Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 15 Israelgehört dieKindschastunddieHerrlichkeit nnd der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und d i e V e r h e i ß u n g." Da haben wir eine vollgültige Auslegung unseres Textwortes; das wollte der Prophet jener Samarilerin zunächst vor Augen führen, als er ihr znrief: „Das Heil kommt von den Inden." Vicht den Egyplern oder Chaldäern, auch nicht den Griechen oder Römern — nein I „den Inden ward vertrant, was Gott geredet hat" : die Inden empfingen die ganze Offenbarungs- „Herrlichkeit" Jehovas, des lebendigen Gottes, von den Tagen Abrahams an bis aus Malachi. Die Inden waren das erwählte Volk der „Kindschast" (Hof. 11. 1. Jerem. 31. 20). Väter der Juden waren die Patriarchen, mit denen Gott einen „Bund" machte, das; sie sollen znm Segen werden für alle Geschlechter der Erde. Ein Jude war Moses, der Knecht Gottes, der Mittler des Alten Testamentes, der da .empfing das lebendige Wort uns zu geben". (Apostg. 7. 38.) Ja, meine Lieben, „das Gesetz" von Sinai war auch eine heilsame Gabe, ein Erweis der Liebe Gottes gegen Israel. Hat sich nicht an den Heidenvölkern, die Gott ihre eigenen Wege gehen ließ, das Wort erfüllt: „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden" (Rom 1.22.)? Und noch jetzt sind bei uns Christen die heiligen zehn Gebote Gottes als Grundlage aller Sillenlehre in Hans nnd in der Schule, im Staate und in der Kirche hochgehalten.-„Siehe," so konnte darum der Prophet über Israel ausrnfeu: „Finsternis bedeckt das Erdreich nnd Dunkel die Völker; aber über dir gehet aus der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über Dir" (Jes. 60. 2.) Männer aus Israel waren all „die heiligen Menschen Gottes, die geredet haben, getrieben vom heil. Geist". (2 Petri 1. 21.) Deren Schriften uns bis auf diese Stunde als von Gott eingegeben, nütze sind zur Lehre, zur Strafe, zur Erziehung in Gerechtigkeit". (2. Tim, 3. 6.) Fürwahr, meine Lieben, ist nicht die ganze heilige Schrift Alten Testaments eine herrliche, heilsame Gottesgabe? Gedenke - um eines heranszugreifen — der Psalmen. Mit Recht sagt Lord Byron von ihnen : „Sie sind hoch wie der Himmel und tiefer als der Ozean." Welche Höhe der Gotteserkenntnis, welche Tiefe der Selbsterkenittuis findet sich darin! Die edelsten Dichter der Griechen, die größten Philosophen des ganzen heidnischen Altertums — wie weit stehen sie in diesen Stücken hinter den Psalmisten zurück! Wahrlich, wenn es irgendwo in alter Zeit „Anbeter Gottes im Geist und in der Wahrheit" (Joh. 4. 23) gegeben hat, so war es Israel. (Schluß folgt.) Einige Gesichtspunkte bejüglich der fjidisch-aramäischen Papyri künde in Assuan nnd Gtephautiue nnd deren Bedeutung siir dir KibeUrnnde. Bon Rabbiner Dr. M. Rosenmaun.*) Aegypten, das uralte Land der Wunder der Natur und! Kultur, das Land des jährlich zur Befruchtung aus seinen j Usern aufsteigenden Nilstromes, das Land der Obelisken, Pyra-! miden und Sphynxe, das Land der wundersamen Hieroglyphen, ist in den letzten Jahrzehnten auch zum Wunderlande für die Geschichte des Judentums geworden. Während nämlich das S t a m m land des Jndeitlums auf alle lvißbegierigen Fragen der Forscher nach neuen Zeichen und Zeugnissen der Vergangenheit stumm bleibt: während Palästina gleichsam in unzugänglichem Schmerze den Witwenschleier nicht heben will; während alle von englischen und deutschen Gesellschaften im heiligen Latlde veranstalteten Ausgrabungen, einschließlich der von Professor S e l l i n unternommenen, bis nun nur eine spärliche und kärgliche Ausbeute liefern, hat Aegypten, das so oft in guten wie in schlechten Zeilen das Adoptivvaterland des Judentums gewesen, spontan, beinahe mühelos an das Ufer der jüdischen Wissenschaft Dokumente gespült, deren Bedeutung für die Bibelkunde im besonderen „Esra." *) Vortrag gehalten am 9. Februar l. I. im Religionslehrerverein und die Geschichte des Judentums im allgemeinen als dermalen noch unermeßbar bezeichne! werden darf. Es sei zunächst aus die im Jahre 1896 in Aegypten erfolgte Wiederanffindung des hebräischen Urtextes der S p r ü ch e B e n - S i r a ch s hingewiesen. Ueber tausend Jahre blieb er verschollen — Saadja Gaon dürfte ihn noch vollständig besessen haben — und erst der Genisah, d. i. dem Aufbewahrungsraum für alte Bücher der jüdischen Gemeinde in Kairo, blieb es Vorbehalten, uns dieses wichtige hebräische Apokryphenbuch, wenn auch fragmentarisch, wiederzngeben. Es mögen ferner die vielen griechischen Ostraka, d. s. Tongefäße und Tonscherben, sowie Papyri erwähnt werden, die in den letzten Jahren im Pharaonenland ans Tageslicht kamen nnd die uns über die politische sowie soziale Stellung der Inden vor und während der Römerherrschaft in Aegypten interessante Aufschlüsse gewähren. All diese Geschenke des ägyptischen Bodens werden aber bei weitem Übertrossen von dreizehn in aramäischer Sprache abgefaßten Papyri, die in den Jahren 1904 nnd 1906 in Assttan und Elephantine anfgefnnden und wovon zehn von den englischen Gelehrten Sayce und Cowley (Aramai c papyri discovered at Assuan. Edifced by A. H. Sayce witli tlie assistance of A. E. Cowley, London 1906) und der Rest von Professor Sachau in Berlin (Drei aramäische Papyrnsnrknnden ans Elephantine, von Eduard Sachau, Berlin 1907) entziffert und veröffentlicht worden sind. — In einem seiner herrlichsten Gedichte, die Schiller intuitiv verfaßt hatte, in dem Gedichte „Pompeji nnd Hercnlauum", schildert er anschaulich, wie die im Jahre 70 der christlichen Zeitrechnung vom Lavastrom des Vesuv verschüttete römischgriechische Kultur durch Ausgrabungen neu anfersteht, nnd ruft zum Schluffe in dichterischer Ekstase aus: Die Altäre, sie stehen noch da, o kommet, o zündet, Lang schon entbehrte der Gott, zündet die Opfer ihm an! An diese farbenreiche Schilderung werden wir erinnert, wenn wir in den Papyri eine jüdische Kllltnrwelt anferstehen sehen, die vor 2400 I a h r e it geblüht hat nnd von der erst jetzt die erste Kunde zu uns gelangt ist. 962 Kilometer südlich von Kairo, dort wo der erste Katarakt des Nil — aramäisch a-trp 8'v, das schwierige Wasser genannt — beginnt; dort, wo die natürliche Grenze zwischen Aegypten nnd Nubien läuft; dort, wo das Dorf Assuan mit der gegenüberliegenden, dem widderköpfigen Götzen Chnub geweihten Insel Elephatitine sich befindet, dort entdecken wir zwischen den Jahren 471 itud 407 ante, also in jener klassischen Zeit, da Esra nnd Neh em ia h, der letzte Proph et Maleachi und die Männer der großen Versammlung i n P a l ä st i u a gelebt und gewirkt haben, ein jüdisches Gemeinwesen, das seinen M i t t e l p u n k t in einem G o ttes h anse hatte, welches selbst in d erst r a ch t l i e b e n d e n, a u luxuriösen Tempelbauten überreichen G e g e n w a r t auf Beachtung Anspruch erheben darf. Sieben steinerne Pforten führen in das Innere des Tempels, Säulen aus Marmor stützen das Dach, welches aus Zedernholz besteht; Geräte aus Silber und Gold schmücken den iunern Raum und umgeben den Altar, auf welchem Speise-, Brand- und Weihrauchopfer für Adonai anfsteigen. So stellt sich das Gotteshaus der Inden ans jenem äußerst vorgeschobenen Posten Aegyptens dar! Das innere Leben dieser fernab in der Fremde gelegenen jüdischen Gemeinde sowie ihre äußeren Schicksale werden uns so klar und deutlich, so lebendig vorgeführt, daß wir wieder mit dem Dichter ausrnfen möchten: „Nichts ist verloren, getreu hat es die Erde bewahrt." "Wir lernen z u n ä ch st einen n e u e n Typus jüdischer Gemeinwesen k e n n en, den Typus jüdischer Militärkolonien, griechisch katoikoi. Gleichwie seinerzeit in Kroatien und Slavonien gegen die Einfälle der Türken eine Militärgrenze errichtet war, in welcher die Bevölkerung ständig militärisch organisiert gewesen, ebenso hatten in uralten Zeiten die einheimischen Könige Aegyptens und nach ihnen die persischen Eroberer an dem äußersten Süden Mm