Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 15. Die Wahrheit Leite 7. Pie Goldfaden beseelten und die er in seinen Liedern und Stücken so meisterhaft zum Ausdruck brachte. Ein kleines Gedicht Goldfadens, das sich im Tagebnche des Vereines „Chowewe Zion" in Lemberg findet, schildert in wenigen kräftigen Worten die Greuel in Rußland. Der Dichter will einen Altar errichten: ans den Steinen, die die Fenster zerschmettert, den zerfetzten Thorarollen nnd den unschuldigen Opfern; die Ueberlebenden aber sollen den Altar mit ihren Tränen netzen, sollen auf ihn ihre Seufzer, ihre Leiden zu einem Haufen vereinen, der angezündet werden sollte, damit der Rauch und Duft zu Mutter Zion emporsteige. Sie wird den Brandgeruch spüren, sie wird weinen nnd bei Gott Fürbitte einlegen, daß er uns das heilige Land wiedergebe. Das Gedicht, das so recht deutlich zeigt, wie Goldfaden dichtete, will ich im Original wiedergeben:; Shakespeares „Kaufmann von Venedig", Lessings „Nathan",! Gutzkows „Uriel Acosta", Hebbels „Judith" nnd Grillparzers i „Jüdin von Toledo" können nicht als jüdische Dichtungen an-; gesehen werden, sie haben vielleicht einen jüdischen Körper, aber keine jüdische Seele. Goldfaden schuf aus sich selbst heraus und brachte es; dennoch zu einer solchen technischen Vollkommenheit, daß seine! Meisterstücke in fremde Sprachen übersetzt wurden. Als viele i Inden infolge der drückenden Verhältnisse im Osten über den j Ozean in die neue Welt wanderten, da machte sich bald auch; da das Bedürfnis nach einem jüdischen Theater geltend, und die tüchtige Truppe, die in Krakau und Lemberg den Ruhm! Goldfadens begründen half, verlegte den Schauplatz ihrer; künstlerischen Tätigkeit nach Amerika, wo sie durch neue Kräfte verstärkt, die Bühne auf eine beachtenswerte Höhe brachte. Der "Wenn ünsere Eltern hoben Koires-b’ris gewe’n,1) Pflegen sej zü’n Häuf legen a Stejn auf a Stejn. Ün begossen mit Baumöl den steinernem Omid.-j Dos hot bei sej geheißen ein Andenk auf tomid.3) Mir Eneklech4; — hoben a Stil gor a neiem, Zürn Andenk vün ünser Jeriischulaim. Kümmt. Zions Kinder, wenn getreu ihr nor send, (seid) Züsammenstellen helft mir dem Monument! Brengt mir aher! der Größter, der Klenster, Alle Stejner. wus hoben zübrochen die Fenster, Scharrt zü’n Häuf die zerissene Stücklech sifre toire,5) Scharrt zü’n Häuf die ünschüldige Opfer, a moire.6') Seiere toite Körpers, wus sennen noch nit bagroben . . . Gib araus, Erd’, seier Bliit, mir darfen dus jetzt hoben! Ün ihr, Lebedige, brengt aher euere Trären, Begießt die Steiner, begießt, sej sollen nasser weren. Brengt sei aher in Ejmer, brengt sei aher in Fässer, Legt zü euere Sitzen,7) euere Leiden viele, Legt zü euere patriotisch-heilige Gefühle, Loß weren der Häuten nur größer ün größer, Schlugt an Harz in Harz, Trejer zu getrejer — Flinken sollen fliehen ün flammen soll a Fejer, Zünd’t an dem Haufen, Loß brennen der misbejach3) Bis ünser Mütter Zion soll aufsteigen der rejach.9) Sie werd schmecken — ün .die Augen wern ihr vergejn, Sie werd Trären lossen,10) machen a Gewejn, Sie werd weinen var Gott, bis er werd ünsere Brüder, ln sejn heilig Land zürückbr engen wieder! Das jüdische Theater hatte inzwischen überall, wo die jüdische Sprache verstanden wurde, festen Fuß gefaßt. Wir sehen Goldfadens Stücke in Rumänien, Galizien. England, Amerika mit durchschlagendem Erfolg anfführen. Noch einmal gelang es Goldfaden im Jahre 1886 eine Bühne unter dem Deckmantel einerdeutschen Truppe in Warschau ins Leben zu rufen, aber es dauerte nicht lange, so wurde auch dieser Trick entdeckt nnd das jüdische Theater nnd Goldfadens Kunst ans der eigenen Heimat des Dichters für lange Zeit verbannt. Umso intensiver wurden feine Werke auf den ausländischen Bühnen gepflegt. Der Meister wohnte selbst in Lemberg und Krakau einige Zeit den Aufführungen seiner Schauspiele bei mib konnte treffliche Interpreten seiner Kunst, wie Adler, Schorr, Weinstock und Frau, eine Spiwakowska. und andere, sehen. Das waren keine Dilettanten mehr, sondern gut geschulte Kräfte, Meister in ihrem Fache. Das Orchester wurde von tüchtigen Militärmusikern gebildet, die unter Leitung erprobter Kapellmeister standen. So konnte Goldfaden sehen, daß feine Saat auf fruchtbaren Boden gefallen und daß das jüdische Theater, das er durch Zufall geschaffen, zu. einem Bedürfnis" geworden, indem es dem armen jüdischen Volke, dem es nur zu oft an leiblicher Nahrung gebrach, eine angenehme geistige Nahrung gab. In Krakau gab damals mein geschätzter Vater die „Krakauer Volkszeitung" heralis, in der er dem Theater und besonders Goldfadens Stücken eine starke Förderung angedeiheu ließ, so daß allabendlich vor ausverkauften Häusern unter jubelnder Begeisterung gespielt wurde. ..Ein großes Muster weckt Nacheiferung," nnd so fand auch Goldfaden manche Nachahmer,, wie Hmowitz. Lateiner, Allerbach, die ihn aber kalim erreichten. Er selbst hatte fast gar keine Vorbilder. Denn hatte auch vor ihm Jehulim Jankef Abrahamowicz „Die Taxe" geschrieben, so war das Stück nur für die Lektüre nnd nicht für die Bühne bestimmt. *) einen Bund geschlossen, -) Altar. 3) immer. 4) Enkel. 5I Thorarollen. 6) o Schrecken.7) Seufzer. 3) Brandaltar. 9) Duft. 49) Tränen vergießen. Meister folgte bald leinen tüchtigen Gehilfen nach und ließ sich I in New-Iork nieder, wo er von Erfvlg zu Erfolg schreitend,! nicht allein der Liebling des Volkes, sondern auch der vor-! nehmstell Kreise wurde. Goldfaden blieb nicht immer in Amerika,! denn oft trieb ihn drückende Nor, das Los aller jüdischen j Dichter, nach Europa, wo ihm hilfbereite Freunde beistanden.! 1897 machte er die Kur in Reichenhall mit. Daselbst ver-! faßt» er das stimmungsvolle Gedlcht „Der Kolonist", das er! feinem Freunde Dr. Jakob Czerny widmete.! 1898 hielt er sich in Paris auf. Im selben Jahre ließ j er ein kleines Büchlein: „Jüdische Nativnalgedichte" in Krakau! erscheinen, zu dem der jüdische Hnmorist Rüben Ascher Brandes! die Vorrede in unverfälschtem Jargon, der Sprache Goldfadens, schrieb. Es heißt dort lrnter anderem: „. . . Wenn wir uns an seine Thearerdichtnugeli erinnern, die ihm erst einen Namen verschafft, wie voll jüdischer Gefühle eines jüdischen Herzens sind sie alle'. Mögen die Kritiker Fehler flnden in der Technik, in der Kunst, in der Dramatik, aber das müssen alle zugeben, jüdisch, national und zionistisch sind sie alle. Nicht nur die echt nationalen Stücke, wie „Bar Kochda", „Messias Zeilen", ..Juda Makkabl" u. a., nein, auch in allen anderen Stücken, selbst in seinen Komödien ist er jüdisch durch und durch. Seine Lieder, alle seine Piecen sind national und zionistisch. Und w i e hat sie das Volk ausgenommen, wer fingt und spielt nicht seine Lieder und Couplets? Bon der niedrigsten, nnd unwissendsten Volksschichte bis in den aristokratischen, gebildetsten Klaviersalon. Goldfaden ist ein Volksdichter im vollsten Sinne des Wortes..." Im Jahre 1900 konnte er in vollster Frische unter vielen Ehrungen seinen 60. Geburtstag feiern. Dle Direktoren der jüdischen Theater in Amerika setzten ihm in Anbetracht seiner Verdienste um die jüdische Bühne einen Ehrengehalt aus, so daß er die letzten Jahre feines Lebens, das reich an Not nnd Entbehrungen war, in Sorglosigkeit verbringen konnte. Am 10. Jänner d. I. starb er 68 Jahre alt in New- Iork, von groß und klein tief betrauert. An seinen Sarg drängten sich viele Tausende, um die enge Hülle zu berühren, die die sterblichen Reste eines unsterblichen Sohnes der jüdischen Nation enthielt. Das war eine imposante Kundgebung des jüdischen Volkes, das feinem toten Dichter die letzte Ehre erwies. Man darf Goldfaden den reichsten Dichtergeist nnd ein großes musikalisches Genie nennen. Er besaß die größte Kenntnis des menschlichen Herzens, wußte der Leidenschaft auf allen geraden und krummen Wegen zu folgen und fand dazu stets die pathetische oder komisch zutreffende Theatersprache. Er fand die richtigen Worte für alle Stände, alle Geschlechter, alle Lebensalter. Diese feine Begabung ersetzt manchen Mangel theoretischer Studien an ihm nnd macht es ganz unnötig, in jede Szene oder jedes Wort seiner Dichtungen tiefsinnige Absichten, ein bewußtes ästhetisches oder philosophisches Wollen, eine geheimnisvolle Künstelei hiueinzulesen. Er hat es mit Meisterschaft verstanden, den "Ton zu treffen, der vom Herzen kommt und zum Herzen gehst Er hat es durch seine Dichtungen zuwege gebracht, die Tränen des Jammers in Tränen der Freude zu verwandeln. So ist sein Name für ewige Zeiten in das Herz des jüdischen Volkes geschrieben.