Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4. Die Wahrheil 'Jtr. 14 Drei Dinge sind mir wunderlich, — Und auch das vierte.weiß ich nicht: - — Des Adlers Weg im Himmel — Der Schlange Weg auf einem Felsen, — Des Schiffes Weg mitten im Meer, -— Und eines Mannes Weg zu einer Magd. In böhmischer Uebersetznng nach der Kralitzer Bibel lautet die Stelle: — Tri tyto veci skryty jsou prede mnou — Nybrz ciyry, kterycbz neznam: — Cesty orlice v povetfi,— Cesty hada na skäle, — Cesty lodi u postred mofe — A cesty mu2e pri panne. Also schon dem Autor des 30. Kapitels der „Sprüche Salomos ', also einem schon 3000 Jahre vor der gewöhnlichen Zeitrechnung lebenden Denker schwebte unter anderen Welträtseln auch das Rätsel der Deszendenz des Individuums die Frage der Entstehung des Menschen als Einzelgeschöpf ans der Zelle, das Geheimnis der Begattung als Welträtsel vor. Er hat diesen Gedanken mit anderen Geheimnissen der Natur und des Weltalls in Verbindung gebracht: Mit dem Fluge des Adlers hoch iu den Lüsten, also mit den Geheimnissen der Flugkraft, an der sich noch heute die Flugtechniker den Kopf zerbrechen; mit dem Leben und Weben der Amphibien in den dunklen Erdentiefen, womit sich heule noch gelehrte Zoologen und Botaniker gerne abgeben; mit den majestätischen Bewegungen des Schiffes aus dem Meere, also mit den Geheimnissen der Schiffahrt, der Wafferströmung und des Kräfteparallelogramms. Und das ist dem Amor in echt poetischer Form, ich möchte sagen in Qnadratsorm, herrlich gelungen. Da aber in der Uebersetznng der metrische Formguß des hebräischen Originals ganz verloren geht, so habe ich es versucht, diesen schönen poetischen Spruch in folgende freie, deutsche Verssorm zu bringen. Ob es mir gelungen, mögen Fachmänner entscheiden: Drei Dinge sind mir wunderbar, — Und auch ein viertes mir nicht klar: — Des Adlers Flng, so hoch in den Lüften, — Der Schlange Weg. so langsam in des Felsens Klüften, — Des Schiffes Weg, so ruhig in des Meeres Fluten, — Des Jünglings hurtig eifriger Mannesweg — Ins keusch verborgene jungfräulich Gehegt, — Wo beide dann in Liebesgluten, — In seliger Umarmung ruhten,-— Und einem neuen, jungen Leben — Ost ungewollt den Ursprung geben. — Und trotz dieses mystischen Sinnens und Grübelns faßt der Autor einige Verse früher seine bescheidenen Forderungen ans Leben in folgenden schönen Satz zusammen: ba -jnxfc *nbKW dtm .n*öK mcs'seö paar» Nach der Meudelsfohu'scheu Uebersetznng lautet der Satz: Vers 7: Zweierlei Dinge erbitte ich von Dir, die entsage mir nicht, so lange ich lebe. Vers 8: Falschheit und Lügen halte stets ferne von mir. auch Armut und Reichtum gib mir nicht. Gib mir nur mein bescheiden täglich Brot, -.m rrnv .•pnsnb jnn b? irri trs-, pmn -72 Vers. 0: Im Reichtume könnte ich leicht mich überheben, Dich verleugnen und sagen: Wer ist der Herr? Und wenn ich arm würde, könnte ich leicht auch stehlen und mich so an dem Namen Gottes versündigen. rrbs de -nrem •nr;;i ir-ns-pi mir *a *möK7 \-1rn27 prtr« p Nach der Kralitzer Bibel: Vers 7: Dvou veci zadäm od tebe. neoslycliejz mne, prve nez umru: — Vers 8: Marnost a slovo lzive vzal ode mne, clmdoby a boliatstvi nedavej mi. ziv mne pokrmem vedle potfeby me. — Vers 9 : Abycli snad nasycn jsa, te nezapzel a nerekl: Kdo jest Hospodin? a abych zcbudna, nekradl, a nebral na prazduo jmene Hospodina Bolis svelio. Wahrlich, eine Fülle von Poesie, Philosophie, Rechtssinn und Lebensklugheit findet sich in diesem bescheidenen, mir selbst nur durch Zufall bekanntgewordenen Winkel der Bibel verborgen, wie sie mir in keinem Werke der altklassischen Literatur, womit wir während der achtjährigen Gymnasialstndien mehr oder weniger geplagt wurden, begegnete. Aber nicht nur in der Bibel, selbst auch in der Mischna, glaube ich Andeutungen auf das Geheimnis der Genesis des Menschen, der Entstehnng aus der Zelle, zu finden, z. B. im 3. Kapitel der sogenannten „Sprüche der Väter", denn dort heißt es: im 2-12-1 nsprr brnon Der Dinge drei halte dir stets wohlgemerkt —Dann bist du gegen Sünde allezeit gestärkt: — Merke stets, woher du einst entsprossen: — Ans der Zelle, tropfenförmig nur gegossen. — Dann merke dir, was ist deines Lebensweges Ziel? — Staub und Erde und Gewürmer viel. — Dann denke daran, daß es einen Gott im Himmel gibt, — Der einst strenge Rechenschaft an dir auch übt. Dr. Epstein, Brünn. Alfred Dreyfus. der Jude. Bjvrnstjerne B j ö r n f 0 n, der gefeierte Dichter und unermüdliche Kämpfer für Fortschritt, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenliebe, schilderte jüngst in einem Artikel in der ..Zeit" das große Unrecht, das an Dreyfus begangen wurde und nur weil er Jude ist, *uoch immer begangen wird, mit folgenden Worten: Kürzlich, als man das Andenken S ch eu r e r-Kestn ers durch Aufstellung eines Monuments im Luxembourgpark, in der Nähe des Senats, und durch große Reden feierte, las ich in den französischen Zeitungen die Namen der hervorragendsten Persönlichkeiten, die an der Feier teilnahmen. Den Namen Alfred Dreyfus fand ich nicht darunter. Dann las ich die Redner, nicht nur weil sie es wirklich verdienten, sondern auch weil meine Aufmerksamkeit erregt worden war. Ein einziger Redner befaßte sich mit der Geschichte der Affäre; aber kein Wort des Lobes fiel für Dreyfus. Clemenceau erwähnte '.licht einmal seinen Nanien. Da sagte ich mir — und ohne Zweifel sagte es sich auch die Mehrzahl jener, die die Reden lasen — daß Alfred Dreyfus mehr als Scheurer-Kestner 1111b alle seine Verteidiger zusammen gelitten habe. Ohne ihn hätte Scheurer-Kestner nicht das herrliche Werk vollbracht, das man feierte, ohne ihn wären auch die anderen nicht dagewesen, um den Lebenden und .Toten reichliches Lob zu spenden. Warum fügte man diese Ungerechtigkeiten noch jenen hinzu, die Alfred Dreyfus bereits erlitten hatte? Warum vergaß man ihn, während man sich der anderen erinnerte? Ist es notwendig zu wiederholen, zu welchen Prüfungen ihn sein Vaterland verurteilt hatte? Er, der fähige Offizier des Generalstabes, der Elsässer, der den Verlust seiner heimatlichen Provinz bitter beklagte, sah sich eines Tages plötzlich beschuldigt, dem Eroberer dieser Provinz die Geheimntsfe der Verteidigung seines Vaterlandes verkauft zu haben! Der Beweis seines Verbrechens war ein Papier, das er llicht einmal kannte. Man bezichtigte ihn, es geschrieben zu haben. Diesem falschen Beweisstücke wurde nach und nach eine derartige Menge absurder und falscher Dokumente hinzngefügt, daß ein oder zwei Menschen, die sie prüften, närrisch wurden. Das Opfer des anfänglichen Irrtums und der Verbrechen, die dieser nach sich zog, Alfred Dreyfus, wurde eingekerkert. Dann folgte ein empörendes Verhör, eine schmachvolle Verurteilung, die Verbannung auf eine ungesunde Insel in der Nähe des Aeqnators itnb dort die einsame Absperrung in einer eigenen Hütte, die von Palissaden eingeschlossen war. Kurz, die Behandlung eines mit der Pest Behafteten, der zum einsamen Tode verdammt ist. Für diesen Menschen gab es kein Mitleid. Er war ein Jude. Mittlerweile war aber der Verfasser des Bordereans, für das er verurteilt wordetl war, entdeckt worden. Die Sache kam vor das oberste Gericht Frankreichs, dem sicheren und unerschütterlichen Zufluchtsort in den Stürmen und Schiffbrüchen der Nation. Der Kassationshof fand ihn unschuldig und ordnete die Wiederaufnahme des Prozesses vor einem neuen Kriegsgerichte an, damit Offiziere, feine Kameraden, ihm seine Ehre wiedergäben. Aber das Kriegsgericht hielt sich nicht innerhalb feiner Befugnisse, rollte die'ganze Angelegenheit aufs neue auf nnd verurteilte ihn zum zweitenmal! Zn schwach, um eine abermalige Kerkerstrafe ertragen zu können, gab er den Bitten feiner Familie nach nnd ließ sich begnadigen. Einige Jahre lebte er, von feindlichen und beleidigenden Blicken verfolgt, bis der Kassationshos die Angelegenheit wieder aufnahm und Licht bis in die dunkelsten Stellen dieses Prozesses dringen lassen konnte. Schließlich wurde Dreyfus' Unschuld offen anerkannt.