Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Die Wahrheit 'Ar. 13. nicht sprechen, es trägt hier nur entweder die den Herzen der Jugend wenig angepaßte Exhorte Schuld, oder eine schon sehrweit fortgeschrittene Disziplinlosigkeit der Jugend selbst. Es gilt nun, aus diese mächtig 'einzumirken, denn das allerletzte, und, wie ich glaube, schädlichste Mittel, das Strafen, möchte ich nur in den seltensten Fällen angewendet wissen. Die Strafe verhärtet das Herz, erweckt Widerspruch und erzeugt Gehüßigkeit, sie macht den Gegenstand noch unpopulärer, als er, leider Gottes,' infolge unserer Zeitverhältnisse, — und die muß ich wohl hier nicht des näheren schildern — schon ist. Den Führern des Judentums aber, weltlichen und geistlichen, möchte ich znrnfen, sie mögen dem Jugend-Gottesdienste mehr ihr Augenmerk znwenden. Der Lehrer allein kann da nicht alles tun, von Seite der Ellern ist bei den obwaltenden Umständen nicht viel zu erwarten, darum „caveant consules!“ Zn urteilen und zu verurteilen ist nicht schwer, aber nirgends ist leere Kritik weniger am Platze, als hier, wo es not tut, tatkräftig einzugreifen und mit erhebendem Beispiele der Jugend voranzuleuchten! Wir glauben demnach, die Gründe für die Unordnung in unserem Gottesdienste bloßgelegt zu haben, meinen aber auch, daß die Mittel, die wir zu ihrer Behebung angegeben, keine falschen find. Fassen ivir zusammen: Bor allem ist der Jugend ein richtiges Verständnis unseres Gebetbuches beizubringen und damit Kenntnis; der Vorgänge.im Gottesdienste. Dies soll teils im Religionsunterrichte, teils zu Hanse geschehen. Die Exhorte sei klar, verständlich, sie werde mit Ueberzengungskraft vorgetragen. Sie lehne sich an den Wocheuabschuitl an, nehme auf die Bedeutung der betreffenden Sabbathe Rücksicht, schildere unsere synagogalen Einrichtungen, Feste, Gedenk- und Trauertage, aber auch gewisse ferner liegende Gebräuche und Zeremonien des Judentums. Immer aber schöpfe sie den ganzen ethischen Gehalt ans, der auch die geringste Form des Judentums erfüllt. Sie vergleiche das Judentum mit anderen Völkern und ihren Institutionen, knüpfe immer an das Gegebene an, sei es an die Unterrichts-Gegenstände, sei es ans Leben, und bringe Anwendungen ans unsere Zeit und, was diese so mächtig bewegt. Mit einem Worte, die Exhorte .soll das Interesse der Jugend erwecken und stets wach halten. Ein Fördernugsmittel für die Disziplin ist die stete Bewachung der Jugend, diese aber gehe von Eltern, Verwandten oder Lehrern der Schüler ans, nie von angestellten Organen der Gemeinde, so sehr wir auch deren Bemühungen, Ordnung aufrecht zu erhalten, würdigen. Aber diese Bemühungen werden nicht vergebliche sein, wenn sie nicht zu Unzukömmlichkeiten führen. Unsere Führer mögen sich aber auch bewußt sein, daß das Wort des Unterrichtsministers, mit dem er die Beratungen der Unterrichts-Enquete schloß: „8aln.8guv6ntn.ri8 8upi-6raa lsx esto," besonders für unsere jüdische Jugend gilt. Ihr Heil ist auch das des Judentums. Gleichgiltigkeit, Indolenz bei der Jugend kann eine große (Gefahr für das Judentum heraufbeschwören. Wir wissen nicht, ob unsere vorgeschlageneu Maßregeln zu einem guten Resultate führen werden. Fast befürchten wir, es werde vieles „beim Alten" bleiben. Aber es wäre eine schlecht angewandte Pädagogik, sich unleugbaren Mißständen zu verschließen. Deshalb haben wir, angeregt durch das „Dixi,“ in der letzten Nummer der „Wahrheit", auch unsere Erfahrungen nochmals hier dargelegt. Mögen sie zum Heile unserer Jugend Anwendung finden. „Binoremi“ „Mit unserer Jugend wollen wir gehen", aber auch für unsere Jugend unser bestes Können entsetzen. Dr. Max Grünfeld. Kermtzimg der Elektrischen am Kaktmtk.*) Es gibt Menschen, mit denen eine sachliche Auseinandersetzung geradezu unmöglich ist. Man kann sich noch so deutlich *) Mit obigen Ausführungen halten. wir die Diskussion über die von Herrn Dr. Kahan angeregte Frage für abgeschlossen und überlassen es der jüdischen Oeffentlichkeit, sich ihre Meinung über die in der Diskussion zum Ausdruck gebrachten Anschauungen selbst zu bilden. ausdrücken, sie mißverstehen einen doch. Ich erkläre ausdrücklich, daß der von mir angeführte talmndische Satz: Mache den Sabbath zum Wochentage u. s. w. keinen -Freibrief für die Entweihung des Sabbaths, sondern nur als Redensart (xroaex) verstanden werden soll, Herr Kalisch aber behauptet, ich hätte diesen Satz zum Urheber (!) für die Benützung der Elektrischen, zur Unterlage für einen Chillnl Schabbos gemacht! Ich weise ihm nach, daß er die Bestimmungen des Mnkze (nicht Mnkzo), auf die er das Verbot der Elektrischen gründen will, gar nicht kennt; ich weise ihm nach, daß er in seinen hämischen und beleidigenden Ausführungen wegen des Kaufs der Fahrkarte eine heillose Konfusion angerichtet hat, also in vollem Sinne ein vi'in, d. h. eilt Nicht-Fachmann ist — und er erwidert darauf, er sei ein Nachkomme eines gefeierten Landesrabbiners! Zum Ueberflnß aber lvitt ich ihm zeigen, wie unrichtig seine hebräischen Distinktionen sind. — Er schreibt: bin bedeutet Wochentag und nicht Arbeitstag, sonst müßte es nv nnxban heißen. O nein, Herr Kalisch! Es müßte niman er heißen. Aber wie es heißen müßte, bleibe dahingestellt, denn bin heißt weder das eine noch das andere. Es heißt einfach: Nicht-Sabbath, Nicht-Heilig. Und wenn ein Tag kein Sabbath ist, so ist eben an ihm keine Arbeit verboten! Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß R. Akiba oder die Männer von Jerusalem, welche diesen Satz im Munde führten, ihn wörtlich genommen wissen wollten, ebenso wenig wie etwa in dem Satze jm arm» 212 eine Aufforderung liegt, wir sollen an Nlchtjnden zu Mördern werden. Es war eben eine Redensart, um das Schreckliche der materiellen Abhängigkeit zu kennzeichnen. Daran ändert nichts, wenn dieser Satz ans das Essen beschränkt wird. Im Sinne des Herrn Kalisch könnte ich die Frage aufwerfen: Warum heißt es dann nicht: nvneb -ptssrn bxi b2xn nbm n-r? Ferner: „Auch heißt es -|rot», deinen Sabbath, und nicht wie sonst rctm nx. Deinen Sabbath. jenen Teil des Ruhetages, den dn deinen persönlichen Sabbathgenüssen widmeil darfst, “jbvxn, reduziere aufs werktätige (!) Maß." — Da hat Herr Kalisch eine kleine Verwechslung begangen mit dem 22b vsn bei den Wallfahrtsfesten! Der Sabbath soll -tb ibi2 sein! Und wenn es heißt mp “jnnn nsm: Mache detne Thora zur ständigen Beschäftigung, oder wenn es heißt: mp "[nbsn wn bx: Mache dein Gebet nicht zu einem feststehenden Geschäft, will da Herr Kalisch ähnliche Deutungen anwenden? Ist hier nicht die Rede von der Thora Gottes und vom Gebete, das uns die Männer der großen Versammlung überliefert haben, sondern von deiner Thora und von deinem Gebete? Nun aber zur Elektrischen. Da muß ich schon wegen Herrn Pinkas ausführlicher sein. In einem Wagen zu fahren innerhalb der Sabbathgrenze, (oinn) ist nur verboten wegen der Befürchtung, man könnte einen Zweig a b s ch u e i d e n, um das vorgespannte Tier anzntreiben. Wo aber diese Befürchtung nicht besteht, z. B. bei einem von Tieren gezogenen Schiffe oder gar bei einem Wagen, dem gar keine Tiere vorgespannt sind, darf man fahren, man hat auch nicht zu befürchten, man könnte außerhalb der Sabbathgrenze (ainnb pn) geraten — s 0 a n sd r ü ck l i ch M a g e n - A b r a h ä m zu 248, 8 und 9. Hat ein Nichljnde am Sabbath für sich oder für andere Nichtjnden eine Arbeit verrichtet, so darf der Jude diese Arbeit schon am Sabbath benützen, wenn keine Befürchtung besteht, der Nichtjnde könnte dem Juden zuliebe mehr z n b e r e i t e n. So z. B. ein Licht, weil es einem Menschen so gut leuchtet, wie hunderten Menschen (nxöb ns nnxb ns), oder eine Treppe, welche Nichtjnden am. Sabbath verfertigten, um vom Schiffe aufs Land zu steigen, die ein Rabban Gamliel sich nicht scheute mit seinen Gefährten zu benützen (Schabbath 122)! Vgl. Orach Chajim 325, 11. Herr Pinkas irrt also, wenn er meint, es bestehe ein Unterschied zwischen Licht und Wärme und anderen Arbeiten. Was nun das Baden betrifft, so ist es nur verboten in Wasser, das Menschen gewärmt haben, nicht aber in Natnrquellen, wie die Thermen von Tiberias. Man könnte also versucht sein, trotz Raschi und Dezisoren, die Worte in der Mischnw (Machsckirin 2, 5) so zu verstehen, daß bei einer Majorität von Nichtjnden das Bad sofort zu benutzen sei. Aber vielleicht