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Die Wahrheit · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14. Die Wahrheit Leite 7. In die Vereinsleitu n g: I. Mit dreijähriger Funktions- Iraner: Adolf Baer (Wien), Max Frank (Wien'), Dr. Adolf Kapralik (Wien), Moriz Koritschoner, Direktor (Wien), Adolf -Pick (Wien). Siegmund Piesen (Wien), Wilhelm Sliaßny, k. k. Baurat (Wien), Dr. Theodor Sonnenschein (Troppan), Dr. Ludwig Lustgarten (Krakau). Dr. Adolf Ringelheim (Tarnow), II. Mit zweijähriger Fnnktionsdauer: Josef I. Leinkanf (Wien), Moriz Sonnenschein (Wien). In den A u f s i ch t s r a t: Julius Granichstädten, Jur. Dr. Wilhelm Knöpfmacher, Jtir. Dr. Leopold Kohn, Ferdinand Löwy, Wilhelm Pappenheim, Med. Dr. Isidor Samuely, Theodor Wantoch. In das Schiedsgericht: Wilhelm Anninger, kais. Mat, Michel Benies,- Jur. Dr. Julius Bermann, k. k. Notar, Phil. Dr. Moriz Güdemann, Oberrabbiner. Jur. Dr. Alois ,-Klemperer. Isidor Popper, Leopold Sachs, kais. Rat, Jur. Dr. Alfred Stern. Julius Wolf, Joses Zucker. Der mindeste Mitgliedsbeitrag betrügt jährlich K 4; Beitrittserklärungen sind an die Adresse des Hilssvereines, Wien, IX., Berggasse 4, zu richten. Prster Chewra Kadischa. Im festlich beleuchteten Prunksaale des Justitutsgebüudes! hielt Sonntag, den -29. Mürz d. I. die Pester Chewra Kadischa! ihre ordentliche Jahres-Generalversammlnng ab. Dieselbe war! außerordentlich gut besucht mit» fand vor einem erlesenen! Auditorium statt. Die große Pester Chewra Kadischa ist bekannt- - lich eine vollkommen autonome Körperschaft und nur insoweit! von der Pester israelitischen Religionsgemeiude abhängig, oder! richtiger gesagt, mit ihr eng liiert, als ihre Mitglieder sich nur aus den Mitgliedern der Gemeinde rekrutieren können. Den Vorsitz führte Präsident Julius W i n t e r b e r g, das Protokoll besorgte Generalsekretär und Anwalt Dr. Franz M e z e y. Nachj dem die Beschlußfähigkeit der Generalversammlung festgestellt werden konnte, eröffnete Punkt 11 Uhr vormittags Vorsitzender Pie Sitzung, begrüßte die Erschienenen herzlichst, meldete, daß per Präsident der Pester israelitischen Religionsgemeinde Hofrat Dr. Philipp Wein m a n n, sowie noch andere Herren ihr Fernbleiben schriftlich entschuldigt haben, bestellte das Bureau, erklärte die Sitzung für beschlußfähig und ging zur Tagesordnung über. Der umfangreiche Bericht, der nicht weniger als 51 große Quartseiten in Anspruch nimmt mtb als eine Meisterleistuug des tüchtigen Sekretärs bezeichnet werden kann, wurde genehmigend zur Kenntnis genommen. Das Budget pro 1908 in der Höhe von 730.768'71 Kronen wurde angenommen und gutgeheißen. Die faktischen Einnahmen pro 1907 waren 901.03186 Kronen, denen 748.448'28 als Ausgaben gegenüberstehen, demnach resultierte eiu Verwaltungsüberschuß von 163.818 98 Kronen. Der Bericht des Revisionskomilees wurde mit Stlmmeneinhelligkeit zur erfreulichen Kenntnis genommen uitb der Nereinsleitung das Absolutorium erteilt, sowie der wohlverdiente Dank votiert. Nach Erledigung der lausenden Angelegenheiten war die Tagesvrdnitng erschöpft. Der Präsident erhob sich mm von seinem Sitze und hielt unter andächtiger Stille, ja man könnte sagen, unter weihevoller Andacht eine hochpoetische Schlußrede, die wir hier ihrem Wortlaute nach folgen lassen: „GeehrteGeneralversammlung! Vor allem nochmals unseren Dank, daß Sie uns Männer brachten, die wert und würdig sind, sich Ihnen anzugliederu, denn darauf wollen sicher wir bedacht sein, den jetzigen Hochstand der Chewra Kadischa nicht zu vermindern. Die alljährliche Generalversammlung ragt, wie ein Meilenstein ans unserem Wege; ein Stück ist wieder durchgelansen, der Blick zurück zwingt den, der hören kann und sehen, zum Denken und Betrachten — wohl auch zum Sprechen, zumal es uralter Brauch und ganz charakteristischer Zug jüdischen Geisteslebens seit jeher war, in der Versammlung, die dem Gemeinwohl dient, befruchtender Anregung nachzuspüren, daß die alltägliche Wirksamkeit sich belebe und erfrische. Und dieses unser Haus -scheint mir dafür berufene Stelle, denn ich denke mir die Chewra Kadischa als pochend Herz im Leib des Judentum^, das klopft und bebt mit edler Gewalt, vom Wechsel der Ereignisse getrieben. Was draußen in der Zeiten Flucht uns das Verhängnis bringt, hier klingt es nach, wir aber wissen lange, wie man des Lebens Last und Schwere zwingt, wie man es trägt, erträgt und überwindet — die sondergleichen Meister der Entsagung — das eine aber haben wir erfahren und auch zumeist am eigenen Weh erfahren—keinHieb trifft fo schwer, wieder von Bruderhand. Im Weisheitsschatze unserer Alten birgt sich ein Spruch, an Worten knapp, doch inhaltsschwer, ich wills versuchen ihn zit deuten: Es heißt, du sollst dem Dürstenden Den nächsten Weg zur Quelle weisen, Daß keine Seele Schaden leide. Die seine nicht und nicht die deine. — Der Gnadenbrunnen, der uns fließt, der uns das erste Wiegenlied gemurmelt, das ist der hohe Zauber der Familie, der angestalumte mächtige Herzenszug. die unlösliche Liebe zu unserem Volke, die Seelenruhe im Banne der alten Lehre. — Denn unser Glück liegt nur nach innen! — Wohl uns, so lang wir um den Brunnen friedlich lagern, doch weh dem Schwachgewordeuen, den in böser Stunde das alte Erbübel ergreist, die wahnwitzige Gier nach äußerer Geltung, die Fieberglut krankhafter Eitelkeit, daß taumelnd er nach Schattenbildern jagt, den rechten Weg verliert, vom Dämon der Begehrlichkeit gepeitscht, dem Durst erliegt und lechzend zniammenbricht. Ihr Brüder, die Ihr Krankenwache pflegt, jetzt ruft die Pflicht, herbei zum Dienst, wir wollen Stütze sein dem Strauchelnden, zur Quelle seine Schritte rückwärts leiten, mit Sanftmut und Geduld sein Aug' entschleiern, den heißen Kops mir guten Worten kühlen, vielleicht erhalten wir den Sinkenden, vielleicht erhebt er sich noch vor dem Falle! Und wenn es nicht gelingt, den Mann für uns zu retten, wenn er dem Gift erliegt, das ihm das schnöde Weib, die arglistige Schlange ins Ohr gezüngelt, mit falschen Worten ihn bestrickte, betörte, ihm das Gewissen lähmt, daß er nicht aufschreien kann in ernster Stunde, und ers vermag, herausgemürbt und von der Stammeswurzel losgerissen, ein augezweifelt Dasein sortzusristen — welch' traurig Bild, verhüllen wir sein Antlitz, mit Kummer faßt uns der verwandte Jammer uitö schwer wird es zu glauben, was geschieht: Ein Ueberwinder ward zum Ueberläuser, ein Zelrgenvsse zum Verräter! Sem Bestes warf er hin, die blanke Seele, den Edelmut und läuft als falsche Münze durch das Leben. Und was als Schönstes wir im Innern bergen, was uns erquickt in trübseliger Zeit, das Winterholz gesammelt in holder Jugend, die alten kalteit Tage zu erwärmen, des Menschenherzens reinste, feinste Blüte — das Erinnern — er hats geknickt, zertreten und vernichtet. — Das „Einst" liegt eingesargt in seiner Brust. — Er kann den Blick nicht rückwärts wenden, sonst sieht er seiner Mutter weinend Bild und au des Vaters Grabe schleicht scheu verzweifelt er vorüber und kann sein volles Herz dort nicht erleichtern; — ob er auch sein Gesicht in heitere Maske zwängt, mit Trugschlüssen sich zu betäuben trachtet, es liegt in ihm ein uttbezwingliches Sehnen nach jenem Brunnen, der ihn einstens netzte, nach jener Quelle, die für ihn versiegle. — Der Mann erlag, wir konnten ihn nicht halten. — Ihr Brüder von der Chewra Kadischa. ein Grab dem todten Manne, bestatten wir ihn, im Schatten tiefer Wehmut, kein Zorn, kein Groll, kein hartes Wort darf fallen, ein Bruder wars, denkt an den milden Richter, daß keine Seele Schaden leide, die reine nicht und nicht die deine. — Wenn ich mit meinen Worten gerechten Stolz und Selbstbewußtsein wecken will, um Fahnenflucht und Treubruch einzudämmen, gilt dies doch keineswegs den braven Streitern, die laut und offen sich zu uns bekennen, erhobenen Hauptes an unserer Seite gehen, die Halben meine ich, die Angekränkten, die heimlich in ein fremdes Land schielen und uns im Zwielicht gern verleugnen, die Brüder mit dem Kainszeichen, die gottvergessen ihre Väter schmähen. — Wir sind so wenige, der Gegner viele, daß jeder Stein uns fehlt, den wir verlieren, ob ihn der Tod uns raubt, ob ihn ein widriges Geschick heratisreißt aus dem bindenden Gefüge, was Wunder, daß Verlust uns doppelt trifft und kränkt.

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