Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-04-10 · Heft 15 (10.4.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063433--05401-3072320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 15. Seite 6 Die Wahrheit religiösen Lebensweise, haben dem Tnnpelverbande viele Freunde gewonnen. Wer die Geschichte des Hamburger Tempels und den Hatz seiner Gegner kennt, muß zngeben, daß es viel persönlichen Mutes bedars, so unerschrocken zu kämpfen gegen fanatische Unduldsamkeit auf der einen Seite, andererseits aber auch gegen den Jndifferentismns, den Abfall und die Fahnenflucht. Ich wiederhole, daß ich Leimdörfers Hanptleistnng darin stets erblickt habe. Seine glanbensglühende Predigt von der Einheit des ewigen Gottes und der allumfasfenden Menschenliebe hat die Eintracht der Gemeinde gefördert, und ebenso gilt er auch als Förderer des Friedens, wie der verschiedenen Richtungen so auch der verschiedenen Bekenntnisse. In der Gelehrtenwelt hat sich Leimdörfer als wissenschaftlicher Bibelforscher einen Namen erworben. Seine Werke „Ecclesiastes in historischer Beleuchtung", „Das Psalterego' mit einem Vorwort von Professor Cornill. „Zur Kritik des'Buches Esther", „Jbn Baruchs Lösung des Koheleträtsels", Jules Oppert in Paris gewidmet, seine Beiträge zur Psalmenliteratnr, zur Talmudkunde: „Sifrerätsel", „Messiasapokalypse". „Der I. H. W. H.-Fnnd von Bavel in der Bibel" gegen Delitzsche und andere, haben in der deutschen Gelehrtenwelt lebhafte Beachtung gefunden. Als Pädagoge hat Leimdörfer eine rege Tätigkeit entfaltet. Er schrieb mehrere Lehrbücher für den Geschichts- und Religionsunterricht, die verschiedene Auflagen erlebten, ebenso zwei Schuldramen: „Channka-Wunder" und „Lebende Megilla". Auch gelang es ihm, im Verein mit Dr. Seligmann, jetzt in Frankfurt a. M.. eine Religionsschnle zu begründen und den Jugendgottesdienst im Tempel einzuführen. Ebenso hat er den hamburgischen Verein für jüdische Geschichte und Literatur mitbegründet und der „Gabriel Riesser-Verein" zur Förderung der Wissenschaft des Judentums ist sein, eigenstes Werk. Es ist überflüssig zu erwähnen, daß Leimdörfer in den Literaturvereiueu der größten Städte Deutschlands und Oesterreichs wissenschaftliche Vorträge gehalten hat und daß in fast allen Fachzeitschriften Aufsätze und Artikel aus seiner Feder erschienen sind. Aber höher als alles gilt mir der Mensch, den ich in seiner schlichten Vornehmheit, in seiner Milde und Friedfertigkeit, in seiner aufopfernden Familieninnigkeit und vor allem in seiner Wohltätigkeit ein Vierteljahrhundert habe wirken sehen. Es ist unvergeßlich, was zur Zeit der Emigration der russischen Juden von seiner Seite geschehen ist. Man konnte ihn damals mit Frau und Kindern fast jeden Morgen, die Hände voll mit Gaben, bei den unglücklichen Opfern der Verfolgung sehen. Auf seine Anregung sind von Madame Furtado-Heine (Paris) viele Arme mit Unterstützungen bedacht worden, sind ferner verschiedene humanitäre Institute von seiten seiner Gemeinde subventioniert worden, so auch die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Ihm verdankt der Reichsverband Deutsch- Israelitischer Lehrer euren Fonds von 75.000 Mark, welche eine reiche Hamburger Dame auf seine Fürsprache dem genannten Verbände übergeben hat. Das Kinderhospiz für Ferienkolonien in Duhmen hat er mitbegründen geholfen, indem auf sein Fürwort hin ein Hamburger Philantrop 20.000 Mark spendete. Daß sich dieser Mann zahlreiche Freunde und Verehrer in den weitesten Kreisen erworben hat, ist kein Wunder; doch möchte ich noch zur Vervollständigung dieser biographischen Skizze au sein Exlibris erinnen, das mit Leimdörfers Wahlipruch schließt: „Licht im Geiste, — Liebe im Herzen, — Wahrheit im Munde, — In allem Gott!" Ans der Wiener Knltnsgemeinde. (Aus'der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 29. März und 5. April 1908 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern.) Im-Einlaufe befinden sich: Die Mitteilung daß Herr Sälo Cohn das Bild des Malers Lazar Krestin „Der Thoraschreiber" angekauft und der Versorgungsanstalt zum Geschenke gemacht habe: Eine Spende von Herrn Gustav Holzer für Arme per 20 Kronen. Den Spendern wird der Dank votiert. E r r i ch t u n g e i n e r n e u e n M i k w a h. In Durchführung des Plenar-Beschlusses vom 27. November 1907 betreffend die Errichtung einer Mikwah durch die Kultnsgemeiude, wurde der in Aussicht genommene Bauplatz erworbeti, grundbücherlich in das Eigentum der Kultnsgemeiude übertragen und sind auch die auf demselben haftenden Satzposten getilgt und zur Löschung gebracht worden. Ueber mehrfache, an den Knltnsvorstand gelangte Eingaben in dieser Angelegenheit sollen nunmehr in den nächsten Tagen die Pläne und Kostenvoranschlüge vorgelegt und sohin unverzüglich mit dem Ban begonnen werden. Diesfalls wurden nach längerer Debatte die erforderlichen Beschlüsse gefaßt. U e b e r l a s s il n g von G r a b st e l l e n an den t ü r k i s ch - i s r a e l. G e m e i n d e v e r b a n d. Ueber Anstichen des Vorstandes des türkisch-israel. Gemeindeverbandes werden demselben eine Anzahl von Grabstellen auf der israel. Abteilung des Zentralsriedhofes zu einem gegenüber der normalen Gebühr erheblich ermäßigten Preise überlassen. In der am 5. April 1908 stattgehabten Plenar-Sitzung wurde im Einvernehmen mit dem Rabbinate der Beschluß gefaßt, eine in Wien zu errichtende K o s ch e r - S e l ch w a r e n - F a b r i k unter gewissen Modalitäten unter die Aufsicht des Rabbinates zu stellen. Den Interessenten, welche in Betreff der Errichtung einer solchen Fabrik eingeschrilten sind, werden jene Bestimmungen mitgeteilt, durch welche das Kaschrns der zu erzeugenden Selchwaren in vollkommener Weise sicherzustellen sein soll, wonach auch die diesbezügliche Verlautbarung in den öffentlichen Blättern ergehen wird. Subventionen werden bewilligt: Den Bethausvereinen Oseli Tow, Mikdosch M’at, Emnnas Awes, dem Talmud-Thoraverein für die westlichen Bezirke, dem Asylyereiu für Obdachlose und dem I. öffentlichen Kinderkranken-Jnstitnte im I. Bezirke. Nach Erledigung einer Reihe von Stiftnngs- und Personalangelegenheiten wird die Sitzung geschlossen. Abraham Goldfaden. (Sein Leben und Wirke n.) Von Adolf Heinrich Landau, Wiener Neustadt. (Vortrag, gehalten in der jüdischen Toynbeehalle in Wien, XX. Bezirk, arn 1. März 1908, 7 Uhr abends.) (Schluß.) (Nachdruck verboten.) Ein Steinhagel prasselt auf die Häuser nieder, Fenster fallen klirrend zu Boden und wütend und johlend dringen die wilden Bestien in die Wohnungen, die geplündert und zerstört werden. Alles, was teuer und heilig ist, wird verwüstet und besudelt. Die Kaufläden rauben sie gierig aus, ganze Mengen von Alkohol lassen sie in die rohen Kehlen fließen, alles übrige wird vernichtet, verschüttet und in Brand gesteckt. Gleich reißenden Wölfen, die mit fletschenden Zähnen über fliehende Lämmer herfallen, so werfen sich die mordenden Massen auf ihre jammervollen Opfer. „B a rmh e rzi g er H i m m e l, erbarme dich!" Schonungslos werden heulende Kindlein, blühende Jungfrauen, kraftvolle Jünglinge, herzzereißend schluchzende Mütter, verzweifelt kämpfende Männer, wehrlose Greise, unter den schrecklichsten Qualen schändlich mißhandelt, gepeitscht, getreten und gemartert, bis der Tod den ärgsten aller Schrecken ein Ende macht. Das sind die r u s s i s ch e n P o g r o m e, denen das h o ch z i v i l i s i e r t e Europa mit ruhiger Miene z usieht. Das ist das Milieu für die Freiheitslieder der jungjüdischen Dichter, so sieht es in dem Lande aus, das dem Judentum so viele bedeutende Geistesheroen geschenkt. Wißt ihr nnn, was die Sehnsucht nach Zion geschaffen? Was die Rufe nach einer neuen Heimat bedeuten? Für diese von immerwährender Todesangst gepeinigten Opfer der russischen Autokratie soll ein Plätzchen gefunden werden, wo sie ihr müdes Haupt ruhig niederlegen können. Für diese Aermsten der Armen soll ein Ort gefunden werden, wo sie vor den abscheulichen Greueln der Pogrome gesichert sind. Und dieser Ort kann nur unser schönes Heimatland sein, u n s e r e Erde, die uns allenthalben au vergangenen Ruhm, an verflossene Herrlichkeit erinnert. Das sind auch die Gedanken,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.