Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 8. Die Wahrheit Nr. 12. werden, einen jungen Mann seiner Jugend zu berauben, ihn mit 18 Jahren zu verheiraten, um ihn dem Handelsstande oder einem anderen Berufe zuzuführen, zll dem er weder Talent noch Neigung hatte, oder ihn mit Frau und Kinderll zu verköstigen, damit er im Bet hamidrasch sitze und Talmud lerne. Nicht in den dumpfen Zimmern der Lehrhäuser soll die jüdische Jugend ihre beste Kraft unnütz vergeuden und ihren Körper den Stürmen des Lebens entwöhnen. Nicht in den engen Grenzen der talmudischen Disziplinen und des Bibelstudiums allein soll sich der jüdische Geist bewegen. Er ist zu unbändig, zu heiß, zu schäumend, um sich bloß in dem ewigen Einerlei einer engherzigen, konservativen Denkungsart wohl fühlen zu können. Hinaus muß er ans den beengenden Mauern des Ghettos, hinaus in die Welt der freien Wissenschaft, in die Welt der Forschung, Entdeckung und Erfindung. Da ist sein Platz; da muß er seinen Maun stellen, da ka un er in a l l e G e b i e t e des Wissens und Könnens e i n geführt, m i t seinen grimmigen Feinden aus gleichem Plane mit ebenbürtigen Waffen den Kampf bestehen. Das wollte Goldfaden, das war zum großen Teil der Zweck seiner Dichtungen, das war auch der Zweck des Vereines „Schomer Jisroel" in Lemberg, der das junge Israel aus der Nacht der niedrigen Unterwürfigkeit zum erhabenen Lichte der Freiheit führen wollte. Die wahre Freiheit aber kann der Jude nur aus seiner Scholle, in seinem Lande finden. Mit wahrer Begeisterung sprach Goldfaden von der Wiedergewinnung Palästinas, die ersten herrlichen Z i o ns! i ed e r schuf er; er h at mit seinem ergreifenden Lied e: „Steh ans mein Volk, erwach aus dem Schlummer" den Grund zu jener mächtigen Bewegung gelegt, die erst 2 0 Jahre später durch den leider so jäh entrissenen D r. Theodor H e r z l und seine Jünger über alle Welt verbreitet w u r d e. Das Feuer der Begeisterung für die Ideale der Freiheit und Unabhängigkeit konnte nirgends zu so hoher Flamme emporschlagen, als in jenem Lande, wo der Jude die drückenden Ketten des Sklavenjoches durch Jahrhunderte mit sich schleppt. Derjenige, der da in Wohlstand und Ueberf l u ß a n f w u ch s, d e r in Sa usundBrausden lieben, langen Tag sorglos dahin lebt, der kann das Sehnen nach Zion, das Sehnen nach freier Luft nicht verstehen. Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte! Mag es hier Vorkommen, daß der Jude von einer bornierten Klasse angefeindet wird, mag der Jude in Amt und Würden gegen Mindere zurückstehen müssen, mag er es nie zum Bezirkshauptmaml, Statthalter oder Minister bringen, so kann er doch wenigstens den einen Trost haben, daß er von der Obrigkeit an Leib und Leben geschützt wird, daß man ihm Hab und Gut nicht entreißen kann, daß man ihn wohnen und bleiben läßt, wo immer er will. Nicht so der russische Jude. Tag und Nacht lebt er in Angst und Bangen. Zu jeder Zeit kann ihm Haus und Hof geplündert, oder über dem Kopse in Brand gesteckt werden. Und was das Schlimmste ist — jeden Moment kann er mit den Seinen dem schnaubenden Morde zum Opfer fallen. Und das alles unter der Patronanz der russischen Regierungsorgane, die keine freimütigen Aeußerungen dulden. Die Freiheitsgedanken Goldfadens waren der russischen Negierung natürlich verhaßt und sein Blatt „Jisrolik", dessen Leser meist in Rußland lebten, wurde daselbst verboten; so daß es nach halbjährigem Bestände zu erscheinen aufhören mußte. 1876 finden wir Goldfaden in Czernowiy, wo er das „Bukowiuaer Israelitische Volksblatt" begründete. Aber nur kurze Zeit blieb er in der Hauptstadt des Buchenlandes. Auf Vorschlag eines Freundes zog er nach Jassy, damals die judenreichste Stadt Rumäniens. Sein Aufenthalt in Rumänien war für sein späteres Leben von der größten" Bedeutung/ denn hier hatte er den ersten Grund zu einem jüdischen Theater gelegt. Damals wütete gerade der sechste russisch-türkische Krieg, der am 24. April 1877 begann und am 10. Dezember desselben Jahres in der Einnahme von Plewna, von Osman Pascha 143 Tage heldenmütig verteidigt, seinen Höhepunkt erreichte. Viel Volk tummelte sich damals in Rumänien. Heereslieferanteu, zumeist Juden, waren allenthalben versammelt und' jüdische Bänkelsänger, genannt die Brodyer, sorgten für ihre Unterhaltung. _ (Fortsetzung folgt.) Israelitischer Tempelverein für die Bezirke Wieden und Margarethen, Wien. Nach jahrelangen mühevollen Vorarbeiten hat der Tempelverein für den IV. und V. Bezirk, Wien, ein Grundstück erworben, welches für die Erbauung des für beide Bezirke bestimmten Gotteshauses vollkommen geeignet ist. Die Kosten dieses Baugrundes wurden fast vollständig von der israelitischen Kultusgemeiude zur Verfügung gestellt, wogegen der Verein die Verpflichtung übernommen hat, die erforderlichen Mittel für den Bau, für die Einrichtung und Erhaltung des Gotteshansesaufzubringeu. In allen anderen Bezirken bestehen bereits würdige und entsprechende jüdische Gotteshäuser, nur unsere beiden Bezirke mußten sich bisher mit unzulänglichen und durch ihre Lage ungeeigneten, gemieteten Betlokaleu begnügen. Der Umstand nun, daß eines dieser beiden Betlokale u. zw. das größere demnächst demoliert werden muß, erhebt die Errichtung eines neuen Gotteshauses von einem bloßen Wunsche zu einer dringenden Notwendigkeit. Wer hätte noch nie das Bedürfnis empfunden, in Tagen der Freude, in Zeiten der Trauer und Bedrängnis die Stätte der Andacht und des Trostes aufzusuchen, seinen Lieben an gottgeweihtem Orte eine Stunde treuen Gedenkens zu widmen? Und wenn bei solchen Anlässen der in jedem Menschen wohnende Drang Gutes zu tun, besonders lebendig wird, wo fände sich ihn zu betätigen eine geeignetere Stätte als das Gotteshaus? In diesem Sinne entspricht die Errichtung des geplanten Tempels, aber auch den Intentionen unseres erhabenen, geliebten Monarchen, in dessen 60. Regierungsjahre das Gotteshaus erstehen soll. Ist auch die Förderung der Errichtung desselben zunächst Ehrenpflicht unserer Glaubensbrüder in Wieden und Margarethen, so war es andererseits zu allen Zeiten edler Brauch, daß auch ferner stehende Glaubensgenossen einem solchen Werke ihre Mithilfe freudig widmeten. Wir richten daher an unsere Glaubensbrüder die ergebene Bitte, sich durch Zuwendung eines Beitrages (Stifter-Beitrag von K 500.— aufwärts, Gründer-Beitrag K 200.—) an dev Vollendung dieses Tempels zu beteiligen, damit er baldigst zur Ehre Gottes erstehe und als ein äußeres Zeichen der Liebe und Verehrung für unseren erhabenen Monarchen, der sich durch seinen Ausspruch: „M einem Herzen stehen alle meine Untertanen ohne Unterschied des Glaubens gleich nahe" ein unvergängliches Denkmal in unserer aller Herzen errichtet hat. Hochachtungsvoll für den Israelitischen Tempelverein für die Bezirke Wieden und Margarethen, Wien: Oberrabbiner Dr. Moritz Güdemann Ehrenpräsident. Adolf Hofmann kais. Rat Adolf Lichtblau Franz Frankl Obmann. Obmann-Stellvertreter. Schriftführer." Für das Exekntiv-Komitee für den Tempelbau: Friedrich Wiener Josef Sonnenschein Alexander Tau'sky Obmann. Obmann-Stellvertreter. Schriftführer. Die einlaufenden Spenden werden in geeigneter Weise veröffentlicht werden. — Geldsendungen an Kassier Emil Wiefelthier, Wien, VI/2, Mollardgasse 22, oder durch Postsparkasfa-Konto Nr. 813.878 erbeten. Telephon Nr. 3385.