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Die Wahrheit · 1908-03-20 · Heft 12 (20.3.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Serie 4. Die Wahrhell Nr. 12. Volk gegen die Juden aufznhetzen, und erst vor wenigen Tagen hat ein Vertreter der Religion der Liebe mit traurigem Stolze einer Wählerversammlung im 3. Wiener Bezirke die Worte zugerufen: ..Ich, als katholischer Geistlicher bekenne mich offen mit der antisemitischen Bewegung einverstanden und geniere mich nicht, dies auch aus der Kanzel zu sagen. Wir lassen uns von den Juden nicht abschlachten, wie sie es mit den Kindern getan habe ii." Gibt es eine offenere und empörendere Hetze gegen eine anerkannte Religionsgeuossenschaft, als sie in diesen blutrünstigen Worten eines mandathnngrigeu Priesters liegt? Und wo bleibt da der Staatsanwalt, der gerade in der letzten Zeit in religiösen Fragen eine so große Empfindlichkeit gezeigt hat? * Die Antwort ans diese Frage hat Dr. E l b o g e n gegeben indem er sagte: Die Hilsner-Sache steht im Banne der Politik und man fürchtet sich vor der antisemitischen Ethik, die an Stelle des kategorischen Imperativs den kategorischen Optativ gesetzt hat. Darum müssen wir an die Stufen des Thrones treten, an die Parteiinteressen nicht heraureichen. Dem Kaiser wollen wir schildern, wie das Urteil zustande kam, das im Namen Sr. Majestät kundgemacht wurde und wie im Namen jenes fluchwürdigen Prozesses eine ganze Glaubensgenossenschaft entehrt und geschändet wird, die neben Gott nichts so reinen Herzens liebt, als Kaiser und Vaterland. Gewiß, wir bitten den Kaiser um Gitade, vor allem um die hohe Gnade, das Gesuch zu lesen, das wir voll Ehrfurcht in seine Hände legen. Wer darf sich erdreisten, die Tragweite dieser allerhöchsten Würdigung voransbestimmen zu wollen? Wissen wir, ob Se. Majestät nicht vor allen Dingen an seine Ratgeber die schicksalsschwere und entscheidende Frage stellen wird: Ist das, was in diesem Gesuche steht, wahr oder unwahr? Wird nur erst an Allerhöchster Stelle diese unvermeidliche Frage gestellt, dann ist der Erfolg des Gesuches unabsehbar. Denn die ehrliche Antwort kann nur lauten: Ja, Majestät, jedes Wort ist wahr! Die Weisheit des Kaisers wird diese Frage tun. die Gerechtigkeit des Kaisers aber läßt uits hoffen, daß das Bekenntnis fürchterlicher Wahrheit, das diese Antwort ablegt, noch ganz andere Konsequenzen reifen wird, als die bloße Begnadigung Hilsners. Das Wort des Kaisers k ö n n t e Lippen öffnen, die die Furcht vor der Politik bisher verschlossen hielt. Nebst der Hoffnung auf den Gerechtigkeitssinn unseres erhabenen Monarchen dringt ans den Ausführungen Dr. Etbogeus noch ein zweiter Hoffnungsstrahl. Nach 9 jährigem vergeblichem Suchen hat ihm in den letzten Tagen der Zufall Material in die Hände gespielt, das ihm der erste verheißungsvolle Lichtstrahl zu sein scheint, der in das furchtbare Dunkel des Mordes Helligkeit bringen soll, und er ist von der Empfindung beherrscht, daß diese Spur ans Nacht zum Licht führen wird. Um diesen Weg zum Lichte zu finden, appelliert Doktor Elbogen an die Solidarität des R e ch t s g e s ü h l e s aller Menschen, denn die Hilsner-Affäre ist keine Sache der Inden, sondern der ganzen gesitteten Welt. * * * Das Deutsche Bureau der Alliauce Jsraslite Universelle stellt uns folgenden Bericht zur Verfügung: Wie bereits früher mitgeteilt, hat die Alliauce Jsraslite Universelle eine Expedition nach Abessinien entsendet, die die Lage der dort lebenden Falaschas, eines Völkerstammes jüdischer Abkunft, ihre Sitten rc. erforschen soll. Inzwischen ist Herr Nahum, der Leiter der Expedition, in Abessinien angelangi und hat eine Audienz bei dem Negns Menelik gehabt. Nach dem soeben eingetroffenen telegraphischen Bericht hat Herr Nahum dem Negns zunächst im Namen der Alliance folgende Adresse überreicht: Paris, 27. Dezember 1907. Au Seine Majestät Kaiser Menelik, König der Könige von Äethiopien. Majestät! Als Vertreter der Juden Europas und Amerikas haben wir die große Ehre, zu Füßen des Thrones Euerer Majestät die Versicherung unserer tiefsten Ehrerbietung niederzulegen, zugleich mit unseren wärmsten Wünschen für das Blühen Äthiopiens und mit unseren inbrünstigsten Gebeten für die Gesundheit Eilerer Kaiserlichen Majestät und Ihrer Majestät der Kaiserin. Seit langem wissen mir, daß in Euerer Majestät Reich zahlreiche Falaschas leben, die derselben Religion wie wir angehören. Eure Majestät, der alle seine Untertanen mit gleichem väterlichem Wohlwollen beschirmt, erlaubt den Falaschas ihre Religion frei ansznüben und gibt ihnen köstliche Zeichen seiner Kaiserlichen Gunst. Es ist uns Herzensbedürfnis, Euerer Kaiserlichen Majestät für diese herrlichen Beweise von Toleranz und umfassender Menschenliebe tiefgefühltesten Dank auszusprechen. Wir sind erfüllt von dem Wunsch, die Falaschas genau kennen zn lernen, zu erfahren, infolge welcher Ereignisse sie in Euerer Majestät Reich Aufnahme gefunden und in welcher 'sozialen Gliederung und Formation sie sich daselbst angesiedelt haben. Wir sind ferner bestrebt, nns mit ihrer Geschichte während ihrer Vergangenheit und mit der Rolle bekannt zn machen, die sie in der Entwicklung des äthiopischen Kaiserreiches gespielt haben und festzustellen, welche heiligen Bücher ihr religiöses Leben beeinflußt haben,. endlich, wie sie auf einem von unzähligen Kämpfen erschütterten Boden ihre Religion und Tradition haben bewahren können. Deshalb haben wir unter Leitung des Herrn Haim Nahum eine Mission von jungen Gelehrten znsammengestellt, die sich zn den Falaschas begeben sollen, um an Ort und Stelle diese verschiedenen Fragen zu studieren. Wenn Eure Kaiserliche Majestät die Gnade hätten, unseren Abgesandten Kaiserlichen Schutz zn vergönnen und ihnen die Reisen und Nachforschungen zu erleichtern, könnten sie die Wissenschaft und die Religionsgeschichte mit nützlichen Beiträgen bereichern, und Euerer Majestät wird der Ruhm gebühren, ein Problem der Lösung näher geführt zn haben, das seit langen Jahren die Gelehrten Europas beschäftigt und bis ans diesen Tag ohne befriedigende Erklärung geblieben ist. Vertrauend auf Euerer Majestät Herrschersinn und Großmütigkeit nehmen wir uns die Freiheit, für Herrn Nahum und seine Kollegen das Allerhöchste Wohlwollen und den Kaiserlichen Schutz anznrnfen. Euere Kaiserliche Majestät möge den Ausdruck unserer ehrerbietigsten und tiefsten Huldigung allergnädigst genehmigen. Wie weiterhin ans dem telegraphischen Bericht des Herrn Nahum hervorgeht, konnte sich der Abgesandte der Alliance zu der in feierlichster Form vor sich gehenden Audienz in Begleitung des hierbei offiziell tätigen französischen Konsuls begeben. Der Negns schien sehr angenehm überrascht durch die ihm vorgetragene Adresse und durch ein Huldigungsgeschenk, das ihm Herr Nahum zugleich im Namen der Alliance überreicht hat und hat gebeten, der Alliance für diese Aufmerksamkeit seinen Dank auszusprechen. In dem sich hieran anknüpfenden Gespräch hat er zugleich in Aussicht gestellt, die erbetenen Schntzbriefe zu erteilen. Somit hat die Sondermission der Alliance ihren ersten schönen Erfolg davongetragen, der für eine baldige Zukunft weitere günstige Ergebnisse erhoffen läßt. Znm Ingendgsttesdi.enst der Mittelschüler. Eine der schönsten und besonders gemütfördernden Institutionen der Wiener isr. Knltnsgemeinde ist der sabbatliche Gottesdienst für Mittelschüler. Ein Hauptbestandteil dieses Gottesdienstes, der in durchaus würdiger Weise unserer Mittelschuljugend dargeboten wird, ist die den jeweiligen Wochenabschnitt erläuternde Exhorte. Für heute möge in wenigen Zeilen dargestellt werden, wie sich unsere isr. Mittelschnljngend im 2. Bezirke zu dieser gewiß ihr sittliches Wohl fördernden Institution verhält. Beispielsweise kann man wahrnehmen, daß die oft tief durchdachten, für die Jugend geschaffenen Exhorten nur von den in den Seitenschiffen befindlichen Herren und Damen sehr aufmerksam

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