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Die Wahrheit · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13. Die Wahrheit Seite 9. im „Hause der Barmherzigkeit" verpflegte Kulka fortwährend zur Taufe gedrängt. Er hat den sehnlichen Wunsch, in ein jüdisches Kranken- oder Siechenhaus gebracht zu werden. Die Hemiatsgemeinde Leipnik erklärt sich außerstande dem zn entsprechen, will jedoch einen Kostenbeitrag für den Genannten leisten. Da erst kürzlich ein jüdisches Mädchen, das gleicherweise vom Kultus- Vorstand Schutz gegen Bekehrnngsversnche verlangt hatte, getauft wurde, und da ferner zn erwarten ist. daß auch Kulka nicht, lange mehr den fürchterlichen Pressionen werde Widerstand leisten können, da endlich gerade jetzt eine Aufnahme neuer Pfleglinge ins Siechenhans ermöglicht wird> so stellen die Gefertigten den Antrag, der Kranke sei ins Siechenhans aufznnehmen." In Vertretung dieses Antrages meint Dr. Maximilian Steiner, daß die Anschauungen Dr. Breuers, der in seinen früheren Ausführungen die Uebernahme eines Pfleglings aus einer anderen Anstalt möglichst ausgeschlossen wissen wollte, wohl schwer ins Gewicht fallen; er habe aber nur den ärztlichen und Humanitären Standpunkt vertreten, während hier auch der religiöse berücksichtigt werden müsse. Wenn nun jemand einer Knltusgemeinde zuruft: „Schütze mich vor der Taufe!" darf sie nicht passiv bleiben. Daß eine Täuschung hier beabsichtigt wird, ist ausgeschlossen, da der Fall vom Rabbiner Doktor F e u ch t w a n g und dem Vereine B i k u r cholim und auch von ärztlicher Seite wiederholt geprüft wurde. Die Furcht, daß die Bekehrnngsversnche nur als Vorwand benutzt werden könnten, ist überhaupt nicht begründet, da die Fälle sich bisher nur vereinzelt ereignet haben und schließlich sind wir ja praktische Menschen mit offenen Augen, die jeden einzelnen Fall genau untersuchen können. Präsident Dr. Stern teilt zur Ansklärnng mit, daß die Ausnahme Knlkas darum nicht bewilligt wurde, weil er ganz besonders kostspieliger Pflege bedürfe, durch seinen Zustand die anderen Pfleglinge molestiere und weil er Angehörige hat, die gesetzlich verpflichtet wären, für ihn zn sorgen. Schließlich beantragt der Vorsitzende, die Angelegenheit nochmals an das Vertreterkolleginm znrückznleiten. S. Steiner und Dr. Berger sprechen sich entschieden gegen den Antrag des Vorsitzenden ans. Der Fall Kulka sei ein ganz außerordentlicher Fall, in welchem das Plenum, und zwar sofort, entscheiden sollte. Dr. Berger charakterisiert zudem noch die Tanfsenche in dem sogenannten „Hanse der Barmherzigkeit", und weist auch nach, daß die Angehörigen Knlkas nicht in der Lage sind, für ihn zu sorgen. Salo Cohn anerkennt die Tätigkeit des Vereines Biknr Cholim, dem er auch seine Sympathie durch Zuwendung einer Spende von 4000 K ansgedrückt habe. Bei Beurteilung der Aufnahme ins Siechenhans darf aber nicht das Rachmones allein maßgebend sein, sondern Herz und Verstand müssen Zusammenwirken. Und wenn Glaubensgenossen unter Bekehrnngsversnchen zn leiden haben, so soll sich die Gemeinde znm Schutze derselben an die Regierung wenden. Nach einem Schlußworte des Dr. Steiner, der erklärt, es sei heilige Pflicht der Gemeinde, jede Taufe zn verhindern, wird zur Abstimmung geschritten, die für den Antrag auf Zurückweisung an das Vert-reter-Kolleginm Stimmengleichheit (9 gegen 9 Stimmen) ergibt. Da der Vorsitzende für diesen Antrag dirimiert, erscheint derselbe angenommen. Hierauf wird die Sitzung geschlossen. Abraham Goldfade»». (Sein Leben u n d Wirke n.) Von Adolf Heinrich Landau, Wiener Neustadt. Vortrag, gehalten in der jüdiscken Toynbeehalle in Wien, XX. Bezirk, am 1. März 1908, 7 Uhr abends.) (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Viele der schönsten Lieder Goldfadens wurden da auch zum Vortrage gebracht und er selbst war neugierig, seine eigenen Lieder vom Brettl herab zn hören. Da kam ihm der glückliche Gedanke, daß manche dieser Lieder, mit einer entsprechenden Handlung verbunden, einige Volksstücke bilden könnten, die den Zuhörern einen angenehmen Abend und ihm. der damals aus Not ein Lehrer geworden, einen kleinen Verdienst bringen würden. So ging er denn an die Arbeit und seine reiche Phantasie schuf kleine, zumeist dreiaktige Lustspiele. die keineswegs Anspruch ans künstlerische Poesie machten, die aber ihrem Zweck, die Zuhörer zu unterhalten, vollständig entsprachen. Diesem Zwecke zuliebe, scheute er auch nicht die Mittel manch moderner jetziger Schriftsteller, so kam mitunter auch Derbes und Zotenhaftes zustande, dem aber viel Gutes die Wagschale hielt. Ihm galt der Grundsatz Goethes: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen." Und Goldfaden brachte vieles und vielerlei. Aber immer Jüdisches, Nationaljüdisches. Während, seines Aufenthaltes in Rumänien entstanden, da das Publikum stets Abwechslung wünschte und nicht wie heutzutage ein Stück viel hundertmal über sich ergehen ließ, in rascher Folge eine Anzahl von Volksstücken, oft mit Gesang und Tanz. Text, Musik, Inszenierung und Regie besorgte der Antor selbst. Ich nenne hier einige Titel: Das erste. „Die Rekruten", dem Kriege angepaßt, dann „Die Jnlrigue", „Die launenhafte Tochter". „Die stumme Braut", „Die Zauberin" und viele andere. Die Darstellung war die allerprimitivste. Dameurollen wurden, wie es in Griechenland, in Nom und auf den ersten deutschen Bühnen der Fall war, von Herren dargestellt, die oft ans Kosten des Dichters ihr Publikum durch grobe Spässe bei der besten Laune zn erhalten suchten. Man darf aber eines nicht vergessen. Es waren diese Hanswnrstspiele die allerersten Anfänge eines jüdischen Theaters. Bei keinem Volke sinden wir andere Grundlagen einer Schaubühne. Ueberall entwickelt sie sich ans Fest- und Gelegenheitsspielen, in Deutschland ans den christlichen Passionsspielen, und nur allmählich gelangt die Bühne zur künstlerischen Höhe. Leising, der große Reformator des deutschen Dramas, schreibt 1767 in der Einleitung zur „Hambnrgischen Dramaturgie": „Der Stufen sind viele, die eine werdende Bühne bis znm Gipfel der Vollkommenheit zn durchsteigen hat; aber eine verderbte Bühne ist von dieser Höhe natürlicher Weise noch weiter entfernt: und ich fürchte sehr, daß die deutsche mehr dieses als jenes ist." Hier aber brachten es die zügellosen Verhältnisse des Krieges mit sich, daß den sensationshnngrigeu Zuhörern solche Kost vorgesetzt wurde. Aber diese Zufallsdichtnngen können den Ruhm eines Mannes nicht schmälern, der gezeigt hat, daß er auch Besseres und Kunstvolles zu schaffen vermag. Goldfaden bereiste mit seiner Truppe, alle größeren Städte Rilmäniens. Von Jassy, wo er begonnen hatte, kam er nach Votuschan, Galatz und schließlich in die Residenz Bukarest. Ueberall bestrebt, die Schrecken des Krieges durch seine leichten Singspiele vergessen zn machen. Als aber der große Krieg, der den Sultan um viele Teile der europäischen Türkei brachte, durch den Frieden von San Stefano am 3. März 1878 beendet war, da war auch kein Bedürfnis mehr nach einem jüdischen Theater und Goldfaden suchte wieder seine Heimat ans. Die Erfolge, die Goldfaden in Rumänien geerntet, ließen ihn Mut fassen und er begründete in Rußland, und zwar in Odessa, eine jüdische Bühne. Hier sowie in allen russischen- Städten, in denen er Aufführungen veranstaltete, feierte er unter rauschendem Beifall der Zuhörer wahre Triumphe. Denn nun hatte er eine bedeutsame Metamorphose durchgemachr; ans dem früheren Zufallsdichter wurde ein dramatischer Meister, und die Stücke, die in dieser Zeit entstanden: „Doktor Almasado", oder „Die Vertreibung der Inden ans Palermo", „Bar Kochba" und „Sulamith" sind vollendete, kunstvolle Gebilde, ein jedes von ihnen eine vollgereifte Frucht, vom jüdischen Lebensbanme gepflückt. Sie sind geschmackvoll znsammengestellt, voll interessanter Szenen, voll schöner Figuren, reich an reizenden Liedern, an glücklichen Einfällen eines schöpferischen Talentes. In ..Doktor Almasado" sinden wir das warm empfundene Lied „Verjnmmert, verklugt", das der Sohn am Grabe feiner Mutter singt. Es fchildert die Leiden des Inden, der von feiner Heimat vertrieben ist, von allen Türen gejagt wird, und klingt stets in den mächtigen Refrain aus: A I ü d b i st d ü, geh weiter, geh, geh!

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