Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15. Die Wahrheit Serie 5. des Landes Militärkolonien gebildet. Zu einer solchen Militärkolonie, welche gewissermaßen die Wacht am Nil hielt, gehörten auch die dortigen Juden. Sie sind größtenteils Söldner und ständig in Truppen geteilt, welche nach dem Namen des persischen Kommandanten oder früheren persischen Begründers bezeichnet werden. So wird in Papyrus B erwähnt: nin'pins ns n^p psnna Konjah, der Sohn des Zadok, der Jude, von der Fahne, d. h. Abteilung Athropadan. Papyrus C spricht wiederum von '7 -rrnx rrarr -12 rron» ni'Ti b;nb pc Machsejah, dem Sohne des Jedonjah, des Aramäers — eine Nebenbezeichnnng für Jude — in Assuan von der Fahne Warisath u. A. Neben ihrem ständigen Soldatenbernf üben diese Militärkolonisten die mannigfachsten Gewerbe ans; sie besitzen dortselbst Häuser, Felder, Sklaven; sie scheinen auch tüchtige Kaufleute gewesen zu sein. Eine besondere Rolle in diesem jüdischen Gemeinwesen, in dem es lebhaft wie in einem Bienenkorb zngeht, spielt eine Frau, namens .-rnssv, die Tochter des früher erwähnten Machsejah. Sie ist eine überaus rührige Geschäftsfrau, die in Kompagnie mit einem Aegypter einen schwunghaften Handel in bna: rn: in Kupfer und Eisen treibt. Auf Noblesse scheint sie sehr viel zu geben, denn als sie zum zweitenmale eine Ehe eingehl, wählt sie keinen geringeren zum Gatten als einen v brnnx, einen königlichen Baumeister, wobei regelrechte Ehepakten angesertigt werden, in denen sie ihre Ansprüche zielbewnßt dnrchzusetzen versteht. Dieser zweite Mann ist ein Aegypter, ein Heide, Aschor mil Namen. Sie scheint sogar vorher aus dem Judentum ausgetreten zu sein — nichts Neues also auf Erden! — denn wir hören sie bei ägyptischen Göttin Sati schwören. Allein bald besinnt sich Mivtechajoh eines besseren; sei es, daß das jüdische Gefühl in ihr rege wurde, sei es, daß sie möglicherweise in der ägyptisch-heidnischen Gesellschaft nicht für voll angesehen wurde: die beiden Söhne, die sie gebiert, tragen hebräische Namen: rw und rrcna — letzterer nach dem damals wohl schon verschiedenen Großvater — und noch mehr; s e l b st i h r e n M a n n, den Aegypter, dürste sie für das Judentum gewonnen haben, denn in einem später datierten Schriftstück finden w l r ihn unter dem hebräischen Namen Nathan, wieder! Also eine tüchtige Frau, die beinahe in die Galerie berühmter jüdischer Frauen gehören könnte! Haben wir so durch die Papyri-Asfuan in das bunte innere Treiben dieser südügyptischen Jndenkolvnie Einblick gewonnen, so lverden wir gar bald durch die drei von Professor Sachau edierten Papyri-Elephautine auch mit deu äußeren Begebenheiten derselben vertraut gemacht. Und da ist man versucht, an der Richtigkeit und Verläßlichkeit des lateinischen Sprichwortes von der Aenderung der Zeiten zu zweifeln, denn das, was wir a li s d i e s e n ü b e r z w e i I a h r l a u s e n d e alten Papyri erfahren, ist eine regelrechte k l e r i k a l e I u d e n h e tz e, wie sie nicht moderner gedacht werden k a n n. Der persische- Statthalter Aegyptens, ArsLmes, ist vom Lande abwesend, und diese Gelegenheit wird von den ägyptischen Priestern des widderköpsigen Ortsgötzen Chnub benützt,.um das Volk gegen die Verehrer des sras'-t anbs Gottes des Himmels ailfzuwiegeln. Unter Assistenz der persischen Unterbeamten und der rein persischen Truppen wird der Tempel in Elephantine gestürmt, völlig ausgeranbt und dem Boden gleichgemacht — also östliche Zeitbilder! Die Hebeltäter wurden zwar hart bestraft, allein die Erlaubnis zum Wiederaufbau des Tempels konnten die Juden von Elephatitine nicht erlangen. Aus ihrem fernen, weltvergessenen Winkel wandten sie sich an den in Nehemias XII, 22 erwähnten Hohenpriester in Jerusalem, I 0 ch a n a n. Drei Jahre vergehen, sie erhalten keine Antwort. Nun raffen sie sich im Jahre 408 ans und richten ein Bittgesuch an den persischen Statthalter von Palästina B a g 0 a s sowie an D e l a j a h und S ch e l 0 m j a h, die Söhne des im Buch Nehemia so oft genannten Sanballat, des Statthalters von Samaria, um durch sie die Erlaubnis des persischen Hofes zu erlangen. (Schluß folgt.) Dr. David Leimdörfer. Am 1. d. M. hat der berühmte Prediger der Hamburger Gemeinde Dr. David L e i m d ö r f e r dortselbst sein 25jähriges Amtsjubilüum begangen, und wir glauben die Bedeutung dieses seltenen Mannes, dessen schätzenswerte litterarische Beträge des öfteren auch in der „Wahrheit" publiziert wurden, unseren Lesern nicht besser vor Augen führen zu können, indem umdie treffliche Charakteristik, die Dr. Julius M t ch e l s 0 h n in der „Allg. Ztg. s. Indent." von dem Jubilar entwirft, im Nachstehenden wiedergeben. Ein Meister unserer Kanzelberedsamkeit, der Prediger Dr. Leimdörfer am israelitischen Tempel zu Hamburg, beging am 1. d. M. sein 25jähriges Hamburger Amtsjubilüum. Wer Leimdörfer hörte, sei es auf der Kanzel, sei es bei Trauungen, Bestattungen, Konfirmationen oder an Familien-Festtafeln und auf dem Katheder in seinen wissenschaftlichen Vorträgen, war. das können wir mit ruhigem Gewissen sagen, von seiner rhetorischen Kraft hingerisfen. Geboren am 17. September 1851 zu Hiinik in Ungarn, besuchte Leimdörfer die Gymnasien und zugleich die Talmudschulen von Sillein, Waitzen, Preßburg und die Universitäten Budapest und Wien; er absolvierte feine theologischen und philosophischen Studien in der Hauptstadt Oesterreichs. Als bevorzugter Schüler der Oberrabbiuer von Preßburg und Wien, hatte er sich bald einen Ruf als Kanzelredner und Bibelforscher erworben, so daß ihn Meister Jellinek als seinen begabtesten Jünger allenthalben empfahl. Der Dichter Ludwig August Frankschrieb einmal von Leimdörfers Reden, „sie seien Gedichte in Prosa". So ward er von der Gemeinde Nvrdhauseu zum Rabbiner und zugleich im Fürstentum Schwarzburg-Rndolfstadt 1875 zum Landrabbiuer berufen. Nachdem er dort siebeneinhalb Jahre in hervorragender Weise gewirkt hatte, erwählte ihn am 1. April 1883 der Hamburger israelitische Tempelverbaud zum ersten Prediger, woselbst er nunmehr volle 25 Jahre fungiert. Um die Bedeutung dieses Mannes zu würdigen, wollen wir im Rahmen einer Skizze lediglich Tatsachen anfnhren, die ihn uns als Prediger, als Gelehrten. als Pädagogen und als Menschen in seinen Leistungen und Werken erscheinen lassen sollen. Leimdörfers Eigenart als Kauzeiredner besteht darin, daß er nach dem Vorbilde seines großen Lehrers Jellinek die altorientalische Poesie mit moderner philosophischer Gedankentiefe durchdringend in den Dienst des praktischen Lebens stellt; mit begeisterutlgdnrchglühtem Herzen predigt er das Leben in den aktuellsten Erscheinungen klar und kernig, ohne Phrase, in schwungvoller Diktion, unterstützt von einem mächtig klingenden Organ und einem packenden Vortrag. Man lese Leimdörfers Predigtsammluugen, um sich hiervon zu überzeugen. Deren beste sind: Pfalterklänge, Der Priestersegen, Cholera-Zeitstimmeu, Die Gemütsbildung, Feststranß, Unser Bekenntnis. Von welcher Wirkung seine patriotischen Reden sind, das geht am besten daraus hervor, daß zum Beispiel die zur Säkularfeier Kaiser Wilhelm I. gehaltene Festrede „National und religiös" die Aufmerksamkeit des Fürsten Bismarck und des Grafen Waldersee erregte. Beide ehrten Leimdörfer durch besondere Anerkennungsschreiben, und letzterer ließ die genannte Rede unter die israelitischen Soldaten des IX. Armeekorps verteilen. Seit damals stand Leimdörfer mit Waldersee im lebhaftesten Briefwechsel, der, tvenn veröffentlicht, geeignet sein wird, das Vorurteil zu beseitigen, daß Waldersee zu den Antisemiten zählte. Auch Kaiser Franz Josef ließ durch die österreichisch-ungarische Botschaft Leimdörfer melden, daß die Rede zu feinem 70. Geburtstag, die Leimdörfer auf Wunsch des hiesigen Konsulats dem Truck übergehen hatte, der kaiserlichen Fideikommißbibliothek einverleibt wurde. Leimdörfers Hauptverdienst um seine Gemeinde besteht darin, daß er den Bann, den einst ffustere Zeloten gegen den Tempel schleuderten, gu lösen verstand, daß er die Gegensätze in ihrer Schroffheit milderte, ja versöhnte, daß er dadurch ein Führer seiner Gemeinde und Einiger der verschiedenen Parteien geworden. Sein zündendes Wort der Aufklärung, der Freiheit, des Fortschritts zur Ethik der Propheten, verbunden mit seiner flammenden Liebe zum Judentum und streng