Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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akrcheit Uleisatlioii ii. Sldiiimüli«lioii: Wien, 11/, Siouaracjaiie 27. TrlfliÖoii bfv'f'i lirfttc: 158H“ K. k. österr. Postsparkaffa- - Scheck-Konto Nr. IVO.918. ilulevatc Die viermal gejpaltcllc Nonvareille-Zeile 25 Heller. ridouii-iu-illSu. JliicilioilSberräge und in Aliie» zahlbar und tlNüdar. Unabhängige Heitschrift für jüöifche ZnLereA'en. Erscheint jeden Ar ei tu»;. Motto : „Da.tr Siegel Gottes ist Wahrheit!" Kerngs.p>rei»: i IKanzjiiVrig . . Jf H.—;| Halvjähria . . tt 7 — stiii (SultiirSbriuiite: 'i'.ilIslilQllil . if II). still' AuSlund: ... 8 'Jittuf K lUuöet oder lü ,Zcr Ar. 12. Wien, 20. M8r; 1008 Inhalt: Aus der Woche. — Zum Jugendgottesdieust der Mittelschüler. — Benützuug der Elektrischen am Sabdath. — Abraham Goldfaden. — Israelitischer Tempelverein für die Bezirke Wieden und Margarethen, Wien. — Verschiedene Aachrichteu. — steuillervn: „Esther". — Versöhnte Feinde. Ans der Woche. - In der großen, von hervorragenden Persönlichkeiten des öffentlichenLebens einberufenen Protestversammlung, die Mittwoch,; den 18. d. M. in der Hilsner-Affaire im Sophiensaale stattsand, hat Dr. Friedrich E1 b o g e n mit glänzender Beredtsamkeit! und mit der zwingenden Kraft unwiderleglicher Tatsachen dargelegt, daß Hilsner ein bedauernswertes Opfer antifemitischer; Bestialität ist und nur deswegen schon 9 Jahre im Kerker schmachtet, weil die entfesselte antisemitische Bestialität zur rechts- : gültigen Beglaubigung ihres schamlosesten politischen Agitationsmittels die Verurteilung des Juden Hilsner wegen Ritual-! mordes forderte. So edel und selbstverständlich die Aktion Dr. Elbogens; ist, so fand dieselbe dennoch, und zwar auch in manchen jüdischen! Kreisen, nicht allgemeine Zustimmung. ’ „Ich habe", so äußerte er sich jüngst in einem Wiener- Blatte, „die überraschende Erfahrung machen müssen, daß : trotz der großen Publizität, die der von mir veröffentlichte Entwurf eines Majestätsgesnches in der Sache Hilsner hatte, dieses Gesuch von vielen nicht aufmerksam gelesen und von vielen unter denjenigen, die es gelesen, nicht richtig verstanden wurde. Es hätte sich sonst nicht ereignen können, daß von ernster Seile die j Anfrage an mich gestellt wurde, warum die Gnade des Kaisers \ angernfen werden soll, in einer Sache, in der ein Justizmord ' begangen wurde. Man glaubte mir einwenden zu dürfen, daß! die Begnadigung Hilsners dem armen, kranken Häftling zwar! die Freiheit geben kann, daß diese Gnade jedoch zugleich auch j das an ihn und der gesamten Jndenschaft begangene Unrecht! eigentlich verewigt. In der Sache Hilsner muß Recht gefordert,! nicht Gnade erbeten werden.. Alle diese Einwendungen wären; vollkommen stichhaltig, wenn das von mir verfaßte Gnadenge-! such einen anderen Inhalt hätte. Ich wage ohne weiters die! Behauptung, daß noch nie ein Gnadengesuch verfaßt wurde, in! dem der Rechtsstandpunkt so scharf und offen in den Vorder-; grnnd gerückt worden wäre. Mein Gnadengesuch ist der Form nach ein solches; es gibt keine andere Möglichkeit, dem Kaiser eine Bitte zu unterbreiten, als in der Form eines Gnadengesuches. Die Krone ist eine Gnadeninstanz, keine Rechtsinstauz. Allein! der Inhalt dieses Gnadengesuches weicht ganz wesentlich von der , üblichen Form solcher Gesuche ab. Wenn sonst — ich selbst habe i doch schon viele hunderte solcher Gesuche konzipiert und überz reichen lassen — in einem Gnadengesuch die Tat als feststehend, 1 als unverrückbar erwiesen und jeder weiteren Kritik entzogen hingestellt wird nnd lediglich Gründe geltend gemacht werden, die unter dem Gesichtspunkte der kaiserlichen Huld nnd Barmherzigkeit eine Berücksichtigung erfahren sollen, die das verurteilende Gericht im Rahmen der Mildernngsgründe nicht vornehmen konnte, wenn, kurz gesagt, sonst die Tat selbst mit keinem Worte gestreift wird, da ja die res juclicata geradezu die Voraussetzung des Gnadengesuches zu bilden pflegt, so ist in dem in der Sache Hilsners' von mir entworfenen Gnadengesuche das Verhältnis geradezu umgekehrt. Ich stelle in diesem Gesuch alles ans die Erörterung des Prozesses, ich trete vor Seiner Majestät als Ankläger ans, ich erzähle in gedrängten Zügen, welche Summe von Niederträchtigkeiten die Verurteilung Hilsners erzwungen hat und ich werfe die Frage ans, ob ein Urteil, das in dieser Art zustande kam, den Ehrentitel eines Richterspruches verdient. Ich weise darauf hin, daß das gegebene Gesetz nuzureichend ist, dem Frevel beizukommen, daß es versagt, die Konsequenzen dieses Frevels zu beseitigen, und ich weise insbesondere darauf hin, daß der Oberste Gerichtshof sich nur mit der Aktenlage des Prozesses befassen konnte, während jene Unsumme von Ereignissen, die dem Hilsuer-Prozeß seinen ewig deukivürdigen Charakter verleiht, sich außerhalb des Gerichtes zngetragen haben mtb daher in den Prozeßakten keine Spur zurücklassen konnten. Ich hielt es für unerläßlich, die öffentliche Meinung über den wahren Charakter dieses Gnadengesuches aufzuklären und insbesonders Mißverständnisse zu entfernen, die von nicht ganz uninteressierter Seite lauziert worden sind. Das Gnadengesuch ist zur Stunde nicht überreicht. Es wird demnächst im geeigneten Wege jedermann, der meinem Unterliehmen zustimml, Gelegenheit geboten werden, seine Unterschrift auf dieses Gesuch zu setzen. Zu diesem Zweck ist es notwendig, Absichten dieses Gesuches deutlich zu machen. Ich will in meinem Vortrag beweisen, daß das von mir entworfene Gnadengesuch das sicherste Mittel darstellt, das schwerste Unrecht, das die Geschichte der österreichischen Justiz besteckt, an jener Allerhöchsten Stelle darzulegen. vor welcher jedes politische Sonderinteresse verstummen muß. Ich werde in meinem Vortrag zeigen, welche Perspektiven in dieser traurigen Sache sich in diesem Augenblick eröffnen, in welchem der Kaiser zum erstenmal eine wahrheitsgetreue Darstellung dieses Jnstizskandals empfängt." * * ' * Den Beweis für die Notwendigkeit seiner Aktion hat Dr. Elbogen in seiner flammenden Protestrede glänzend erbracht und er kann und will nicht ruhig zusehen, wie ein Menschenleben nach allen Regeln des antisemitischen Ritualmordes abgeschlachtet wird. Ja das Märchen vom Ritualmord, es gilt auch heute noch als wirksames Schlagwort, um das irregesührte