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Die Wahrheit · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8. Die Wahrheit Nr. 14. Geehrte Freunde! Nur zaghaft ging ich dran, dort anzupochen, wo wir gemeinsamen Schmerz empfinden, denn wahrlich schmerzlich mnß es uns berühren, wenn wir gewahren, wie leichter Sinn und leichte Sitte mit frevler Hand das anzutasten wagt, was uns seil jeher hoch und heilig und unsere bescheidene stille Art in aufreizenden Uebermnt verwandelt! — Grundpfeiler unseres Hauses ist der Satz: Der Vater lehrt, die Mutter schützt die Seele! — so lang dies währt, so lange währen wir, so lang steht unser Volk in Gottes Hand, wird Ehrfurcht hegen, Demut pstegen, wird mutig stehen .in Not und in Gefahr — und alles überdauern. — Jetzt aber wollen wir getrost nach vorwärts schauen: der Hüter droben schützt seine Getreuen und ihm empfehle ich Sie, daß über Jahr und Tag bei gleichem Anlaß, ich Alle Sie gesund und froh an dieser Stelle empfange und begrüße!" (Stürmischer und jubelnder Beifall.) Die Geueralversammlmtgen unserer einzig gearteten Ehewra Kadischa sind stets Festversammlungen in des Wortes edelster Bedeutung, aber den Glanzpunkt der letzten Versammlung bildet unbestritten die im freien Vortrage gehaltene Meisterrede des Präsidenten, die gar oft durch Eljen- und Bravorufe, sowie durch Händeklatschen unterbrochen wurde. Präsident Winterberg schloß sodann die Sitzung und wurde allseitig auf das lebhafteste und herzlichste beglückwünscht. D. H. 8. Das Draudnntzliick von Hasköi. Das Deutsche Bureau der Alliance Jsraclite Universelle stellt uns den nachstehenden Bericht zur Verfügung: Das Zentral-Komitee der Alliance Jsraclite Universelle, das, wie bereits gemeldet, aus Anlass des Brandunglücks von Hasköi seinem Konftantinopeler Landes-Komitee zehntausend Francs telegraphisch überwies, hat nach Kenntnisnahme der näheren Umstände des Feuers wie des dadurch angerichteten Schadens weitere fünftausend Francs nach Konstantinopel gesandt. Inzwischen hat das Landes-Komitee der Alliance in Konstantinopel unter dem Vorsitz des Herrn M. Fernandez die Leitung des Hilfswerkes tatkräftig in die Hand genommen, und seinerseits sofort weitere zwölstansend Francs unter den Mitgliedern aufgebracht. Das Komitee hat sodann Bezirks-Unterkomitees errichtet, die inzwischen wohl durch ihren Appell an die zunächst interessierten Bevölkernngsschichten fernere ansehnliche Mittel flüssig gemacht haben dürften. So ist dank des unverzüglichen und nachdrücklichen Eingreifens der Alliance Jsraclite Universelle mit) ihrer Organe das Dringendste zunächst getan, und den örtlichen Hilfskomitees, die nunmehr in eine methodische Prüfung des etwa noch vorhandenen Bedürfnisses eintreten, sind für alle Fälle ausreichende Mittel gesichert. Schon deshalb erscheint es jetzt unnötig, zugunsten der Abgebrannten auch in Deutschland eine ösientliche Subskription zu veranstalten. -i- * lieber den Brand werden uns folgende Details gemeldet: Der Brand ist am 13. März gegen 1 Uhr nachmittags in einem jüdischen Spezereiladen ausgebrochen. Da das ganze Viertel sichaus Bretterhäusern zusammensetzt und zudem ein heftiger Wind wehte, nahm das Feuer alsbald eine beunruhigende Ausdehnung an. Die Anstrengungen der Feuerwehr, die von Pera und von Amirautc herbeigeeilt, waren vergeblich. Nachmittags um 2 Uhr hatte das Feuer schon einen, großen Teil von Hasköi ergriffen. Sieben Straßen wurden gleichzeitig ein Raub der Flammen. Eine unbeschreibliche Panik hatte sich der jüdischen Bevölkerung bemächtigt, und die Lage war umso besorgniserregender, als die Männer meist fern von ihrer Behausung weilten und Greise, Frauen und Kinder in den Wohnungen zurückgeblieben waren. Diese Armen retteten sich in die Allianceschulen und in die Synagogen, wo jedoch trotz engsten Zusammendrängens nicht alle Platz fanden. Eine große Zahl der Unglücklichen mußte während der Nacht auf freiem Felde kampieren. Am nächsten Morgen nahm man sich ihrer an und brachte sie unter Dach. Die Allianceschulen allein haben 100 Familien, im ganzen 500 Menschen anfgeuommen. Diese sind die verhältnismäßig. Glücklichsten, denn die Znrückgewiesenen sind sonst zu Hunderten in sehr engen Lokalen zusammengepfercht. Um 7 Uhr abends konnte das Jener bewältigt werden^ 412 Häuser sind ihm zum Opfer gefallen und 5000 Menschen, sämtlich Israeliten, obdachlos. Aber auch Menschenleben sind zu beklagen: Greise und Kinder, die sich nicht zeitig retten konnten, kamen in den Flamen um. * Zn der von der Alliance Jsraclite Universelle eingeleiteten Hilfsaktion für die Abgebrannten in Hasköi, worüber bereits mehrfach berichtet wurde, hat das Frankfurter Hilfskomitee 2000 Mark und die Israelitische Allianz zu Wien 2000 Francs der Alliance Jsraclite Universelle zur Verfügung gestellt. Dem Hilfswerk der Alliance ist neuerdings auch die Anglo-- Jewish Association beigetreten. Abraham Goldfaden. (Sein Leben und Wirke n.) Von Adolf Heinrich Landau. Wiener Neustadt. (Vortrag, gehalten in der jüdischen Toynbeehalle in Wien, XX. Bezirk., am 1. März 1908, 7 Uhr abends.) (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Das Singspiel „Snlamith" ist ans einer talmndischen Erzählung im Traktat Taanith. Chulta Ubor, „Marder und Brunnen" aufgebant. Während die Juden nach Jerusalem zu einem Wallfahrtsfeste ziehen, begleitet ein junges, schönes Mädchen, Snlamith, ihren Vater ein Stück des Weges. Bei ihrer Rückkehr verirrt sie sich in der Wüste und kann sich vor Hitze und Durst nicht mehr aufrecht halten. Da erblickt sie einen tiefen Brunnen, in den bloß ein Seil hinunter führt. Sie läßt sich hinab und trinkt; nun ist sie aber nicht imstande, wieder hinaufznkommen. Dem Ertrinkungstode nahe, beginnt sie im Brunnen zu klagen und zu weinen. Ihr Jammern hört der junge Abisalom, der den anderen Wallfahrern nacheilt, und eben am Brunnen vorbeikommt. Geblendet von der Schönheit des Mädchens bleibt er verblüfft stehen, hält aber Snlamith für eine teuflische Gestalt, bis sie ihm beim einzigen Gott schwört, daß sie ein Mensch sei. Der Jüngling verliebt sich in die herrliche Snlamith, schließt mit ihr einen Bund fürs Leben und ruft einen vorbeieilenden Marder und den liefen Brunnen als Zeugen seiner Treue an. Die Szene am Brunnen ist eine der schönsten im ganzen Stücke. Abisalom hält aber sein Wort nicht, er vermählt sich mit einem anderen jüdischen Mädchen und versetzt Snlamith in tiefe Trauer ob des verwundeten Herzens. Sie weist alle Freier ab und stellt sich wahnsinnig, um von weiteren Werbungen verschont zu bleiben. Aber die angerufenen Zeugen rächen sich an dem treulosen Abisalom, sein erstes Kind, das ihm seine Gattin schenkt, wird von einem Marder getötet, das zweite fällt in einen Brunnen und ertrinkt. Nun forscht man dem Unglücke nach und der Treubruch tritt zutage. Die Ehe wird gelöst und Snlamith erhält jetzt nach vielen Fährnissen ihren Retier Abisalom zum Gatten. Die hochdramatische Schilderung dieser Fabel in fünf Akten, sowie die Verknüpfung vieler historischer Bräuche mit der Handlung und nicht zuletzt die entzückenden Lieder mit der bezaubernden Musik machen dieses Stück zu den besten Bühnenwerken nicht allein Goldfadens, sondern der gesamten jüdischen Dichtkunst. In eine spätere Zeit fallen seine Schöpfungen: ..Messias Zeiten", „Opferung Isaaks" und „Inda Makkabi", die das nationale jüdische Element stark betonen. Plötzlich gefiel es der Regierung des Despoten Alexander III., dessen ^Politik in dem 8ic volo, sic iubeo, das will ich und das befehle ich, bestand, das jüdische Theater in ganz Rußland zu verbieten. Auch diese unschuldige Freude, einige angenehme Stunden im Theater zu verbringen, durfte den armen Juden nicht gegönnt werden. Als am 14. September 1883 das Telegramm au Goldfaden kam, das ihm befahl, die weiteren Aufführungen zu sistieren, eilte er persönlich nach Petersburg, um die Regierung.

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