Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sene ö. Die Wahrheit Nr. 15. So hat er sich beim jüdischen Volke, dem kraftvollen Mark des jüdischen Stammes, und nicht minder beiden Edelsten und B e st e n der N a t i o n u n st e r b l i ch g e m a ch t. Der Ruhm, der ihm gezollt wird, er ist ehrlich und redlich verdient. Mir vollem Rechte können wir auf ihn die trefflichen Worte Schillers anwenden: Werden Besten seiner Zeit genug getan, Der hat gelebt für alle Zeiten! Verschiedene Nachrichten. Wien. (Hietzinger Frauenwohltärigkeitsverei u.) Aul 5. April 1. I. fand die zweite ordentliche Generalversammlung dieses Vereines statt, die sehr gut besucht und unter anderen auch den Besuch der Herren Regicrnngsral Dr. Schlag, Josef K o h n. Beirat des Brrgitlenauer Fraueuwohltätigkeitsvereines und Rudolf Kraus, Leiter des Wohlrärigkeitsamres der Wiener ifr. KulMsgemeinde, ausgezeichnet war. Rach Erstattung des Rechenschaftsberichtes durch die Vorsitzende, Frau Direktor Laura K r e n b e r g e r, und des Kassenberichtes durch die Revisorin. Frau Oberrevidentenswitwe Franziska B i r m a n n, wonach der junge Verein ein Vermögen von über 2000 K besitzt und durch Unterstützungen an Arme, Kinder und Sieche sehr ersprießlich wirkte, folgten die Neuwahlen, die folgendes Resultat ergaben: Laura Krenberge r. Präsidentin; Hermine B e r n s e l d und Gisela Z i r n e r, Bizepräsibentmnen; Helene Jacob, Schriftführerin; Adele Heller, Kajsierin; Franziska Bier m a n n und Cäcilie S m e t a n a, Revisvrinneu; Marie Baad, Helene H e r tz k a, Eugenie Hoffman n, Josestne K a h a n e, Regine K u n e r, Henriette L i p p a, Marie S t c i n b e r g e r und Sofie W o l s, Beiräte. Hierauf referierte Frau Eugenie H o ff m a n ii über die Absichten des Vereines, die Tätigkeit des Vereines zu erweitern, und wies auf die modernen Bestrebungen für den Säugiulgsfchutz hin. Nach diesen mir Beifall anfgenommenen Ausführungen sprach Herr Amtsleiter Rudolf Kraus mit großer Sachkenntnis und in erschöpfender Weise über die Tätigkeit der Kultusgemeinde auf dem Gebiete des Armenwesens, indem er gleichzeitig ihre aus die Zentralisierung der Wohltätigkeit bezüglichen Absichten in überzeugendster Weise darlegte. Rauschender Beifall folgte diesen Ausführungen, die sich im ersten Teile mit der Wohltätigkeitspflege im allgemeinen und darauf mit der Fürsorge der verlasienen Kinder vefchaftigre», und es wurde allgemein der Wunsch laut, das Elaborat des Herrn Amtsleiters Kraus durch den Druck verbreitet und gewürdigt zu sehen. Die Herren Regierungsrat Dr. Schlag und Josef K o h n gaben ebenfalls. beherzigenswerte Anregungen und begrüßten warm die rege Tätigkeit des Hietzinger Frauenwohltätigkertsvereiues, dessen Mitgliederzahl stetig wächst. Wien. (Belhaus „T a l nr u d - T h o r a", II., Malzgaffe 16.) Wie ivir vernehmen, beschloß der Vorstand des Bethauses „Talmud-Thora" einen Kantor zu akzeptieren. Wenn wir gut unterrichtet sind, siel die Wahl auf den in fachmäililischen Kreisen renommierten Kantor Herrn Schabse W e i s z, der au den Pesiachfesttageu daselbst bei dem um 9 Uhr vormittags beginnenden Gottesdienste fimgieren wird. Wien. Der Ehrenpräsident der Chewra Kadischa für den VI., VII., XU. bis XV. Bezirk. Herr Adolf Grünspan, ein Mann von seltenen Geistesgaben, der einst zu den hervorragendsten Mitgliedern und Vorstehern der ehemaligen Kultusgemeinde Sechshaus gehörte und an ihrem Entwicklungsgang wirksamsten Anteil nahm, wurde Montag, den 60. März nach langem Siechtum unter großer Teilnahme zu Grabe getragen. Als erster Kantor Schleifer in ergreifender Weise die Rezitation des „Hazur tomim" beendet hatte, trat Rabbiner Dr. Schmiedel, der seit Monaten zum ersten Male an der Stätte der Trauer amtierte, an die Bahre heran und widmete dem langjährigen Freunde und ehemaligen Vorstandsmitgliede rührende Worte des Abschiedes. Hierauf sprach namens der Chewra Kadiicha Fünfhaus, deren Vorstand unter Führung des Obmannes Herrn Heinrich Neufeld und des Kultusvorstehers Herrn Samuel Steiner fast vollzählig erschienen war, Herr Rabbiner Dr. G r n n w a l d. der in seiner wirklich zu Herzen dringenden Rede die hohen Verdienste des Heimgegangenen und seine seltene Liebe und Fürsorge für diesen heiligen Verein schilderte. Am Grabe trug dann noch I. Kantor Schleifer in brillanter traditioneller Variation das Dt mole rachamim vor und hierauf wurden die sterblichen Ueberreste Adolf Grünspans, der in schlichter äußerer Hülle einen wertvollen, von wahrhaft jüdischem Geiste erleuchteten inneren Kerrr barg, zur ewigen Ruhe gebettet. Wien. (I s r. T e IN p e l v e r e i II für den X. G e m einhebe z i r k.) Aus Grund der in der Generalversammlung voni 30. März d. I. erfolgten Ergänzungswahlen hat sich der Vorstand in folgender Weise konstituiert: Karl S e l i g m a u n, Obmann; I. S. S t r a ß b e r g, Odmannstellvertreter; Eman. Schidrowitz. erster Schriftführer; Erwin Z i f f e r e r. zweiter Schriftführer; Jos. B. K l e i u. Kassaverwahrer; Leon Abraham er und Emil Müller, Aufsichtsräte; Max Berger, Wilb. C o h l m a n n, Herrn. F i f ch m a n n, David K o h n, Johann Lampet, Adolf S p i r a. S. B. Salpeter und Eman. Weiß, Bcrhausverwalter. Prag. Freitag, den 3. d. Ai. starb zu Prag Frau Marie Kisch, Mutter des Universitäts-Professors Dr. E. H. Kisch und des Rabbiner Professor Dr. Alex. Kisch, im hohen Alter von 90 Jahren. Sie war eine fromme biedere Frau, die dem Wohle der Ihren sich widmete. ikobofitz. Am 3. April ist hier nach kurzer, schwerer Kcankheft Herr Rabbiner Heinrich Brock im Alter von 43 Jahren gestorben. Er war in Woduau geboren, studierte in Budweis am Gymnasium und war Kadett. Er widmete sich dem Rabbinate und wirkte viele Jahre in Bilm, seit ungefähr einem Jahre in Lobositz. Sein bescheidenes, liebenswürdiges Wesen wie sein lauterer Charakter erwarben ihm allseitige Sympathien. Um ihn trauern eine greise Mutter, Geschwister und vor allen eine junge Witwe mit zwei Kindern. Sein Andenken sei gesegnet. Obuda. (Demolierung des ältesten Spitales.) In Obuda wird ein uraltes Gebäude demoliert, das baufällige Flügelgebäude, welches sich parallel längst dem schönen Tempel hinzog und diesen verunstaltete. Der alte, verwitterte Ban wird wohl niemandem abgehen, trotzdem demselben ein gewisses kulturhistorisches Interesse innewohnt. Dieses Flügelgebäude, welches bedeutend älter war, als der im Jahre 1820 erbaute jüdische Tempel, beherbergte vom Jahre 1790 angefangen das Obudaer jüdische Spital, das erste Spital, welches überhaupt auf dem Gebiete der heutigen Hauptstadt errichtet wurde. Das Obudaer jüdische Spital gibt ein ehrenvolles Zeugnis des Wohllätigkeits- und Zusammengehörigkeitsgesühles. welches damals das Judentum beseeligte und welches in Werken der Milde und Barmherzigkeit seinen Ausdruck erhielt. Das Obudaer jüdische Spital, wie es von seinen Stiftern errichtet wurde, war ein prunkvoller Bau. Es war die Hälfte eines langen Gebäudes und bestmid insgesamt aus sechs Zimmern und hatte einen Fassuugsraum von 22 Betten. Anstoßend an das Spital befand sich die Amtswohnung des Obudar Rabbiners, zu deffen vornehmsten Obliegenheiten in erster Linie die Oberaufsicht über das Spital gehörte, dessen Aufsicht dem Spitalsverwalter Avrom R o s e n b a u m. dem Vater des heute 78jährigen Obudaer „Liebereres" Adolf Rosenbanm, oblag. Die Gründer des Obudaer jüdischen Spitales, welches sodann in die Verwaltung der Obudaer Chewra Kadischa überging, waren die ersten „Balbatim" der Gemeinde: Hirsch Boston its (der Vater des späteren hochallgesehenen Pester Großhändlers Josef Löb Voskovits). Wolf Höllischer (der erste Jude, der im Jahre 1804 von Obuda nach Pest übersiedeldete), Löb (Leopold) und Baruch H o l i t s ch e r, Moses Kan n, David B e r g l, Jakob und Smnle Goldberger (die Begründer der Firma Samuel F. Goldberger), David K a n i tz, Salme Knnewalder und Pinkas Leb Freudiger, der Vater des angesehenen Budapester Kaufmannes Moses Freudiger, der damals als Rabbiner an der Spitze der Obudaer Gemeinde stand und eine weit und breit berühmte Jeschiwe (Talmndschnle) unterhielt. Der erste Arzt des Obudaer jüdischen Spitales war Dr. Josef Abel. Dr. Abel kam ans Mähren nach Obuda, wohin er Empfehlungen des berühmten Landes-Protomedikns Professors Sztählp brachte und ließ sich in Obuda nieder. Dr. Abel führte in Obuda ein eigentümliches Leben, er bewegte sich stets unter den Obudaer Juden, sprach deren Jargon, ließ von seiner Haushälterin koschere Haushaltung führen, erschien auch hie und da im Tempel und betete mit, trotzdem aber merkte man in der Gemeinde bald an gewissen Anzeichen, daß der ob seiner Jovialität und Humanität bei Christen und Juden gleichbeliebte Doktor ein „Meschumed" sein müsse. Er konnte sehr böse und grob werden, wenn in seiner Gegenwart ein Jude sich z. B. des jüdischen Fluches „Alle Meschumodim gesagt" bediente und wenn ihn ein Jude hie und da in die katholische Kirche schlüpfen sah und ihn befragte, was er dort zu suchen hatte, da pflegte er zu sagen: „Ich Hab' ja auch katholische Patienten, ich muß mich auch mit dem katholischen Herrgott verhalten." Er vermied es ängstlich, zu bekennen, welchem Glauben er angehöre, und wenn er diesbezüglich befragt wurde, antwortete er stets: „Dein Herrgott ist auch der meinige." Erst als er auf dem Totenbette lag, stellte es sich heraus, daß er wirklich getauft war, daß er es aber sein ganzes Leben hindurch bitter bereut hatte, dem Gotte feiner Väter untreu geworden zu sein. Als er den Tod herannahen fühlte, da schickte er um den Obudaer Rabbi Mintz. Der Rabbi kam, fand aber bereits den katholischen Pfarrer bei dem Sterbenden. Der Pfarrer bemühte sich eben, Dr. Abel zur Ablegung der Beichte zu bewegen, als Rabbiner Mintz eintrat. Der Kranke winkte ihn zu sich, faßte seine Hand und rief mit dem Aufwande seiner letzten Kräfte mit deutlich vernehmbarer Stimme: „LofternaE Israel, adonai eloEenu, adonai echod!“ Nach.Ablegung dieses Glaubensbekenntnisses sank er auf das Kissen zurück und hauchte den letzten Seufzer ans. Trotzdem wurde er auf dem christlichen Friedhofe begraben . . . Ferner wirkten später als Aerzte^es Obudaer Spitales: Dr. Rothf e l d, Dr. Jakob Oesterreicher und zuletzt Dr. Wilhelm T a t a i. Das jüdische Spital verursachte der Gemeinde wenig Kosten. Selten waren mehr als 4—5 Patienten in demselben. Bettzeug und Wäsche wurden von wohlhabenden Gemeindemitgliedern gespendet, während für die Verköstigung der Patienten so gesorgt wurde, daß wöchentlich ein anderer „Balboß" aus seiner Küche den Kranken „zu essen, u. zw. reichlich zu essen" schickte. Die Medikamente wurden stets von dem Verwalter Ros e nb a u m nach ritueller Art zubereitet und Rosenbaum war es auch, der die Hausapotheke sehr zur Zufriedenheit der jeweiligen Aerzte verwaltete. In den Kriegsjahren 1859 und 1866 wurden in dem Obudaer jüdischen Spitale stets 14 blessierte Soldaten verpflegt. Das jüdische Spital in Obuda wurde schon vor zehn Jahren als solcheß aufgelassen, wie es überhaupt in dem letzten Vierteljahrhnndert mehr als Siechenhaus denn als Spital diente. Mit dem alten Spitale wird auch die frühere Rabbinerwohnuilg demoliert, welche den Rabbinern Freudiger, Mintz, Hirsch und Elias A d l e r als Wohnung gedient hatte. Während der Bauzeit des jetzigen Tempels wurde der Gottesdienst in dem Spitale abgehalten. Im Jahre 1631, zur Zeit der großen Cholera, starben in diesem Spitale insgesamt 46 Inden an der entsetzlichen Krankheit. In dem heutigen Obuda herrscht.keine Geneigtheit dafür, ein eigenes jüdisches Spital zu errichten. Die Zeiten haben sich eben geändert und mit den alten Zeiten ist auch der alte Gemeinsinn geschwunden.