Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Leite 10. Die Wahrheit Nr. 12. Olmütz. (Zur P e n s i o n s v e rs i ch e r n n g der Kultusbeamte n.) Es wird iu neuerer Zeit über die Pensionsversicherung der Kultusbeamten so viel geschrieben, proponiert und doziert, daß man faktisch der Meinung sein könnte, diese höchst wichtige Angelegenheit werde endlich zu Gunsten unseres Standes geregelt und einer halbwegs zufriedenstellenden Lösung zugeführt werden. Dem ist jedoch nicht so. Trotzdem, daß diese leidliche Frdge sowohl von den meisten jüdischen Gemeinden, Vereinen und Korporationen des öfteren ventiliert und beraten wurde, trotzdem, daß die hohe Regierung die in Aussicht gestellte Durchführungs-Verordnung zum Privatbeamten- Bersicheruugsgesetz bereits erlassen und der Mähr.-jüd. Landesmasiafond in dankenswerter Weise für die Zwecke der Versicherung der Angestellten der israel. Kultusgemeinden Mährens einen Kaiser-Jubiläums-Pensionsfond gegründet har — kann von einer durchgreifenden und materiell zweckdienlichen Versicherung der Kultusbeamten derzeit nicht gesprochen werden, insolange nicht die desolaten Gehaltsverhältnisse in vielen Gemeinden unseres KronlanÄeS eine Regelung erfahren. Selbst in dem Falle, als die Kultusgemeinden von Staatswegen die Verpflichtung hätten, die Pensionsversicherung ihrer Beamten im Sinne der diesbezüglich bestehenden Normen für die Staatsbeamten zu regeln, wonach die Dienstdauer zum Bezüge der vollen Pension nicht ans 40, sondern auf 35 Jahre festzustellen und der fortlaufende Ruhegehalt in der Art zu bemesien wäre, daß derselbe nach dem vollstrcckten 10. Dienstjahre ein Drittel dieses Bezuges zu betragen hätte, und daß weiters mit jedem weiteren vollständig zurückgelegten Dieustjahre dieser letztere Rugehalt nicht um 21j2l sondern um 24/5 Perzent des letzten anrechenbaren Bezuges steigt, so würde die Pension in diesem „günstigen" Falle nach einer langen Dienstdauer von z. B. 25 Jahren und bei einem anrechenbaren Jahresgehalte von X 2400.— (die meisten Gehalte sind laut Konkursausschreibung mit bloß X 1600.— und darunter bemessen) kaum die Höhe von X 1600.— beziehungsweise X 1250.— erreichen. Ein Betrag, weicher bei den jetzt herrschenden Teueruugsverhältnissen aller Subsistenzmittel als geradezu minimal bezeichnet werden muß. Deshalb ist es eine notorische Pflicht eines jeden einzelnen Kultusbeamten, im Jnteresie seiner Familie dahin zu sorgen, daß er sich rechtzeitig bestrebe, nebst der zu gewärtigenden Gemeinde-Versicherung einem Wohlfahrts-Vereine (deren es in Wien und Prag viele gibt) beizutreten, um auf diese Weise eine halbwegs anständige Altersversorgung zu erzielen. A. S t ö ß l e r, Sekretär und Kantor. Bukarest. Die „F r a t e r n a", einer der ältesten Vereine Bukarests zu Unterstützung seiner Mitglieder im Krankheits- und Todesfälle, feierte am 10. d. M. in würdiger und imposanter Weise das Jubiläum seines fünfzigjährigen Bestandes. Um 3 Uhr nachmittags fand ini eigenen Tempel in der Strada Mumulari vor zahlreichen Anwesenden ein feierlicher Gottesdienst statt, welcher durch ein von Oberkantor Herrn Moritz Sonntag verfaßtes und von Herrn Theodor Fuchs aus der Orgel ausgeführtes Präludium emgeleitet wurde. Nach der Absingung des Psylmes 114 durch einen gemischten Chor, wobei das prächtige Organ des Herrn Oberkantors Sonntag zur vollen Geltung gelangte, hielt Herr Dr. Beck die Festpredigt, der auf die Bedeutung und die Tätigkeit des Vereines „Fraterna" hinwies. Abends fand im Liedertafelsaale ein Bankett statt, welches von dem Vice-Präsidenten des Vereines, Herrn Breyer in Abwesenheit des verdienstvollen Präsidenten, Herrn Filip Foeschaenanu, präsidiert wurde. Herr Breyer drachre zunächst einen Toast auf das rumänische Herrscherhaus aus und sein zweiter Trinkspruch galt S. M. Kaiser Franz Josef, da der Verein „Fraterna" vor fünfzig Jahren von Oesterreichern hier begründet wurde und ursprünglich den Titel „Oesterreichischer Bruderverein" führte. Nach Herrn Breyer sprachen noch Dr. Blumenfeld, sowie der verdienstvolle Arzt des Vereines Dr. Westfried, der der ersprießlichen, langjährigen Tätigkeit des Präsidenten der „Fraterna" Herrn Filip Foescheananu mit Worten warmer Anerkennung gedachte. Es sprachen noch die Herren Apogi, Schwarzseld und der Sekretär des Vereines, Herr I. Gern er, der die erfolgreiche Tätigkeit des Vereines hervorhob. Die Tempelfeier, welche aus gleichem Anlasse stattfaud, hat einen würdigen und erhebenden Verlauf genommen. Nach einen! auf altehrwürdiger Weise eingerichteten Präludium, welches von Oberkantor Moritz Sonntag für Orgel eingerichtet war, und vom bekannten Klavierkünstler Herrn Th. Fuchs meisterhaft durchgeführt wurde, folgte der Psalm 114, ebenfalls eine glänzende Komposition des Herrn Oberkantors Sonntag, welcher von einem gemischten Chor gesungen wurde. Hierauf hielt der Oberrabiner Herr Dr. Beck die Festpredigt, in der er die Bedeutung des Festes klarlegte und darauf hinwies, daß der Verein einer der ältesten in ganz Rumänien ist. Frl. Pascevici sang hierauf mit ihrer glockenreinen, Hellen Stimme und seelenvollem Ansdruck ein Solo in deutscher Sprache. Herr Oberkantor Sonntag sprach dann ebenfalls in deutscher Sprache das Gebet und verlas die Namen der bis heute verstorbenen Vereinsmitglieder. Die Cantate Psalm 133—134, ebenfalls vom Oberkantor Sonntag komponiert und seinem Präsidenten Herrn Dr. Adolf Stern gewidmet, beschloß das reichhaltige Programm. Diese Komposition ist ein großzügiges, reich gegliedertes, höchst musikalisches Werk für Männer- und gemischten Chor, mir Sopran- und Bariton-Solo, in welchen! die Stimmen jauchzend und jubelnd immer wieder sich im Chor vereinigen und so ein hervorragendes musikalisch meisterhaft durchgearbeitetes Ganzes darstellen. Wenn die Rücksicht des Gotteshauses nicht die laute Aeußerung des Beifalles verhindert hätte, so würde sicherlich ein rauschender Applaus den Komponisten Herrn Oberkantor Sonntag, den gesamten Gesangschor und Herrn Th. Fuchs belohnt haben. Am Abend fand ein, vom Arrangierungskomiiee veranstaltetes Bankett im Liedertafelsaale mit 150 Gedecken statt. Literatur. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesanite Judentum. Herausgegeben von Leo Winz. Verlag von Ost und W est. Berlin 8. 42. Organ der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance Jsraälite Universelle". 8. Jahrgang. Heft 3. März. 1908. Inhalt: „Die Kon- .sistorial-Verfassung in Frankreich vom 17. März 1808." (Mit 3 Jllustr.) Von Dr. Simon B e r n f e l d. „James Israel." (Mit Porträt.) Von H. W. „Werke von Leopold Pilichowski." (Mit 13 Jllustr.) Von K. „Abraham Goldfaden." „Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt." Von B a r- A m i. „Die Einweihung des Tempels." (Novelle.) Von Binjamin Segel. „Die Widerspenstige." Eine Dorfgeschichte.) Von A..W e i ß e n b e r g. „Des Müllers Tränen." (Noten.) Jüdische Volksmelodie. — Mitteilungen aus dem Deutschen Bureau der „Alliance Jsraölite Universelle": 1. Die fünfte Tagung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraslite Universelle am 25. Februar 1908 in Berlin. II. Das Lehrerseminar der Alliance Jsraälite in Autenil bei Paris. (Mit 12 Jllustr.) KL Vortragszyklus. IY. Das Hilfswerk in Marokko. V. Notizen, a) I. M. Bleiefeld, b) Sammlung für die marokkanischen Glaubensgenossen, c) Lokalkomitee Berlin, d) Essen, e) Neue immerwährende Mitglieder. — Aufruf. — Inserate. (Alle Rechte Vorbehalten.) (Nachdruck verboten.) „Kstß-r." Dramatisches Fragment in zwei Aufzügen von Franz Grillparzer. Um drei Aufzüge vermehrt von S. Bineta. (Schluß.) E st h e r. Nein! Ich sollte dich um Thron und Erbe bringen^ Einst würde dann die Ren' in dir erwachen. Doch noch gibt es ein Mittel wohl, mein König! Denn meines Volkes kriegerischer Geist, Er kann unmöglich so erstorben sein, Daß er nicht alles setzt an die Beschirmung Von Weib und Kind; sie werden wehren sich Wie Löwen, denen man das Junge raubt. Ich kenn' mein Volk, mein König, zweifle nicht, Nimm den Befehl zum Angriff auf die Juden Gar nicht zurück, dem Heer gebiet' nur halt. Volk gegen Volk und Manu nur gegen Mann, Sie mögen sich im Ang' das Weiße zeigen. Greif' nicht mit Uebermacht die Schwachen an. Sag' selbst, mein Oheim, habe ich nicht recht? (Mardochai nickt.) Du kannst dann kühn die Gattin deinen Persern Als Jüdin zeigen, keine Schmach wird's sein. Erweisen wird mein Stamm, daß er sehr wohl Dem Throne eine Fürstin senden kann. König. Du setzt mich in Erstaunen, tapf'res Weib. Esther. So gib mir deine Länfer, gib das Petschaft Und den Befehl, daß die Soldaten sich Am Schicksalstag am Kampfe nicht beteil'gen. Ach, Hab' zu meinem Volk und mir Vertrauen. Ich kenne einen Hauptmann, mir getreu; Der hat an diesen Hof geleitet mich. Ihn will mit dem Geschäfte ich betrau'n. König. So tu' nach deinem Worte, Königin. Du, Mardochai, vergiß dein Amt mir nicht Und meine Sicherheit, du, Esther, eile. (Erst Mardochai und Esther ab, dann der König.) Fünfter Auszug. Gebirgslandschaft in der Nähe Susas, auf der höchsten Erhebung ein Feueraltar mit hoch lodernder Flamme, Volk im Hintergrund. In der Nähe deS Altars : O b e r m a g i e r, H a u p t m a n n, Z a r e s, B i g h t a n, H i r a m, abseits H a m a n: Obermagier. Zu diesem Fest muß heut' er sich bequemen; Kommt er auch ungern, kommen muß er doch. Die Königin muß mit, der Brauch verlangt's so.