Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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(Seite 4 Die Watuheu Nr. 13 Ans der Mache. lieber die traurige Lage der Juden in Rumänien, die von neuerlichen Masseuausweisnngen bedroht sind, erhalten wir vom Vorstande der „Israel. Allianz zn Wien" solgende Mitteilung: Die rumänische Regierung, durch die Gleichgiltigkeit ermutigt, mit welcher Europa der fortwährenden Verletzung des Berliner Vertrages hinsichtlich der Gleichstellung der Inden zusieht. hat jetzt offenbar den Präsekturen im Lande die Ordre erteilt, die in den Rnralgemeinden angesiedelten sogenannten „Fremden", d. h. Juden unnachsichtlich zn versolgen und nicht einmal zuznlassen. daß mit ihnen Miets- und Pachtverträge ferner eingegangen werden. Dem Bureau der „Jsr. Allianz zn Wien" ist von vertrauenswürdiger Seite aus Bukarest die Uebersetzung eines Rundschreibens zugegangen, das die Präsektnr des Distriktes Jassy an die Bürgermeister der Rnralgemeinden gerichtet hat und das. lvenn es zur Ausführung gelangt, neuerlich Hunderte von Familien, die zum großen Teile seit Generationen in Rumänien wohnen und keine andere Heimat haben, an den Bettelstab bringen wird. Das Schreiben lautet: Rnmänien, Präsektnr des Distr. Jassy. 28. Febr. 1908. Verwaltungsdienst. Herr Bürgermeister! In Anbetracht der effektiven Anwendung des Art. 5. des Gesetzes über die Organisierung der Rnralgemeinden und der Erfüllung der Befehle der Präfektur mit Bezug ans die Ansiedlnng Fremder in den Rnralgemeinden, lenke ich Ihre Aufmerksamkeit darauf, daß in Ihrer Gemeinde mehrere Fremde sind, welche die Bestimmungen des Gesetzes nicht erfüllen und durch eine unverzeihliche Gleichgültigkeit geduldet werden, in der Gemeinde zu wohnen; andere wieder, bezüglich derer Beschlüsse bestehen. werden sicher infolge von Umständen geduldet, die ich hier nicht nennen kann, welche Sie aber in Ihrem Gewissen finden. (?) So war es später, als Sie jene Beschlüsse vollstrecken sollten, noch schwieriger, denn durch die Nichtersüllnng zur nützlichen Zeit wurden Umstände und Tatsachen geschaffen, welche die Vollstreckung verhindert haben. Ich mache Sie darauf aufmerksam, damit die Maßnahmen, die von Ihnen verlangt werden, schleunigst getroffen und befolgt werden, um die Vollstreckung herbeiführen zn können. Sie werden die Bestimmung des Gesetzes mit Bezug auf jene Fremden, denen außerhalb des Gesetzes gestattet wurde, dauernd in der Gemeinde zu bleiben,' sofort vollstrecken und Sie werden die wider jene Fremden erlassenen Beschlüsse zur Vertreibung aus der Gemeinde sofort zum Vollzüge bringen, sobald die Frist, welche ihnen zur Regelung ihrer Interessen gewährt wurde, abgelaufen ist. Um die obigen Befehle tatsächlich anssühren zn können, werden Sie alle Fremden ersuchen, vom 1. März an keinen Miets- oder Pa ch t v e r t r a g o d er irgend eine Verpflichtung m i t den Einwohnern der G e nt e i h t) e einzn g e h e n (!!!), um am Tage der Vollstreckung der Beschlüsse sich nicht in der Klemme zu sehen. Indem ich Ihnen das austrage, glaube ich. daß Sie keinen Anlaß geben werden, Ihnen das unter Hinznsügung der disziplinarischen Maßnahmen nochmals in Erinnermig bringen zu müssen. F. d. Präfekt: C. Motet. m. p. * ❖ * Ans Anlaß der Konstantinopeler Brandkatastrophe, durch die in dem meist von armen Juden bewohnten Konstantinopeler Vorortviertel Hasköi 500 Häuser vernichtet und mehr als 1000 Familien obdachlos wurden, hat das Zentral-Komitee der Alliance Jsraelite Universelle unverzüglich eine umfassende Hilfsaktion in Konstantinopel selbst organisiert. Mit der Leitung ist das dortige Alliance-Komitee betraut worden, an dessen Spitze die angesehensten Israeliten Kotlstantinopels stehen. Zur Linderung der ersten Not hat das Zentral-Komitee der Alliatice seinem Konstantinopeler Hilfskomitee bereits 10.000 Francs telegraphisch überwiesen. Auch ist ein Teil der Obdachlosen in den Schulgebäuden der Alliance, die glücklicherweise keinerlei. Beschädigung erlitten haben, vorläufig untergebracht worden. Auch der Vorstand der „Jsr. Allianz zn Wien" hat sofort nach Bekanntwerden des großen Brandnnglückes in Konstantinopel telegraphische Berichte eingefordert und zur Linderung der ersten Not dem dortigen Komitee der Alliance einen Beitrag von 2000 Francs überwiesen. * * Das Deutsche Bureau der Alliance Jsraelite Universelle stellt uns folgenden Bericht des Allianceschulleiters Pisa zur Verfügung: C a s a b l a n c a, 8. März 1908. In der vergangenen Woche haben wir täglich 3—4 aus Mzab kommende israelitische Familien, zusammen 100 Personen ausgenommen, wodurch die Gesamtzahl auf 220 gebracht worden ist. Sie kommen in demselben bedauernswerten Zustand, wie ich ihn manches mal geschildert habe, ans einer unwirtlich gewordenen Gegend, ihre Habe auf dem Rücken tragend. Sie werden auf Kosten der Alliance ernährt und untergebracht und wir verteilen' sie in Gruppen von 5, 6 Familien in der Stadt. Seit einigen Tagen geht dieser Einwanderungsstrom über-! Haupt nicht mehr zurück. Das beweist, daß ein wahrer Auszug > vom Lande nach der Küste begonnen hat. Ich weiß nicht, ob! unsere Glaubensgenossen sich in die anderen Häfen geflüchtet j haben, aber der größte Teil kommt hierher, angezogen durch die! Sicherheit, daß sie gut empfangen werden. Das Schanjagebiet ist! durch Krieg und Fenersbrüuste von Casablanca bis zu dem Wald! von Arrar, der es in Osten begrenzt, vollständig verwüstet.! Alle Israeliten, die sich hier befanden, sind zum Teil nach der ( Küste geflüchtet, zum Teil in das Innere, wo zahlreiche kleine! Siedelnngen kümmerlich ihr Leben fristen. Jlt der Regel zeigen > diese Siedelnngen immer die gleiche Zusammensetzung: Zwei! oder drei Notable und ein Haufe armer Leute. Js. Pisa. | Das Central-Comits in Paris hat nach Mekues (Marokko),! wo die Lage nuferer Glaubensgenossen als äußerst mißlich dar- > gestellt wird, 2000 Francs telegraphisch überwiesen. i % j 4- | Bekanntlich waren bis jetzt die süddeutschen Hochschulen die! einzigen, die noch nicht ganz dem Hochschnl-Protektionismns ver-! fallen waren und auch Ausländer, sogar Russen und sogar? russischen Juden, einigermaßen gastlich anfnahmen, während; man in Preußen und in den preußisch-kultivierten Staaten über j die Gewährung des Gastrechts natürlich längst hinaus ist. Aber da : Preußen nun einmal „in Deutschland voran" ist, so soll der alte! Schlendrian fortan auch in Süddentschland anfhören. - Soeben werden, wie ans München berichtet wird, neue i Erschwerungen für die Aufnahme russischer Studenten angej kündigt, die an allen süddeutschen Universitäten gleichmäßig durch-! geführt werden sollen. Dabei muß man zitm hundertsten Male j wiederholen, daß es sich in den weitaus meisten Fällen dabei um i rein antisemitische Maßnahmen handelt, die der russischen Regierung würdig sind, nicht aber der Verwaltung unserer ..freien" Hochschulen. Mau spricht voll ..Russen" und meint die Jllden, denn elftere sind in so verhältnismäßig geringer Anzahl da, daß sich ihretwegen solche Ausnahmegesetze nicht lohnen würden. Aber die jüdischen Studenten, denen es in Rußland schwer genug gemacht worden ist, ihr Gymnasialzeugnis zu erhalten — sie allein haben unter allen den Schikanen zn leiden, und für sie allein sind sie auch bestilnmt. Weil man sehr genau weiß, wie leicht es dem russischen Tschin ist', Führungsatteste zu verweigern, deshalb tut man so, als müsse jeder „russische" Student, der nicht ein Bombenwerfer oder Meuchelmörder ist, ohne weiteres ein solches Zeugnis präsentieren können und wird nun also in Zukunft durch das Verlangen nach solchen einem großen Teil der jüdischen Studenten die Aufnahme unmöglich machen. Bedauerlich bleibt es nur, daß sogar unsere' liberalen Zeitungen, die doch alle Tage über die Barbarei Rußlands jammern, gar nichts dabei finden, wenn man an die Inden, die aus diesem herrlichen Lande kommen, dieselben Anforderungen stellt, als wären sie wohlgeordnete und registrierte Preußen. Dabei sollten die Zeitungen wie die Universitätsbehörden doch wissen,