Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-03-27 · Heft 13 (27.3.1908) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063431--05374-3072291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13 Die Wahrhelt :eite o. daß in Rußland ein Schwerverbrecher alle möglichen Papiere sich leicht verschaffen kann, während es dem anständigsten Menschen sehr häufig unmöglich ist, auch nur ein Führungszeugnis zu erlangen, namentlich wenn er — Jude ist. Aber was geht das unsere Behörden an. Vor Führungszeugnissen haben sie nun einmal einen unendlichen Respekt. Der Ingendgottesdienst. Das ist ein schmerzliches Kapitel, über das sich viel sagen läßt. Wir kommen ans dieses wieder zurück, infolge des Warnnngsruses, den wir in der letzten Nummer dieses Blattes vernahmen. Daß die Einrichtung eines Jugendgottesdieustes, insbesondere in den größeren Städten, eine notwendige sei, ist sowohl von den Gemeinden, als auch von den staatlichen Behörden anerkannt worden. Wie die Verhältnisse hier liegen, würden unsere Mittelschüler kaum dazu kommen, einem Gottesdienste beizuwohuen, hätte man nicht einen besonderen für sie eingerichtet. Es gibt wohl nur eine Meinung darüber, daß der Gottesdienst, schon als Ergänzung des Religionsunterrichtes, nötig sei. Als der „Religionslehrer-Verbaud" sich im Jahre 1897 konstituierte, wurde von mir ein Vortrag über diese Institution gehalten, die damals, in ihrer Bedeutung für die Jngend, auch von den versammelten Lehrern gewürdigt wordeil ist. Ich hatte auch Gelegenheit, in diesen Blättern über den Gegenstand zu sprechen, und doch, es ist dies ein Thema, über das man immer und immer wieder reden muß, beim alle Maßregeln, welche für die würdige Abhaltung dieses Gottesdienstes getroffen wurden, namentlich die passende Ausgestaltung der Exhorte, scheinen nichts zu nützen, da das Betragen unserer Jugend während der heiligen Handlung ein unwürdiges genannt werden muß. Warum Fehler verdecken, die offenkundig ztttage liegen? Dies wäre eine unverantwortliche Verheimlichung, eine Vogel Strauß-Politik, der wir nicht beistimmen können. Es war im Jahre 1415, als R. S a l o m o A a m i ans Portugal, ein Zeuge der blutigen Vorgänge, deren Opfer die Judeit Kataloniens, Kastiliens und Arragoniens im Jahre 1391 waren, in feinem „Znchtspiegel" („Iggereth Mussar“), den er an einen seiner Schüler richtete,*) die Heimsuchung Israels als Folge und Strafe des sittlichen und religiösen Verfalles erklärte, der damals unter den Juden Spaniens um sich gegriffen hatte. Das Bild, das der Verfasser von den Zeitgenossen entwirft, ist sehr schwarz — aber wahr. Und wie vieles von dem, was Allami sagt, läßt sich auch auf unsere heutigen Zustände anwenden! Etwa das, was er über die Unterstützung der jüdischen Wissenschaft durch die Wohlhabenden mit allerdings sehr scharfen Worten anführt. Und nun laßt uns hören, was er über das Betragen im Gottesdienste, während eines „Vortrages" (Predigt) spricht: „Versammelt man sich, um einen Vortrag zu hören, so schlummern die Vornehmen; die Anderen nitterhalten sich laut und stören den Redner durch ihr ungezogenes Geräusch. S ch ä m e n m ü s f e« wir u n s, w e n n wir sehen, wie die C h r i st e n i n R u h e u n d Ordn n n g a n f m e r k s a m i h r e n P r e d i g e r n l a n s ch e n," Was würde Allami sagen, wenn er anfstnnde und das Betragen unserer Jugend, unserer Zukunft, mitansähe? Ich glaube, er würde einen neuen „Znchtspiegel", aber einen der allerschärfsten Qualität, unseren jüngeren Zeitgenossen Vorhalten, ob er aber auf Erfolg rechnen könnte, möchten wir nach unseren Erfahruttgen — und diese erstrecken sich auf ein Vierteljahrhnndert mit Recht bezweifeln. Doch wir wollen hier nicht traurige Wahrheien wiederholen nitd nicht Gemeinplätze Vorbringen. Fragt man nach den *) Zunz hat einen Teil des „Zuchtspiegels" im Auszug im Jahrbuch für Israeliten von Busch, IV, S. 77, Wien 1844 (Ges. Schriften, II, 177) veröffentlicht. Er bemerkt; „Es bleibe ein schönes Zeugnis für das Judentum, daß wir in seinen Lehren stets die Mittel und den Mut zum Zurechtweiseu gefunden. Der „Zuchtspiegel" wurde, nach dem Drucke von 1712 (Venedig). von dem Wiener Prediger Dr. Adolf 'I e l l i n e k s. A zuerst in Leivzig 1854, und in zweiter Auflage Wien 1872 herausgegeben' Nach Jellineks Worten können daraus die Ausgaben des Judentums' lernen: „die Reichen, die Angesehenen, die Gelehrten, die Kaufleute, die Rabbiner, die Vorsteher, die Reformer und die Pilpulheroen". Ursachen dieses unwürdigen, allen Anstandsregeln hohnsprechendeu Betragens imfeieu Jngend während des Gottesdienstes, dann hört man von gewisser — nicht immer von antisemitischer Seite — eine Antwort, die gewöhnlich von einem malitiösen Lächeln begleitet wird; sie lautet: „Das sind historische Traditionen der alten „Jndenschul!" Gemach meine Herren! In der alten „Judenschnl" ging es allerdings nicht immer „ästhetisch" zu. Aber das Geräusch kam hier von dem lauten Beten. Unsere Vorfahren meinten aber, sie müssen ihre Klagen, ihren Jammer und ihr Elend mit den entsprechenden lallten Tönen Vorbringen. Der ästhetische Sinn kam dabei allerdings nicht auf seine Rechnung, aber wer würde nicht, auch heute noch, vor jener Andacht erschauern, die durch das laute Beten unserer Ahllen zum Ausdrucke gelangte? Welche Stille herrschte wieder während der Tephillah! Geschwätz. Gerede über die nichtigsten Dinge, Gelächter, wenn nicht Aergeres, wie etwa Zeitnnglesen. ist alio durchaus nicht „historische Tradition" für das Betragen im Gottesdienste. Da will ich einen anderen, viel triftigeren Grund anführen: es ist der gänzliche Mangel eines Verständnisses unserer Gebete und unseres Gottesdienstes überhaupt. Ter ..Mahnrnfer" in der letzteli Nummer der „Wahrheit" stellt die Forderung auf: „Jeder das Gotteshaus besuchende Schüler bringe das Gebetbuch mit." Sehr richtig! Es wird auch darauf geachtet. Aber, wie viele oder besser-gesagt, wie ivenige Schüler, wissen in ihrem Gebetduche Bescheid? Es gibt Ailsnahmen; manche Schüler verfolgen auch, mit dem Pentateuch in der Hand, die Thorah-Vorlesnng. aber das sind die „rari nantes in gurgite rasto,~ das find die „vereinzelten Schwimmer in dem weiten, aufgeregten Meere." im „Jom nigrosch.“ Hier liegt nach unserer Meinung, ein Hauptgrund für die Unordnung im Gottesdienste. Der Religionsunterricht kann da manches tun, am meisteli aber das Haus. Das Haus! Du lieber Himmel! Wie wenig kümmert man sich hier um das Betragen der lieben Jngend im Tempel! Es fehlt an der nötigen ethischen Belehrung der Jngend, man hält es ihr nicht immer vor. daß sie sich dessen bewußt sei, vor w e m sie int Gotleshanse steht. Nach unserer Meinung wäre es notwendig, daß Eltern und Erzieher von Zeit zu Zeit, wenn schon nicht allwöchentlich, sich zum Jngendgottesöieuste begeben und durch ihr Beispiel auf die jungen Leute einwirken. Aber viele Eltern wissen garnicht, daß die Einrichtung des Jngendgottesdienstes besteht, geschweige, daß sie den Lehrer in seinem schwierigett Werke uliterstützten. So kommen wir zur Frage der Beailfsichtigung des Gottesdienstes. Diese soll, wenn uns die Eltern hier ganz im Stiche lassen, von Lehrern vorgenommen werden, und. wo Mittelschullehrer jüdischer Konfession sind, — imö diese finden sich in jeder größeren Stadt. — möge es diesen zur Pflicht gemacht werden, dies zu tun, genau so wie die Lehrer christlichen Bekenntnisses zu ihren Obliegenheiten die Kircheninspektion zählet!. Mit eine m Blicke auf einen pflichtvergessenen Schüler wird von Seite geeigneter Inspektoren oft mehr bewirkt, als durch noch so viele Aufseher, die der Jngend vieles, wenn nicht alles Hingehen lassen. Natürlich ist immerwährende eindringliche, ethische Belehrung der Religionslehrer auch sehr notwendig. Man sporne den Ehrgeiz, das Ehrgefühl der Jugend an; man belehre sie darüber, wie es nicht, nach Tacitus, „nostrae aetatis“ ist. d. h. nicht für nufere moderne Zeit paßt, wenn sich gebildete Menschen im Gotteshause benehmen, wie man sich heute nicht einmal an viel weniger heiligen Orten benehmen darf. Dies kann den Gegenstand vieler Exhvrten bilden. Die Exhorten! Sie können ein wahres Bildungsmittel für unsere Jugend sein, wenn der Lehrer nicht nur immer Midraschim vorbringt, sottdern aus dem Gottesworte Anwendung für alles zieht, was heute den Menschengeist bewegt und das Herz erregt. Alsts Herz der Jugend wende sich der Exhortator. Sein Mussar sei nicht stets ein strafender, sondern ein mahnender, ein wohlwollend belehrender. Die Exhorte kann alle Bildungsmittel, wie in einem Brennpunkte, sammeln und was am heiligen Orte gesprochen wird, das wird mehr Wirkung haben, als das in der Schule Vorgetragene. Es ist ein trauriges Zeichen, wenn man sieht oder hört, daß die Jugend dem Exhortanten nicht lattscht. Da kann man doch wohl von einem mangelnden Verständnisse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.