Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 11. M a r d o ch a i. Ich schwöre dir beim einig einzigen Gotte Nicht hört' ich auf, den Ehrgeiz ihr zu stachelu Und ins Verderben ich Hab' sie geschickt. König. Ein edler Wettstreit ist's, das muß ich sagen, Vornehme Geister seid — ich seh's — ihr Beide. O, meine Liebe zu dir, süßes Weib, Erwacht wie eine Flamme nun anss Nene, / Die fruchtlos man zu dämpfen hat gesucht. Wie wär's, wenn wir an Europas Gestade, Nach Griechenland, uns flüchteten; Athen Ist Sitz und Blüt' des frei'sten Menschentums. Ich gebe meine Despotie hier ans, Beginn' mit dir ein neues Leben dort. Denn hier wär' uns'rcs Bleibens wohl nicht länger. Der kriegerische Perser sieht herab mit Unsäglicher Verachtung auf euch Inden, Denn nichts dünkt schändlich mehr ihm als die Feigheit. Nicht dürsten sie erfahren, daß du Jüdin. Dersöhnte Keinde. Bon Babette Fried. (Fortsetzung.) Wenn es jemanden gibt, der ihm diese Enthüllung auf eine schonende Weise Vorbringen könnte, dann ist es diejenige, welche uns beide mit echt mütterlicher Sorgfalt erzogen und den reichen Schatz ihrer Liebe und Güte so gleichmäßig, so unparteiisch zwischen uns beide verteilt hatte — Tante Hanna! Ihr also werde ich mich entdecken, und von ihr vorgebracht, wird meine Abweisung das Verletzende, Bittere für Ludwig verlieren. Von Tag zu Tag verschob ich diese Mitteilung, ich fürchtete die traurigen Augen, welche die Tante aus mich richten würde, wünscht sie ja so sehnlichst unsere Verbindung. Endlich kam die Nachricht von den eingeleiteten Friedeusunterhandlungen und die Hoffnung auf nahen Frieden. Jetzt war die höchste Zeit, jetzt mußte es geschehen, bevor der Ahnungslose heimkommt. Die Taute mußte ihm meine Stellung ihm gegenüber klarmachen. Eines Tages benützte ich die heitere Stimmung der Tante, in welche sie immer versetzt wurde, wenn Briefe oder Nachrichten von Ludwig kamen, und trat zu ihr mit der Bitte, mir eine Unterredung zu gewähren." „Seit wann stehen wir uns so fremd gegenüber, daß Du erst um eine Unterredung bitten mußt, Dora?" „Vergib, liebe Tante, jedoch das, was ich Dir zu sagen habe, ist so ernst, daß ich nicht weiß, in welcher Form ich es Vorbringen solle." „In gar keiner Form, mein Kind, sondern sprich nur so, wie es Dir ums Herz ist, und wie Du es immer getan hast." „Das will ich auch, liebe Tante, aber bitte, sei mir nicht böse,-ich kann Ludwig nicht heiraten!" In meinem ganzen Leben, und würde ich hundert Jahre alt, vergesse ich die Veränderung nicht, die mit der Tante bei diesen meinen Worten vorgegaugen ist. Da waren sie, die so gefürchteten traurigen Augen, in diesem todesblassen Antlitze, aus dem der letzte Blutstropfen gewichen schien. Die arme Tante schwankte zu einem Sessel, aus dem sie sich müde niederließ. Sie schien mir in diesem Momente um Jahre gealtert zu sein.- „Warum, was hast Du gegen ihn?" preßte sie mühsam hervor. . „Nichts, gar nichts, liebste Tante, unser Ludwig ist der beste der Menschen — aber ich liebe ihn nicht." Wie von schwerer Last befreit, atmete die Tante erleichtert auf. „Du liebst Ludwig nicht, wem willst Du dies einreden, doch nicht mir, welche ich Eure gemeinsam verlebte Jugend beobachtet habe bis zum Tage Eures Abschiedes? Beobachtet mit dem durch treueste Liebe geschärften Mutterange, dem keine Regung Eures Herzens entging? Wer hat denn so herzbrechend geweint, als Ludwig in den Krieg gezogen?" ..Ich, liebste Tante, ich habe ihn ja heute noch gerne, wie meinen einzigen Bruder, aber das ist es ja: meine Liebe zu ihm ist die einer Schwester." Bei diesen Worten unterbrach mich die Tante.. \ ^,'Das lasse Dich nicht anfechten, denn wisse: zwischen Dir. und Ludwig besteht keinerlei Art von Verwandtschaft, Ludwigist ebensowenig Dein Vetter, als er mein Neste ist, trotzdem ich' ihn wie einen solchen, nein, wie einen leiblichen einzigen Sohn liebe. Du, mein Kind, bist meine Nichte, die Tochter meiner teuren, nunmehr verewigten Schwester, er aber ist dem Blute nach zu uns beiden ein Fremder." Nun war die Reihe des Erstaunens au mich gekommen. Um keinen Schritt war ich der Erfüllung meiner Bitte näher gerückt; alle meine sophistischen Vorstellungen waren in nichtszusammengefallen. Dunkler und unklarer, verwirrter Und unverständlicher war die Situation geworden. Die Tante ließ mir eine Weile Zeit, über mein Erstaunen hinwegzukommen, dann begann sie: „Um Dir, liebes Kind, begreiflich zu machen, daß meine Handlungsweise kein Eigensinn ist, und daß es nicht eine altjüngferliche Manie, Ehestifterin zu werden, ist, wenn ich mit allen Fasern meine» Herzens an dem Gedanken hänge, ans Euch beiden ein Paar zu sehen, muß ich Dir meine Lebeusgeschichte^ erzählen. Ein solch kluges Mädchen, wie Dn eins bist, wird einsehen, daß dies der einzige Weg ist, ein Unrecht zn vermeiden, welches ich sonst an einem von Euch beiden, -vielleicht an beiden zugleich begehen würde, und welches mir meinen Herzensfrieden, welchen ich mir trotz meines traurigen' Lebensschicksales erhalten habe, für immer trüben, wenn nicht ganz, und gar vernichten würde. Ich muß in meiner Erzählung weit ausholen.. Früher oder später wäre es ohnehin zu dieser Erklärung gekommen, denn ich bin sie Euch beiden schuldig." Hier machte Tante Hanna eine Pause, wie um sich zu sammeln. „Das Hans, in dem wir noch heute wohnen, war Eigentum meiner in Gott ruhenden Eltern und sie hatten es an nichts fehlen lassen, es behaglich einzurichten und kunstvoll anszuschmücken, waren auch bestrebt, ihm eine feste Grundlage dadurch zu verleihen, daß sie es zur Zufluchtsstätte der Bedrängten und Hilflosen machten. Wohltätigkeit im weitesten Sinne des Wortes ausgeübt, wahre jüdische Frömmigkeit, waren die Stützen dieses Hauses. Unseren Eltern war dies umso eher möglich, als sie bet ihrem großen Vermögen nur zwei Kinder besaßen, Deine Mutter Judith und mich, die um zwei Jahre jüngere. Die Wohltätigkeit meiner Eltern erstreckte sich auch auf unbemittelte Studierende, und da ging in unserem Hause ein junger Gymnasiast aus und ein, dem ich, ein halbes Kind noch, von ganzem Herzen gut wurde. Trotz seines Fleißes und geistiger Anlagen geschah das von allen Unerwartete, er fiel bei der Maturitätsprüfung durch und hatte auch keine Aussicht, selbst später diesen schwarzen Stein zu überspringen; denn mit unüberlegtem Freimut hatte er seinen Professor während eines Vortrages unterbrochen, als derselbe ehrenrührige Bemerkungen über das Wesen unserer heiligen Religion machte. Der junge Mann war der Verzweiflung nahe. Mein gütiger Vater nahm sich seiner an, ließ ihn auf eigene Kosten den kostspieligen Kurs an der Handelsakademie durchmachen und besorgte ihm dann eine Stelle bei einem Geschäftsfreunde. So wurde Goldenkron, Du ahnst doch, daß. ich von Ludwigs Vater spreche, statt ein Arzt, ein Kaufmann. Bevor der junge Mann aus unserem Hause geschieden,, um seine neue Stellung anzutreten, gestand er mir seine Liebe, und nur verlobten uns heimlich. Bis er es so weit gebracht haben werde, daß er an die Gründung eines eigenen Hausstandes werde gehen können, werde er kommen und bei meinen ihm so wohlgesinnten Eltern um meine Hand anhalten. Ich war es zufrieden, und knüpfte nur die eine Bedingung an diesen Plan, wenn nämlich bis dahin meine ältere Schwester, Deine Mutter, verheiratet sein werde, denn um nichts in der Welt würde ich sie verletzen wollen, und auch meine Eltern würden niemals eine Zurücksetzung derselben gestatten. Eine Sitte, die unter den Inden waltete, und die selbst Laban respektierte, wollten wir nicht umgehen." (Fortsetzung folgt.)