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Die Wahrheit · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit dlv. 14. Gattrischer Hilfsverein. Unter diesem abgekürzten Titel ist der „Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien" bekannt, der mit seinem Sitze in Wien seit einer Reihe von Jahren die wirtschaftliche und kulturelle Hebung der galizischen Inden anstrebt und, wie es in der Sonntag, den 29. März stattgehabten Generalversammlung neuerdings zu Tage trat, auch in dem abgelanfenen Jahre ein gutes Stück segenbringender Arbeit vollbracht hat. Den Vorsitz in der Generalversammlung führte Präsident Liegmnnd M a y e r, der zunächst den offiziellen Vertreter der Wiener Kultusgemeinde Professor Dr. Ehr m a n n, die Delegierten der auswärtigen Ortsgruppen S. Ritter v. H o r o w t tz, Lemberg, Professor F e il e r st e i n, Bielitz, Siegmnnd Königsgart e n und Max T a n ß i g. Brünn, Dr. S o n n e n s ch e i n, Troppan, Dr. S. Reich, Rzeszow, die Delegierten der Wiener Ortsgruppen und die zahlreich erschienenen Mitglieder herzlich willkommen hieß und hieraus dem Vereinssekretär Dr. Wilhelm Löwy Zur Erstattung des Berichtes das Wort erteilte. Anknüpfend an den bereits erschienenen Bericht über das Jahr 1907 berichtete Sekretär Dr. Löwy über die Tätigkeit des Vereines ab 1. Jänner 1908 bis zum heutigen Tage, indem er konstatierte, daß die ursprünglich wegen des Modeumschlages "gehegten Befürchtungen über völligen Stillstand der Spitze nhäkelei erfreulicherweise nicht eingetroffen sind und die Produktion ans diesem Gebiete noch 50°/0 vom Vorjahre ansmache. Um jedoch die Arbeiterinnen voll zu beschäftigen, wurde neben der Häkelei auch die Spitze nklöppeleiin weiteren Orten eingeführt, zu welchem Behnfe neue Lehrkräfte nach Galizien beordert wurden. Zn den diesbezüglichen Kosten hat die „Israel. Allianz zu Wien" für das laufende Jahr eine Subvention von 5000 K bewilligt. Die Kleiderkonfektion erhielt sich ans gleicher Höhe, aber in der H a a r n e tz e r e i, die früher 2000 Mädchen und jetzt nur 600 beschäftigt, ist ein bedeutender Rückgang zu verzeichnen. Zur Hebung dieses Industriezweiges wurde ein neuer Vertrag mit dem Unternehmer geschlossen und außerdem wird versucht, die Erzeugung von Netzen für Zerstäuber, die bisher nur ans Deutschland geliefert wurden, in Galizien einzuführen. Durch Errichtung einer P r o d n k t i v g e n o s s e n s ch a f t für B ü r st e n b i n d e r in Jaworow, wo sich 10 Meister mit 50 Gehilfen besinden, wird der Versuch gemacht, sowohl diese Gewerbslente konkurrenzfähiger zu machen als auch ein Vorbild für andere Gewerbe zu schaffen, und ist im Falle des Gelingens geplant, auch an anderen Orten, resp. in anderen Gewerben, derartige wirtschaftliche Einheiten zu schaffen. Der Berichterstatter erwähnt noch die mit dem Hilfsverein der Deutschen Inden in Berlin in Aussicht genommene Konferenz, die sich mit der Gründung von A n a l p h a b e t e n - S ch n l e n und anderen sozial-ethischen Fragen beschäftigen soll, und gibt dann Aufklärung über Einnahmen, Ausgaben und Organisation des Vereines, indem er zum Schluffe noch bemerkt, daß der Vorstand, um das Interesse der Ortsgruppen für die Tätigkeit der Zentrale zu fördern, beschlossen hat, auch im Laufe des Jahres Berichte an dieselben zu versenden. (Lebhafter Beifall.) Der Delegierte der Ortsgruppe Brün n, Herr Königsgarten, lenkt die Aufmerksamkeit des Vorstandes auf einen Vortrag, des Herrn Direktor Dr. E d e l st e i n in Nentitschein, der die Ansicht vertritt, daß bei der von der Regierung geplanten intensiveren Gewerbeförderungsaktion in Galizien auch Aussicht.sei, daß etwas für die Juden geschehe, wenn der Vorstand sich der Sache annähme. Professor F e u e r st e i n - Bielitz bemerkt, daß der erwähnte Vortrag des Professor Edelstein sich mit der Zuführung zur Industrie durch Errichtung von Gewerbeschulen niederen Ranges beschäftigte, in denen die Gewerbe praktisch geübt werden. Das im Berichte beklagte geringe Anwachsen der Ortsgruppen findet der Redner damit begründet, daß zu wenig Propaganda gemacht wird und auch der Kontakt der Zentrale mit den Ortsgruppen, die bisher eigentlich nur bloße Jnkassostellen waren, zu wenig innig ist. Dr. I. S a m u e l y ersucht den Vorstand, die jüngst durch den Unterrichtsminister abgegebene Erklärung im Auge zu behalten, daß die Negierung in allen Kronländern Gewerbeschulen niederer Art errichten will, in welchen der Lehrling, unabhängig von den Genossenschaften, den ganzen Gewerbegang vom Lehrling bis zum Meister dnrchmachen kann. Das sei für die jüdische Bevölkerung in Galizien besonders wichtig, da auf diese Weise die Zuführung von jüdischen Lehrlingen zum Gewerbe, die jetzt überall auf Hindernissen stößt, ermöglicht und im Endziele auch die Heranbildung von jüdischen Gesellen und Meistern gefördert wird. Auf Grund seiner in den letzten Jahren bei den Kinderhorten gemachten Ersahrnngen, die ihn den großen Wert des Handfertigkeitsnnterrichtes erkennen ließen, schlägt Redner weiters vor, die nötigen Schritte einznleiten, daß bei den Baron Hirsch- Schulen in Galizien auch der Handfertigkeitsunterricht eingeführt werde. Dadurch werde von Jugend auf die Liebe zur Arbeit gehoben und die Regeneration des jüdischen Volkes in Galizien bewirkt werden, denn die Arbeitsfreude ist die wahre Grundlage von Fortschritt und Wohlstand. Vorsitzender May e r bemerkt, daß die gegebenen Anregungen gewiß Berücksichtigung finden werden, er glanbt aber, daß die geringe Verbreitung des Gewerbes unter den Inden Galiziens weniger in der mangelnden Arbeitssrende liege, als darin, daß es an Unternehmern fehlt, die jüdischen Gewerbslenten Arbeit geben. Sekretär Dr. Löwy glanbt ebenfalls, daß man den galizischen Knaben Unrecht tue, wenn man behauptet, daß sie zu wenig arbeitsfrendig sind. Das Hebel liegt darin, daß der Knabe mit 13 Jahren schon verdienen muß und nicht in die Lehre gehen kann. Er verweist weiter auf die sonstigen Schwierigkeiten und besonders auf die Kostspieligkeit derartiger Gewerbeschulen, indem z. B. in der von der „Jea" erhaltenen Tischlereischnle in Stanislau, die , 20 Lehrlinge anfnehmen kann, die Ausbildung eines Lehrling auf 1500 Kronen kommt. Im übrigen wird diese Frage vom Vorstande gewiß studiert und auch in den angekündigten Beratungen mit dem Hilfsverein der deutschen Juden besprochen werden. Hoffentlich wird dabei ein greifbares Resultat erzielt werden. Allerdings dürfen die Erwartungen nicht allzuhoch gespannt werden, da die vorhandenen Mittel im Verhältnisse zur großen Zahl der jüdischen Bevölkerung in Galizien viel zu gering sind. Namens des Aufsichtsrates erstattet Dr. W. Knövfm ach er den Bericht der Revisoren und beantragt die Erteilung des Absolutorinms an den Vorstand. (Wird einstimmig angenommen.) Die vom Vorstande beantragte Statutenänderung betreffs Erhöhung der Zahl der Vorstandsmitglieder von 30 ans 42 und des engeren Ausschusses von 10 auf 15 wird en bloc angenommen. Der Antrag der Ortsgruppe Wien, den bisherigen Titel in den Titel: „V e r ei n z n r wirtschaftlichen und kulturellen Hebung der jüdischen Bevölkerung Galiziens", wird vom Vorstande nicht zur Annahme empfohlen, da der Verein schon unter dem alten Titel allgemein bekannt ist, jedoch soll auf die Drncksorten nebst dem Titel auch der Zweck mit dem Wortlaute: „w irtschaftliche nnd k u lt u r e l l e H e b u u g der Inden in Galizien" angeführt werden. (Angenommen.) Vor Uebergang zn den Wahlen gibt der Vorsitzende bekannt, daß Herr Dr. Edmund Ko hu auf eine Wiederwahl verzichtet habe und der Vorstand an dessen Stelle die Wahl des Herrn Moritz Koritschoner (Vorstandsmitglied der Israel. Allianz zu Wien) empfehle. Weiters konstatiert er mit Bedauern, daß der um den Verein hochverdiente Vizepräsident, Herr kais. Rat Gottlieb Lederer und der Schriftführer-Stellvertreter, Herr Dr. W. P a p p e n h e i m, ihre Mandate niedergelegt haben. Da ülle Bemühungen, die beiden Herren im Vorstande weiter zu erhalten, vergeblich waren, hält er es für angemessen, daß die Generalversammlung denselben den Dank für ihre langjährige ersprießliche Tätigkeit protokollarisch zum Ausdrucke bringt. (Allgemeine Zustimmung.), An deren Stelle werden für die restliche 2 jährige Funktionsdauer die Herren Josef I. Lein kauf und Moriz S o it n enschein empfohlen. Die hierauf vorgenommene Wahl ergibt folgendes einstimmige Resultat:

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