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Die Wahrheit · 1908-03-13 · Heft 11 (13.3.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sxttt 4-Die Wahrheit . . - Nr. 11. zur Genüge, und Muß. -ihn nicht näher kennzeichnen.: In' den kleineren deutschen: Staaten, fast hätte ich gesagt Städtchen, ging es, 1858, nych recht, gemütlich-zu. Lippe Detmold, 'zum Exempel, stellte alle Juden gleich, d. h. schloß sie alle von den wichtigsten Rechten aus; --dus. seither - in der Umarmltng Preußens, selig entschlafene: Hessen-Kassel quälte sie Mit fortgesetzten Plackereien^, nach dem Aussprüche meines Zeitungsmenscheu, ein B r e m e r Geistlicher/ mein - Gewährsmann gebraucht allerdings eine stärkere Bezeichnung,, '-stellte sie unter dem Fluche Gottes, respektive" (man verzeihe diese Sprachdnmmheit, aber sie stammt nicht von mir), also „respektive des Teufels, respektive seiner selbst." Auch in Bayern, wo ein neues Wahlgesetz projektiert war, hegte man die Furcht, es würde den Juden die Wählbarkeit in die Ständekammer entzogen werden. Aber bei den Neuwahlen für die zweite Kammer wurde eine Jude (für diejenigen, die es interessiert, sei sein Name hier genannt, Dr. Arnheim aus Bayreut) in einem nur von Christen bewohnten Wahlbezirke, Hof, wieder gewählt. Ebenso gelangt auch ein Lichtstrahl aus Württemberg und erhellt das sonst ziemlich dunkle Deutschland des Jahres 1858. Die erleuchtete Regierung dieses Königreiches stellte nämlich — und das ist gewiß in unseren Tagen interessant zu hören, da wir erfreulicher Weise Aehuliches in Lesterreich erlebten — die jüdischen „Konfessional- Schullehrer" (Religionslehrer) in der Aufbesserung der Lehrergehalte, den übrigen Lehrern gleich. Frankrei ch, das damals von Napoleon III. beherrschte Land der Revolution, konnte 1858 gerade nicht als das Paradies der liberalen Ideen bezeichnet werden. Aber ein Jahr, wie das 1789 benannte, mußte seine Spuren zurücklassen. Zu tiefe Wurzeln hatten die befreienden Gedanken dieses Revolutionsjahres in Frankreich geschlagen. Und so machte denn die Emanzipation der Inden auch unter dem Manne des Staatsstreiches von 1852 Fortschritte. Wir verzeichnen es mit besonderer Befriedigung, daß 1858 Salomon Munk, der große Forscher auf dem Gebiete der jüdischen Philosophie des Mittelalters, welcher Gabirols „Mekor Chajim" ans Licht zog und „den Führer der Irrenden" des Maimonides der gelehrten Welt übergab, znm Mitgliede der Akademie gewählt wurde. Dies ist ein Sieg, der zumindest dem gleichkommt, daß Lyonel Baron Rothschild in das englische Unterhaus einzog. Für Mortara hatte sich Napoleon allerdings verwendet, ..aber er hatte gebeten, wo er hätte befehlen können; denn französische Truppen schützten den Kirchenstaat". Auch die Staatssekretäre des Aeußeren, Lord M a l m e s b n r y in England und General C a s s in den Vereinigten Staaten^) hatten ja jede Einmischung zu Gunsten der unglücklichen Familie Mortara abgelehnt. Diese Amaleks meinten, es sei feststehende Politik ihrer Länder, sich jeder Einmengung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten zu enthalten. Aehnlich äußerte sich Herr von Schlewitz in Berlin. Neben Munk besaß Frankreich damals noch einen anderen großen Juden. Es ist der redegewaltige Advokat Adolphe Cremienx. Vor dem Kriegsgerichte zu Oral?) hielt dieser ehemalige Justiz- Minister im Jahre 1848 eine Rede für die jüdischen Brüder in Algier, denen Frankreich Freiheit und Anerkennung ihrer Menschenrechte gewährt hatte, eine Rede, welche ein herrliches Denkmal nicht nur für Frankreich, sondern auch für die Juden is?). Von Westen führe uns nun unser Weg nach dem Osten — nach Rußlan d. In diesem Reiche regierte seit 1855 Alexander H. Nikolajewitsch, unter dem für die „gequälte Heerde Israels" eine Morgenröte besserer Zeiten aufzugehen schien. Man liest in den gleichzeitigen Berichten nicht ohne wehmütiges Kopfschütteln der Bewunderung, wie der Emanzipator der Bauern, fein Augenmerk auch den Inden seines Staates znwendete und t) Die „Daily Times" von Cincinati sagen deshalb „seiner Herrlichkeit" sehr bittere Wahrheiten. . ■ 5) Es handelt sich ntn einen Prozeß, indem auch mehrere Inden ängeklagk waren. Die Staatsbehörde machte die heftigsten Ausfälle gegen die Juden. ' b) Die Rede selbst, am 8. September 1858 gehalten, ist ebenso, wie das Dankschreiben des französischen Konsistorinms und die Antwort Cremieux im „Israelitischen Volkslehrer" 1859 Seite 105—111 abgedruckt. den GeheimM);^ Herrn ivon'. Gx ä Go wscky: Ääch^Dentschland und Frankreich sandte,, um die Zustände der Juden in diesen Staaten kennen zu lernenlind die gesammelten Erfahrungen seiner Regierung zu hinterbringen?) Gradowsky wird, als, ein Mann geschildert, der offen, warm, unterrichtet und für die Angelegenheiten 'der Juden aufs innigste durchdrungen lvar. Albert K o h u in Paris, mit dem er viel vel kehrte,' überzeugte, ihn durch statistische Daten,) Mie vielseitig sich die französischen Juden in allen Branchen des öffentlichen Dienstes um den Staat verdient gemacht und des ihnen erteilten Bürgerrechtes würdig gezeigt hatten"... Wer weiß heute, etwas von jenem Gradowsky? Seine Reise war ein Hoffunngsblick für die Juden Rußlands. Die Hoffnungen sind zerronnen, seitdem Alexander am 13.März 1881 durch Sprengbomben in furchtbarer Weise geendet. Immerhin ist dieser Rückblick von 1908 auf 1858 in Bezug auf die Geschichte der Inden Rußlands lehrreich genug. Da wir uns schon im Norden Europas besinden, wollen wir nicht verabsäumen mitznteilen, daß unsere losen Blätter auch eine Besserung der Znstände unseres Volkes in Schweden konstatieren?) Es will allerdings in unseren Tageit nicht viel bedeuten, wenn mit besvllderer Genugtuung konstatiert wird, daß der Vorsteher der israelitischen Gemeinde in Gothenburg, Schweden, Dr. von Magnus, dllrch die Verleihung des „Nordstern-Ordens" ausgezeichnet wurde. Wichtiger ist es zu hören, daß die Vereinigten Staaten Amerikas als Vertreter ihrer Interessen einen Juden nach Spanien sandten. Dies bietet auch einen anziehenden Rückblick, und zwar auf 1492, da Jsabella die Juden aus Spanien vertrieb, während Kolumbus ansfilhr und Amerika entdeckte, das eine zweite Heimat für die Verstoßenen Israels werden sollte. Und der Orient? Das Land der Väter? Wie ein goldener Morgensonenstrahl begrüßt uns die Kunde, daß im Jahre 1858 Ludwig A u g u st Frank l, auch ein Halbvergessener, sein Buch über Palästina herausgab.7 8 9) Er war nach Jeruschalaim gereist, um im Aufträge einer schönen Seele, einer Dame, der Frau v. H e r z - L ä m e l, dort eine Kleinkinder-Lehr- und Bewahranstalt einzurichten. In seinem noch heute lesenswerten Buche berichtet er über die Zustände des gräberreichen Landes, das geweiht ist durch die Errinnerungen an unsere große Vergangenheit, wo, um mit Jehuda Halewi zu sprechen, die großen Lichter leuchteten, unsere Sänger und Propheten... Es ist freilich wenig Erfreuliches, was er von der Zionsstadt berichtet. Von Müssiggang spricht er und Bettelei, die bei den Inden der alten, ehrwürdigen Hierosolyma herrschten. Aber noch ragen auf dem schneebedeckten Libanon die alten Zedern, wie zu Salomos Zeiten. Und er bringt ihre Zweige aus dem Osten nach der Stadt des Westens, nach Wien. — Und gerade in dieser Stadt erstand derjenige, welcher neues Leben einflößen wollte dem morschen Gebeine der Bewohner unseres heiligen Landes, ein Leben der Arbeit, ein Leben, das im Schweiße des Angesichtes, dem verkarsteten Boden süße Früchte abringt. Wir sind am Ende unserer Rückschau angelangt. Solch' ein Rückblick bringt des Lehrreichen genug. Er sagt uns: Dieses Israel gleicht dem Baume, der, nach dem sinnigen Worte unserer Alten, in der grimmigsten Külte, sich mit neuen frischen Säften füllt. Er kann nicht verdorren, denn, während der Winter alles in sein eisiges Dunkel hüllt, hofft er auf den Frühling. Und er lehrt weiter: man kann die Sonne nicht verhängen, das Reich des Lichtes nimmt immer mehr zu. Diese Mürztage erinnern uns ja auch an den großen März vor 60 Jahren. Die Frühlingsstürme jener Tage sind verweht, aber die Frühlingssonne, die damals aufgegangen, sie wird auch dem alten Israel leuchten. Weadar 5668. 7) lieber den Aufenthalt Gradowskys in Paris berichtet ein Brief in Nr. 326 des „Nord", eines bekanntlich in Brüssel erscheinenden, rusiischem Interesse dienenden Blattes in französischer Sprache. Der Brief stammt von dem Redakteur der „Archives Jsraelites" Dr. Cohen in Paris. 8) In Norrköpping, einer, 1658, aus 20 Familien bestehenden Gemeinde baute man eine herrliche Synagoge. 9j Ludwig August Frankl: Nach Jerusalem. 1. Teil: Griechenland, Kleinasien, Syrien. 2. Teil: Palästina. Leipzig, Baumgarten, 1858. *

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