlicher ober familiärer Natur, sich in Bedrängnis befindet, bis zu dem vorsätzlich betrügerischen oder gewohnheitsgemäß einschreitenden 'Gesuchschreiber, der kein Schamgefühl besitzt und die Ehre seiner Angehörigen mitbesudelt. Und wer einmal durch vermeiittliche Arme betrogen, wem für viele Mühe, Jemandem rationell zu helfen schnöder Undank zuteil wurde, der wird, falls er nicht gegen jeden Armen argwöhnisch wird und seine Ausgaben für die Wohltätigkeit einschränkt, vorsichtiger und genauer in der Auswahl der Armen werden, an denen er ein gutes Werk üben will. Um genaueste Erhebungen zu pflegen, sich von der wirklichen Lage eitles Armen überzeugen zu können, hiezu ist nicht Jedermann tauglich. Es siitd Intelligenz, vorsätzliche Rechtlichkeit und durch die Praxis g es ch u l t e R o n t i n e nötig und hiesür eignen sich, meiner Meinung nach, vor allem honorierte Beamte, die auf Grund einer einfachen Instruktion die Recherchen pflegen itnd denen fachmännischer Blick und gerader, durch nichts beeinflußter Charakter das Bild zeigen, das sie in ihrem Referate wiederzugeben haben. Auch hier ist die Verbindung von Vereinen nötig. Jetzt pflegt jeder Verein für sich die Recherchen und jeder hält nur die eigenen Erhebnngeii für genau und zur Beachtung geeignet, ungeachtet der Spesen, der Zeit und Mühe, soivle der wiederholt überflüssigen Behelligung der Armen. Die vor einigen Jahren abgehaltene Enquete über das Armenwesen Hai den Verband zur Unterstützung von Wöchnerinnen gezeitigt. Eine segensreiche Institution, die diesen Zweig der Wohltätigkeit bereits bestandener und weiter bestehender Frauenvereine aller Bezirke vereinigt und so geeint und dadurch gestärkt in wirklich rationeller Weise jeder armen Wöchnerin helfen kann. Ein nachahmenswertes Bild von dem Zusammenwirken mehrerer Vereine zeigen auch die Kinderhorte im XV., XVI. und XX. Bezirke, in welchen die Kinder während der schulfreien Zeit beschäftigt werden, von dem betreffenderi Bezirksvereine altsgespeist, von den bestehenden Bekleidllngsvereinelt in diesen Bezirken beteilt und erforderlichenfalls durch den Verein „Ferienheim" während der Ferialzeit auf's Lalid oder in die Kur geschickt werden. In derselben Weise rvüre es aber auch möglich, Spezialverbände zu bilden, beisvielsweise zur Bekleidung von Schulkindern, zur Abdirigierung von Fremden aus den Spitälern, zur Entsendung von Kranken in Kurorte, zur Unterstützung delogierter oder ihres Ernährers beraubter Familien. Wie viele unnötige Spesen, Laufereien der Bereiusbeamren oder freiwilligen Rechercheure, sowie der Parteien selbst, wie viel Zeit könnte dadurch erspart werden. «Schluß folgt) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Israelitische Knltusgemeinde.) Zur Vermeidung des großen Andranges in den Gemeinderempeln zur „Haskara" am achten Tage des diesjährigen Passahsestestes (Donnerstag den 23. April) werden vom Vorstände der Israel. Knltusgemeinde Wien im Saale des „Hotel Post", Wien. I.. Fleischmarkr 16, und nn Saale des „Horel Zentral", Wien, II.. Taborstraße 8. 1. Stock, um OS) Uhr vormirrags, anläßlich der M a s k i r - A n d a ch t e n feierliche Gottesdienste Veranstalter. Der Eintritt ist frei. Karten werden nicht ausgegeben.