Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063433--05404-3072323
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 15. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeituug Seite 9. fhibfilntiüiicii dos iilieir -mul. üantorcii-lomiieg. In der SDieiiftag, den 7. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten I. Singer, stnttgehabten Vorstandssitznng, an welcher die Vorstandsmitglieder PH. Baßl, S. Dünmann, A. Kulka, I. Löwit, E. Regner, I. Schleifer, I. S ch l e s i n g e r, M. S chorr und I. S in o t r i tz k y teilnahmen, wurde durch den Vorsitzenden die in der letzten Probe abgegebene Erklärung des Kollegen I. Löwit, daß er infolge mangelhafter Teilnahme an den Proben für die geplante Synagogenfeier die Leitung derselben niederlegen müsse, da auf diese Weise eine ernste künstlerische Leistung nicht zustande gebracht werden könne, zur Kenntnis des Vorstandes gebracht. Unter Ansdruck des Bedauerns, daß es sich als unmöglich erwies, diesen Teil des Inbilänmsprogrammes zur Ausführung zu bringen, wurde beschlossen, an den anderen Jubiläumsveraustaltnngen, wie Herallsgabe der F e st s ch r i s t, A b h a l t n n g des K a n t o r e n t a g e s, F e st s i tz u n g, Beratung 0 o n S t a n d e s s r a g e u re. sestzuhalten uuö wurden anch die hiefür nötigen Kredite vom Vorstande bewilligt. Ans mannigfachen Gründen jedoch, die bereits in der vorletzten Vorstandssitzilng in Ertvägung gezogen wurden, wurde eine Verschiebung des Jllbilänms allgemein für notwendig befunden und der Zeitpunkt von Mitte Juni, in dem anläßlich des Jnbilänmsfestznges ein großer Fremdenzuzug in Wien zu erwarten ist, in Aussicht genommen. Die definitive Festsetzllltg des Termines wird jedoch erst in der Samstag,, den 11. d. M., 8 Uhr abends stattfindendeu Vorstandssitznng erfolgen, in welcher ein vollzähliges Erscheinen des Vorstandes erwartet wird. Feuilleton. K er söhnte Ke in de. Von Ballette Fried. (Fortsetzung. Seine Ehe war keine glückliche gewesen; er konnte den übertriebenen Ansprüchen seiner Frau nicht gerecht werden, stürzte sich ihretwegen in neuerliche Schulden, in gewagte geschäftliche Unternehmungen, die ihm aber mißlangen. Der frühe Tod seiner Frau machte .den unerquicklichen Szenen in seinem Hanse, die infolge seiner Vorhaltungen über ihre Verschwendungssucht fast täglich stattfanden, ein Ende. Jedoch hatte ihr Tod nicht alles gutzumachen vermocht, was ihr leichtsinniger Lebenswandel verschitldet, und so nahm Goldenkron in einer verzweiflnngsvollen Stunde seine Znstncht zu der erlösenden Kugel. Sein Kind, das er mir vermachte, wußte er bei mir gut aufgehoben. Trotzdem ich alles getan hatte, sein Vertrauen zu verscherzen, hat er es mir dennoch erhalten, bis zu seinem letzten Momente. Bin ich nicht unter diesen Verhältnissen demjenigen vollen Ersatz mit meinem ganzen Vermögen schuldig, den ich um Vater, Vaterhaus und Vermögen gebracht habe? Sprich, urteile selber, Deborah?" „Das bist Du, Tante," ries ich begeistert aus, „doch ist meine Hand, .die ich ihm nur widerstrebend reiche, nicht der richtige Ersatz für einen Mann, wie Ludwig es ist." „Er ist es, Kind," fuhr die Tante mit sanfter Stimme fort, „denn nicht nur, daß Du ein braves, gutes Mädchen bist, das zu besitzen er sich glücklich schätzen wird, erhält er auch mit Deiner Hand mein ganzes Vermögen, ans das Du, meine einzige lebende Verwandte, als solche allein Anspruch hast. In dieser furchtbaren Pflichtenkollision, in die ich geriet, habe ich als einzigen Ausweg Eure eheliche Verbindung angesehen. Begreifst Du mich nun?" „C, ich begreife Dich ganz wohl," hauchte ich fast unbewußt. Die Tante schloß mich in ihre Arme und endete diese lange Unterredung mit einem herzlichen Kusse. Neuntes Kapitel. Goldenkron war müde geworden, doch kein Schlaf wollte sich ans seine brennenden Augenlider senken. Zu viel hatten ihm die wenigen Seilen, die er in diesem Buche gelesen, enthüllt. Den ganzen Edelmut seiner vermeintlichen Tante, die strenge Rechtlichkeit und Wahrheitsliebe des ihm zugedachten Mädchens, das ihm bisher verborgen gewesene traurige Ende seines Vaters, die Unwürdigkeit seiner Mutier. Doch durch all dieses trat ihm als leuchtender Stern die Gewißheit hervor, daß seine Liebe zu der sanften Rosa ferner nicht sündhaft sei, daß er Hoffnung habe, sie sich zu erringen, und daß er der edlen Dora ihre Freiheit wieder geben konnte, nach der es sie so gelüstete. Dann nahm er das Buch wieder zur Hand, um es zu Ende zu lesen, vielleicht, daß es noch etwas enthielt, das ihm zu wissen notwendig war. Unter einem etwas späteren Datum war wieder geschrieben: „Der Ausweg ans dieiem Dilemma ist gefunden. Das Vermögen der Tante soll und mttß unverkürzt Ludwig bleiben, das ist sie ihm schuldig. Was kann denn er dafür, daß, nachdem sie ihn an Kindes Statt angenommen und ihm alle Rechte eines Kindes eingerünmt, dann im Hanse ihrer Schwester noch ein verspätetes Kindchen zur Welt gekommen, welchem die gme Tante in ihrem übertriebenen Rechtsgefühl Rechte an ihr Vermögen zuweiseu rvollte. Mit der Erziehung, welche sie mir angedeihen ließ, hat sie jedoch diese vermeintlichen Rechtsansprüche vollauf beglichen. Jetzt ist es an mir. zu zeigen, daß ich etwas vermag und nicht nur die verwöhnte Haustochter vvrstellen kann. Jetzt gilt es, sich ans eigene Füße zu stellen, um ans diese Weile des mir zngedachten Vermögens entralen zu können. Ich habe den Beruf als Krankenpflegerin erwählt. Jetzt ist die geeignete Zeit, sich zu diesem schönen, erhebenden Berufe vorzubereiteu, denn eru Ausruf ist an alle starken und muthigen Töchter des Landes ergangen, damit sie sich zum freiwilligen Krankendienste in die Feldlazarethe melden, da es überall an geübten weiblichen Kräften fehle. Morgen schon werde ich der Tante meinen Entschluß bekannt geben und mich durch gar keine Abmahnnng wankend machen lassen." Zwei Tage später. „Es hat einen harten Strauß gegeben, worin ich jedoch Siegerin geblieben. Ich habe mich als Pflegerin gemeldet, mit) bin nach kurzem Bedenken, das man gegen mich als Jüdin erhoben, anfgenommen worden. Ich brauchte mich nur als Dr. Goldenkroiüs Verwandle zu erklären und wurde sofort angenommen. Dieser Tage geht wieder ein Sanitätszug znm Kriegsschauplätze ab, dem ich zugetheilt werde." Das war die letzte Ailfzeichnnng in dem Buche. Die folgenden wenigen Blätter waren unbeschrieben. Goldenkron legte das Tagebuch auf das Nachttischchen, löschte die Lampe, um noch einige Stunden zu schlafen, bevor er früh sein Tagewerk beginnen sollte. Jetzt bereute er es nicht mehr, den Abend mit dem Leseri dieses Buches zugebracht zu haben. Als Goldenkron, gestärkt von kurzem aber sanftem Schlafe, sein Lager verlassen und hinunter zur Tante gekommen war, empfing ihn diese freundlich wie immer, jedoch mit einem ängstlich fragenden Blicke. Der junge Arzt küßte ihr artig die Hand und sagte mit einer bei ihm ungewöhnlichen Heiterkeit: „Sei guten Mutes, Tante, alles wird so schön werden, gerade wie in einem Lustspiele." „Du hast gelesen, Kind?" „Alles!" „Und wirst mich trotzdem lieb behalten, mein Junge?" „Erst recht, Tante," versicherte Ludwig, „denn seit ich erfahren, daß Du nicht meine wirkliche Tante bist, ist meine Verehrung für Dich bis in's Unendliche gestiegen." „Gott sei Dank!" hauchte die geängstigte Hanna. Am selben Tag noch erbat sich Ludwig einen kurzen Urlaub, den er sofort nach dessen Bewilligung antrat.; Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.