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Die Wahrheit · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12. Die Wahrheit Leite o. angehört werden. Und unsere Mittelschuljugend? Die größere Hälfte treibt es während derselben so, daß man — gelinde gesagt — vom tiefsten Unmut erfüllt werden muß. Nicht besser beschaffen ist es während des Rezitierens der Gebete. Nehmen doch nur die Wenigsten überhaupt ein Gebetbuch ins Gotteshaus mit. Solche Zustände wären in einem andersgläubigen Gotteshause — das steht fest — ein Ding der Unmöglichkeit. Betrachtet doch einmal, ihr israelitischen Väter, das Betragen euerer Söhne an heiliger, der Verehrung des Einig-Einzigen gewidmeten Stätte! Hier muß gründlich Wandel geschaffen werden. Unsere Gymnasiasten und Realschüler müssen es wissen, daß wir Erwachsenen nicht gleichgiltig und teilnahmslos Unmanieren unserer Jugend im Gotteshause mitansehen können. Wir legen großen Wert darauf, daß 1. jeder das Gotteshaus besuchende Schüler sein Gebetbuch mitbringe; 2. daß er während des Gottesdienstes, der heiligen Audachtsstütte entsprechend, sich strenge an die Regeln des Anstandes halte.") Um aber diese beiden obigen selbstverständlichen Forderungen wenigstens teilweise mit Erfolg durchzusetzen, ist es notwendig, daß jeder Mittelschüler, der das Gotteshaus besucht, mit einer Legitimation versehen werde, die er unter Umständen vorzuweisen hat. Selbe kann er auch in sein Gebetbuch Ankleben. Auch wird j es noch Mittel geben, um etwaigem Mißbrauche in diesem Punkte zu begsgnen. So wie bisher geht es nicht weiter. Es muß anders und zwar besser werden. D i x i. Kermtzmig der Elektrischen am Sadvath. Mit dem Erfolge, der durch die angeschnittene Polemik erzielt wurde, bin ich vollauf zufrieden. Eine Flut von Beweisen der Zustimmung und Anerkennung kennzeichnet zur Genüge die Resonanz der interessierten Kreise. Nicht geringe Genugtuung empfinde ich in dem Umstande, daß ein nennenswerter Teil der Wiener jüdischen Jugend sich mit meinen Ausführungen solidarisch erklärt und jeden antitraditionellen Appell schlankweg perhorresziert. Mit besonderer Befriedigung mache ich die Wahrnehmung, daß die Anzahl jener Glaubensgenossen, die unentwegt ihren Sabbath feiern eine viel größere ist, als es so mancher auch nur ahnen würde. Nun, für diese Kategorie ist jede Sucht, die althergebrachte Sabbathheiligkeit in moderne Formen zu gießen, ein abstrakter Begriff. Wenn demungeachtet noch von einer „großen Masse" gesprochen werden darf — und diese Tatsache sei immerhin zugestanden —, so mögen wir uns doch der Worte erinnern 222 'n ptrn 222-iü ab '2. Dieser Minorität sind alle Sophismen ganz irrelevant, leerer Schall und Ranch. Für diejenigen, die den Sabbat bereits über Bord geworfen, kommt doch die Lizenz für das Samstagfahren — post festum. Da bliebe — nach Ansicht des Herrn Dr. Kahan — nur noch ein Zwitterding. Juden, die am Sabbath jede Arbeit verrichten und angeblich dennoch nicht fahren wollen. „Gott bewahre! Diese Sünde wollen sie nicht auf sich laden. Diesen Gewissenhaften sei es also gesagt: Es ist gar keine Sünde, weil es nicht einmal verboten war." Ich besitze über die Verhältnisse in Wien auch meine Informationen. Wenn diese nicht trügen — und wie es das vorliegende Datenmaterial bestätigt — bin ich zur Annahme berechtigt, daß auch kein einziger am Sabbath arbeitender Jude es sich zur Sünde anrechnet, am Sabbath zu fahren. An welche Adresse war also der Freibrief gerichtet? In meiner Absicht war es lediglich gelegen, die Wiener gläubige Jugend auf eventuelle Mißverständnisse aufmerksam zu machen, sie vor Jrrtümern zu schützen. Und dazu fühle ich mich selbst als Hedjot berufen. -j’M>2 nbp tarnn m"i2 ba *) Hiezu möge noch bemerkt werden, daß es während des jeweiligen Gottesdienstes an überwachenden Organen nicht mangelt und daß selbe ihrer schweren Aufgabe — man könnte sagen — mit wahrer Selbstverleugnung zu entsprechen suchen. Es wird aus „gewisse fanatische Kreise" hingewiesen, in denen die Erlaubnis für Sabbathfahren Mißstimmung und Erregung hervorgerufen. Mag sein! Es sei hiemit jedoch konstatiert, daß ich keinem wie immer gearteten „Kreise" angehöre, weder einem schimpfenden, noch einem fanatisierendeu. Ich siehe außerhalb jeder rück- oder fortschrittlichen Partei, in keinerlei Kontakt mit Verbindungen dieser oder jener Richtung. Wer mir Intoleranz oder gar Fanatismus aufs Kerbholz schneiden wollte, der käme kaum auf seine Rechnung. Unabhängig und frei von jeder konventionellen Fessel, behalte ich mir in allen Fällen mein unbefangenes Urteil vor. Wem meine Anschauung keine Konvenienz bietet, der leite hievon die Konsequenzen ab, oder belehre mich eines Besseren. Man findet in mir einen gelehrigen, lvenn auch nicht tmmer leicht zu überzeugendeit Schüler. Der Meister aber, der diese Mission übernimmt, sehe sich genügend vor. Das bitte ich vor allem zur Kenntnis zu nehmen. Im vorliegenden Falle hielt ich es für geraten, meine Feder in den Dienst der Lcckomre schabboth zu stellen. Dort, wo es andere unterlassen, melde du dich zum Wort! Selbständig, aus eigener Initiative, von feinem wie immer konstruierten „Kreise" inspiriert, auch nicht pro domo. habe ich das Won ergriffen. Etwas anderes lag mir nicht im Sinn. Nach dem problematischen Lorbeergewinde, das eine solch wenig dankeso werte Polemik mit sich bringt, habe ich nicht gegeizt. Literarische Aspirationen liegen mir fern. Paßt es doch gar nickt in den Rahmen meiner Ambition, eine „Ober- oder Unteremsckeidnng" treffen zu wollen. Wer mich kennt, wird mich begreifen. Nun zu Herrn Rabbiner Dr. Kahan! Seine Ehrwürden int pikiert, wird persönlich statt sachlich, macht „dem lieben, guten, geehrten Herrn Malisch" Unwissenheit, Unwissenichaftlichkeir, Unsinnigkeit, Unorientiertbeit und — last not least — den Hedjot zum Vorwurf. Auch mir Anwürfen, wie Fanatisntus. Konfusion, Unterschlagung und Verschwindenlassen wird nicht eben haushälterisch umgegangen. Darüber will ich mich aber nicht im entferntesten anfhalten. Wie figura zeigt, fasse ich die Sache ja auch nicht mit Glacehandschuhen an. Das ist Temperamentssache. Der Intelligenz und dem Charakter fällt dies keineswegs zur Last. Also, ich will nach Tunlichkeit sachlich sein. Für die Erlaubnis, am Sabbath die Elektrische und den Omnibus zu benützen, führen Sie, verehrter Herr Doktor, nebst Talmndstellen auch Autoritäten ins Treffen. Da kann und darf ich als -i nicht mittnn. Mein Gott! Es eignet sich doch nicht jeder für beit geistlichen Beruf. Und dann ist es von der Vorsehung gewiß nur weise eingerichtet, daß es auch ein Laienelement gibt. Ich muß mich also mit dem Epitheton et-i.-i bescheiden, obschon mein Stammbaum — ans Unbescheidenheit sei es Ihnen anvertraut — unter anderen illustren Namen auch einen Ahnen in der Person des einstigen Landesrabbiners aufweist, jenes 2pi:7 pw dessen .Andenken die dankbaren Nikolsbnrger eben heute durch ein sichtbares Zeichen der Verehrung würdigen. Das ändert aber an der Sache nichts. Gilt es ja doch als erwiesen, daß auch Abkömmlinge des größten Gelehrten der Dekadenz zuneigen. Nun, so mag auch ich ein „Laie", oder noch deutlicher ausgedrückt, ein Am hoorez sein. Diesem sei aber trotzdem folgende Bemerkung gestattet: Wie jeder gläubige Jude, kenne auch ich dreizehn Glaubensartikel; unter diesen finde ich keinen einzigen solchen, der mich dazu verpflichtet, an die Dogmatik neuer Epigonen zu glauben. Auch habe ich nicht das Bedürfnis, mir noch einen vierzehnten Ani mamin beiznlegen. Unsere Ritnalvorschriften sind bekanntlich von den Größten unserer Großen aufs minutiöseste dnrchberaten und in einer jeden Zweifel! ausschließenden Weise kodifiziert. Sollte ich aber trotzdem je von! einem Zweifel in einer religiösen Frage geplagt sein, so wäre! ich auch als ..Hedjot" keinem Moment in Verlegenheit darüber,! welchen Foren ich die Kompetenz einznrüitmen hätte. So viel! Bewußtsein habe ich mir als „Hedjot“ bewahrt. I Also hinsichtlich des Sabbatfahrens bin ich einmal zu ' einer anderen Ansicht nicht zu bekehren, auch die eingangs ge-! schilderte Gruppe nicht. An der Art, wie ich den Gegenstand * behandelte, mußte ja Herr Dr. Kahan ersehen haben, daß es mir nicht um die Elektrische und um den Omnibus zu tun war, die auf Grund 122 a freigegeben werden sollen, sondern viel-

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