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Die Wahrheit · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 10. Die Wahrheit Seite 7. es geradezu'als publizistische Pflicht und im Interesse der wahreu Religiosität gelegen erachten) bei schembaren Widersprüchen, die zwischen dem Gesetze und dem praktischen Leben bestehen, durch öffentliche Diskussion derartiger Frggen Aufklärung zu schaffen, und derjenige- Rabbiner,^er nach Äeser Richtung zn wirken bemüht ist, fördert viel mehr das Judentum -als jene, die ans Indolenz zu allem schweigen und im Strome des niohernen Lebens jedes religiöse Gefühl untätig verkommen lassen. Im-Nachstehenden veröffentlichen wir einige in dieser Angelegenheit an uns gelaUgte^Zuschrifteu: Jglan, 1. März 1908. - Hochgeehrter Herr Redakteur! In Hr jüngsten NnmmerFhres geschätzten Blattes (Nr. 9, S. 5) wird-' der talmndische Satz: „Mache deinen Sabbath zum Wochentag und falle deinen Mitmenschen nicht zur Last", sicherlich -ohne Absicht, derart angeführt, daß sich mancher Leser versucht fühlen könnte, darin eine Anleitung zur Sabbathentweihung zu vermnten, während er in Wirklichkeit nur eine S i t t e n rs-ge l ist. welche der gefeierte A k i b a seinem Sohne I o s n a für die f r ü g a l e 'Form der Sabbathmahlzeiten zur Richtschnur empfahl. (Vgl. Peßachim Fol. 112a.) Ebendeswegen^tmrd jene Regel im Talmud stets dort angetroffen, wo die Maßnahmen für die Sabbath- und Festmahlzeiten erörtert werden. Mit dem Ersuchen um gütige Aufnahme dieser Zeilen in die n ä ch ste Nummer der „Wah r h e it" .zeichnet hochachtungsvoll . Dr. I. I. Unger. * Eine cmbei-e Zuschrift', von Herrn, Moritz K a l i s ch in Wien, bildet den Typus für eine.^lleihe.^ühnlicher Einsendungen und wir veröffentlichen dieselbe, um Herrn Dr. Kahan Gelegenheit zn geben, um die ihm fälschlich unterschobenen Behauptungen widerlegen zu können. Auch dieser Einsender führt einen Windmühlenkampf gegen eine falsche Auslegung des zitierten talmudischen Satzes und führt inchernselhen.Folgendes aus: „Es ist ebenso klar wie logisch, b*n bedeutet Wochentag und nicht Arbeitstag. Sonst müßte es nnaban av. heißen. Auch heißt es chopV, d bin en Sabbat, und nicht wie sonst n-En nx. Dein i*'n Sab.öat, jenen Teil des Ruhetages, , den du deinen persönlichen Sabbatgenüssen widmet 1)arfst, iM, reduziere auf's werktätige Maß, wenn es "sein muß.. Die ^egese des Herrn Rabbiner Dr. Kahan ist mir ein Novum. Die Großen des Talmud hätten gewiß klipp und klar gesagt:' 82 ■;iw nmab "ptsi'n bai rn®ri ara, den BanustrahldesZnaimerRabbinats hätten sie nicht zw fürchten gehabt. Ein Nonsens wärees auch, im Hinblick aus die rigorose Auffassung der Talmudgelehrten von der Sabbatheiligkeit.' diesem Satze eine ontrierte Auslegung zu unterschieben. Keinem Religionslehrer, der seinen Berns ernstnimmt, wäre es je eingefallen, .den N'an-iäa naa> b'.b'n beschönigen zu wollen. ,' Nun denn, heranihr frommen Jünglinge Israels, arbeitet am Samstag a tont prix, damit ihrs aber wisset, ihr könnt es in aller Gemüts- und Gewissensruhe tun, denn ihr. sollt nur „niemandem zur Last fallen". So kommt aus Znaim die frohe. Kunde. . " . ° Wo die Grenze dieses „Zulastfallens" — märe die Uebersetzung auch eine einwandfreie — zn suchen und zu finden ist, wo sie anfängt, wo sie aufhört, darüber tiefes Schweigen. Ehe ich aber die Jugend in - einen Gewissensschlummer einlullen wollte, möchte ich ihr. zunächst den Rat geben: Gehe lieber zu Adolf & B. Hoftrauer e tutti quanti, wo du deinen Sabbat halten kannst, um K 100.— in Stellung, als zu Gerngroß um K 150.—. Durch diese Gehaltsdifferenz kommst du noch immer nicht in die Lage, „deinem Nächsten zur Last zu fallen". Nun bliebe noch der Sabbat 122 a zu erledigen. Das Zitat stimmt auffallend. Das vom Nichtjuden üngezündete Licht darf der Jude benützen, wohlgemerkt: die Flamme. Aber den Leuchter oder die Kerze darf er nicht berühren, wegen ratpio, ebenso beispielsweise auch den Wagen nicht, der selbst nur am Werktage benützt wurde.. Hat der Herr Rabbi.aus Znaim nie etwas hievon gehört? Ist das für ihn eine solche terra incognita? Das müßte bei feiner talmndischen Versiertheit Wunder nehmen. Die Elektrische oder den Omnibus benützen und den Wagen, nicht berühren dürfen, das wäre doch etwas gewagt, wenn nicht eine technische Unmöglichkeit! Warum aber so drakonisch rigoros betreffs der Fahrkarte? Geld und Karten werden doch gewiß auch von Nichtjuden und für eine Majorität von solchen hergestellt?. Es will-mir nicht aus dem Sinn:?pnn ns pisrra Ich bin überzengt, daß die gesamte Sabbat feiernde Wiener Jugend die Gewogenheit des Herrn Dr. Kahan dankend ablehnt und sich mit seinen Ausführungen nicht identifizieren wird." Abraham Goldfaden. (Sein Leben linb Wirke n.) Von Adolf Heinrich Landau, Wiener Neustadt. (Bortrag, gehalten in der jüdischen Toynbeehalle in Wien, XX. Bezirk, am 1. März 1908, 7 Uhr abends.) Das Leben des Menschen ist dem Besteigen eines Berges vergleichbar. Gar viele mühen sich ab, die höchste Spitze zu erreichen, aber nur wenigen gelingt es. Den einen führt das Geschick aus d'ornenlosem Pfade, mit geflügeltem Schritte zu Reichtum, Ehre, Glück und Ruhm. Der andere aber keucht anf mühseligem Wege vorwärts, überall türmen sich Hindernisse auf, Schutt und Geröll versperren ihm den Weg, und kaum vermeint er festen Fuß gefaßt zu haben, so gleitet er aus, um dasselbe Stück, das er bereits überwunden glaubt, herabzusinken. Mit welchen Gefühlen bitteren Schmerzes und herber Wehmut, mit welch-neidvollen Blicken müssen diejenigen, denen es nicht vergönnt ist. des Lebens hohe Gipfel zu besteigen, auf all jene blicken, die das Ziel ihres Slrebens, den sicheren Punkt der sorgenlosen Zukunft Errungen haben, von dem aus sie auf die vielen Armen mit kühlem Blick herabsehen können, die sich ihr ganzes Leben vergebens .mühen und racker n, um nur ein kleines winziges Plätzchen unter der strahlenden Sonnendes Glückes zu erreichen! Und nicht immer sind es' die Reinsten und Besten,' die eine Laune des Zufalls die höchste Höhe menschlichen Strebens erlangen läßt; nicht immer sind es die Klügsten und Tüchtigsten, die sich anmaßten, allen anderen befehlen und diktieren zn dürfen, bloch, deshalb, weil sie sich über andere erhaben fühlen. Die großen Massen, die sich im Strome der Unglücklichen wälzen, die-mit müdem Körper und sorgenvollem Gemüte den schweren Weg - des Lebens wandeln, die werden nur deshalb durch die Macht der Höherstehenden znrückgehalten, damit sie .ihre Kräfte nicht zu sehr entfalten könnet!. Aber d i e H ü l l e des Volkes birgteinen gar trefflichen Kern, der in den geigneten Boden gepflanzt, viel h e r r l i ch e B l ü t e n und m a n ch n ü tz l i ch e F r ü ch t e h.e r v o r b r i n g e n. k a n n! Doch: Ohne Wahl »erteilt die Gaben Ohne Billigkeit das Glück. Denn Patroklus liegt begraben lind Thersites kehrt zurück! Wohl dem, der von Fortnnas holdem Antlitz angelächelt, von der höchsten Ssiitze des Lebens feinen Blick in die weite Welt schweifen lassen kann. Von diesem höchsten Punkte muß ihm ja alles so erhaben, so bewundernswert, so einzig, schön erscheinen. All das, an dem-er früher achtlos vorüberschritt, muß ihm ja von dieser hohen Anssichtswarte doppelt sehenswert sein. Denn'ach!'D i,e Welt ist ja so sch.ön! Schön für diejenigen, die sie genießen können, schön für diejenigen, die auf der Sonnenseite des Lebens einhergehen. . Diejenigen aber, die dieses Glückes nicht teilhaftig sind, häbtn eine andere kleine Gabe erhalten. Gott hat ihnen den Volksdichter geschenkt, damit er ihnen in seinen Liedern und Gesängen Mut zuspreche und Frohsinn verleihe, damiter ihnen in Romanen , und Novellen, in Komödien und Dramen eine Welt im Meinen vorführe, in der sie sich, wenn auch nur für den Augenblick, amüsieren können, die sie. ihrer Sorge ver» gessen und Hoffnung anf eine bessere Zukunft' fassen läßt. ' Mehr als alle anderen Völker hat das Judentum zu leiden 'und zn dulden. Ein hartes Geschick hat es von der heimatlichen Scholle hinweggerissen und in glle Welt verstreut, wo es nur

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