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Die Wahrheit · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Leite 6. Die Wahrheit Nr. 12. mehr und in der Hauptsache um das a88eh 8chabbotcho chol welches zur Benützung, dieser Vehikel führen sollte. Recht gerne lasse ich mich in flagranti bei der „Unterschlagung des Sabbathbades" ertappen. Warum soll denn gerade mir nicht auch ein Jonglcurstückchen gegönnt fein? Zum Ueberflnß sei noch verraten, daß mir auch noch etwas von -ceüi npö erinnerlich ist und daß iL so approximativ auch eine leise Ahnung von Mukzoli und Taltel habe, allerdings nicht in dem Maße, wie es von einem talmudfesten Rabbiner mit Recht beansprucht werden darf. Ganz nebensächlich erscheint mir die Frage von der Benützung der Elektrischen schon aus dem Grunde, weil doch in der Praxis kein Mensch daraus reagieren kann. Die zuverlässigste Lehrmeistern! ist die Erfahrung, und sie sagt uns: Wer den Labbath ehrlich hält, der wird nie und nimmer fahren, trotz aller Gegenargumente. Wer die Sabbathgesetze nicht beachtet, der schert sich auch nicht darum, ob die Zugpferde ..nichtjüdische Tiere" sind, oder ov die Fahrkarte vor Sabbath gekauft wurde. Kontroversen dieser Art haben gar keinen praktischen Wert, denn sie sind auch nicht durch das unaufhaltsam drängende Leben bedingt. Auf das Schabatcho chol soll zurückgegriffen werden, auf jenen fatalen Urheber, den Sie, verehrter Herr Rabbi, mit unbeugsamer Logik ftir die Benützung der Elektrischen verantwortlich machen. Da muß ich aber nachdrücklichst einsetzen. Die Elektrische schenke ich jedem, der sie benützen will. Aber den bin -rcv npy, Herr Doktor, kann ich Ihnen nicht so leichten Herzens passieren lassen, wenigstens in der Form nicht, wie Sie ihn der gewissenhaften Jugend mundgerecht zu machen beliebten. Sie zeihen mich des Deliktes der Unterschlagung des Sabbathbades, unterschlagen aber im selben Atemzuge meine hebräischen Distinktionen! Ja, warum denn das? Warum gehen Sie dieser harmlosen Frage so beharrlich in weitem Bogen ans dem Wege? Sind Sie mit Ihrer Interpretation des 8chabatcho chol im Rechte, so ersparen Sie sich ja die Mühe, den Sabbath 122 a samt Licht und Bad und Karte heranzuziehen. Das alles wäre ja dann ein müssiges Beginnen! lauf de bruit pour une Omelette! Das Milien, an das Ihre Worte gerichtet sein sollen, die fromme Jugend, zieht doch keinen Nutzen daraus! Den Sabbath zum Alltag machen, involviert doch mit zwingender Logik auch die Benützung der Elektrischen! Damit wäre alles gesagt. Ich konzediere gerne, daß Ihnen die Absicht fern lag, dem mehrfach zitierten Lehrsatz eine fälschliche Deutung zu unterschieben. Gestehen Sie aber, bitte, daß die Form, in der Sie Ihren Artikel eingekleidet, zumindest eine unglückliche war. Dieser Wink wurde Ihnen auch bereits von einem Nicht-Hedjot gegeben. In einer solch heiklen Frage wäre doch eine etwas peniblere Vorsicht geboten. Warum geht es Ihnen also wider den Strich, wenn da etwas näher hineingelenchtet werden soll, ehe die Reform glatterdings unterschrieben wird? Im Brusttöne heiliger Entrüstung, aber unter „unbändigem Lachen" rufen Sie: „Was ist hier geschehen? Man weise mir den Irrtum nach!" Ja, Sie wollen doch von einer hebräischen Distinktion nichts hören! Es soll damit nur eine Tatsache konstatiert werden, wenn mit „tiefem Unmut" behauptet wird, daß die große Masse der Juden sich „leider" mit dem Gedanken vertrant machen „muß", den Sabbath einem Wochentag gleichznstellen, unter Hinweis auf: bin ^N2V nL'y. Das, verehrter Herr Doktor, trifft nicht zu. Derjenige, der sich zur vorschriftsmäßigen Heiligung des Sabbath nicht bekennt, hat in allen Fällen alle erdenklichen Gründe hiesür, nur den binnicht. Für die Arbeitsverrichtung am Sabbath ist dieser arg mißbrauchte Satz von sekundärer, wenn nicht von allerletzter Bedeutung. Wollen wir wahr und gerecht sein, braucht nur das praktische Leben befragt zu werden. Im übrigen verdient die Sache etwas niedriger gehängt zu werden,, damit man sich keiner optischen Täuschung hingebe. . Angenommen, aber nie und nimmer zugegeben, es wäre auch eine Uebersetzung in Ihrem Sinne zulässig — Ihre wissenschaftliche Ueberzeugung, die als Produkt ernster Forschung sich Ihnen offenbart, in allen Ehren! es ist Ihr gutes Recht, sie der Welt zu verkünden — wäre es nicht am Platze gewesen, hier doch einem sprachlichen Unterschiede das Recht einzuränmen, und zu konstatieren, daß die Juden „sich mit dem Gedanken vertraut machen", anstatt „sie müssen sich mit dem Gedanken vertraut machen?" Auch nicht der leiseste Schatten eines „.tiefen .Unmutes" macht sich in Ihren Zeilen bemerkbar. Ueberlesen Sie doch, bitte, Herr Doktor, Ihr Elaborat, das der frommen Jugend gewidmet war! Das Wörtchen „leider" hätte dort dem Änge tatsächlich wohlgetan. Leider war es eliminiert und soll nun hinterher eingeschmuggelt werden. So einem Setzerkobold müßte doch besser auf die Finger gesehen werden! „Aber die Elektrische darf man doch besteigen... Höchstens kommt nur in Betracht, daß die Karte nicht gekauft werde. .. . Aber abgesehen davon, daß sie alles andere am Sabbat faitfett!" Glauben Sie denn ernstlich, daß auch nur ein einziger das Kaufverbot berücksichtigen wird, wenn ihm schon das Besteigen der Elektrischen keinen Skrupel macht? Soll aber auch sprachlich nicht distinguiert werden, welchen Zweck hätte überhaupt das Konstatieren der Tatsache, eines Umstandes, der von der täglichen Erfahrung längst bereits überholt erscheint? Etwa um dem 8chahatcho chol zu seinem neuen Rechte, entstanden durch die neue Auslegung, zu verhelfen? — Wiederholt sei 's unterstrichen: Es lag und liegt nicht in meiner Intention, das Tun und Lassen eines Rabbiners zwecklos oder mutwillig zum Gegenstand einer Kritik zu machen. Ich wollte Mißverständnisse aufklären. Hiebei will oder. kann mir Herr Dr. Kahan nicht behilflich sein. Jedem gläubigen Juden aber, selbst dem „Hejdot", muß billigerweise das Recht zngestanden werden, in der Verteidigung des Sabbat bb-2 bis zum Aeußersten zu gehen. Sollte es sich fügen, daß einem von jeher als heilig anerkannten Gebote in den Rücken gefallen wird, zur Abwehr aber derbe Fäuste verwendet werden, so darf nicht erst gefragt werden? trsb “jöw ob Zelotentnm oder Aufklärung, ob Gelehrsamkeit oder Fanatismus, ob Wissenschaft, oder Simplizität, ob geistliche Rhetorik oder laienhaftes Slammeln hiefür die Triebfeder war. Ahnte ja Herr Dr. Kahan voraus, daß seine Ausführungen als „unerhört", oder sogar „ketzerisch" verschrieen würden! Ich danke ihm für seine Rechtsbelehrung, auch im Namen .jener, die mit mir eines Sinnes sind. Ich danke ihm weiters für die erfreuliche Mitteilung, daß nunmehr auch Czernowitz der Wohltat der Sabbathelektrischen teilhaftig wird und gratuliere herzlichst! Da bleibe aber folgendes Anekdötchen nicht unerwähnt: Zum Rabbiner kam Reb. Anschel, die Tabakspfeife im Mnnde. Wahrscheinlich mangels anderen Gesprächsstoffes fragt der brave Besuch: „Warum raucht denn der Rebbe nicht auch, oder raucht der Rebbe etwa nie? Hierauf der Rabbi: „O ja doch, ich rauche wohl, aber immer nur zu Hause. — Verehrter Herr Doktor! Sie haben die Sabbathelektrische ausdrücklich den Wienern zum Präsent gemacht. Nun geben Sie mir kund und zu wissen, daß der Herr Rabbinar aus Czernowitz das Sabbathsahren auch s e i n e r G e m e i n d e erlaubte. Warum machten Sie es nach diesem Muster nicht ebenso und blieben mir Ihrer Elektrischen bei Ihren Znaimern? Die Wiener Gemeinde hat ja auch ihre gelehrten Führer. Nun noch eins und dann noch eines: Vom praktischen Standpunkt frage ich noch: „Haben Sie sich auch die Prioritätsrechte gesichert? — Herr Dr. Kahan ruft verwundert, ob denn eine religiöse Frage nicht objektiv ausgetragen werden kann? Ja, wann und wo hat der Herr Rabbi überhaupt gefragt oder eine Frage zur Diskussion gestellt? Im ganzen Artikel war einer Frage nicht zu begegnen. Ein Vexirbild: ,-Wo ist die Frage? Herr Dr. Kahan fragt nicht, sondern setzt sich einfach hin und schreibt an die Wiener Jugend eine Epistel des Inhalts: Meine Gewissenhaften, euch sag' ich es, Fahren am Sabbath ist keine Sünde, denn es war nie verboten. Folgt die Motivierung. Es wird doch niemandem eine Frage vvrgelegt! Die Jugend wird vor den-Strom der Zeit gestellt und kommandiert: Hic Rhodus, hic salta! Wer von euch noch an der grauen Tradition hängt, der beweise es

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