Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8. Die Wahrheit Nr. 13. Gemeindemitglieder, und wenn schon die Gemeinde nicht in der j Lage ist, die Tempelsitze kostenlos zur Verfügung zu stellen, so sei gewiß eine Erhöhung der bisherigen Preise nicht am Platze. Die Mitglieder seien ohnehin durch Kultusstenern und Taxen, die in Wien höher als anderwärts sind, genügend belastet. Kultusvorsteher Ad. Schra m e k und I. Vizepräsident Dr. Gustav Ko hu betonen, daß es sich eigentlich nicht um eine Erhöhung, sondern um eine Ausgleichung der Sitzpreise handle, da die Sitze in den ersten Reihen verhältnismäßig billiger seien, als in den rückwärtigen. Dr. Kohn gibt auch detaillierte Ansklärung über die nunmehrigen Preise der Sitze in den einzelnen Bankreihen und wendet sich dann gegen die Behauptung Dr. Spitzers, daß Wien die höchsten Knltusstenern habe, indem er darauf hinweist, daß z. B. Berlin bei einer viel geringeren Anzahl von jüdischen Gemeindemitgliedern ein bedeutend höheres Erträgnis au Kulmsstenern liefere. Auch die einzelnen Steuersätze seien dort, besonders in den oberen Bevölkernngsschichien, viel höher als in Wien. Kommerzialrat Simon glaubt nicht, daß es sich lohne, wegen eines höchst zweifelhaften Erträgnisses eine so unpopuläre Maßregel zu treffen. Die Berechnung ist auch einseitig, denn die Erhöhung ist wohl in Aussicht genommen, aber es sei fraglich, ob sie auch von den Gemeindemitgliedern bezahlt werden wird und ob sie nicht vielmehr jene Balbatim, die die bisherigen Leistungen mit Opfern aufgebracht haben, aber zu höheren sich nicht entschließen können, ans dem Tempel vertreiben wird. Von dem erhofften Enrägnisse müssen auch die vielen Gratissitze in Abzug gebracht werden und dann sei auch auf jene langjährigen Betsitzinhaber Rücksicht zu nehmen, die in ihren Verhältnissen zurückgegangen sind. Vizepräsident Dr. Kohn versichert, daß alle auf die Balbatim nötigen Rücksichten beobachtet tverden und trotzdem sei ein Netw-Erträgnis von 5000 K zu erwarten. Keine Erhöhtlng ist populär, aber wenn vom Knltnsvorstande immer Vermehrungen der Ausgaben beschlossen werden, müsse man einmal auch aus die Erhöhung der Einnahmen denken, uitd wenn dies auch nur bei einem kleinen Posten, wie dem vorliegenden, ist. Die Gemeinde bringt für Kultns und Unterricht große Opfer und niemand wird auch die Wohlfahrtspflege missen wollen. Darum ist es notwendig, die Einnahmen zu erhöhen, und daher empfiehlt Redner den Antrag des Bethausvorstandes zur Annahme.. Kultusvorsteher S. Steiner erklärt, daß man heute froh sein müsse, wenn Leute in den Tempel kommen, und man dürfe keine Maßregeln treffen, die den Mitgliedern ben Tempelbesuch erschweren. Vertreter Salo Cohn hält die vom Vizepräsidenten Dr. Kohn angeführten Bemerkungen bezüglich der Kultussteuern in Berlin nicht für richtig. Unstreitig habe Wien die höchsten Taxen. Allerdings werden anderwärts, und so auch in Berlin, nicht solch horrende Beträge aus dem Gemeindesäckel der Wohlfahrtspflege zugewendet und dieselbe fast ausschließlich von Kuratorien besorgt. Nach einer Bemerkung des Vorsitzenden Dr. Ster n, daß wir hier nur mit den Wiener und nicht mit den Berliner Verhältnissen rechnen müssen und daß auch in Wien die Gemeinde bei der Wohlfahrtspflege von privaten Persönlichkeiten mit großen Beträgen unterstützt wird, wird die beantragte Erhöhung mit ansehnlicher Majorität beschlossen. Vor Fortsetzung der Tagesordnung begrüßt Präsident Dr. Stern den mittlerweile erschienenen H. Vizepräsidenten, Ritter von G o l d s ch m t d i, der nach langer, schwerer Krankheit heute zum eilten Male wieder an der öffentlichen Sitzung teilnimmt, mit den herzlichsten Worten und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß der Wiedergenesene mit dem gleichen Eifer, mit dem er seit Jahrzehnten den Gemeindeagenden oblegen ist, sich auch weiterhin denselben widmen werde. Ritter v. G o l d s ch m i d t, allseits sympathisch begrüßt, dankt für die wohlwollende Begrüßung des Präsidenten und die noch wohlwollendere Bestätigung derselben seitens des Vorstandskollegiums. Erweiterung des Siechenhanses. Hofrat Dr. Rappaport referiert über die durch die hochherzige Spende der Frau Ernestine Thorsch ermöglichte Erweiterung des Altersversorgnngs- und Siechenhanses. Nachdem der vom Vorstande seinerzeit zu diesem Behufe bewilligte Znban fertiggestellt ist, sind nur noch einige Adaptierungen vorzunehmen, für welche eine Summe von K 2500.— angesprochen wird. Im ganzen wurde Raum für 40 neue Betten geschaffen, deren, größerer Teil ursprünglich denr Versorgungshanse zngedacht war. Da es aber unter den gegebenen Verhältnissen unmöglich war, selbst die dringendsten Anfnahmsgesuche in das Siechenhaus zu berücksichtigen, kam das Vertreterkolleginm von dieser Absicht ab und empfiehlt die Erweiterung des Siechenhanses in der Weise, daß 34 Betten mit Siechen belegt und 6 Betten als Re-! servebetten für erkrankte Insassen des Versorgnngshanses in! steter Bereitschaft gehalten werden. An der Hand des Planes erklärt Referent die durch die Erweiterung notwendig gewordenen Veränderungen in der Anlage der Pflege- und Verwaltungsränme und bittet um Zustimmung zu den vorgelegien Anträgen und Bewilligung der Adaptiernngskosten. Vertreter Salo Cohn bedauert, daß das Altersversorgungshaus immer mehr von seiner ursprüngllchen Bestimmung, verarmten Gemeindemitgliedern einen sorgenlosen Lebensabend zu bereiten, durch Erweiterung der Siechenabteilung abgeführt wird,, und er bezeichnet es als einen Mißgriff, hier Elemente anfznnehmen, die gewissermaßen von der Straße aufgelesen werden. Dr. Breuer hält es bei aller Sympathie für die Anschauungen des Vorredners als Arzt für notwendiger, für die schweren Erscheinungen des Siechtums Sorge zu tragen und Leuten, wenn sie auch nicht einen langen Ansenthalt in Wien Nachweisen können und die nach ihrer Entlassung aus dem Spital das traurige Schicksal erwartet, irgendwo aus dem Stroh verfaulen zu müssen, in den letzten Monaten ihres Lebens ein Bett eiuzuräilmen. Allerdings darf man es den öffentlichen Anstalten nicht durch Uebernahme aller siechen Inden bequem machen und die Aufnahms-Commission hat auch immer den Standpunkt vertreten, denjenigen, der in anderer Versorgung ist, nicht zu übernehmen. Aus diesem Grunde müsse man auch sehr versichtig sein in jenen Fällen, wo Pfleglinge anderer Anstalten angeblich von Bekehrungs- Versuchen bedroht werden. Da die Pflege im Siechenhause der Kultusgemeinde eine bessere ist, dürste oft die Proselytenmacherei nur als Vorwand^dienen, um die Aufnahme in's jüdische Siecheuhans zu erwirken/ Redner resumirt dahin, daß die schwerkranken Siechen die erste Rücksicht verdienen.und darum trete er auch für die Erweiterung des Siechenhanses ein. Hosrat Dr. Rappaport weist daraus hin, daß die hochherzige Spende der Frau Thorsch auf Veranlassung des Herrn Dr. Breuer erfolgt sei. Er kenne am besten die Intentionen der edlen Spenderin und wenn er für das Siechenhans eintritt, sollte es keine weitere Debatte darüber geben. Die Aufnahmskommission wird immer in erster Reihe alte Balbatim berücksichtigen, sie kann aber auch in dringenden Fällen andere nicht ganz ablehnen. Aus eine Anfrage des Herrn Dr. Spitzer, wie die Stiftung gedacht sei, erklärt Dr. B r e n e r, er besitze wohl keine Autorisation, namens der Spenderin eine Erklärung abzugeben, aber er müsse konstatieren, daß die Stiftung für das Altersversorgungshaus, das beide Abteilungen umfaßt, gemacht wurde, aber gemeint war das Siechenhaus. Da diese Erklärung jede weitere Opposition aufhebt, werden die Anträge des Referenten genehmigt. Ein Opfer der Bekehrnngssncht. Die Knltnsvorsteher Dr. Maxim. S t e i n e r, A. S ch r a m e k, Professor E h r m a n n, S. Steiner, Max Frau k, Dr.. M. Spitzer, Oskar M a r m o r e k, Leopold Sachs, Em. G r ü n w a l d, Dr. König, Leopold S i m o n stellen folgenden Antrag: „Nach den seit dem vorigen Jahre wiederholt eingeholten Berichten des Rabbiners Dr. F e u ch t w a n g unddes Fräulein L e u ch t m a n n (Verein Bikur Cholim) wird der