Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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'LT'-'/.''. «UWWMM« Sir. 14. Die Wahrheit Seite 9. Zur Aufhebung dieser Maßregel, die ihn am schwersten traf, zu bewegen, aber es war umsonst. Noch zitterten die Gemüter, ob des schrecklichen Attentates, das den milden Zar Alexander II. auf offener Straße dahingerafft hatte, und Alexander III.. der seinem Großvater Nikolaus I. glich, duldete keine freien Gedanken, am wenigsten unter den Inden. War ja eine seiner ersten Regierungstaten, alle ausländischen Juden ans seinem Reiche zu weisen, so daß unzählige Familien brotlos, Fabriken außer Betrieb gesetzt. Häuser und Felder um einen Spottpreis verschleudert wurden. Entsetzliche Jndenmetzeleien, von den besten Kreisen arrangiert, füllen die blutigen Blätter der jüdischen Geschichte unter seiner Regierung, imd diese grausamen Verfolgungen Unschuldiger dauern in Rußland leider noch immer fort. Wer hätte noch nicht von den fürchterlichen Pogromen gehört? Wie schwere, schwarze Gewitterwolken am düsteren Himmel dahinziehen, so wälzt sich die schwarze, rasende Bande durch die .jüdischen Gassen fort, überall Furcht und Entsetzen, Schreien und Jammern verbreitend. Ohne jeden triftigen Grnnd, ohne irgend eine Veranlassung, fallen die zügellosen Horden die friedlichen Behausungen an, und zertreten und zerstampfen alles, was ihnen in den Weg kommt. (Fortsetzung folgt.) Mene HynugogenGesaugsmerüe. Horinnoh wehatefilloh. Songs and Prayers for the Sabbath .Service. Composed and arranged by Eev. Soloman Baum, Cantor of Temple Betli Israel liikur Cholim 2se\v-York. Besprochen von Oberkantor Josef Singer in Wien. Am 19. April 1907, also vor noch nicht Jahresfrist, hatten wir Gelegenheit, bezüglich der Freitag-Abend-Kompositionen des Kollegen, Herrn S. Baum in New-Aork, in diesen Blättern unser anerkennendes Urteil abzngeben, und liegt bereits ein zweiter Band, enthaltend ..Synagogengesänge für Samstag B o rm itta g" desselben Komponisten vor uns. Immerhin eine dankenswerte Regsamkeit, der an und für sich schon unsere Anerkennung nicht vorenthälten werden soll. — Doch nicht allein die Schaffensfreudigkeit des Kollegen Baum imponiert uns, viel bedeutsamer noch das f a ch m ä n n i s ch e Z i e l b e w n ß t s e i n, welches allenthalben die vorliegenden Schöpfungen erfüllt. Nicht etwa die imposant angelegten, mit harmonischen und kontrapunktistischen Behelfen ausgestalteten Kompositionen allein sind es, die wir hier begrüßen (wie 8oäu al erez unb Uwenucho jomar); viel interessanter dünken uns jene, gleichsam wie Spielereien eingestreulen, in Wirklichkeit jedoch tiefernsten Schöpfungen winziger Art, bei denen der musikalisch und fachmännisch reife Komponist den warmen, unmittelbaren Herzschlag des Chasen ans den Tönen heransklingen läßt, deren Resonanz, gleichfalls unmittelbar, im Herzen der betenden Gemeinde mitempfnnden werden muß. (Nirnskolnsoko 8. 13. mi scheberaoh 8. 31. re.) Die meisten jüngeren, musikalisch und fachmännisch nnreisen .Kantoren stehen seit geraumer Zeit zweifelnd am Scheidewege und wissen nicht, wohin sie ihre Schritte zu lenken haben. Hier bettelt die gramerfüllte und tranernmhüllte Tradition um Anerkennung ihrer Existenzberechtigung — nnte r dem mächtigen S ch n tz e m n s i k a l i s ch e r M a ch t v o l l k o m m e nheit — und dort lockt die mit glitzernd unechtem Geschmeide heransgepntzte und in farbenprächtiger Gewandung gekleidete jugendliche Gestalt der modernen Synagogenkomposition, und so mancher von uns weilt nur deshalb ans dem ihn schützenden Scheidewege, weil er fachmännisch und musikalisch unvorbereitet sein Genügen darin findet, dem zufriedenen Publikum entweder einen von Jemandem erborgten Jehi rozon, oder einen irgendwo ansgeliehenen Reze zum Besten zu geben, um wie bereits erwähnt, unter dem Schutze dieser billigen Behaglichkeit weidlich anszuruhen. Gewiß soll und muß für den ausübenden Kantor die gesangliche Leistung voll und ganz Berücksichtigung finden, so wie es auch, namentlich für den Anfänger ganz zweckentsprechend erscheint, ans dem Scheidewege zwischen „Alt und Neu" znwarteud zu verweilen, weil doch bei dieser Praktik zumindest nichts riskiert wird. Allein welche Erfslße sind von einer solchen kantoralen Amtsanschauung für die Entwicklungsgeschichte des Synagogengesanges zu erwarten? Weshalb trachtet nicht jeder der durch die Macht der Verhältnisse zn bedeutsamer Stellung gelangten jüngeren Kantoren darnach, durch tüchtige Arbeit und Weiterbildung die ihm etwa innewohnende Wesenheit zn einer Eigenart zn gestalten, die für Andere impulsiv werden soll, und zieht es gerade im Gegenteile vor, mit den ihm von Anderen gebotenen Lückenbüßern — — seine sogenannten künstlerischen Bedürfnisse zu decken? Weshalb? Weshalb? — Brechen wir hier den weitern, ans dieser Frage sich ergebenden Gedankengang ab und konstatieren wir mit Genugtuung, daß der Inhalt des vorliegenden Merkchens vollinhaltlich allen notwendigen Anforderungen genügt, die an den Schöpfer einer zeitgemäßen Synagogenkomposition gestellt werden sollen und müssen. Eine, in tüchtig chasanischer Schule herangereifte fachmännische Anschauung ruht ans der Basis umfassender musik-theoretischer Kenntnisse. Die naturgemäße Vereinigung dieser beiden angeführten Vorbedingungen bietet uns den Schlüssel zur Lösung des Geheimnisses, weshalb uns. welches Blatt des vorliegenden Buches wir auch ansschlagen, allüberall Wahrhaftigkeit und Formreinheit entgegenklingt. Wir sind bei Beurteilung der im Merkchen enthaltenen synagogal gesanglichen Schöpfungen der gewohnten Arbeit enthoben, ans Einzelheiten hinzudeinen; jede Nummer, ob alt oder modern, bietet uns die Gewähr, daß hier die sichere Hand eines zielbewnßten Menschen den Griffel geführt und anordnend gewaltet hat. Der streng im Steiger gehaltene Jischtabach, Os bekol, Mimekomecho, ELohenu w\ a., reze rc., wie der elegant modern anfgebante En ksloksnn. Adon olom 2C weisen nur deshalb eine Fülle von unverfälschten Klangschönheiten ans, weil dleselben von elementarem Geiste durchweht sind. Der Komponist ist sich vollkommen des Umstandes bewußt, daß der Synagogengesang ans tradiiionell-klassischem Boden ruhen muß, ohne jedoch den Gesichtspunkt aus dem Auge zn verlieren, daß eine an der rechten Stelle zur Geltung gelangende Abwechslung des Traditionellen mit dem Modernen nicht allein ergreifend, sondern auch in didaktischer Beziehung anregend wirken muß. Diese einzig richtige — daher auch — glücklich gewählte Eigenart bildet das Gepräge sämtlicher im Werke vorhandenen Kantoriolis. Respensorien*) und vierstimmigen Chöre, die sich unseres Erachtens mit ihrer lieblichen Wirkung in den Gotteshäusern Israels alsbald einbürgern müssen und werden. Nur einer hervorstechenden Erscheinung soll an dieser Stelle noch Erwähnung geschehen, und zwar der Tatsache, daß sämtliche Kompositionen des uns vorliegenden Merkchens mit einer Orgelbegleitnng versehen sind. Sollen und dürfen wir dieses Geschehnis als ein „unliebsames" bezeichnen? Nachdem wir vor Jahrzehnten, gelegentlich des Erscheinens des — wenn auch mit etwas schüchterner dennoch obligater Orgelbegleitnng versehenen — Lewandovskyschen Werkes Toda wesimrak — nnserm llumiite gegen diese Orgclipielerei rückhaltslvs Ausdruck verliehen unb noch heute an diesem abweisenden Standpunkte sesthalteu — scheint es uns. daß sich namentlich in Amerika mit dem Geschmacke auch die Anschauung verwandelt haben müsse, da man nunmehr auch in den Synagogen von dem berauschenden Zaubertrnuke (?) des Orgelspieles gekostet. Seitdem wir in dem nachgelassenen Werke des verewigten Meister-Chaien Bornch Schorr ein traditionelles nns "n; Brr-iL" rar 2C. mit durchgehender Orgelbegleitnng vorfanden — gestehen wir es mit Bitterkeit ganz offen zu — sind wir in nnserm früher» Urteile, wenn auch nicht wankelmütig, doch wenigstens nachgiebiger geworden, namentlich, da wir zum Bewußtsein gelangten, daß diese amerikanische Synagogenorgel vielleicht dadurch eine vermittelnde Mission zwischen Alt und Modern anzn'vahnen berufen wäre, indem dieselbe gerade durch Verwertung dieses neuen, tonlichen Effektes den uns allen heiligen *:• Bezüglich eines Einspruches gegen die vollständige Am- und Neugestaltung der Respensorien soll au anderer Stelle referiert werden.