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Die Wahrheit · 1908-04-03 · Heft 14 (3.4.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Leite ö. Ri. 14. Aber am T,age, wo er wieder in die Armee eingereiht werden mnßte und die Charge erhalten sollte, die er infolge seines Ranges in den verlorenen zwölf Jahren erreicht hätte, wurde er das Opfer einer neuen Ungerechtigkeit. Er hätte Oberstleutnant werden müssen, wurde aber nur Major. Gewiß, wäre er nicht Jude gewesen, hätte mau diese neue Ungerechtigkeit nicht beu bereits begangenen hinzugefügt. Zwei Jahre blieb er in der Armee, um den Beweis seiner Fähigkeiten zu geben. Ueberall begegnete matt ihm mit Achtung. Aber als er sah, daß er infolge der Zurücksetzung in seinem Avancement niemals die höchsten Grade erreichen könne, bat er um seine Verabschiedung. Mit aller Beschleunigung wurde feinem Wunsch entsprochen — durch den General P i c q u a r t! Dieser Jude war unbequem. Man möge mir erlauben, nur an ein, aber charakteristisches Moment dieses langen und schrecklichen Martyriums zu erinnern. Man wird daraus ersehen, was in Wirklichkeit Alfred Dreyfus ist. Er befand sich auf der Teufelsinsel krank und war durch die drückende Hitze, den Kummer und die Trennung von seiner Familie vollständig erschöpft. Er konnte kein Glied bewegen, ohne in Schweiß gebadet zu sein, nicht einmal essen, ohne wahnsinnige Schmerzen zu erdulden. Diesen Augenblick hielt man für den richtigen, um ihm Fesseln anznlegen. Er fragte nach dem Grunde, - aber seine Wächter . hallen den Befehl, zu schweigen. Die Ketten wurden in seiner sieberhasten Phantasie Schlangen, die ihn umwanden, um ihm den letzten Tropfen Blut auszusaugen. Unbekannte, perverse Wesen hatten ihn diesen Bestien zur Beute hingeworfeu. Aber angesichts dieser Leiden nahm er alle Kräfte zum Kampfe zusammen. Rein, er wollte, er konnte nicht sterben, denn damit hätte er seine Frau, seine Kinder verraten, denen er einen fleckenlosen Namen hinterlasfen mußte. Und deshalb mußte er aushalten, bis zu dem Tage, au dem seine Unschuld aus Licht kommeit würde. Ein Christ Hütte in solch verzweifelten Stunden alle seine Kraft in das inbrünstige Gebet gelegt und wäre damit vor dem Throne Gottes erschienen, um die Erlösung, ein Wunder, zu erflehen. Aber bei Alfred Dreyfus schöpften Phantasie und Willen, genährt au den tiefen Lebensquellen seiner Rasse, in der Ueberliefernng und der Liebe, neue Kraft. Diese unerschöpfliche Liebe rettete ihn. Neben dem christlichen Wunder erscheint da ein anderes Wuitder. Ist Gott in dem ersten, so ist er nicht minder in dem zweiten. Der Tag wird kommen, wo man den Lindern in der Schule diesen wunderbaren Beweis der Kraft der Unschuld, diesen Sieg der Liebe und Hingebung an die Rasse erzählen wird. Noch an eine Einzelheit will ich erinnern. Warum hatten Bernard L a z a r e zuerst, dann S ch e u r e r - K e st u e r, Josef Rein ach, Zola und seine Freunde einen so tiefen Glauben an Dreyfus' Unschuld, daß sie für ihn i£)ren Ruf, ihr Vermögen und ihr Leben einsetzten? Geschah es, weil sie den wahren Verfasser des Bordereaus kannten? Das war ohne Zweifel schwerwiegend. Aber der Eindruck, den sie selbst oder ihre Freunde von einer Gattin wie Lucie H a d a m a r d, von einem Bruder wie Matthias D r e y fu s erhielten, von Personen, die so würdig und vollkommen geartet und so tief dem unglücklichen Opfer ergeben waren — das entflammte sie und machte ihre Ueberzeugung unerschütterlich. Stark durch diese Ehre und Tugend, begannen sie ihre Nachforschungen und schleuderten ihre flammenden und zündenden Proteste in die Welt. Sicher, Alfred Dreyfus verdient es. daß man sein Andetlken der Welt hente ins Gedächtnis ruft. Dieser Kampf hatte bedeutendere Folgen als die öffentliche Anerkennung seiner Unschuld. Der erste war der Erfolg seiner bewunderungswürdigen Verteidiger, deren Glauben und Genie die Welt mitrisfen. Die Sache veranlaßte die heftigen Proteste der großen Mehrheit der Franzosen und fast aller Zeitungen. Man verlangte, daß die Grenzen respektiert werden »sollten: „Unsere Angelegenheiten gehen das Ausland nichts an." Aber die Grenzen wurden überschritten, aller Widerstand war nutzlos, der Sturm brauste und eine Stimme, die Stimme der ganzen Welt, schrie: „Warum diese Ungerechtigkeit?" Das ist das, erstemal, daß etwas Aehnliches in der Welt geschah. Ich glaube, das ist der Beginn eines Zeitalters, das die Vereinigung aller M e u scheu v o u gute 111, offenem Willen sehen und das keine Grenzen kennen wird, wenn die Rufe des Unglücks oder des Genies ertönen werden. Eine andere wunderbare Folge der Affäre war die Beschleunigung der Trennung von Kirche und Staat. Hätte die hohe Geistlichkeit nicht mit den Nationalisten, dem Generalstab und den Monarchisten genieinsame Sache gemacht. wäre ihre gemeinsame Niederlage nicht so vernichtend gewesen, so hätte die Trennnng noch einige Zeit aus sich warten lassen und eine ruhigere Lösung wäre eingetreten. Wenn Frankreich einen so hervorragenden Platz an der Spitze der Völker einnimmt, so wissen wir alle, wem es das zn danken hat. Aber warum muß jener, der durch seine Unschuld, seine unerhörten Leiden und seine moralische Kraft die Ungerechtigkeit seiner Gegner noch schreiender hervortreten ließ, den Sieg des Rechtes vollständiger und leichter machte, warum muß dieser wieder in die Finsternis zurückgestoßen werden? Eines Tages befand ich mich in C a m b r i d g e. in Massachusets, unter dem Baum, unter dem Georges Washington das Kommando der kleinen Armee übernahm, die in der Folge die Vereinigten Staaten von Amerika gründete. Man erklärte mir, daß der erste Baum, der Zeuge dieser Szene, gewesen war, seit langem abgestorben sei. Es war nur ein Sprosse dieses Baumes, der mir Schutz gewährte, und bei dessen Absterben sollte ein Sprosse dieses Sprossen an seine Stelle treten. Der Ahne sollte bis in die dritte und vierte Generation geehrt werden. Warum? Weil die Amerikaner sich selbst ehrten, indem sie jenem Ehre erwiesen, der Zeuge eines für ihre nationale Existenz so glücklichen Ereignisses gewesen war. Alfred Dreyfus ist doch mehr als ein untätiger Zeuge oder der Sprvßling eines untätigen Zeugen. Er ist die noch lebende und des Lebens würdige Ursache einer großen Angelegenheit. Jene, die Frankreichs Geschicke lenken, würden sich ehren, wenn sie jenem Ehre erweisen würden, ohne dem keiner unter ihnen dort wäre, wo er ist. Auf der Rednertribüne im Luxembourgpark, von der so beredsame Zeugnisse der Erkenntlichkeit für Scheurer-Kestner ertönten, ober, dieser Tribüne sahen wir eine entfaltete Fahne, ans der das Wort „Undankbarkeit" zu lesen war. Heute wissen wir alle, daß ein anderes Volk als das französische einen ungerechten Prozeß nicht einer zweifachen Revision hätte unterwerfen können, kein anderes Volk hat eine solche starke freie Intelligenz und Mut zn allem. Aber warum bleibt man stehen, bevor man für das unglückliche Opfer eine vollständige Rehabilitierung erhalten hat? Warum verweigert man ihm die Achtung, ans die er ein Recht bat? Jene, denen seine Unschuld, seine bewunderungswürdige und einfache Kraft der Seele, einen io mächtigen und gerechten Einfluß verschafft haben, daß sie zur Regierung Frankreichs berufen wurden — warum wollen sie, von dem Gipfel, den sie erreicht haben, ihm den Stoß versetzen, der ihn in die Gleichgiltigkeit und das Schweigen zurückwirft? Er ist ein Jude, das ift's. Man schützt vor, daß Frankreich der Ruhe bedürfe, daß Frankreich den Namen dieses Jitden nicht mehr hören wolle. Ich glaube, daß das falsch ist. Aber in jedem Falle stelle ich fest, daß wir noch auf dem Punkte uns besinden, wo solche Dinge Vorkommen können. Und das kann nur geschehen, weil dasselbe Volk, bei dem das Ehrgefühl mehr entwickelt ist als bei irgendeinem anderen, das auch vorurteilsloser als alle anderen ist — weil dieses Volk gleichzeitig der Sklave einer jammervollen, religiösen Ueberlieferung ist. Es rührt sich nicht, es empört sich nicht, daß man einem Unschuldigen, den die Nation so grausam beleidigt hat, der so viele tiefe Reformen veranlaßte, dessen Name in der garrzen Welt so edle Sympathien hervorrief, eine volle Rehabilitierung verweigert — es rührt sich nicht, es empört sich nicht — weil er ein Jude ist. _

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