Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahrhsit Siebaktion u. Vlbiitinitti aiioii: Wien. 11/, Vivvaragasse 27. TrlrliDiui t>rv P> Iickcl -i 1580* j St. k. österr. Postsparkassa- Schcck-Konto Nr. M0.918. llillerat-. Tic viermal gcivattcnc NonvarciUc-Zeile 85 Heller. Abonnements* u. J»Ie> lio»»* betrage itiib in aUien zahlbar und klagbar. nakhängige Aeitschrift für Mische Interessent Erscheint jeden Ar ei tag. Molto: „Dtrs Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j Verngspnet»: ij i»>»»ziah>ig ...» u.—!| Halbjährig . » 7 — iViif ILultusbetiriitr: >»>a»z,,ihrig ...» >».- Fiii Auslinid: >dl„„^iad>lg ... 8 Aiark l> Ittnbel oder >6 ,ic» Ar. 11. Wien. 13. Mär; 1908 Inhalt: Vor einem halben Jahrhundert. — Benütznnng der Elektrischen am Sabbath. — Znr Biographie des R. Mair Elsenstadt. — Ans der Wiener Knltnsgemeinde. — Verschiedene Rachrichten. — Feuilleton: „Esther". — Versöhnte Feinde. Uor einem halben Jahrhunderte.! Ein Rückblick von Dr. Max Grünfeld. j Ein Häuslein loser Blätter liegt vor mir. von Freundeshand mir willig dargeboten. Mau wünschte, ich möge ans ihnen manches denkwürdige, auf die Verhältnisse unseres Volkes bezügliche Ereignis mitteilen und das Jobeljahr, das uns be-! vorsteht, auf diese Art feiern. Freilich, viel Erfreuliches ist in! diesem Betracht nicht milzuteilen. Und doch schleicht sich mancher! Helle Frühlingsstrahl in das Dunkel der Nacht, das vor! f ü n f z i g I a h r e n, im Jahre 1858, Israel in den verschiedenen! Ländern unseres Erdteils umsing. So greisen wir denn frisch! zu, lassen uns von dem Moderduft der vergangenen Zeiten,! der uns ans den losen Blättern entgegeuweht, nicht beirren, und, da der kommende Sabbath den schönen Beinamen „Gedenke" j (Sochaur) führt, wollen wir ihn nach dem Texte feiern, der be-! sagt: „Gedenke der Tage der Vergangenheit", sei es auch nur! darum, um zu zeigen, in wie verschiedenartigen Masken dem! alten Israel der noch ältere Amalek entgegentrat, „der den! Herrn nicht fürchtete." Das Jahr 1858 zeigt uns Amalek, wie er in Italien, im ehemaligen Kirchenstaate, das Knäblein Edgard Mort a r a seinen Eltern raubt, um es in dem Schoße einer anderen Religion! zu bergen. Vieles hätte ich über diesen ..Fall Araten", ins j Jahr 1858 übersetzt oder zurückverlegt, zu berichten. Es war ein furchtbarer „Fall", der sich in der guten Stadt Bologna im Sommer 1858 ereignetes. Ich lasse eines meiner losen! Blätter darüber reden, es ist die „Gazetta del popolo", die in j Turin erschien und folgende Korrespondenz aus Bologna über die Affaire enthält. „Unsere Stadt ist in größter Bestürzung" — (auch Schuschan war es, wie „Megillath Esther" erzählt, als Haman seinen altpersischen Pogrom veranstalten wollte) — „und unsere Glaubens- | genossen sind voller Furcht, da durch die Entscheidung des 1 St. IXfficio2) jede israelitische Familie ähnlichen Gewalttaten ausgesetzt ist. Die Inquisition, oder das St. Ufficio hat nämlich keineswegs Gründe vorgebracht, welche es ermächtigen, solche Untat zu begehen" (nämlich eine Nottaufe an einem dreijährigen Kinde vorzunehmen und es den Eltern zu entreißen), „sondern *) Der große Montefiore unternahm 1859 eine Reise nach Rom, nm sich persönlich beim Papste für die Rückgabe des Knaben Edgard Mortara zn verwenden. 2) Die Kongregation des hl. Officii ist ein unter Papst Paul III. im 16. Jahrhundert eingeführtes von Sixtus V. erweitertes Jnqnisitionstiibnnal. sich darauf beschränkt, diese als eine geschehene Tatsache anznsehen, über welche von der obersten Kongregation des St. Ufficio zu- Rom, dem Gerichte der Gerichte, abgenrleilt ist, und welche die Taufe, als durch einen Priester i?!; geschehen, für gültig erklärt." Das St. Ufficio schien sich übrigens in diesem Punkte zn irren. Oder war es bewußter Irrtum'? Au dem Kinde Edgard wurde nicht burcf) einen Priester, sondern durch eine Dienstmagd die Taufe vorgeuommen, als es schwer erkrankt und dem Tode nahe war. Der berühmte, aus der Zeitungssprache bekannte „Schrei der Entrüstung" ging damals durch ganz Europa und fand sein lebhaftes Echo auch in den Vereinigten Staaten. Man empörte sich mit Worten, aber das „Roma locuta est. causa finita“ erweckte ein starres „Non possumus“, dem sich die Stimmen in Frankreich, England, Deutschland, Amerika, auch Rußland, vergebens widersetzten. Der „Schrei nach dem Kinde" von der Familie Mort a r a ausgestoßen, verhallte und wurde nicht gehört, wo er gehört werden sollte, mochte die unglückliche Mutter darüber auch wahnsinnig werden. Was sagt man heute dazu in dem berühmten „Jahrhunderte des Kindes", wie es Ellen Key benannte? In Oesterreich, wo damals, 1858, die konkordatsmüßige kirchliche Reaktion in schönster Blüte stand, sagte man vor fünfzig Jahren nichts, aber gar nichts dazu. Aber auch das offizielle Deutschland schwieg sich über den Fall gründlich aus. wenn auch die Zeitungen, so vor allem der „Schwäbische Merkur", das „Frankfurter Journal", sehr starke Worte fanden, um diesen mittelalterlichen Knabenraub nach Verdienst zn kennzeichnen^). In dieses Dunkel, das Bologna verhüllte, fällt nun allerdings wieder ein Lichtstrahl, der von England ausgeht, wo der e r st e Jude, Baron Rothschild, nach langen Kümpfen, seinen Sitz im Parlamente einnehmen konnte. Auch in Preußen wurden in diesem Jahre einige Vertreter „israelitischen Bekenntnisses", wie es in den mir vorliegenden Zeitungen heißt, in das Parlament gewählt. Recht freuen konnte man sich dieses Sieges freilich nicht. Denn noch herrschte, wie mein Berichterstatter von anno 1658 erzählt, „die i kleine aber mächtige Partei, durch welche die Kirche ans I Kosten der Religion, der Dogmatismus auf Kosten der Lehre, j die Tenselssurcht auf Kosten der Gottesverehrnng gekräftigt j werden sollte". Man kennt auch diesen Amalek, der im höhnenden j Egoismus, mit allen reaktionären Strömungen der Zeit liebäugelt, ' 3) Selbst ein katholisches Blatt „Die Kirchenfackel" sagt in Bezug auf diesen Fall manches kräftige Wörtchen. Dr. Hengstenberg schrieb über den Fall in der „Evangelischen Kirchenzeitnng".